Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Krdarlivn: YII1/1, Hchlöfielpafie 11. Eprkchftnnden: An Wochentagen »on 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von II bis >8 Mir vormittags. Postadresse: Jüdische« IvolkSblatt, Wien, VHIjl. Veschwk! den wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir unS dringend. — Mannserivte werde» uicht znrükkgcstektt. Postspareasten-Conto »47087. In das ktbonnemrnt tonn man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitas untrr Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Presscommisfton. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein <fc Bögler, Rudolf Moste, M. Oppclik, M. Pozsonni.?l. Schale! in Wien, ferner alle SInnonccn-lkxpeditionen im AuSlniide. Ginzel-Nummer in Wien IG Heller. Admiiiistralivii: Vlll/1, Schlvhelgasse 11. Abonnementspreis: Für Wien n. Oesterreich-Ungarn > Für das gesammte SlnSland sammt Franco,nstellung. i' sammt Francozuftellung. Ganzjährig.Kr. 8.— | Ganzjährig.Kr. 9.— Halbjährig.. 4.— I Halbjährig 4.59 Vierteljährig.„ 2.- I Vierteljährig.. 2.25 Ur. 5 Wir«. 2. Februar 1900. II. Jahrgang. Glanlitnsblnder! Kvlkssenojskn! Der Anfang des neuen Jahrhunderte^ sieht Oesterreich in einem beispiellosen Chaos von endlosen Wirrnissen verstrickt. Heftiger denn je tobt der .Vtantpf der Nationen und Parteien durch die Länder und entfesselt rücksichtslos die geheimsten, mildesten Jnstmcte der Massen. Nur in einem Punkte sind alle Parteien und Nationen einig: I m brutalen K a m p s g e g e n die Juden. Von allen Seiten verlassen, gesellschaftlich geächtet, wirtschaftlich boyeottiert, politisch rechtlos, bleibt uns Juden nur e i n Weg übrig: D e r W e g der Selb sthilse.. Diese einzig mögliche Bahn hat der „Jüdische V o l k S v e r e i n " betreten. Der „ I ü d i s ch e Volk sverein" hat mährend der kurzen Zeit seines Bestandes durch seine erfolgreiche Thütigkeit bewiesen, dass seine aus jüdisch-volklicher Basis beruhenden Tendenzen die einzige Möglichkeit bieten, unsere Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Der „Jüdische Volksverein" erstrebt vor ollem die Organisation der Juden Oesterreichs aus demokratischer, volklicher Basis nach dem Muster der anderen in Oesterreich lebenden und wirkenden Nationen und Parteien. Nur diese Organisation kann uns Juden in die Lage versetzen, uns einerseits nach außen hin politisch unserer Gegner kräftig zu erwehren, andererseits nach innen hin die wirtschaftlichen und culturellen Schäden wettzumachen, die uns Assimilation und Antisemitismus zugefügt. Um dieses Ziel zu erreichen, fordert der Ausschuss des „Jüdischen Volksvereins" alle Juden ohne Unterschied des Standes, die noch ein Herz für ihr Volk und ihre Religion haben, auf, dem Vereine beizutreten. Der „Jüdische Volksverein" soll die Central- Organisation der österreichischen Judenschast werden, deren Vertretung dann gehört und auch beachtet werden wird. Der Ausschuss der „jüdischen volksverein". Der Mitgliedsbeitrag für den „Jüdischen Volksverein" ist dem Willen und Können der Mitglieder anheimgestellt, be- Manns Antokolski. Von Dr. I. Bergmann. Er steht im sechzigsten Lebensjahre und blickt heute auf eiu reiches Leben zurück. Er hat gegen sich selbst und gegen seine Gegner gekämpft und gesiegt. Er ist ein Künstler geworden und ein anerkannter dazu. Die „Revue des Deux-Mondes" pries ihn im Jahre 1882 als den Vater der russischen Sculptur; Turgenjew und der russische Kunstkritiker W. W. Stasow, der treue Schntzaeist Antokolskis, erkannten bald in ihm den Bahnbrecher und Begründer einer neuen Epoche in der russischen Bildhauerkunst, seine Werke aber als „die Morgenrüthe" derselben. Aber erst als er im Auslande auf zahlreichen Ausstellungen (in der vorjährigen Wiener Jubiläums-Kunstausstellung war er mit seinem „Christus und Mephistopheles" vertreten) anerkannt ausgezeichnet und gefeiert wurde, war er auch Prophet in seinem Vaterlande. Er