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Jüdisches Volksblatt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrdartton: VIII/1, Schlötzrlgaffr 11. Lprechft«»-e» r Kn Wochentagen von 10 bis l2Uhr vormittüB: an Lonutageii von 11 bis 19 Uhr vormittags. PoftakrefT«: Jüdische- VoN-blatt. Wie«, villjl. Drichwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter sMeNmig erbitten wir uns dringend^— Manuferipte werde» nicht zurürkgefrekt. 'Loitiparca^eil-Contn 847037. "ZnsdaS^Abomiement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Vollisverein erwählten Prrssrommisston. Inserate übernehmen die Firmen:? Damitberg, M. DuktS, Haalenstein & Vogler, Rudolf Mofle, A. Lpr :ik, M. Pvjsonyi, U. Schale! i» Wien, ferner alle Annoncen-v vedilionen im NuSlande. Einzel-Nummer in Wie« IS Heller. Administration: VIII/1, Kchlöffelgasse U. Abonnementspreis: ♦für 21M tu n. t^cstrrreich-Nngnrn lsiir dnS gesummte sliislaud iammt Franeouisielliing. iammt Fruncopistelliiiig. Ganzfährig.vir. 8.— , Kuuzjädrig.Mr. it. Halbjährig .-I.— : Halbjährig 4.50 Bierteljädrig.rL — | Vierteljährig.'i3S* Wien, 5» Jänner 1900* H. JnijiKang. Politik der Sel-fterhaltimü. Lebt das jüdische Volk in Oesterreich? Wer die zerstörenden Einwirkungen ans sich nicht zu hemmen noch zu überwinden imstande ist, stirbt oder ist schon todt. Zerstörende Einwirkungen gibt es nicht nur auf jüdische Fensterscheiben in Wsetin oder Neu-Sandec, auf die jüdische Moral im Kuttenberger Schwurgerichtssaale und im „Deutschen Volksblatt", aus jüdische Existenzen in der Frauenversammlung in Margarethen oder in den Revolten in Westgalizien. Gibt es aber auch im Körper des jüdischen Volkes Versuche, diese Vernichtungsbestrebungen wirkungslos zu machen? Man muss diese Frage bejahen. Das jüdische Volk lebt, regt fiel}, will sich erhalten, Wir kennen diese Versuche alle, die seit Jahrhunderten gemacht werden, die I u d e n h e i t oder wie man sich im Stile des Doctrinarismus der Fünfzigerjahre auszndrücken pflegt, das Judenthum zu retten, respective fortvegitierend zu erhalten. Im Ghetto war es der möglichst engste Anschluss an den Landesfürsten; ein sehr kluges Verfahren, da der Landesfürft an der Vernichtung des Ghettos, kein Interesse hatte, an seiner Erhaltung ein bedeutendes, da die Juden ihm gut zahlten und nie seine Pläne durchkreuzten. Er schützte sie auch sehr oft und manchmal gut. Do ut des. Zu wünschen blieb zwar noch vieles übrig, aber die gewünschte Ausrottung der Juden erreichten die Städter eben infolge dieser jüdischen Selbsterhaltungspolitik nicht. Die Ghettomauern waren gefallen. Die Politik der Selbsterhaltung hatte jetzt nicht mehr zwischen Stadt und Landesfürst zu wählen, da die politische Constellation sich zugunsten des dritten Standes geändert hatte. „Anschluss an den dritten Stand" wäre jetzt das Schlagwort der Juden gewesen, hätte das Ghetto nicht ausschließlich Krüppel zeugen, sondern auch einen Politiker für diesen Augenblick vorbereiten können. Wie aber das Naturprincip der Selbsterhaltung auch den Blöden im Augenblicke des Ertrinkens das vorbeischwimmende Brett ergreifen lehrt, und er es unbewusst thut, so hat auch damals sich den Juden unbewusst der Anschluss an das Bürgerthum ergeben. Mit der Begeisterung, die halbgebildete und intelligente Völker immer für Ideen haben, warfen sich die Juden auf den Liberalismus, kämpften für ihn auf allen Linien und bildeten seine Phalanx in der liberalen Presse. Heute sind die liberalen Ideen gefallen und bilden den Schutt, auf dem sich eine nationale Politik aufbaut. „Volksnothwendigkeiten", ruft es aus dem Tohuwabohu des österreichischen Parlamentes. „Ein größeres Deutschthum" will Bülow. „Der englischen Rasse die Herrschaft