Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4» Krdartion: VJll/i, O. Eprechstundi'n: 5!ti SNockcillagen von 10 bis IS Uhr torniittasv?; 011 trr.nti'.ßcii von l I bis IS Udr vormittags. poü^-rsl--: Jüdisches «olkSblatt, Wien, Vlttil. Vefrl^ucrdrn wegen verspäteker oder gor nicht erfolgter Zustellung erl-inc» wir uns dringend. — Manuscriüte werden nicht ziuÄkfgeftellt. 'vosliparcasN'rEoitto »17087. In da? kilionnement kann man täglich einirktni. ErjHnilt ikdkv Kkitag unter Milwirkrunir der lumi jüdischen Vnlüvvereilt orNrälftren Pressemirnusrion. Jnfcrntc iibernel'inen oie Finnen.: I. Tanneberg,, M. Du!e->, Haa'N! stein L- Boglee. Rudel'' Moste. A. Lpvrt's, M. Pozsonyi. A. S-riinlet in Wien, ferner alle?innon ni-Eiepedilionen im AuStaiidc. Einzel-Nummer in Wien 10 Heller, Kdmimlkraiwn: Vklk/t. Achlölrrlirall'c N. Abonnemcntsprcick: Für Wien n. Lücsterrcich-Un»nrn Fiie dnS eiefammto Slusland lammt Franeo.nllteilung. . i.iunnk F: a:ie’.iil: ümiil. Nainjichrig Halbjährig Vierteljährig . »r. >i.- Oninstälrig . „ v-albjäln.ig . i£.—; Vierteljährig . m\ «. - . „ J.5<> •> -IX . 2 pfcu, i2. Mrmer UMH.K kl. Jahrgang. Wir können von einem Erfolge sprechen. Der „Jüdische Volks verein" und mit ihm das „I ü d i s ch e V o l k s b l a t t". Von einem Erfolge, der unscheinbar nach außen aussieht, aber dennoch von großer' Bedeutung für die Wiener und die österreichische Judenschaft werden kann. Denn er bezieht sich ans eine innere Reform, auf die Herabsetzung des Tteuercensus und die Erweiterung des Wahlrechtes in der W i e n e r C u l t u s g e m e t n b e. In der Plenarsitzung vorn 20. December v. I. hat der Cullusvorstand beschlossen, ein Eomitö zu erwählen, welches dem Plenum bis Ende Jauner Specialbeftimmnngen zur Berathung vorzulegen bat zur Herabsetzung des Steuercensus aus f ü n s Gulden, Vermehrung der Anzahl der Vorstandsmitglieder, Einführung von Wahtkalegorien und Vereinfachung der Geschäftsordnung. Man kann ruhig sagen, dass es vor allem die energische, streng oppositionelle Haltung des „Volksvereines" und unseres Parteiorganes waren, welche die Lösung dieser zur Rolhwendigkei: gewordenen Fragen in Fluss brachten. Allein es scheint, als ob der Eultusvorstand geneigt wäre, mit der sinken Hand dem Volke wieder nehmen zu wollen, was er mit der rechten gegeben. Unter den dem Eomitä zugewiesenen Fragen befindet sich auch die der Wahl na ch W a b l k a t e g o r i e n. Mit anderen Worten: Die Wahl in die Cultusgemeiude soll nicht wie bis jetzt m einem einzigen Wahlkörper, sondern nach Steuergruppen, Wahlkörpern vorgenommen werden. Dieser Vorschlag, gemacht in einer Zeit, da das ganze gesittete Europa der Forderung nach Abschaffung jeglicher Wahlkörper immer mehr entspricht, klingt ungeheuerlich, und es wird nur auf die Ausführung ankommen, ob er nicht thatsächlich ungeheuerlich ist. Mau führt zur Begründung des Vorschlages an. die Cultuszemeinde sei eine rein administrative Körperschaft und deshalb hätten die Hoch- und Höchstbesteuerten, die sich in den Enqueten bereit erklärten, das Deficit zu decken, ein Recht ans die Antheilnahme an der Verwaltung. Ueberdies aber sei es nothwendig. den Holl)- und Höchstbesteuerten ein Interesse an der Gemeinde und dem Gemeindeleben zu geben. Alan kann diese ganze Begründung von einem Standpunkte aus betrachten. Es handelt sich in dem einen wie in dem anderen Falle vor allem um die Hoch- und Höchstbesteuerten. Denn der Einwurf von der administrativen Körperschaft stimmt nicht ganz. Es ist wohl richtig, dass die Cnltnsgemeinde eine rein administrative Körperschaft ist; es ist auch richtig, dass sie es sein soll — aber nur