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Jüdisches Volksblatt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Date
1900-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint jeden Freiing ♦-.... > ...— .- ——4 Ledartion: VIII/1, Schlöffelsaste 11. Sprechstunden r Au Wochentagen von l« bis 18 Uhr vormittag»; au Sonntagen von 11 bi» 18 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« «»lkSblatt, Wien, Vllljl. Vrtü\\vtvt>tn wegen verhüteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir unS dringend. — Mnuuserivte U-erden nicht zurnckgesteXt. Vostsparcassen-Cont» »47087. In dar Abonnement kann man täglich eintreten. ' ' 4 unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefscommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Dannebcrg, M. Duke», Haasenstei« k Bögler, Rudolf Mosse, A. Oppcltk, M. Pozlonvi, VI. Sdinlel in Wien, ferner alle Nnnoncen-iLzpeditionen im AuSlande. . Einzel-Nummer in Wien IS Heller. d.. ■■■ . Administration: VIII/ Abomienu Jür fBten «. Oesterreich.Ungarn sammt Francozustellnng. ganzjährig.Kr. 8.— Halbjährig.. 4.— Vierteljährig.. 2.— k.....—— 1, Schlöffelgnsse il. ntSpreis: Für da« gesummte XtnSlnnd sammt Francozustcllun». idunzjährig.Kr. Halbjährig ....... „ 4.50 Vierteljährig.. »25 ... ■■■■■■. ■ '■■■ , --H 6 Wien. 9. Februar 1900. II. Jahrgang. Gelder. Die antisemitischen Hetzer Wiens haben wieder das jüdische Geld zum Thema genommen, um Lärm zu schlagen. Die Inden haben große Summen für die Affaire Xanten gesammelt, die Juden sammeln Held für den ProcesS Pol na. Ein Document der „Union" — sie selbst erklärt es für falsch — mit dem Hinweise auf angebliche Sammlungen in der Höhe von zwei Millionen Mark der deutschen Glaubens« genossen und der Aufforderung zur Beisteuer für die Poluaer Affaire ist im „Deutschen V o l k s b l a t t" zum Abdrucke gelangt, die „Union* dementiert es, und der Scandal, möchten wir sagen, ist da. Wir wollen hier die Sache selbst nicht untersuchen. Schließlich und endlich muss jede Partei Geld zur Verfügung haben. Je^e Action kostet einmal Geld. Und selbst die allergerechteste und edelste Agitation ist mit Kosten verbunden. Das weiß ja die antisemitische Partei gerade «m allerbesten. Uns handelt es sich hier nicht um die Sache selbst, sondern um die Art und Weise, um die Form. In sämmtlichen Parteien werden Gelder zu Parteizwecken gesammelt, und niemandem fällt es ein, der Partei daraus einen Vorwurf zu machen. Hätten wir Juden eine Organisation, würden auch w i r unsere Sammlungen zur Abwehr der niederträchtigen Angriffe — und nur darum handelt es sich doch bei dem angeblichen Aufruf — offen führen und buchen, niemand könnte und würde etwas dagegen haben. Aber diese Stillthuerei, die Form, die da einer guten Sache gegeben wird, dieser »Spenden"-Charakter, diese politische Philanthropie treibt es zum Scandal. Gelder zur Abwehr, Summen zum Zwecke, unsere gerechte Sache zu vertreten, brauchen nicht nur von einigen mehr oder weniger reichen Händen zu kommen. Dazu sollte das ganze Volk beisteuern, dazu sollen ö f f e n t l i ch e S a m mlungen veranstaltet werden, nach dem alten jüdischen Grundsätze: „Der mehr, der weniger, der guten Sache soll gedient werden." Was haben wir denn zu scheuen? Hat nicht jede demokratische Partei Oesterreichs Ihre ö f f e n 1 l i ch e Parteisteuer, ihre öffentlichen Fonds? Die socialdemokratische ihren Mahl- und Pressfonds, die deutsche ihren nationalen Wehrfond? Was soll denn gerade uns hindern, einen ö f f e n t l i ch e n Abwehrfonds zu schaffen? Wir Juden haben doch, dächten wir, nachgerade genug schlimme Erfahrungen mit diesem „stillen Wirken", dem bösesten Erbe der liberalen Cliquenwirtschaft, gemacht! Haben denn nicht gerade wir allen Grund, auch nur den leise st en Schein geheimer Verbindungen zu meiden? Wir Juden sollen doch unter ... nnnn. r nmm .m mmnmmmmm n »r.. I lull ■ UH um.m.. n niiiwq Der Weg zum Seelenheil. (Zwei Geschichte «.