hatte das Unglück, in Russland Jude zu sein, darum musste er leideu und känipfen. Und er litt demuthsvoll und in Ergebung, und kämpfte tapfer und mit Ausdauer. Wenn die Glut der Leiden die Künstlerseele läutert und verfeinert, so ist seine Seele die reinste und geläutertste; wenn der Kampf den Charakter schmiedet, so hat er einen Charakter und einen eigenen dazu. Er kam zu einer Zeit des Zweifels und der Verzweiflung, da in Russland die Künstler mit Laternen nach Kunstidealen suchten. Turgenjew schilderte diese Zeit, als er über den russischen Maler A. A. Iwanow in seinen Memoiren schrieb: „Er war kein harmonischer, kein eigenartiger Künstler, solche gibt es bei uns in Russland noch mcht." Antokolski rang als Russe mit den Russen, während rn seiner Seele das Judenthum in besonderen Tönen noch hineinklang und ihre Disharmonie vergrößerte. Er trat aus dem Wilnaer Judenviertel, wo er einer Fürstin durch sein „Heiligen- und Herrgottlschnitzen" aufgefallen war, in die Petersburger Kunstwelt ein; er trug das Ghetto in sich, und da er es mit Künstleraugen sah, schnitzte er es in Holzstatuetten und meiselte es in Ghettobildern. Sein „Greises Schneiderlein" (aus Holz), das den Oberkörper über die Fensternische der finsteren Werkstätte hinausbeugt und zur Zeit der Abenddämmerung sein müdes Auge anstrengt, um den Faden trägt jedoch mindestens 1 fl. — 2 Kr. jährlich. Anmeldungen nimmt das Secretariat des Vereines in Wien, II., Haasgasse 8, oder die Redaction entgegen. Defensive. Angegriffen werden die Juden von allen Seiten. Diese Thatsache ist so bekannt, dass man sie eigentlich nicht mehr drucken sollte. Und wozu denn auch? sticht nur, dass es jeder Jude weiß, er begnügt sich nicht damit, er zieht auch daraus seine Confequenz. Hören wir nicht immer, wie der Jude dem Arier antwortet: „Ihr wollt den Kampf, gut, untergehen will ich nicht, also nehme ich ihn auf. Meine Väter haben mit Euren schon gekämpft. Schlecht wohl, aber immerhin, sie haben sich geschützt. Ich werde ihnen nachthun, weil Ihr es wollt. Aber besser will ich es thun! Und besser thue ich es!" — Wozu denn da noch schreiben, dass die Juden angegriffen werden? So gerne ich es bestätigen möchte, von all diesen schönen Dingen weiß ich nichts, wohl aber vom Kampfe gegen uns. Was ich von den Juden sonst noch weiß, ist, dass sie sich im Gegensätze zu Moltkes: „Getrennt marschieren, vereint schlagen", überall zur Devise genommen haben: „Vereint marschieren, getrennt geschlagen werde n." Vereint, nämlich nicht mit Juden. Bewahre der Himmel! Vereint mit Deutschen. Czechen, Polen, Socialdemokraten, wenn es sich um den Vortheil dieser handelt. Aber getrennt von diesen geschlagen tu e r d e n, wenn.. ,ß sich um die Fensterscheibenj Wohnungen, um Eigenthum oder um die primitivsten Rechte der Juden handelt. Eine kräftigere Verurtheilung unserer bisherigen politischen Taktik, als das „Vereint marschieren, getrennt geschlagen werden" wird man so schnell nicht finden. Die Einsicht von unseren Misserfolgen zeitigt aber leider nur die verkrüppeltsten Früchte — in steiniger Umgebung kann nur krüppelhaft Gewächs gedeihen. Was für politische Schlagwörter sehen wir denn in die Judenheit hineingeworfen? Neben den Selbstmördern, die klettenartiges Anheften an fremde Nationen empfehlen und die schon im Verschwinden sind, finden sich Leute, die uns „Anschluss an die Socialdemokraten" in die Ohren schreien, und dann noch andere, die Abstinenz und jedes Enthalten von politischenHandlungenpredigen.Nurein kleines aber muthiges Häuflein, das eine nationale Politik auf sein Banner geschrieben. Aber trösten wir uns mit John Stuart Mill. Nicht das ist das Zeichen der Wahrheit, dass sie, entdeckt, sofort alle für sich einnimmt. Langsam, allmählich aber sicher bahnt sie sich den Weg durch Nacht und Dschungeln bis sie ein unverlierbares Gemeingut aller wird. Die, die jetzt noch anders denken, werden