am Cap", tönt es von jenseits des Canals. Ein hebräischer Kalender. („A ch i a s a f", literarischer und praktischer Kalender für das Jahr 5660. VH. Jahrgang.) Ein stattlicher, dickleibiger Octav-Band, der bei der Erlesenheit und reichen Mannigfaltigkeit seines Inhaltes nicht nur „manchem etwas", sondern vielen gar vieles bieten dürfte. Leider hat der Kalender von mancher Species entschieden allzu viel. Wir haben hier vornehmlich die erzählenden Beiträge im Auge, die nahezu alle zu der Ordnung jener weichmitthigen, säst- und geschmacklosen „Skizzen" gehören, die in der letzten Zeit die besten hebräischen Sammelschriften verunzieren und einem deren Lectüre nachgerade vergällen. Dass diese Dinger den Anspruck erheben, aus dem jüdischen Leben der Gegenwart gegriffen zu sein, und sich demgemäß einen national-zionistischen Anstrich geben, macht sie nur noch widerlicher und ungenießbarer. Dies int allgemeinen. Wenden wir uns nun den einzelnen Aufsätzen zu. An 'erster Stelle finden wir unter dem Titel „Die Versprengten Israels" eine überaus anziehend geschriebene und vielfache Anregung bietende cnlturgeschichtliche Abhandlung von Dr. S. B e r n f e l d. In derselben werden die Einflüsse der verschiedenen Culturgebiete des Alterthums und Mittelalters auf die Gestaltung der gegenwärtigen Gesittungsverhältniffe im Judenthum dargelegt. Bernfeld gelangt zu folgenden Conclusionen: Der jüdischen Nation droht in unseren Tagen eine zweifache Gefahr. In den westlichen Ländern stehen die Juden social und ökonomisch recht hoch und gleichen daher in Vorzügen und Mängeln ihren nichtjüdischen Mitbürgern. Die hohe Lebenshaltung hat erfahrungsgemäß die Verminderung des Fortpflanzungsvermögens zur Folge. Während nun den meisten arischen Volksgemeinschaften durch die lebenskräftige» niederen Stände immer frische Säfte zufließen, lässt Seit Cavour die italienische Fuge am Pariser Congresse besprach, hat das Nationalität.rprincip mit Riesenschritten sich Europa erobert und beherrscht heute die Volksversammlungen, Parlamente und Cabinette. Können die Juden, wollen sie sich die erreichbar günstigsten Lebensbedingungen schaffen, in ihrer alten Politik verharren? Betrachten wir die Situation zu diesem Zwecke. Sie ist verändert. Jetzt kommt nicht mehr der Bürgerstand allein in Betracht, sondern vereint mit den Landleuten oder, wie der technische Ausdruck dafür lautet, mit den Landgemeinden und mit jenem Theile des Großgrundbesitzes, der sich der nationalen Politik anschließt. Ist es nun das Nützlichste, Beste, sich auch diesen anzubiedern? Nein! Sie wollen uns auch nicht! Eine nationale Gruppe stößt selbstredend alles Fremde ab. Das schlagendste Beispiel hierfür sind die letzten czechischen Excesse und die darauffolgenden Parlamentsdebatten. Die Czechen begründeten ihren gewattthätigen Antisemitismus damit, dass die Juden ihre Kräfte zur Unterstützung der Gegner der Czechen verwenden. Lassen wir einen Augenblick diese Beschönigungsfloskel gelten, die Thatsache der Unterstützung der Deutschen existiert ja zweifellos. Haben die Deutschen diesen, in seinen Wirkungen so aufopferungsvollen und gefährlichen Anschluss vergolten oder auch nur in Rechnung gebracht? Man weiß nur von einer lendenlahmen Interpellation des Abgeordneten Groß, über deren Wert sich niemand täuscht. Einen Schutz, wie ihn die Czechen den Excedenten erkämpften, haben die Deutschen ihren Wählern und Schildträgern nicht erarbeiten wollen, obwohl Schutz des Clgenthunis wohl leichter zu erreichen sein dürfte, als Schutz strafgesetzlich verbotener Handlungen. Die Thatsache der hingebungsvollsten politischen Unterstützung der Deutschen reicht also nicht einmal hin, sich auch nur das Minimum der Ex iste nz zu