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Jüdisches Volksblatt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt, 19. Jänner 1900 Nr. 3 Ausland Frankfurt a M (Alte Handschriften in der Frankfurter Stadtbibliothek.) Die Frankfurter Stadtbibliothek hat für ihre hebräische Abtheilung eine höchst wertvolle Bereicherung erfahren. Es ist derselben von einigen Gönnern der jüdischen Wissenschaft eine ganz beträchtliche Zahl von Handschriften-Fragmenten zugewandt worden, die ans einer Synagoge bei Kairo und einem benachbarten Platze, der Karäergemeinde gehörend, stammen. Gleiche Fragmente besitzt bisher nur die Universitätsbibliothek zu Cambridge und das Britische Museum in London. Die datierten Schriftstücke, welche theils Eheverträge, theils Kaufverträge sind, gehen in das 10. Jahrhundert zurück. Der größte Theil der Handschriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert bildet eine wichtige Quelle für die Culturgeschichte der Juden in Aegypten. Briefe in arabischer und hebräischer Sprache sind in beträchtlicher Zahl vorhanden. Der Hauptwert jedoch ist die Fülle von bisher unbekannten Liedern und Gebeten, die eine Ergänzung zu den vielen liturgischen Druckwerken bilden, welche die Stadtbibliothek durch den Besitz der Berliner'schen Bibliothek hat. Eine eingehende Würdigung dieser wichtigen Schenkung bleibt der Folgezeit Vorbehalten. Baden. (Auszeichnunge n.) Von Sr. königlichen Hoheit dem Großherzoge von Baden wurden am 1. Jänner 1900 viele durch eigene Verdienste hervorragende Personen durch Verleihung von Orden, höheren Aemtern und Titeln ausgezeichnet. Eine namhafte Anzahl von Israeliten befindet sich darunter. In erster Reihe wurden 4 Mitglieder des großherzoglichen Oberrathes bedacht. Herr Regierungsrath Doctor Mayer wurde zum Geheimen Regierungsrathe ernannt und den Herren Banquier und Stadtrath Fritz H o m b u r g e r, Kaufmann und Handelsrichter Leopold E t t l i n g e r und dem Bezirks- und Conferenzrabbiner Dr. Appel wurden Orden verliehen. Durch Orden ausgezeichnet wurden auch: Die Herren Kammersänger Rosenberg, Hofschauspieler Wassermann und Landesgerichtsrath Dr. Julius Heinsheime r, sämmtlich in Karlsruhe domicilierend. Herr Gerichtsassessor Jakob G e i s n e r wurde zum Landesgerichtsrathe ernannt und dem Notar Emil Endesheimer in Gernsbach der Titel eines Oberamtsrichters verliehen. Elberfeld. (EinStück Mittelalter am Ende des XIX. Jahrhunderts.) In Versmold, einem kleinen Städtchen in dem westfälischen Kreise Halle, bauen die Juden eine Synagoge, wozu der Amtmann irrthümlich aus eigener Machtvollkommenheit die Erlaubnis ertheilt hatte, während die Erlaubnis zur Errichtung öffentlicher Gebäude von der Königlichen Regierung zu ertheilen ist. Die Folge dieses Versehens war, dass der Bau zeitweilig unterbrochen werden musste und erst nach dem Eintreffen der nachträglich eingeforderten Erlaubnis fortgesetzt werden konnte. Während der zeitweiligen Unterbrechung wurde von unbekannter Seite die unsinnige Behauptung verbreitet, die Juden könnten die Synagoge nicht weiter bauen, weil dazu Christenblut nöthig sei. Dass ein solcher Unsinn zeitweilig Glauben finden, dass die Absicht der böswilligen Urheber und Verbreiter des tollen Gerüchtes vorübergehend erreicht werden konnte, dem allgemein geachteten jüdischen Besitzer eines größeren Warenhauses großen geschäftlichen Schaden zuzufügen, ist tief beschämend. Erfreulich ist dabei immerhin, dass der Frevel keine schlimmeren Folgen hatte, weil selbst die vom