Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 45 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ledartton: Vlll/1, S»chttitzrlgafle 11. Sprechstunden r Vln Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Tonnlagen von IN bis IS Uhr vormittags. Postadresse: JüdifcheS VolkZVMtVÄVLcM VII! 1. Drschwerden wegen verspäteter oder gor nicht erfolgter Zustellung erbitten wir unS dringend. — Maunsrripte werden nicht zurii^gestellt. VvstsparcasienÄonto «47087. 'In daS vibonnnneni^kann man täglich cintreten. Erscheint jeden Freiing unter MiMnrlmng der vom jüdischen Volksverein erwälllten Pressrvmmij stvn. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. DukeS, Haascnstem &■ Bögler, Rudolf Masse, Sl. Oppclil, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annonceu-Expeditionen im 1!luSlande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Administration: VIII/1, Schlöffrigalpe 11. AbonnementSpreiS: SJöf Wien n. Oesterreich-Ungarn > ^iir dn<« gesnninNe 4k«<«lattd sammt Franeo-iusiellung.! iamm: Fraueoutstollung. Ganzjährig.fl. 4. — 1 Snuizjabrig . Halbjährig.sl. 58.— j Halbjährig . Vierteljährig.sl. i! Vierteljährig mtKmoffVMiMiimsimx'i wmmi-mj’in i i>wi<]wmiminwii>in nn»w ui mmn . . -1. -1.50 . . ,1. 2.S5 . . si. ur» Ur. 45 22. December 1899. . Jahrgang. ^■»WMWWIW IIMIWMl »ll'IIMWM) ZS Der „I e w i s h Chronicle" veröffentlicht in seiner letzten, gestern hier eingetroffenen Nummer, eine sensationelle Unterredung seines Wiener Correspondenten mit zwei hervorragenden katholis ch e n P r i e st e r n i n W i e n üb er d e n R i t u a l m o rd. Wir wollen dem Inhalte dieses hochinteressanten Interviews nicht vorgreisen, und uns auch jedes Commentars dazu enthalten. Nur eines wollen wir sagen: Die Haltung der Wiener C u l t u s g e m einde, der angeblichen Repräsenta n z der Judenschaft, in der Ritualmordhetze hat durch ihre Schwächlichkeit und Laxheit vielfach befremdend gewirkt. Geradezu nieders ch meiternd muss es wirke n, w en n in an aus d i e s e m Iuterview d i e Größe der U n t erlass ungssünde v, diederVor st andbegangen, erkennt. Der Wiener Cultnsvorstand mag sicher sein: Das jüdische Volk von Wien hat sich jahrelang am Gäugeibande herumziehen lassen: es hat vieles verziehen, rveil eS seinen inneren Frieden baden wollte. Jetzt ist das zu Ende. Wenn der Cultnsvorstand in der heutigen;‘)CÜ nicht weiß, was seine einfachste Pflicht ist. dann hat er einfach seine Existenzberechtigung vollauf verloren. Nachstehend die wörtliche Ueberlragung der Unterredung. Mit der Uebersetzung der Ansführmigen de§ „W : e k ly Nt eg ist er" und des ,/t'uillol/' und des letzten Leitartikels des .Zorvislr (Thronide“ ausgerüstet, begab ich mich Dienstag morgens ins fürsterzbischöstiche Palais, mit sie Sr. Eminenz, dem Cardinal-Fürsterzbischof von Wien, Dr. G r n s ch a, zu überreichen und zu bitten, die Erlaubnis zum Nachdruck für die dem fürsterzbischöflichen Consistvrium unterstehenden kalholischeu Organe zu geben. Leider war Se. Eminenz leicht erkrankt, und statt seiner empfieng mich des Cardinats Gecretär, der päpstliche Kämmerer und Consistorialrath Dr. Joses P s l n g e r. Ich ,'rachte mein Anliegen vor und erfuhr, dass der Cardinal unwohl sei; mit großer Liebenswürdigkeit aber erklärte sich der Herr Consistorialrath bereit, mein Anliegen anzuhören. wach meinem Bortrage, in dem ich betonte, dass es dem „Jewish Chrviiiclc" daran gelegen sei, im Interesse der Wahrheit und der Beruhigung der aufgeregten Bevölkerung diese wichtigen katholischen Preststimmen bekannt zu machen, bemerkte Dvctor Pflüger, cs sei mit Jrrthum, wenn man glaube, dass das erzbischöfliche Cvnsistvrin'.n oder der Cardinal selbst ein off-eielles Organ besäßen. Das „Vaterland" bringe wohl vsficielle Kundmachungen des Episkopates, doch sei es weder ein ofsteielles Organ desselben, noch