wahren. Die Excesse in Prag, wobei zu betonen ist, dass man in der Prager Josefsstadt seit Jahren fast ausschließlich czechich spricht, beweisen uns ebenfalls, dass die Unterstützung der Czechen vor den blutigsten Verfolgungen durch sie nicht schützt. Die Politik der Unterstützung hilft also nichts. Auf Dank für unsere hergegebenen Kräfte haben wir nicht zu rechnen. Auf Gnade schon gar nicht, das muss inan nicht erst beweisen. Unterdessen bedroht uns von allen Seiten öffentlich oder verkappt das Schächtmesser, mir dem man uns den Hals aufschneiden möchte. Es gibt noch einen naheliegenden Ausweg aus dieser Wildnis. Wir verstecken uns. " Nun, wir haben uns gewiss in Prag den Czechen nicht ausgedrängt, im Gegentheil, schweigend sind die Prager Juden zur Urne marschiert die Judenheit im Westen solche vermehrungsfähige sociale Schichten vermissen und ist daher auf dein Punkte angelangt, wo die Franzosen um ihren nationalen Fortbestand besorgt sind. Andererseits muss die fortschreitende Verelendung der Juden des Ostens, sowie deren geistige Ueberanstrengung im Verlaufe vieler Jahrhunderte über kurz oder lang zu körperlichem und geistigem Siechthum, zu völligem Marasmus führen. All das ist die eine Gefahr. Die zweite, nicht minder acute Gefahr für die Existenz der jüdischen Nation liegt in der zunehmenden kulturellen Differenzierung. In früheren Zeiten hatte diese ihr Gegengeivicht in der vollständigen religiösen Einheit, welche die deutsch-slavisch, die spanisch-arabisch u. s. w. beeinflussten Bolkstheile aneinander kittete und vor geistiger Disaffociation bewahrte. In unseren! Jahrhundert macht sich jedoch eine allgemeine Abnahme des religiösen Empfindens unter den Juden bemerkbar; die Einheit des Glaubens ist geschwunden oder schwindet doch allmählich, und die culturelle Zersplitterung schreitet daher unaufhaltsam fort. Alldem kann bloß die nationale Bewegung wirksam begegnen. die eine jüdische Cultur schaffen muss. Denn nur eine einheitliche, bewusst nationale Cultur kann heutigentags dem Auseinanderstreben der einzelnen Glieder des Volkskörpers entgegenwirken. Die versprengten Bolkstheile nmffen gesammelt und die zukünftigen Geschicke der Nation auf eine feste Grundlage gestellt werden. Dem Bernfeld'schen Aufsatze folgt ein herrliches Gedicht von CH. N. Bialik nach, das die Ueberschrift „Der Nachtzeit Heimlichkeiten" trägt und den Regungen eines Dichtergemüthes angesichts der tiefen nächtlichen Stille einer ruffischen Kleinstadt meisterhaft Ausdruck gibt, Dr. D. N e u m a r k liefert unter dem Titel „D a s Energie - Centrum" geschichtsphilosophische Betrachtungen von hohem Interesse, hauptsächlich mit Beziehung auf den Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte. Er führt ans, dass und habenden czechischen Antisemiten, nicht den judenfreundlicheren Socialdemokraten ins Parlament gewählt. Aber wir provocieren schon dadurch, dass wir da sind. Uebrigens ist es geradezu lächerlich, dass man sagen sollte: „Verstecken wir uns", wenn die Diplomaten selbst ihre geheimsten Schreibtischfächer vor der Presse öffnen müssen. Die strengste Consequenz aus diesen Zuständen zieht der Z i o n i s m u s, indem er sagt: Weg von hier, zurück in das Land, wo es uns einst besser gegangen ist. Das ist auch eine sehr natürliche Lösung und findet sich nicht nur bei den Juden, sondern bei allen Lebewesen. Der Böhme kommt bekanntlich aus Amerika zurück, wenn es ihm dort noch ärger geht, und der Dachs kriecht in sein Loch, wenn es ihm draußen nicht mehr geheuer ist. Aber der Zionismus will nicht einmal alle Juden Hinüberkriegen, sondern nur die, die hier absolut zugrunde gehen und nicht einmal das tägliche Brot haben. Sei es ans socialen Verhältnissen, wie