unter e i n e r Voraussetzung : Unter der V o r a u s s e tz u n g. dass die I u d e n s ch n s t C esterreich s bereit s o r g a » is iert ist n n d a u ch i h r e p o l i l i s ch e V e r l r e t u n g besitzt. Zu einer Zeit aber, da wohl das unendlich starke Bedürfnis nach einer Organisation, thatsächlich aber kaum die Ansätze einer solchen vorhanden sind, ist es die Pflicht der Cnltnsgemeinde. die Imitative zur £ xg o n i f a t i o tt z u e v g v c i s e n u n d v o r l ä n s i g die Psli ch t e n d e r s e l b e n z n ü b e n. lind selbst die „fortschrittlichsten" Gemükher des Cultus'vorstandes werden zugeben, dass die Bedürfnisse und Pflichten der Organisation vor allem von jenen empfunden werden, welche die demokratie zu obersten aber V o r st a n b einzige £ T h atsache Ein moderner Jüngling. Ihm flU’mi es sehr gut. Dafür hatte der Herr Papa gesorgt. Der saß, beruhigt, im Vollgefühle seiner Macht, ans seinem Geldsacke. Das Söhncben hatte freilich wenig studieren wollen. Es ist auch eine zu anstrengende Arbeit, das Studieren. Besonders das Griechische ist eine schwer zu überwindende Brülle. Wenn aber der Vater Geld hat und das Hänschen nichts lernen will, nimmt man rhu aus dem Gymnasium, entwindet ihn den Händen grausamer Schultyrannen und vertrant ihn den viel sanfteren Händen gutbezahlter Privatlehrer an. Diese erklären Hans für ein von den Gymnasiallehrern übrigens recht ledernen Gesellen — gänzlich verkanntes Genie, welches insonderheit für die Hecvorbringnngen der modernen Literatur ein mehr als gewöhnliches Verständnis zeigt. In Hans liegt selbst ein moderner Geist verborgen, welcher natürlich dem nlterthümlichen Griechisch kein Interesse entgegeubringen konnte. Hans wird ein moderner Mensch werden. Modern an ihm ist vieles. Bor allem eine höchst interessante Kränklichkeil, eine deeadente Nervosität. Denn ein moderner Jüngling darf nicht gesund sein. Die rvthen Backen, die zur Fülle neigende Körperlichkeit, der Helle Blick sind unmodern. Blässe, Magerkeit und eine gewisse Mattigkeit des Auges, sie lassen sofort die „Modernen" erkennen. Ein Moderner muss auch für secessivnistische Cravatten und Beinkleider, ebenso wie für das arme, bedrückte Proletariat schwärmen. Man missverstehe uns im letzteren Punkte nicht. Die Modernen sitzen lieber im Cast-, als dass sie arbeiteten, aber deshalb kann man ja doch die im Schweiße ihres Angesichtes Arbeitenden wenigstens bedauern und sich für den Proletarier-Roman, das Arbeiterleben und das Drama der Mühseligen begeistern. Ein Artckel für irgendeine moderne Zeitschrift ist doch auch etwas, und können ihn auch die Armen nicht essen, er zeigt doch, dais man modern ist. Folgen des Antisemitismus in ihrer materiellen Erlslenz verspüren, d. i. von den unteren n n b nute r st e u S ch i ch len d e r I u d e u s cy er s l. Und dass deshalb gerade diesen der maßgebendste Einfluss auf die Verwaltung der Gemeinde gewahrt bleiben muss. Anders steht eS mit dem zweiten Punkte der Begründung. Wir Inden, die wir von außen p einer Einheit zusammengetrieben werden, haben innerlich keine einzige Körperschaft, in der unser» Einheit zum Ausdrucke kommen könnte. Wir sind zerrissen und zerklüftet, es fehlt uns -- nicht zumindest durch die Fehler des Wiener Cultusvorstandes --- das einigende Band, das alle anderen Rationen auszuweisen in der glücklichen Lage sind. Die untersten Schichten der Judenschast, dem Gemeindeleben nahezu schon ganz emsremdet, wenden sich der Social- und werden ciRniütional, antrjüdisch, die sind der Assimilation vcnallev. Der b\* r E ,b - .Z i i-, mr n l st bei v 1, w o n n t e r e Einheit zu r werden k a u