Wahne Bethörten sich nicht zu Gewaltthätigkeiten Hinreißen ließen, sondern von Vernünftigeren rechtzeitig eines Besseren belehrt wurden. Einer der Verbreiter des Gerüchtes soll gefasst sein, so dass Hoffnung vorhanden ist, dass die von allen Beffergesinnten in Versmold aufs schärfte verurtheilte Bosheit nicht unbestraft bleiben wird. Das „Jburger Kreisblatt" schreibt darüber Folgendes: In den letzten Wochen hat sich aus Anlass des Neubaues der Synagoge in Versmold auch in Theilen der Sammtgemeinde Dissen ein ebenso nichtswürdiges wie lügenhaftes Gerücht verbreitet. Beim Beginne des Baues lag die Genehmigung der Regierung noch nicht vor, trotzdem war die Bauerlaubnis seitens der Ortspolizeibehörde jertheilt worden. Infolge dessen wurde das Weiterführen des Baues, nachdem die Grundmauer bereits gestellt war, von der Regierung bis zum Eintreffen der von ihr zu ertheilenden Erlaubnis verboten. Schurkische Niedertracht hat dieses Vorkommnis dazu benützt, um im Volke den Wahn zu erregen und zu nähren, die Juden bedürften zum Weiterbauen Christenblut und könnten den Bau nicht eher fortsetzen, als bis dasselbe beschafft sei. Gegen diese niederträchtige Behauptung, die von gewissenloser Seite wider besseres Wissen verbreitet wurde, ist sofort, nachdem das Gerücht zu den Ohren der Betheiligten kam, energisch eingeschritten worden. Außerdem ist, wie aus dem Jnseratentheile des „Haller Kreisblattes" ersichtlich, eine Belohnung von 300 Mark zur Feststellung des Urhebers des unsinnigen Gerüchtes der Behörde zur Verfügung gestellt. Hoffentlich gelingt es, den Urheber ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Petersburg. (Die jüdischen Colonien in Russland.) Seit 50 Jahren besteht in Krasno Selie im Czernagower Gouvernement eine jüdische Colonie. Die erste jüdische Familie, welche diese Colonie gegründet, nahm vom Gutsbesitzer den Grund auf die Dauer von 50 Jahren gegen Entrichtung eines bestimmten jährlichen Pachtzinses in Besitz. Während dieser Zeit errichteten sie daselbst Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Stallungen rc. Nachdem die 50 Jahre abgelaufen waren, wollte der Gutsbesitzer von einer Verpachtung nichts wissen, erklärte vielmehr decidiert den Colonisteu, entweder den Grund von ihm zu einem gewissen, übrigens nicht unbilligen Preise zu kaufen oder die Colonie zu verlassen. Vor diese Alternative gestellt, bemühten die Colonisten sich vergebens, die Kaufsumme aufzutreiben und wären von Grund und Boden verjagt worden, wenn ihnen in der Noth nicht ein Retter erstanden wäre. Herrn Benzion Chaim P o s n e r s Verwendungen bei der Baron H i r s ch'schen Stiftung und beim Baron Günzburg in Petersburg gelang es, den erforderlichen Kaufbetrag zusammenzubringen, der Grundherr wurde bezahlt und Grund und Boden ist nunmehr Eigenthum der Colonisten. Petersburg. (Wieder eine Beschränkung.) In einem Erlasse des russischen Senates vom 7. December 1899 wurden die Fleischhacker als nicht zu den Handwerkern gehörig erklärt; jüdische Fleischhacker haben demzufolge kein Recht, in den inneren Gouvernements, wie es sonst auch den jüdischen Handwerkern zustebt, zu domicilieren. Paris. (Zur Heine-Feier.) Bei dem von der hiesigen jüdischen Studentenschaft veranstalteten Heine-Abend gieng es lebhaft und interessant zu. Der Saal war überfüllt. In klarer Weise wurde Heines Biographie von Dr. Feuer beleuchtet, worauf Herr Dr. F e f e r i n eine große Rede über „Heinrich Heine als Jude" zum Vortrage brachte. In derselben lieferte er den