verschwinden, werden sich bekehren, denn nur das Zweckmäßige kann sich erhalten. endlich in das Nadelöhr hineinzubringen, ist ein Stück wirklichen Lebens, ein Stück erschütternder Tragik. Das eingefallene Gesicht, das ermüdete Auge, der gebeugte Oberkörper, sie alle zeugen von den bitteren Leiden dieses armen Greises, der in der finsteren Werkstätte der engen Gasse sein Auge eingebüßt und jetzt noch die letzte Kraft desselben zusammenrafft und der harten Noth opfert. Antokolski hat die Gestalten gesehen, er trug sie in sich, ohne sie los werden zu können. Er stellt bald eine „spanische Marannenfamilie" dar, wie sie am Osterabende vom Seder von den Spähern der heiligen Inquisition aufgeschreckt wird, die durch die einzige Thür des Kellers eindringen. Vor einem Augenblicke noch herrschte Festesfreude. Da hörten sie die Schreckensschritte und sie alle vergaßen an die Lieder und den Gesang; die Kinder und die Frauen sind vor Todesangst erstarrt, nur der Familienvater (von einigen „Nathan der Weise" genannt) sieht verbittert und trotzig den „Gottesgesandten" entgegen. Er ist schon abgehärtet, gestählt; die Leiden haben ihn Trotz gelehrt. Allein er hat in seiner Haltung nichts von jener Vornehmheit der jüdischen Granden in Spanien; er ist der unverfälschte Typus des lithauischen Ghettojuden, wie er Antokolski in seinem Schaffen wie ein Schatten nachgieng. Antokolski musste ringen und überwinden; d:e große russische Welt erweiterte seinen Horizont, es steten vor ihm die Ghettomauern. Allein ein Stück Judenthum war in seine Seele übergegangen, und bei all seinem rastlosen Streben nach Neberwindung hat sich seine Kunst so folgerichtig daraus entwickelt, dass alle Fine Werke Protest dagegen erheben, nicht dem Meißel eines jüdischen Künstlers zu entstammen. Die metaphysisch-religiöse Veranlagung des Judenthums, der bilderlose Cultus und mcht zuletzt die Absonderung im Ghetto und die Beschränkung der weltlichen Berufe hatten die besten Söhne des Judenthums aus, der Natur ins Lehrhaus verbannt, von gesunder Sinnlichkeit in die Welt des Abstracten verwiesen. Der Sinn für Natur und Leben, Formen und Plastik war in ihnen fast ganz abgestorben, sie hatten zwar ein Kunstgesühl sich bewahrt und schwelgten in den nnkörperlichen Tönen der Musik, allein sie verlernten das Schwelgen in der gesunden Natur und das Genießen der Formen; sie waren halbe Asceten geworden. An dse Stelle des wirklichen Lebens trat die Reflexion, an die Stelle der Natur das Denken, an die Stelle des Sinnlichen das Ueber- Muss man es da nicht als ein Muster unsagbaren politischen Cretinismus bezeichnen, wenn man den Juden als bestes Schutzmittel für ihre eigenen Interessen, die Ankoppelung an die Socialdemokraten empfiehlt, wie das neulich — es ereignete sich wohl nicht zum letztenmale — in einer Wiener jüdischen Volksversammlung geschehen ist? Die Socialdemokratie ist eine Parteigruppe, die deutlich die Eroberung der politischen Macht für den vierten, für den Arbeiterstand, als Hauptziel ihrer Thätigkeit und ihres Strebens hingestellt hat. Sie versichert zwar, dass sich dann unter ihrem Regime alle glücklich fühlen werden. Aber wer hat uns das noch nicht versprochen? Und trotzdem der Judenstämmling B er net in seiner antisemitischen ^Parlamentsrede, anlässlich der Debatte über die mährischen Excesse, klipp und klar heraussagte, dass seine Partei — die socialdemokratische — das allgemeine Wahlrecht verlange, um darin die jüdische Minorität zu ertränken, wird sich morgen wieder ein Herr Samuel L e w i für das allgemeine Wahlrecht, ein Herr Moritz Rosenoel für den Achtenstundentag und ein dritter Jude für eine andere socialdemokratische Phrase begeistern. Schon oft haben wir uns für derlei Dinge die Finger verbrannt, aber immer wieder finden sich gutgläubige Narren, die unseren Gegnern und Hassern auf den Leim gehen. Leider begreifen diese Herren nicht, dass jede politische Bestrebung und