etwa Sr. Eminenz. Dcc katholischen Blätter bedürfen weder des „plueet“ des Fürsterzbisehofs, noch sei Eisläufen ist auch eine Kunst, Schleifen muss gelernt, das Dahingleiten aus spiegelglatter Fläche geübt werden. Der Jude bedarf im besonderen Maße dessen kundig zu sein: ist's doch unter seinen Füßen sehr rutschig. Mit Macht hat sich der Winter eingestellt und hat das Wasser des Teiches zum Erstarren, zum harten Gefrieren gebracht. Wie geschlissenes Glas glitzert und blinkt die Eisfläche. Man erblickt im bunten Durcheinander junge Leute, Mädchen und junge Frauen, die Füße, beziehungsweise Füßchen mit blanken Schlittschuhen bewehrt, bereit, auf das winkende Eis sich zu begeben, das alle Sinne gefangen, alle Aufmerksamkeit in Einspruch nimmt . . . Die Musik lässt ihre aufmuuteruben Weisen erklingen und mit hastender Gier ergibt sich Jung und Att dem frischen fröhlichen Eisläufen. Eine dichte Schar von Zuschauern umlagert den Platz und verfolgt mit Spannung die Vorgänge auf demselben. Dort stiegt einer -mit einer solchen Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, dass er die allgemeine Bewunderung erregt, aber plötzlich bums! da liegt er. Er gli/t ans. Lautes Gelächter begleiiet seinen Fall. Rasch jedoch kommt er wieder ans die Beine, urid als ob nichts inzwischen geschehen, setzt er seinen Lauf fort. — Pst! Es wird abermals gelacht. Auf der „drübern" Seite war eine junge Dame „schier" ansgeglitten und hätte zwei junge Leute, welche ihr zu Hilfe herbeieilten, bald mitgeriffen, aber noch rechtzeitig gelang es ihnen, sich auf den Beinen zu erhalten. Die Musik spielt, man lacht. Plötzlich wird es stille. Was ist geschehen? Wieder >st jemand gefalleii imb man lacht nicht mehr. Er hat linen schweren Unfall erlitten, einen Fuß gebrochen und kann sich vom Else nicht mehr erheben . . . Man lacht nicht mehr; man bedauert ihn, man sucht zu helfen, und trägt ihn fort. Man schickt ihm noch ein bedauerndes Kopfbeffen Absicht dahin gerichtet, die freie Meinungsäußerung in irgeubeiucnt katholischen Blatte zu verhindern. Komme es doch oft genug vor, dass selbst die. ergebensten Jonrnaliften Dinge veröffentlichen, derentwegen mau ihnen sogar Borwürfe machen müsse. Daraus gehe eben zur Evidenz hervor, dass man keinerlei Censur übe, und dass nur für die als osficiell direct bezeichneten Pnblicationen der Episkopat, respcctive das fürsierzbischöfliche Cvnsislvrinm verantwortlich gemacht werden könnten. Ich erkärte darauf, dass es aber doch in der Bevölkerung allgemein geglaubt werde, dass die katholischen Organe, namentlich bei so außerordentlichen Llngelegenheiien, wie leider die Ritnalmvrdhetzr eine geworden ist, wennschon nicht im Aufträge, so doch mit Bewilligung der kirchlichen Behörden die Stellung emm hmen, die ans ihren Publieatiouen ersichtlich sei. —-Dr. P.f l n g e r meinte, es sei bedauerlich, dass ein solcher Glaube möglich sei, von der geistlichen Behörde ans sei er sicherlich nicht ermuthigt worden. So hätte es erst jüngst Se. Eminenz abgelehnt, eine Anfrage betreffs seiner Slcttungnahme zu der Nitnalmord-AgiLativn zu beantworten. Ter betreffende Fall'habe sich nicht in der Wiener Diärese zngetragen. Der Fürsteizbischof würde, cs für einen Eingriff in die Rechte desjenigen Bischofs halten, in dessen! Sprengel die Sache sich abgeipielt habe, wenn er pro oder I contra Steilung nähme. Ans meine Frage, wie denn der! Erzbischof über die Möglichkeit eines Ritnaluwrdes denke, erklärte sich Dr. P slnger zu einer Antwort incvmpetent. Der ' Fürsterzbischos habe seines Wissens wenigstens — darüber überhaupt keine Ansicht geäußert. — Auf meine Bemerkung, dass doch wohl, in der Umgebung des Fnrsterzbischofs über diese Sache gesprochen worden sein dürste, gab Dr. Pflüger! zn. dass das öfters geschehen se' Daranshin fragte ich ihn direct, j ob er vielleicht