*) II. Nicht traurig, sondern nachdenkend war Frau Silberzweig «b diesem Abend, und vergebens suchten Kinder und Enkel sie zu zerstreuen, ihre sonstige sprudelnde Lebenslust rege zu machen. Das Haupt gesenkt, saß sie beim Theetische, das halbgeleerte Theeglas vor sich. Auf alle an sie gestellten Fragen gab sie »ur leise, kurze Antworten. Jetzt ist an ihr nicht mehr die Liebenswürdige und Lebenslustige von einst zu erkennen. »Bon einst" . .., und dieses „einst" ist nicht einmal vou lange her. Erst vor einigen Monaten noch war sie, trotz ihres vorgerückten Alters, fast dieselbe frische, lebhafte Frau wie in ihrer Jugendblüte. Ihre elastischen Bewegungen, ihr prickelnder Witz und ihr feiner Humor, verbunden mit einer Portion pikanter Koketterie, täuschten ilber ihr Alter hinweg; und erst einige Monate ist es her, dass sie in eine Art von Melancholie versteh die heute abends sich in ein tiefes Nachdenken verwandelt hat. Niemandem war die Ursache derselben bekannt, niemand wusste sie sich zu erklären. Auch der Arzt nicht. »Es ist ein Seelenznstand," meinte er gelassen, »Gefahr sehe ich dabei keine." Herr Silberzweig, ihr Gemahl, war auch nicht wenig darüber verwundert, war aber gleichfalls nicht imstande, das Räthsel zu lösen: ist ja im Hanse etwas Besonderes nicht vorgefallen. Das Haus Silberzweig steht in Warschau hochgeachtet ba und erfreut sich allgemein eines sehr guten Rufes. Silberzweig ist reich und »aufgeklärt". Sein HauS gehört zu den alten Ur-Warschauer Familien, das noch vom Großvater her *) Siehe Feuilleton „Jüdisches Volksblatt" Nr. 3 vom 19. Jänner a. o. einem reinen Glasdache wohnen, auf dass jedermann unser Thun und Lassen in Augenschein nehmen könne! Um die Sache aber so leiten und führen zu können, müssten wir zu allererst eine organisierte Partei werden. Eine Partei aus dem Volke und f ü r das Volk, welche das Vertrauen des Volkes besitzt. Die Abwehr ist uns jetzt zum Gebote geworden. Wahr ist es, dass wir die gntisemitischen Radaubrüder, die bewusst fälschen und itiit Absicht lügen, nicht stille machen werden. Treiben wir gar keine Abwehr, dann ist ihnen unsere Schuld bewiesen. Machen wir wieder Anstrengungen, die Wahrheit herauszubringen, da kommt die antisemitische Logik und sagt: „Wenn die Juden wissen, dass sie unschuldig sind, wozu diese Anstrengungen?" Aber wie gesagt, mit diesen Leuten wollen wir nicht debattieren. Roth thut uns die Aufklärung der Dinge dem Volke gegenüber. Roth thut uns der Sieg der Wahrheit der Wahrheit selb st wegen, noth thut es uns, Licht zu bringen in alle dunklen und finsteren Winkel der antisemitischen eamera obscura, zu entdecken alle ihre Schliche und Hinterwege, zu reinigen den schmutzigen Canal, in dem sie fischen, und offen der ganzen Welt die reine Wahrheit zu zeigen. Das ist die Aufgabe der Abwehr, und dazu sollte das ganze Volk beisteuern. Alle Juden müssten ihr Scherflein.dazu beitragen, damit die Arbeit ein Volksstück werde, Und da fehlt uns die Organisation. Eine Organisation, welche die ganze Sache in die Hand nehmen k^nie, die keine wie immer geartete Geheimthuerei treiben und es dazu kommen lassen dürfte, Skandale ü lä „Union"-Circular zu producieren. Jüdische Realpolitik. Soeben ist eine