n und m u s s. Und vor allem deshalb hat der „Jüdische Volksverein" die Herabsetzung des Census auf fünf Gulden — und er wird bei dieser Forderung nicht stehen bleiben — verlangt, um das einigende Band n et ch nute n herzu stellen. Wenn nun der Cullusvorstand die Absicht hat, die Einheit auch nach oben herzustellen, so ist j das nur zu billigen. Es ist ja fraglich, ob dieser j Versuch gelingen wird. Wir zweifeln stark daran. Allein [ das ist mehr oder weniger gleichgiltig. "Rur über lein es muss sich der Cullusvorstand klar sein: Die l E i n h e i t n a ch oben kann l e d i g l i ch dadurch! h e r g e st e l l t werden, dass ein einziger! W ahlkörper d e r H ö ch st b e st e u e x t e n e r- ' r t ch t e t iv i r b unb b c m selb e n h ö ch st e n s l v i e r M a n d a t e überlassen w e x b e u. Wenn | im Cultusvorstande vier Mandatare der Höchstbesteuerten! sitzen, so genügt das, um ihnen eine entsprechende Theil-! nähme an der Verwaltung zu sichern. Andererseits aber wer-! Noch ecwos hatte dem moderuen Haus tu der Schule! nicht behage, man erreich schon, was ich meine, die Religion.! Sie is: aber auch etwas Alterthümlrches, Versteinertes, Ver l knöchertes. Und unser Haus stammle, mau emsetze sich, aus dem ' alten Volte der Juden. Wen» er wenigstens ein Germane j gewesen wäre. Aber Jude sein und zweimal wöchentlich daran j erinnert werden, ivenu die verhasste Religionsstuude kommt, i das war zu viel für Hansens durch und durch modernes i Gernüth. Haus fühlte sich gar nicht als Jude, das Jndenthnm gehörte nach seiner Meinung in eine alte Rumpelkammer, er l verbannte es in die verfallenden Gbertomanern. Er trug sich I übrigens mit dem Gedanken, eine Zeitschrift herauszugeben,! welche wöchentlich unter dem Titel „Die Leuchte" erscheinen und in einem fenrigrvthen Hefte Jndenthnm und alles Alte! erschlagen sollte. Der Vater hatte ja Geld genug, und Hans! konnte sich den Luxus einer Zeitmigsherausgabe gönnen. Vvr-! läufig freilich war Hans Recenseur. Es gab keine Erscheinung > ans dem modernen schöttwissenschaftlichen Literatnrmarkce, die er! zwar nicht gelesen, aber doch besprochen hätte. Die Besprechungen erschienen an jedem Sonntag in einer Zerrung modernster An.! Der Stil Hansens war ganz modern. Um ihn zu kennzeichne», Iönnten wir vielleicht am besten das Epitheton „verrenkt" gebrauchen. Niemand verstand, was Hans wollie, und je weniger man ihn verstand, desto lieber war es Hansen. Die Franenfrage war Hansens Steckenpferd. Was soll mit allen den Mädchen geschehen, die nicht heiraten? Wie soll man sie versorgen, diese Sclavinnen? Hans vergoss blunge Thränen über diese Opfer einer ganz verkehrten Welt- und Gesellschaftsordnung. Heber die moderne Ehe — diese Znsamme»ziehung zweier Geldhaufen - sprach der jetzt gerade zwanzigjährige Hans in Ausdrücken, welche dieser alten Einrichtung seine tiefste Verachtung offenbaren sollten. Nebenbei bemerken wir, dass Hansens Aller, der bekanntden die Herren sowohl der Theilnahme wie der moralischen Verantwortlichkeit, die sie durch den Eintritt in den Vorstand mittragen, sich nicht entziehen können. Und die untersten Schichten der Judenschast, die bislang für die Herren bloß leiden mussten, werden endlich dafür auch etwas haben. Wenn aber der Vorstand die unglückselige Idee, die Steuerträger in drei Wahlgrupperl zu scheiden, dto von gewisser Seile ventiliert wird, thatsächlich durchführen wollte, dann wäre durcli die.Herabsetzung des Census gerade das Gegegenlheil dessen erreicht, was erstrebt wurde: N i cht die Einheit w ä r e g es u n d e n, sonder n u n s e r e T r e n n u n g und Z e r k l ü s t ung wür e ua ll) i n