Nachweis, dass Heines Fühlen und Denken „jüdisch" und nur jüdisch war. Hierzu bemerkt der „Rappe l": „Vom Jahre 1851 angefangen begann Heine an den Monotheismus, an die „E i n h e i t" Gottes, wie sie ihm in seiner Jugend gelehrt wurde, zu glauben. Das war sein erster Schritt zur Umkehr zum Judenthum und er starb nicht früher, als bis er den ganzen Weg znrückgelegt hatte. Das beweisen seine Auslassungen über Moses: er wurde ein ganzer Jude. Und die Juden haben wahrlich das Recht, ihn zu den ihrigen gleich Spinoza, Mendelssohn und Meyerbeer zu zählen. Seine Geburt, seine Erziehung im Vereine mit seinem letzten Ani maanin („Ich glaube") stempelt ihn ganz und gar zum Juden. Basel. (Das „jüdische Schächten" in der Schweiz.) Bekanntlich wurde am 20. August 1893 das durch Sammlung von 50.000 Unterschriften gestellte Jnitiativbegehren, das Schächten von Thieren im Gebiete der Schweiz zu verbieten, mit 191.527 gegen 127.100 Stimmen angenommen und ein neuer diesbezüglicher Artikel der Bundesverfassung einverleibt. Wie nun aus ganz sicherer Quelle berichtet wird, trägt man sich in leitenden jüdischen Kreisen Basels mit der Absicht, auf dem gleichen Wege, auf dem das Verbot durchgesetzt wurde, dessen Aufhebung zu erwirken. Zu diesem Zwecke ist an die Führer der katholisch-conservativen Partei der Schweiz die vertrauliche Anfrage ergangen, ob sie zu einer derartigen Bewegung ihre Unterstützung leihen würden. Es verlautet, dass die deutsch-schweizerischen Katholiken ohne Vorbehalt das Begehren der Juden sympathisch aufnehmen, da sie das Schächtverbot als einen Eingriff in die Cultusfreiheit grundsätzlich bekämpfen. Auch in radicalen Kreisen würde man sich der Initiative nicht entgegenstellen, wie überhaupt das Schächtverbot niemals die Angelegenheit einer politischen Partei gewesen ist, sondern zum Theile thierschützlerischen, zum Theile antisemitischen Regungen entsprungen ist. Tunis. (Die Schulen der „Alliance".) Die Pariser „Alliance" hat hier eine neue Handelsschule für jüdische Kinder errichtet. Bei der am 3. d. M. stattgehabten feierlichen Eröffnung derselben machte der Director Herr S. T. P a r i e n t e die interessante Mittheilung, dass bis jetzt in den Schulen, welche die „Alliance" in Tunis errichtet hatte, 2300 Kinder ausgebildet worden sind. Eingesendet. Ein EarteU. Wir erhalten aus Prag folgende Zuschrift, deren Verantwortlichkeit wir dem geschätzten Einsender, dessen Name uns bekannt ist, überlassen müssen: Die geschätzten Leser dieses Blattes dürften nicht wenig erstaunt sein, wenn sie hören, dass sieben Achtel aller israelitischen Trauungen und Hochzeiten aus dem flachen Lande in einem Hotel in Prag abgehalten werden. Einerseits Bequemlichkeit, andererseits Nachahmungssucht — es gehört zum bon ton, in Prag Hochzeit zu machen — haben diese Anomalie gezeitigt. Bis vor wenigen Jahren wurden diese Trauungen von den Prager Rabbinen vorgenommen; in der letzten Zeit jedoch nahmen die Brautleute ihren Rabbiner vom Lande nach Prag mit, wo er die Trauung nach eingeholler Delegation eines der drei Prager Gemeinderabbiner, der hierfür ein Honorar erhält — im Hotel vornimmt. Durch das Gesetz vom 13. März 1890, R.-G.