Broschüre von Dr. Rosenmann, Bezirksrabbiner in Floridsdorf, erschienen, welche die Nothwendigkeit der Bildung einer großen jüdisch-politischen Partei erörtert. Von der Thatsache ausgehend, dass der Zionismus die große Masse der nicht-assimilationsfähigen und -willigen Juden berücksichtigt, und dass diese große Gruppe der Judenschaft aus Selbsterhaltungstrieb den Zionismus bekämpfen muss, hält Dr. R o s e n m a n n die friedliche Auseinandersetzung der beiden Gruppen des JudenthumS für zeitgemäß, dadurch würde, nach des Verfassers Ansicht, der Zionismus freie Bahn für seine Jdealpolitik erlangen, und die Nichtzionisten könnten ihre Aufmerksamkeit der inneren Lage zuwenden, ihre ganze Kraft einsetzen für die Wahrung und Förderung ihrer Politischen Interessen, für die Begründung und Durchführung einer heilsamen Realpolitik auf dem Boden des beibehaltenen Vaterlandes. polonisiert, ganz „modern" eingerichtet ist und in diesem Sinne geführt wird. Zwar ist Silberzweig Mitglied des Warschauer israelitischen Cultusvorstandes, sein Judenthnm aber ist aus seiner HauSführung sehr wenig, sagen wir richtig: ganz und gar nicht zu ersehen. Seine Frau Mathilde stammt ebenfalls aus einer Assimilantenfamilie her. Sie heirateten halbwegs aus Liebe: sie lernten einander auf einem Balle kennen. Bälle, Theater, Concerte und Badereisen brachten genussreiche Abwechslung in das auch sonst frohpulsierende Leben im Silberzweig'schen Hause. Bei freudigem Genießen, quellendem, fröhlichem Leben floss eine Reihe von Jahren dahin, bis die vor einigen Monaten plötzlich eingetretene Melancholie Mathildens, welche den Gesprächsstoff in allen „besseren" jüdischen Familien abgab, wa- Herrn Silberzweig sehr unangenehm berührte — den Frohsinn cmS dem Hause scheuchte. Rathlos stand man dem Ereignisse gegenüber. Selbst den Arzt ließ sein Wissen diesbezüglich im Stich. Alle Mühe des Gemahls, der Kinder und der Enkel, die Ursache der geänderten Stimmung Mathildens zu erforschen, war vergeblich. Heute früh machte sie Toilette, gierig allein au» und kehrte nach einigen Stunden, zwar nicht mehr so melancholisch, dafür aber in tiefes Denken versunken, zurück, welcher Hinbrüten auch den Abend über währte. Die Gäste sind fort; auch die Kinder haben Abschied genommen und sind heimgegangen. Mann und Frau begaben sich ins Schlafzimmer. Mathilde entkleidete sich — und da sah Herr Silberzweig vom Busen seiner Frau ein goldenes Kreuz erglänzen. Erschrocken sprang Silberzweig vom Sessel ans, stürzte, wie toll geworden, auf seine Frau zu, erfasste das Kreuzchen, und mit bebender Stimme, fast schreiend, fragte er: — »Was ist das, Mathilde?" — „Ja," antwortete sie traurig, „ich habe mich heute taufen lassen..." Die active Politik der Juden müsse nach des Verfassers Ansicht in einer kräftigen Abwehr des Antisemitismus bestehen, die man bisher anderen Parteien überließ, welche diese Eulturarbeit sehr schlecht besorgten und in der Schaffung eines eigenen Organes zur Aeußernng und Durchsetzung seiner Forderungen und Bestrebungen. Reserve im National- und Classenkampfe, sociale Erziehung, Förderung des Cultus durch den Staat, obligate Sabbathruhe, Einführung der bebräischen Sprache als obligaten Lehrgegenstand an Mittelschulen, sowie Errichtung von Lehrk.nzeln für Hebräisch und jüdische Geschichte an den philosophischen Facnltäten in Wien, Krakau, Prag und Ezernowitz; diese Punkte sind für den Verfasser Postulate der jüdisch-politischen Partei, die damit nach seiner Meinung das Judenthum in seinem Innern festrgen, es dem verderbliche» Einflüsse der Socialdemokraten