in Galizien, sei es aus socialen und politischen Verhältnissen, wie in Russland und Rumänien. Der Zionismus bestand innner, solange es Judenstämme fern von ihrer Heimat gab. An den Wässern Babels, in den glücklichsten Tagen der Juden in Spanien, in den finstern Ghettis, in den Meetings heule. Jedesmal erschien er in der Form, die der Tag für die erfolgreichste oder möglichste hielt. Esra verschaffte sich die Unterstützung seines SoMrcüns. Sabbatai Zewi eine mystisch-kabbalistische Form. Die in den Ghettis gefesselten Juden weinten uni Zion. Herzl arbeitet durch Congresse, Banken, diplomatische Unterhandlungen. Dies Verfahren ist sonst erprobt und hat vielleicht eine Wahrscheinlichkeit des Erfolges. Ueber 0ns jtioj* »üü.i v»nci', bei die Verhältnisse in Russland, Rumänien oder Galizien kennt, nur einer Meinung sein. Aber ist damit alles gethan, ist danüt das natürliche Streben nach Selbsterhaltung vollkommen in Thal umgesetzt? Noch nicht! Antwortet die jüdische Geschichte und der Zionismus selbst. Auch die früheren Generationen kannten das Streben nach dem Ahnenlande, aber nie vergaßen sie, dass sie auch an ihr Gastland denken müssen. Der Zionismus selbst in seiner jetzigen Form befasst sich nur mit der künftigen Verbesserung der Lage der Juden des Ostens Europas. Was soll mit den anderen geschehen? Was sollen die anderen für sich thun? Wie ihre bedrohte oder unsichere Situation stützen? Ich möchte mit einem Worte Napoleons antworten: Gott liebt immer die stärkeren Regimenter. Eine Macht müssen wir haben, dann können wir siegen. Wenn wir uns dritten einfach hingeben, so stoßen sie uns weg. wenn sie uns gebraucht haben, zumal da sie wissen, dass wir das nächste mal ebenso bereitwillig sein werden. trotz der Vorherrschaft, die die Religion des Judenthums, der von einer bestimmten Oertlichkeit unabhängige „Jdeemnittelpunkt" der Nation, in deren geschichtlichem Leben nach und nach gewonnen hat, das Streben nach räumlicher Vereinigung, die Sehnsucht nach einem localen Centrnm, im Herzen der Nation ungeschwächt fortlebt. Ja, so gewaltig ist diese Sehnsucht nach einem „Mittelpunkt im Raume," dass sie es vermocht hat, Millionen Fäden vom „großen Gehirn" der Nation, nämlich von deren religiösem „Jdeeneentrum" zu ihrem Herzen zu spinnen. Die Synagogen sind ein matter Abglanz von dem strahlenden Lichte des „heiligen Tempels" in Jerusalem. Die Gebete der Nation, sie vertreten bloß die Stelle der einstigen Opfer. Der ganze Cult der Diaspora hat einen gewissen interimistischen Charakter — „bis der heilige Tempel wieder aufgerichtet sein wird." Ein winziger geographischer Punkt, die Klagemauer in Jerusalem, bildet das eigentliche Energiecentrum des jüdischen Volkes. In ihm gipfelt die Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit und die Hoffnung auf eine große Zukunft. S. L. G o r d o n schildert in einem formal abgerundeten, rhythmisch bewegten Gedichte von reizvoller Stimmung den Zauber einer mondscheinbestrahlten Landschaft im fernen Lande unserer Sehnsucht. - S. Rosenfeld schreibt über „R a b b i n i s m u s und Z i o n i s m u s." Er gelangt zu dem Schluffe, dass es nicht Aufgabe des Zionismus sein könne, die Rabbiner gewaltsam in sein Lager zu ziehen oder mit ihnen wegen ihrer ablehnenden Haltung zu rechten und zu schmähten. — A. Schapira führt uns in einem kleinen packenden Gedichte von vier Strophen den Widerstreit bet menschlichen Empfindungen, die stetigen Dissonanzen unserer Gemüthsbewegungen lebendig-wirkungsvoll vor Augen. Dr. O. Thon schreibt über „Die Sociologie Achad-Haams". Der hebräische Schriftsteller Achad-Haam (U. Ginzberg) hat in seinem geistvollen Buche „Al Paraschaty

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