-Bl. Nr. 57, ist jede Gemeinde gezwungen, einen Rabbiner anzustellen, was auch factisch geschehen ist. Die betreffenden Eltern nehmen nun den Rabbiner aus dem Sprengel der Braut oder des Bräutigams, die beide berechtigt sind, die Trauungen rechtsgiltig vorzunehmen. Das größte Contingent stellen ^die Trauungen aus den kleineren und kleinsten Gemeinden, deren Rabbinen die minimalsten Gehalte von 400 bis 500 und 600 fl. beziehen. Diesen gegenüber sind die betreffenden Gemeindemitglieder so coulant, das Einkommen von der Trauung zuzuwenden. Da hatten sich die drei Prager Herren Gemeinderabbinen zusammengethan und sollten nach Ansicht des Herrn Dr.von nun an keinen auswärtigen Rabbiner mehr zu diesen fremden Trauungen delegieren. Ein etwas einsichtsvollerer Herr, Dr.. der die Sache praktischer auffasste, meinte, dadurch würde der Hotelier geschädigt, denn die Trauungen würden nach und nach in Prag aufhören. Die Herren hätten aber auch vergessen, dass bei jeder Trauung ein Cantor einer Prager Betstube eingeladen und ungebeten im Ornate erscheint, das Mincha- Gebet verrichtet und dafür honoriert wird; dass sich ferner zu jeder Trauung — es sind deren auch oft 2 bis 3 an einem Sonntage — eine Dame zur Einsammlung von Spenden für wohlthätige Zwecke — und sie geht nie leer aus — einfinde. Diese Einkünfte wären verloren, wenn die Trauungen in Prag aufhörten, was in dem Momente geschähe, wo dieser Beschluss durchgeführt würde. Letzterer Herr Dr.beantragte nun, die Delegationen seien zu verweigern, wenn ein Brautheil seinen Wohnsitz in Prag hat. Und der Beschluss wurde bereits am 1. Jänner durchgeführt, indem man einem Rabbiner vom Lande die Delegation zur Vornahme der Trauung mit Hinweis auf einen angeblichen Erlass der k. k ^tatthalterei verweigerte, weil die Braut in Prag, der Bräutigam aber im Sprengel des obigen Rabbiners seinen Wohnsitz batte. Man scheute, sich den eigentlichen Grund anzugeben. Wir fordern nun hiermit öffentlich die Herren G e m e i n d e r a b b i n e n von Prag auf, diesen S t a t t h a l t e r e i - E r l a s s, r e s p. dessen Exhibitions-Stummer und Datum a n z u g e b e n. Die Herren vergessen aber, oder wollen es nicht wissen, dass es den Brautleuten freisteht und freistehen muss, jenen Rabbiner zu wählen, der ihr Vertrauen besitzt, und dass jeder Rabbiner diese Trauungen vornehmen kann und darf — insbesondere im Hotel, denn dort hat ihre Macht eine Grenze. Anders wäre dies in einem Gemeindetempel. Uebrigens werden die Rabbinen vom Lande eine behördliche Norm provocieren, ob die Gemeinderabbinen von Prag zu einem solchen Cartell befugt sind. Bis dahin geben wir ihnen zu bedenken, ob das jüdisch, menschlich ist, die armen Rabbinen vom Lande, die kaum soviele hunderte, als sie tausende von Gulden an Jahresgehalt beziehen, um diesen Nebenverdienst zu bringen!? Wir behalten uns aber auch vor, unsere Cultusgemeinden, respective deren Mitglieder am Lande, nach besten Kräften von den Hochzeiten in Prag abzuhalten, da auch die jüdischen Cultus- und Wohlthätigkeits- Anstalten am Lande durch die Hochzeiten in Prag geschädigt werden. Hochachtungsvoll 8 . . . Aus den jüdischen Organisationen. (Indischer Bolksverein.) Der am Mittwoch den 17. d. stattgefundene Discussions-Abend zeigte wiederum, wie sehr nothwendig eine gemeinsame jüdische Organisation ist, und welchen Nutzen so ein offenes Aussprechen der verschiedenen Meinungen für das gegenseitige Verständnis bringt. Das Thema war: „Die Lage des jüdischen Kleingewerbestandes". Der Referent Herr M. P i l p e l entwarf zunächst ein Bild der Gesammtlage des Gewerbestandes überhaupt, unterzog die Mittel, die bis jetzt zur Rettung dieses Standes angewendet wurden, einer scharfen Kritik, namentlich besprach er den Nutzen, den die Zwangsgenoffenschaften und der Befähigungsnachweis gebracht haben. Er meinte nicht