entziehen und zu einem achtunggebietenden Körper der Staatsbürgerschaft hecanbildcn würde. Inwieweit der Verfasser der Broschüre mit diesen seine» Bestrebungen, die ja, soviel wir wissen, auch von anderer Seite Initiative und Förderung erfahren haben, bei seinen Volksgenossen Anklang findet, muss die Folge lehren; jedenfalls ist es dankenswert, wenn ein so actuelles Thema wie die Judenfrage auch einmal von jener Seite erörtert wird, die eS zunächst angeht. Zu einem Punkte in der Broschüre Doctor R o s e n m a n n S, die nach Lösung schreiende galizische Indern frage betreffend, hat die „Extrapost" soeben einen interessante» Beitrag erhalten. Ein hervorragender ruthenischer Parteimann ersucht daS Blatt um die Aufnahme des nachfolgenden Artikels: Die Lage Ärr Juden in Oaiixirn nnd ihre Zukunft. Galizien ist ein Land der Räubergeschichten, der haarsträubenden Gewaltthätigkeiten, denen in letzteren Jahren, selbst während der Sauere Gurken-Zeit, viele, zumindest viele österreichische Blätter den Stoff verdanken, mit welchen sie den sensationslustigen Leser füttern konnten. Heutzutage ist aber Skandalizien schon aus der Mode — es hat sich erwiesen, dass in diesem Lande alles schon dagewesen. Den berühmte» polnischen Wahlen folgten die Judenkrawalle, diesen die zahlreichen Veruntreuungen, der räthselhafte Tod Z i m a s u. s. w. Was Schmutzigeres kann man aus einem Sumpfe hervorheben? Die „Ehrlichkeit" der polnischen Schlachta hat sich in der öffentlichen Meinung Oesterreichs schon ein Bürgerrecht erkämpft, so dass man sich heutzutage einen anständigen Schlazizen nicht vorstellen kann. Sensationell wäre somit, wenn man etwas Anständiges von der polnischen Schlachta erzählen könnte — aber die Herren Schlachzizen machen keine Sensationen. Dieser Umstand erklärt schon von selbst, dass ich in folgenden Zeilen dem Leser nichts Sensationelles bieten kann, wohl aber ans Grund bekannter Thatsachen möglichst objectiv die Lage der Juden meines Heimatlandes besprechen will. Wie vom Blitze getroffen, stand er da; seine Augen starrten sie eine Weile an, dann ließ seine zitternde Hand da- Kreuz los, nnd aus todtenbleichem Gesichte entrang sich de» aschfahlen Lippen die kaum hörbare, erstickte Frage: — »Was??" — «Ja, mein lieber Wladislaw; ich bin nicht mehr jung. Ich muss anfangen, auch für mein Seelenheil Sorge z« tragen, für das Jenseits..." — »Nun! Und darum hast Du Dich taufen lassen?" —- „Gewiss! Christus allein vermag die abgeschiedene» Seelen in das Himmelreich zu bringen. . — »So glauben die Christen; wir Juden aber habe» das „Gan-Eden" . . — »Was sagst Du, Wladislaw? Die jüdische Religio» kann auch selig machen?" — »Für uns Juden ausschließlich sie allein. Die Seele» der Getauften sind nach ihren Satzungen erst recht verloren!" Mathilde riss die Angen wett auf und schaute mit brennenden Blicken ihrem Manne ins Gesicht, worauf sie «it zitternder Stimme ihn anflehte: — „Wladislaw! Mein theurer Wladislaw! Sag' mir die Wahrheit, die reine Wahrheit! Kann wirklich die jüdische Religion auch selig machen?" — »Gewiss! Was für eine Frage?!" — „Und warum hast Du es mir niemals gesagt, Wladislaw?" schluchzte sie. Und aus ihren Augen stürzten große Thränen. — »Und Du wusstest das nicht?" — »Woher sollte ich eS wissen? Erst sagte es «eine Amme, dann die Bonne, dass die christliche Religion die alleinseligmachende sei. Sie erzählten mir Geschichten von verlorene« Seelen, die später im Christenthum ihr Heil fanden. Biel schärfer betont hörte ich dasselbe später in der Pension bei

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