an die Möglichkeit des Nitnalmordes glaube. Ich j bemerkte, dass Dr. P s l n g e r sich ungern bestimmt aussprach, doch erklärte er mit großem Freimuth, es scheine ihm als großes I Uw echt, die jüdische Religwu zu beschuldigen, dass sie zn j rituellen Zwecken den Gebrauch von Menscheriblnt vvrschreibe. j Als Kenner der jüdischen Religion müsse er entschieden bestreiten, dass ihm auch nur eine Satzung bekannt sei, ans der man eine solche Folgerung ziehen könnte. Andererseits könne er aber den Gedanken nicht unterdrücken, dass vielleicht einzelne Fanatiker oder auch eine Anzahl aberglänbischer Personen zu dem wahnsinnigen Aberglanbeu gekommen seien, dass ihre Religion eine solche abscheuliche Handlung gmhe'.ße. Selbst wenn dies aber der Fall wäre, gäbe es kein größeres Unrecht, als ein ganzes Volk für die Missechuten einzelner verantwortlich zn machen. - Ich hatte diesen Dednctwnen mit dem größtem Ei staunen zngehört. „Wie", sagte ich, .huchwürdiger Herr, „Sie glauben also, dass es Seelen im Judemhum gibt — itiiö wäre es auch nur eine einzige und noch so kleine — die d e r arti g e n W a h u j i n n glauben nieten nach und hat . . . seiner Menscheupflicht Genüge geleistet! — Und mm zurück zu denen, die sich tapfer auf der schlüpfrigen Bahn zu erhalten verstehen und sich nach dem Takle der Musikanten zn bewegen, wofür ihnen Anerkennung zutheil wird. Dis allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich nrnmehr einem jungen Manne und in erhöhtem Maße einer jungen Dame zu, welche eine Welte im Kunst- und Schnellläufen ausfechten. Mit vieler Zierlichkeit und Gewandtheit suchen sie einander den Rang abzulausen . . . Da ertönten von Hunderten von Stimmen gleichzeitig Entsetzensschreie. Schreekeitt'laute durchzittern die Lust und „Rettet! rettet!" jammert es aus einem Winkel. — „Was ist denn geschehen?" — „O! Graus!" - „Das Eis ist geborsten!" „Menschen fallen ins Wasser". -- „Schneller!" — „Hilfe E „Rettung!" —■ „Erbarmen!" — „Ich ertrinke!’*... Flehend strecken sich Menschenhände von deu Einbruchsstelleu den Liebenmenschen entgegen und bald sieht man nur noch Köpfe, männliche und we bliche, mit und ohne Hüten aus dem Wasser hervorragen. Neuerlich durchbrausen Angstschreie, die immer mehr und mehr anschwellen, das wogende Gemenge: „Rettet! rettet!" . . . lind ist denn unsere Erde etwas anderes als eine schlüpfrige Eisbahn, auf welcher wir unser lebelang herumwanderu? Trifft dies nicht bei allen Menschen und zu allen Zeiten zu?. . . Wir alle „gleiten" im Leben; der besser, der schlechter. Man schaut uns zu, freut sich, wenn einer die Kunst versteht, wenn es ihm gut ab- und ausgeht, wenn er nicht strauchelt, Fortuna ihm lächelt und das Glück hold ist und er immer besser und besser das „Gleiten" erlernt . . . Mau lacht aber, wenn einer „ausgleitet" und zu Falle kommt. Erleidet er hierbei arge Beschädigungen, bedauert mau ihn eine Weile . . . Insbesondere in der Handelswell ist es sehr „glitschig". Die Kaufleute müssen dahingleiten, wie sie eben können. Das' oder gar ausüben?" „Sccten", meine Tr. Pfluge: „will ich nicht sagen, aber dass ein einzelner dies aus aber gläubischem Unverstand thun könnte oder vielleicht auch „Sehen Sic," fuhr Dr. Pflüger fort, „in meiner in Oberösterreich hat es eine Serie gegeben, die Pv^ die ebenfalls glaubten, durch blutige Martern Gvtta müssen. Es gibt also Aberglauben hüben und drüben.