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Jüdisches Volksblatt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Gan.Fährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.— \ Ganzjährig . 4 — | Halbjährig . „ 2.— | Vierteljährig . Kr. . 4.50 . „ 2.35 I.UJUWUAWH! Ur. 4 fielt, 26. Jmtner 1900. LI. Jahrgang. wwjunjjiiii wi iiiinww J auch jetzt noch nur die individuelle Mildthätig- Volks-j k e i t geübt, ohne darauf viel Rücksicht zu nehmen, dass ' es ebenso wvhlthätig, aber entschieden praktischer und klüger ist, der Gesammtheit zu helfen. Jüdische Mitbürger! Tretet zahlreich dem „Jüdischen verein" bei. Jahresbeitrag 2 Kr. Anmeldungen mittelst Correspondenz-Karte an das Sekretariat des „Jüdischen Volksverein", Wien,!>., Haasgasse oder an die Redaction. Zur Zeit, da Israel noch auf seiner Scholle saß und aus seiner Mutter Erde die Kraft zu freiem Leben sog, erklang aus bem Munde des Propheten das herrliche Wort: „W o h l t h u n i st besser denn Opfer und Gebete." Nicht einer allein der gottbegnadeten Sänger hat es gesagt. Fast ein jeder von ihnen wiederholte es und hielt es Israel eindringlich vor, damit das Volk eindringe in den Geist der Worte Gottes, und nicht fein lebendig Fühlen ersticke in todten Formeln und Buchstaben. Es ist viel Zeit vergangen, seit diese herrlichen 'Worte Israel gepredigt wurden. Mächtige Stürme brausten über die Erde, und ihre Spuren sind in der Geschichte mit Blut gezeichnet, mit armseligen Ueberresten begrabener Culturen, verschwundener Völker. Viel Stürme sind auch über Israel dahingegangen. Aber das Wort Gottes, in dem die Stärke unserer Rasse liegt, hat uns die wildbewegten Zeiten überdauern, die zahlreichen Klippen im ruhelosen Meere der Völkerkämpfe umschiffen lassen. Israel lebt und seine Cultur ist nicht gestorben. Und nickt das allein: Wir sind den lebendigen Völkern der Erde im geistigen Sinne ein Wirtsvolk geworden. Wir haben ihnen mehr an geistiger Cultur gegeben, als von ihnen genommen. Trotzdem ist aber auch an uns die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Die dumpfe Niedergeschlagenheit und drückende Enge des Ghettos haben manch Gutes in uns verkleinert, haben die Weite unseres Gesichtskreises vielfach beengt und eingeschränkt. Man kann nicht sagen, dass das oberwähnte Wort des Propheten in uns erstorben sei. Aber man kann auch nicht sagen, dass es etwa seinem Sinne und weiten Gesichtskreise gemäß, den veränderten Umständen entsprechend, angewendet werde. Als wir im Ghetto lebten und jede Theilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen, jede Aussicht auf eine allgemeine Hilfe durch ein gemeinsames Auftreten des ganzen Volkes unmöglich war, da musste das W 0 h l t h u n so verstanden werden, wie es buchstäblich zu verstehen ist: Als die Uebung mildthätiger Werke, die individuelle Unterstützung der Stammesgenossen in den Zeiten der Noch. Nun ist das Ghetto wohl verschwunden und unser Leben bewegt sich in freien Formen. Unser Wohlthun aber ist auf derselben Stufe stehen geblieben, wie einst im Ghetto. Es wird Karl Emil Franzos. Es gibt Menschen, die in jedem Stoffe, in jedem Ereignis, das an sie herantritt, eine gewisse eigenartige Schönheit und Poesie zu finden wissen. Das sind reiche, glückliche Menschen, und wenn ihnen auch noch Gestaltungskraft und Formtechnik gegeben ist, so sind sie gottbegnadete Dichter, Führer und Meister. Ein solcher ist Franzos. Er hat ein ganzes Land, ein Volk für die Literatur entdeckt, einen Stoff, an dem tausende achtlos vorübergegangen sind, mit der Liebe zur Heimatskunst und einer künstlerischen Vollkommenheit erfasst und zu Meisterwerken umgestaltet. Er 'wusste dort, wo alle anderen nur die Steppe, den Schmutz, Bedrückung. Aberglauben und Uncultur sahen, den jüdischen Volksgeist in seiner ganzen Tragik der Unterjochung und Bedrückung, zu finden, diesen ungeheueren, jahrtausendealten Gedanken, der bald wie eine lichte Lohe brennt, bald nur leise glimmt, aber nie erlöscht, nie untergeht im Volke und in den einzelnen. Dort, wo die Noth und das Leid der Juden am größten ist, dort wachsen die vielgeschmähten Fehler, aber auch die Vorzüge der Juden zu erhöhten Dimensionen heran, dort wird uns manches begreiflich, was wir uns sonst nicht erklären konnten, wir lernen verstehen, und „tont comprendre, c’est tout pardonner." Die drei ersten Bücher von