nur, dass diese dem Gewerbetreibenden nichts genützt haben, sondern dieselben direct schädigen. Redner kommt nun auf die politische agitatorische Thätigkeit der Genossenschaften zu sprechen, und meint, solange diese Genossenschaften, anstatt sich mit rein gewerblichen Fragen zu beschäftigen, nur in politicis machen werden, solange nur derjenige an die Spitze der Genossenschaft berufen wird, der „Hoch Lueger" am lautesten schreit, solange ist auch an eine Verbesserung der Lage des Gewerbestandes von dieser Seite aus nicht zu denken. Redner bespricht sodann die Bedrängnis speciell des jüdischen Gewerbetreibenden. Wenn schon der Gewerbetreibende als solcher leidet, so leidet der jüdische Handwerker und Geschäftsmann doppelt, da er als Jude doch nur auf einen ganz kleinen Kundenkreis angewiesen ist. Das Traurigste an der Sache ist, dass aus den Reihen der eigenen Volksgenossen dem jüdischen Handwerker nicht jenes Vertrauen entgegengebracht wird, das er vermöge seiner Leistungsfähigkeit reichlich verdient. Der jüdische Handwerker ist heute seinem arischen Concurrenten in Bezug auf Leistungsfähigkeit mindestens vollkommen ebenbürtig, und es ist die Pflicht eines jeden Juden, das kann nicht oft genug gesagt werden, immer und überall den jüdischen Handwerker, den jüdischen Geschäftsmann zu beschäftigen. Leider fehlt es unseren jüdischen Handwerkern sehr oft an dem nöthigen Betriebscapital, und da hat der Jüdische Bolksverein beschlossen, ein Creditinstitut ins Leben zu rufen, von dem er hofft, dass es geeignet sein wird, mindestens einem Theile der jüdischen Kleingewerbetreibenden den Kampf um seine Existenz zu erleichtern. Mit einem wurmen Appell an alle Anwesenden, sich diesem Institute anzuschließen und hauptsächlich bei Arbeitsvergebungen sich nur jüdischer Handwerker zu bedienen, schloss der Referent seine mit großem Beifalle aufgenommene Rede. Es entwickelte sich nun eine sehr lebhafte Discussion, an welcher sich die Herren R u z i c z k a, Buchsbaum, L ö w y, K o r n m e h l betheiligten. Aus den Ausführungen des Herrn R u z i c z k a ist hervorzuheben, dass, da der Kleingewerbestand ohnehin der Verproletarisierung anheimfallen muss, es vergebliche Mühe sei, diesen Prozess aufhalten zu wollen; man solle sich lieber der großen Partei anschließen, die sich die Bekämpfung des Großcapitals zum Ziele gesetzt hat, und wenn diese Partei den Sieg errungen haben wird, dann werde allen geholfen sein. Ihm erwiderte Herr P i l p e l, dass es erstens nicht wahr ist, dass das Kleingewerbe proletarisiert werden müsse, im Gegentheile haben wir noch nie einen so blühenden Mittelstand gesehen, wie jetzt in Frankreich, Deutschland und England, und wenn das bei uns in Oesterreich nicht der Fall ist, so ist das nur auf die krankhaften politischen Zustände zurückzuführen. Zweitens, selbst wenn es wahr wäre, so wird bis dahin noch eine hübsch lange Zeit verstreichen, und während der Zeit wollen unsere Kleingewerbetreibenden auch leben, und man muss daher etwas thnn, um ihnen das Leben möglich zu machen. Herr I. K v r n m e h l wies an dem Beispiele des Jüdischen Fleischhauervereines nach, welchen Nutzen eine stramme jüdische Organisation bietet, und fordert in sehr beifällig aufgenommener Rede zu einer strammen jüdischen Organisation aller Branchen auf. Wegen vorgerückter Stunde schließt der Vorsitzende Herr P l o s ch k e r die Discussion und vertagt die Fortsetzung derselben auf nächsten Mittwoch.

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