jedes Programm Waffen, Eroberungswerkzeuge sind im Jnteressenkampfe . gesellschaftlicher Gruppen und Stünde und nicht ein Tummelplatz. für einige unfähige Ehrgeizlinge. Artet aber das politische Leben dazu aus, dann kömmt man über kurz oder lang in die Misere, wie unser liebes Oesterreich oder, ein noch besseres Beispiel. — die Juden höchstselbst mit ihren mandatlüsternen Wahlmachern und Cultushäuptlingen. Neben jenen, die in der besten Absicht, uns zu helfen und in der Hoffnung auf das uns schon oft versprochene Glück an unserem Ruine arbeiten, gibt es andere, die Ruin Ruin sein lassen und sich missmuthig in einen polilischen Schmollwinkel zurückziehen. Das ist nämlich die Gruppe unter den Juden Oesterreichs, die Abstinenz von der innerstaatlichen Politik anempfehlen. Wahr ist es, wir haben uns durch unsere Bethäügung in öffentlichen Fragen in dem letzten Jahrzehnte nur geschadet. Daraus folgt einerseits, dass unser Streben damals ein verfehltes war, andererseits, dass unsere bisherigen Führer unfähige Leute sind und um sich und um die Judenheit das größte Verdienst, das sie sich überhaupt erwerben können, dann erreicht hätten, wenn sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückzögen, aber es folgt durchaus nicht, dass wir jetzt die Hände in den Schoß zu legen hätten, sondern gerade im Gegentheile, dass wir doppelt angestrengt arbeiten und bedacht sein müssen, um die tiefen Wunden, die wir infolge falschen Parierens erhielten. sinnliche. Ein Beispiel aus den Werken Antokolskis kann uns diesen Wandel in der jüdischen Volksseele klar demonstrieren und zugleich den Beweis erbringen, wie das Judenthum den Künstler bei seinem Schaffen beeinflussen musste. Im Jahre 1875 starb in Russland ein wackerer Jüngling, der Schriftsteller Orchanski, der mit seinem Herzblute und seiner Feder die Sache seiner, armen Stammesbrüder vertheidigt. Im Aufträge eines Comitös sollte Antokolski ein Grabdenkmal entwerfen. Am leichtesten, schlichtesten und anschaulichsten wäre freilich eine Büste des Verstorbenen gewesen, auf einen Sockel und in ein Milieu gestellt, die uns — wenn auch symbolistisch — seine Verdienste angedeutet hätten. Allein eine Büste widersprach dem religiösen Brauche, und der Künstler musste zur „Idee" Zuflucht nehmen, sich ganz der Symbolistik verschreiben, die zwar ergreifend wirkt,' aber nie so natürlich und so schlicht, wie die Wirklichkeit selbst. Antokolski baut einen Altar — aus Büchern (statt der unbehauenen Steine), legt auf denselben eine Rolle — als Altarholz. Das Opfer, das Orchanski dargebracht hat, ist — ein geöffnetes Buch, in dem es in rothen Lettern prangt: „Bergäß' ich Dein, Jerusalem, welke meine Rechte." Im Buche liegt eine Feder, die einst seine glühende Liebe verdolmetschte — das heilige Feuer. Der Entwurf ist also ein symbolisches Gleichnis, wenn auch nicht ganz unanfechtbar. Es ist dies em reizendes Gleichnis, das uns durch seine dichterische Conception zu erfreuen vermag und durch seine ideale Veranschaulichung des Wirklichen und durch die treffende Uebereinstimmung mit demselben auf uns wohlthuend wirken kann, aber nie die einfache Wirklichkeit, die das Symbol veranschaulichen will. Das Symbol, die Idee des Künstlers, regt uns zum Denken an, sagt uns, erzählt uns etwas und wendet unseren Sinn von dem eigentlichen Kunstgenüsse ab. Wir werden bei der Betrachtung der Symbole und überhaupt der Werke, die eine „Idee" verkörpern, immer um das Lustgefühl gebracht, das in uns durch die Schönheit der Formen und der Linien geweckt wird. Antokolkski ist auch ein Meister im Darstellen der Formen und auch des Leibes, das hat er durch seinen nackten Mephistopheles bewiesen, allein so oft man vor seinen Werken steht, wird man nie das Gefühl los, dass der Formenbildner in den Hintergrund treten möchte, dass der Darsteller nur die dritte Person sein will, die uns etwas erzählt. Er will uns mehr zum Nachdenken als