Franzos, „Halb Asien"*), „Vom Don zur Donau" und „Aus der großen Ebene" sind ein Stück Literatur-, Cultur- und jüdischer Volksgeschichte zugleich. Alles ist darin. Das Land, die Volkstypen, die Behörden und die Juden. Sie *) Wie sämmtliche Werke von Franzos bei „Concordia", Berlin, erschienen. Es gibt viele Arme unter uns, und die jüdische Mildthätigkeit ist bestrebt, allen nach Möglichkeit Gaben zukommen zu lassen. Aber man vergisst, dass unser ganzes Volk arm ist und täglich ärmer wird. Unser Mittelstand lässt seine Söhne nach alter Tradition studieren. Aber der Staat versperrt uns den Zutritt zu seinen Aemtern, in denen unsere Söhne untergebracht werden könnten. Und die freien, gelehrten Bernfsarten sind alle schon überfüllt, die Noth ist gleich hart im Advocatenwie im Aerztestande. Unsere Gewerbetreibenden in der Stadt und auf dem Lande werden boycottiert, von Tag zu Tag gehen ihrer mehr zugrunde. Und unsere Privatbeamten und Handelsangestellten finden in Häusern anderer Nationalitäten keine Unterkunft mehr. Diese furchtbaren Folgen des mitleidlosen Kampfes, der gegen uns auf diese Weise geführt wird, sind allbekannt. Aber noch immer sind dem Volke die Mittel zur Hilfe nicht zum Bewusstsein gekommen. Der Kamps wird gegen uns als Gesammtheit geführt, darum können wir uns auch nur als Gesammtheit, als ein Ganzes, als Volk helfen. Und weil er auf p o l i t i s ch e m G e b i e t e geschlagen wird, muss er auf demselben Boden abgewehrt werden. Und unser heutiges Wohlthun muss deshalb darauf gerichtet sein, uns die Möglichkeit zu gewähren, d e n K a m p f auf diesem Gebiete au f z u fj men und siegreich zu Ende zu führen. Es ist gewiss viel geschehen, wenn wir heute unseren Armen möglichst viel milde Gaben zukommen lassen. Aber ist damit auch alles gethan? Sicher nicht! Was haben wir davon, wenn der durch den Antisemitismus ruinierte Jude heute gesättigt wird und morgen wieder hungert? Es muss uns zum^Bewusstsein kommen, dass wir einen Existenzkampf führen, einen Kampf um unsere eigene Existenz und um die unserer Kinder. Und hier muss unser Wohlthun einsetzen. Andere Volker, andere Parteien haben das längst begriffen. Man sehe doch die socialdemokratische Partei an. Aus den einzelnen Kreuzern armer Arbeiter hat sie mächtige Fonds geschaffen, um den politischen und wirtschaftlichen Kampf führen zu können. Und welche Erfolge hat sie erzielt! Wie viel politische, culturelle und wirtschaftliche Errungenschaften verdankt nicht die Arbeiterschaft diesem System! Wie Hütten die Czechen so niächtig wachsen können, wie die deutsch-radicalen Parteien, wenn ihre Anhänger nicht das Bewusstsein gehabt hätten, dass nur durch eine für alle hängen alle innig miteinander zusammen, das Volk schafft die Behörden, das Land schafft „die Juden, die es verdient", wie das Wort, das schon Flügel erhalten hat, präeis ausdrückt. Wenn auch in diesen Bänden das descriptive Moment und die Skizze als Form der Darstellung überwiegt, so finden sich doch schon die Spuren jener neuen Gattung, die Franzos geschaffen hat — trotz Kompert und K o h n, die doch nur mehr als Vorläufer zu betrachten sind — diesem herrlichen Kinde jüdischen Wesens und deutscher Darstellungskunst, die Judennovelle. Hier hat F r a n z o s die scharfgezeichneten Gestalten und Typen, die schon in seinen früheren Büchern die Bewunderung der gebildeten Welt hervorgerufen hatten, durch Schicksal und Lebenszufälle einander nahegebracht und untereinander bunt verwoben, zum erstenmale in den „Juden von B a r n o w". Dieses Buch zu loben, da es sich nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern der Cultur den ihm gebärenden Platz erkämpft hat, wäre überflüssig. Für die Juden aber muss und sollte es mehr sein als ein gutes Buch, es sollte ein Volksbuch sein, denn das sind nicht die verlogenen und verwüsteten Charaktere des Volkes, wie sie im Drama von Juden und Christen mit Hass oder Liebe gezeichnet worden sind, das ist das jüdische Volk selbst in seinem Stolze und in seiner Erniedrigung. Das sind die wahren Empfindungen des Juden für seine Familie, wie sie in „Leib Weihnachtskuchen und sein Kind" gelesen und geschrieben wurden, und die Geschichte der „Judith Trachtenberg" ist so wahr und so lebensvoll, dass sie erschüttern und ergreifen muss. Den Höhepunkt von Franzos Schaffen bildet aber unstreitig „M o s ch k o von Par m a". Ich