^ erweist man der Religion keinen Dienst, wenn Fanatiker vertheidigt." —■ I ch: „Die Inden sind fernt, einen jüdischen Mörder zu vertheidigen: er möge werden mit der größten Strenge des Gesetzes. Kein Jude wirs darin das geringste Beschimpfende für seinen Glauben oder sein Bolk sehen. Aber gegen die Insinuation, dass auch nur e i n Jude einen Mord aus religiösem Glauben oder Aberglauben begehe, dagegen müssen wir Juden jederzeit Stellung nehmen, weil das eine durch nichts begründete Hypothese ist. Ich stamme aus einem strenggläubigen Hanse. In meiner Familie gibt es eine ganze Anzahl von bedentenden Kennern des Talmuds; nie — das kann ich betheuern — habe, ich I auch nur von einem einzigen derartigen Falle sprechen gehört,! als ob die Juden auch nur im entferntesten an einen Mord > ans religiösen Gründen dachten. Geradezu unfassbar ist es jinir aber, gar von einer Secte sprechen zn hören." Doctor jPflnger: „Ich meine ja nicht, dass eine der Behörde bekannte oder als irgendein Verband organisierte Beete bestehe.; Ich habe. it«r von einzelnen Fanatikern gesprochen und erkläre! nochmals, dass ich es für das größte Unrecht halte, alle Inden j für solche Vorkommnisse verantwortlich zu machen. Das wird! nie von einem wahren Katholiken gebilligt werden, ttebrigens habe ich nur eine Ansicht gaäußert. Sollte sie unrichtig sein, so ist sie nicht gefährlich, denn sie ist eine Meinung, die sich, wenn ich eines Besseren belehrt werde, corrigieren lässt. Die Ausführungen der katholischen englischen Blätter sind sehr interessant; eine Beeinflnssimg der katholischen österreichischen Blätter ist, wie Sie ans meinen Erklärungen bereits wissen, ausgeschlossen. Doch soll Sie das nicht abhalten, dieses Blatt (uie Uebersetznng ans dem „Jewisü Chronicle") zn versenden. Es werden sich wohl auch katholische Blätter finden, die einen Auszug oder das Ganze bringen. Nachdem ein paar Minuten einer eviiventionellen Conversarivn vorüber waren, entfernte ich mich ans dem Palais mit dem Bewusstsein, dass die Juden ans eine Activn von Seiten des erzbischöflichen Ordinariates in Bezug ans die Ritnalmordsrage in keiner Weise rechnen dürfen. Meine zweite Unterredung fand mit dcnn Propsipsarrcr und apostolischen ProtonotarinS Dr. Gv'ofrisd Marsch all statt, der als Referent des erzbischöflichen Consiftorinnis lind Mitglied des niederösterreichifchen Landesschulratycs zn den eiliflnssreichsten Personen des Wiener Hochelerus zahlt. Propst Malheur ist dabei, dass in diesen Kreisen es böse Menschen gibt, die einem den „Fuß stellen", ihm Prügel zwischen die Füße werfen, mit der Absicht, ihn zu Falle zu bringen. L!nn, fallen wie fallen! Wenn mau sich nur wieder er heben, wieder ans die Beine kommen kann. — Manchmal jedoch gleitet einer so aus, dass er sich nicht mehr ausznrichlen imstande ist. Und noch ärger hat es Ser, dem unter den Füßen das Eis einbricht und der so gezwungen wird, den fürchterlichen 5?amps zwischen Leben und Sterben auszusechteu . . . * * Und aus welcher gefährlichen Eisbahn gleiten wir Juden seit nunmehr 2000 Jahren herum! Wir haben keinen festen Boden unter unseren Füßen: Dort ist Eis. dazu noch geschliffen, poliert . . . Wir gehen ja nicht, wir gleiten. Ja, „gleiten" wäre eigentlich auch nicht gar so schlecht, wenn wenn man uns nicht von allen Serien her stoßen würde, wenn mau uns nicht „denFuß stellen", ringsherum stellen würde, damit wir ja nur fallen— Und wievielemale sind wir schon wirklich und wahrhaftig gefallen, haben uns dabei zerschlagen und empstndlich Wehethuea' des abbekommen! ... Aber: »Al tissmeehi Ojat'ti li,!c; nufalli knmli“ — hat der gottbegeisterte Prophet gesagt — Freue Dich nicht. Du, mein Feind! Bin ich auch gefallen, werde ich doch ausstehen." Wir sind die Leiden eben so gewöhnt, wie der Dorfscyüler au den Bakel des Lehrers. Während dieses langen Z,eitraumes erlernten wir das „Gleiten". Wir hielten uns einer an dem anderen, fest Hand in Hand, dass, wenn der eine - Gott behüte — ausruschte, ihn der zweite auffieug. Wahr ist es, dass die Einigkeit unter uns in letzter Zeit einigermaßen aufgehört hat. Unter uns entstanden Weisheilsapostel, welche die Heilslehre verkündeten, jeder von uns müsse auf andere Art, nach anderer Methode die Kunst des Gleitens aus üben, der eine polnisch, de