neu und u «ch außen in eine f e ft e F o r m gegossen; eine t r a u r i g e, aber u u b e st reit b a r e T h a ts a ch e. Deshalb muss selbst das leiseste Anzeichen dieser Idee aut das entschiedenste bekämpst werden. Der Cnltusvorstand möge gewarnt sein. Möge er seine Entschlüsse den Bedürfnissen und dem Streben des j ü dischen Volkes anpassen. Sollte er. kurzsichtig ober hochmüthig, anders handeln, dann wird er einen .Kampf herausbeschwören, die in der heutigen Zeit von den verderblichsten Folgen nicht nur für die Judenschast Wiens, fotibent ganz Oesterreichs begleitet wäre. Das Creditlnstitut für jüdische ■' GewerbLirerLmdr. Ein Schritt vorwärts auf der schweren Bahn der jüdisch-socialen Politik ist gethan. Vor einer Woche erhielt Herr Hermann E l t b o g e n, Präsident des „I ü d i s ch e n V o l k s v e r e i n e s", als erstgezeichneter Proponent vom k k. Handelsgerichte die Zustellung, dass das Creditinstitut für jüdische Gewerbetreibende ordnungsgemäß im Firmenregister für Genossenschaften registriert wurde. Das Creditinstitut, statutengemäß eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung, ist einem absoluten Bedürfnisse der jüdischen Gewerbetreibenden entsprungen und. soll dieses Bedürfnis in neuer, socialer Form befriedigen. Schon vor zwei Jahren trat eine der größten Organlsatiouen der jüdischen Vo l ksp a r t e i, der „Verein zur Unterstützung jüdischer Gewerbetreibender", an den „Jüdischen Volksverein" mit der Forderung heran, Mittel und Wege zu suchen, den jüdischen ' Gewerbetreibenden, die nicht nur unter dem a n t i s e in i t i s ch e u A r b e i t s b o i) c o 11, sondern auch unter dem C r e d i tb o p c o l t schwer zu leiden haben. lich warm ans seinem Geldsacke saß, zu einem anderen Geldsacke, welcher ein modernes Töchterchen sein eigen nannte, in zarte Beziehungen getreren sei, am, „wenn die 5Uuder das nöthige und passende Alter erreichten," eine eheliche Zusammenziehnng der beiden Geldsäcke erfolgen zu lassen. Doch das ist nur ein Gerücht. Und Hans wird sich ja gegen eine solche nlterthümliche Institution zur Wehre setzen! Wird er nicht „das süße Vorstadtmädel" heiraten, mit welchem er nach großem modernen Muster lebt? Die Zukunft wird diese Frage entscheiden! . . . Haus hörte zu seinem Erstaunen eines Tages Folgendes' Die Inden — ach. diese leidige Judenscage — modernisieren sich gleichfalls. Sie erklärten sich als Nation. Hans lächelte überlegen, als er dies hörte. Für nationale Fragen halte er wenig Interesse, er war ein moderner Mensch. Und dann —■ die unangenehme Erinnerung, welche für ihn an dem Namen „Jude" haftete. Das klang so >vie Mittelalter und Geberriemen. Und er wollte sich nicht durch diese Riemen binden lassen. Uebrigens Pflegte sein Alter zu sagen: „Heutigen Tages darf man alles lhun, z. B. Kartenspielen, „süße Mädel" anshälteu, wuchern oder falsche Wechsel machen, nur „Jude" dürfe man nicht sein oder ein solcher genannt werden — das ist unmodern, oder möchten wir wirklich nach Zion gehen und den jüdischen Staat anfrichren?" — Diesmal hatte der Alte recht. Und Hans nahm sich vor. in der künftigen, fenrigrvthen „Leuchte" die „Judenfrage" — die leidige Frage zu lösen, so ähnlich, ivie einst Alexander der Große den gordischen Knoten loste. Juden, seid eben keine Inden, und wir haben keine Jildemioth, lächerliches Wort. Hans ist Socialpolitiker. Die ganze jelüge Gesellschaft in ihm wert, dass sie untergeht, die Literatur hat nur insoferne Berechtigung, als sie Hans billigt, mit der Religion muss gründlich ausgeräumt werden, für die Proletarier muss mau sorgen, Armut nun* aufhören, die Ehe wird abgeschasft, die