glaube, ich könnte an den Fingern alle deutschen Bücher aufzählen, dem Einzelnen geholfen werden könne, wenn sie nicht O p f e r w i l le n genug gehabt hätten, den Kampf für das Volk zu ermöglichen. Der Opfer wille ist es, der Ideen zum Siege verhilft und Parteien stark und mächtig macht. Der O p f e r w i l l e bei uns Juden ist vorhanden, er hat, wie wir selbst, der Zeiten Sturm überdauert. Nun heißt es bloß, ihn ans die richtige Bahn zu lenken. Dem Opferwillen für den einzelnen Juden muss sich der für das ganze jüdische Volk angliedern, damit die Judenschast Oesterreichs endlich in die Lage komme, selbständig aufzutreten und seine ihm verbrieften Rechte thatsächlich zu erkämpfen. Dann erst wird sich an uns das Wort des Propheten erfüllen: Wohlthun ist besser, denn Opfer und Gebete. Ein „Wiener" Brief. Geehrter Herr Redacteur! Aus Wien vor einigen Tagen zurückgekehrt, fange ich an, das dort Erlebte im Geiste aufzuarbeiten und nach der Stärke des hinterlaßenen Eindruckes zu ordnen. Ich kann nun nicht umhin, Ihnen hiermit eine Probe davon zu geben, wie sich die Wiener Verhältnisse, mit den Augen eines einfachen Landjuden gesehen, ausnehmen. — Da muss ich Ihnen vor allem gestehen, dass den stärksten Eindruck, allerdings nur in einem gewissen Sinne, auf mich weder das Wirken des Jüdischen Volksvereines oder das der Zionisten, weder der Wiener Antisemitismus, noch der AnU-Antlsentttismus ausübte, sondern -- eine Versammlung der „Israelitischen Union" im „Hotel Continental". Ich fand bald heraus, warum. Meine gehegten Erwartungen wurden hier ganz erklecklich übertroffen. Ich will Ihnen erst sagen, welche Gedankenreihe der Begriff „Israelitische Union" im Gehirne des einfachen Provinzjuden gewöhnlich auslöst. Vor allem weiß er, dass in der „Union" nur lauter „feine" Leute sind. Sogar kaiserliche und Hofräthe, Fabrikanten und Cultusvorstände. Der geringste von denen, die etwas zu sagen haben, ist irgendein Doctor. Er weiß, dass die Machthaber der „Union" höchst achtbare, ergraute Herren sind, denen Herz und Gemüth nicht mehr dem Verstände vorauseilen, die den sicheren Boden der Gegenwart um nichts, weder nach rückwärts, noch nach vorwärts verlassen. Der Provinzjude weiß ferner aus der „Neuen Freien Presse", dass der jetzige Antisemitismus nur ein Zwischenfall ist, dass die alte liberale Partei bald wieder in alter Herrlichkeit an die Reihe kommt. Das Volk ist nur 'ein wenig irregeleitet, und „oben" will man nur zusehen, wie der Antisemitismus sich selbst auffrisst. Der Provinzjude weiß ferner, dass „Israelitische Union", „Neue Freie Presse" und liberale Partei so ein wenig miteinander verwandt sind, und... ja, Neue Freie und liberale Partei! Die Zeiten waren schön! Sie die auf mich einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht hätten, wie die Geschichte des jüdischen Soldaten, wie er krank und vernichtet von Italien wieder nachhause zurückkehrt. Doch nicht minder schön ist die zarte Idylle in demselben Buche, die Liebe des Juden und des christlichen Mädchens, dieses lichte Bild, das auf dem wichtigsten und dem Judenthum gefährlichsten Consticte aufgebaut ist. Aber auch sonst noch ist dieses Werk voller Tiefen und Gedanken, so dass ich es, vielleicht wie kein zweites Erzählungsbuch der letzten Jahre, dem Volke anempfehlen konnte. Dass sich Franzos' nach solchen Meisterwerken von diesem Genre entfernt hat, können wir vom Standpunkte des Judenthums aus nicht genug bedauern. Vom künstlerischen Standpunkte aus ist sich allerdings sein Schaffen ein gleichwertiges geblieben. Der „Präsident" und „D e r K a m p f um das Recht" gehören heute zu den ersten Büchern der deutschen Nation und werden es immer bleiben. Auch das neueste Werk von Franzos, „Mann und Weib", das soeben erschienen ist, weist alle Vorzüge, insbesonders die reiche Malerei und innere Tiefe, im höchsten Maßstabe auf, so dass man nicht zu weit geht, wenn man sagt, es sei das beste Buch des diesjährigen Weihnachtsmarktes. Den Weg hat Franzos gezeigt, vielleicht betritt er ihn noch einmal selbst wieder, um den alten und noch nicht verwelkten Erfolgen neue hinzuzufügen. Und wenn nicht, so hat er doch allen den Jungen, die jetzt im Dienste des Judenthums erstehen, Ziele gezeigt, den Pfad geebnet und somit den größten Dank verdient. Stefan Zweig.

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