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Jüdisches Volksblatt · 1899-12-15 · 44 (15.12.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
44 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Krdartion: Vlll/1, Schlötzrlpafie 11. Sprechstunden r An Wockeiiwgcri von 4 bis x Uhr „achminags: an «onntagen nvn 1« bis 1.2 Uhr UomiittafliS. pofiadrcffe: Jüdisches VolkSbtatt, Wien, VIII|1. S'jrrfitor« inu lüifitn m.'rU»iti'ii-v otuv >,ar nicht erfolgter Jinliefiunn erbitten wir uns dringend. — Wiauuscripte werden nicht zurttkkgrftcllt. Postsviirrcil.l» voittn S47037. In da- AboninniriiiJann N!VI! täliUlb eintretk». Kr. 44 Erslhmt jkdeu Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefsronrmifston. Inserate übcrnelinien dieffirmen: I. Dannebern, M. Dukes, Haasrnsiein & Böhler, Rudolf Mosi?,?!. Oppelik, M. Pv-sonyi,?l. Schalck in Wie», ferner alle Annoncen-Expeditionen im AnSlande. Einzel-Nrmrmer in Wien 8 kr. Rdmimsiration: VHl/1, Schlöhelgajse 11. Abonnementspreis: Für Wien «. Oesterretch-Nngarn sammt Franeozilstcllilng. Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 2 — Bierteljährig.fl. 1.— Für daS gesammic AnSland sammt Fraiieoziistefluii». Gunzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Wien, 18. Deermder 1899. 1. Tas Kaisemort. „Ich bin se ki r empört ü b e r d i e s e R o h- 'Talmud uud Schul ch an -Ar u ch im Munde unserer | Feinde nur ein Vorwand sind. Die „Studien" Schneiders I und Deckerts sind nur der Hetze wegen betrieben, j Der Kampf gegen uns beiten", sagte der Kaiser dem Prager Rabbiner bei der,^, - « , n s Audienz, als dieser der schweren Tage gedachte, die seine . o pen r amf. Uno Glaubensgenossen im engeren Vaterlande Böhmen jetzt! .spachen wir von durchmachten. Und ans die Bitte, die angeführten Worte!1u *}1 v ,"a 0 n jj mittheilen zu dürfen, antwortete der Monarch: „I ch!n n en e t ö e 11 unö bitte, thun S i e das!" Hierniit ist der Wille des Monarchen, seine Worte in die Oeffentlichkeit KitzMArpn, ausgesprochen worden, und das berechtigt uns, aw*vk^ selben Betrachtungen zu knüpfen. Mau glaubt: Der Kaiser spricht und alle Gespenster verschwinden, aÜeGegenmeinungen verstummen, alle Anders-, , handelnden werden vernichtet, und die gesanlmte Be-! ^butsche, Gzechen, Polen rc. völkerung lauscht jeder Silbe, befolgt jeden Wunsch unbi^.1 'ein* ^,r niuj!cn <> c ™ c» - < beachtet j-d- Aeuß-runq. Aber -- wem. Wn bte;?°™^lc als Jude,., als Angehörige der D u... mheit selbst Göller vergebens kämpfen, so! > u d» s ch ° n N a >, o n. au,treten. Dann z.w .g ° „ w.r kämpfen auch die Monarchen vergebens gegen diei^ Regierung, welchen Charakter sie imn,!- haben wag, Roheit, besonders gegen die a ä t i t» n,i t i f ri,,! fle9e» d.e antisemitische Rohe» mit allen ihr zugebole Roheit, ganz besonders lande. Wir wissen zur ist ein nationaler, em so lauge man o f f i c i e l l S t a m m e s g e n o s s e n, von ität und von unseren nationationaler H i l s e, wird wirklich für uns keine Hilfe kommen. Eine mächtige Hand einer Regierung könnte vielleicht die Roheit mindern, aber es müsste eine große jüdische Bewegung vorangehen. W i r müssen vorerst selbst uns als Station im Lande organisieren. Wir müssen einfür allemal aüfhören, Glaubensgenossen, Czechen, Polen rc. mosaischer 'Confession Wir müssen alle in allen Ländern der 'aber aeaen dieselbe bei uns zu-! stehenden Mitteln aufzutreten. Dann sind wir im Parlament - G^nüa? wecke Mittel leb-sV-rt«t-i. eines Volkes, welches seine nationalen Rechte 1' UM [■ ®’i fotbnl und mit dein.gerechnet werden muss. Dann weiß fordert und mit dem -gerechnet werden muss. Dann weiß selbst die Roheit des Antisemitismus Grenzen einzuhalten, und wir brauchen dann nicht mehr an die allerhöchste Person zu appellieren und dort die Empörung herauszufordern. In Dir selbst, Israel, in Deinem nationalen Bewusstsein liegt Deine Hilfe. nützen, welche Wege sie einschlagen, um selbst die Worte des Kaisers zu verdrehen und dem Volke gegenüber ihnen eine andere Bedeutung unterzulegen. Es genügt ja, zu schreiben : D ie Judenblätter berichten, um die ganze Aeußeruug des Monarchen als eine „jüdische Frechheit" zu stempeln. Es genügt ja, ein Wort zu ändern, eine Wendung zu fälschen, um eine andere Bedeutung herauszuschlagen. Die Worte des Monarchen könnten nur einen Tropfen Trost in den bitteren Kelch der Juden selbst träufeln lassen. Den Trost des Bewusstseins, dass an «r*** Oft «»1444 allerhöchster Stelle anders gedacht wird. Allein, das ist nur ein angenehmes Gefühl des Verfolgten, wenn er Der verantwortliche Redacteur des „Deutschen weiß, dass irgendwo Milgefühl für ihn vorhanden ist. V c> l ks b l a t t" August Schreiber hatte sich ver- Aber seine Schmerzen und Leiden werden dadurch nicht stoffenen Montag vor dem Presssenate des Wiener Landesum das Geringste vermindert. Die Zeiten der „S ch u tzj gerichtes wegen Vergehens gegen die Artikel VII und VIII j u d e n" und „F ü r st e n k n e ch t e" und wie sie alle I der Pressnovelle zu verantworten. Der Artikel VIH verhießen, sind lange vorüber. Unter den constitutione llen \ bietet, sich „aus Anlass einer noch im Zuge befindlichen Formen ist uns nur der Weg der S e! b st h i l f e! Strafverhandlung in Erörterungen über die Kraft der Zur Berml des „Deutschen Volksblatt sind im Gesetze auch politisch gleich- und nur darin müssen wir unser Heil geblieben. Wir berechtigt suchen. Rabbiner Dr. St i s ch hat von seinen Glaubensgenossen gesprochen, als wenn wir noch jetzt unseres Glaubens wegen verfolgt würden. Als wenn die antisemitische Roheit gegen unsere Religion losgienge. Wir wissen ganz gut, dajs die Worte Ritual, j,%oanMraansiiMM Beweismittel, in Ausstellung von Vermuthungen über den Ausgang der Verhandlung oder Entstellung der Ergebnisse des Proceffes" einzulaffen. Artikel VII verbietet, den „Inhalt der im Laufe einer strafgerichtlichen Untersuchung zu den Acten gebrachten Beweisurkunden" zu veröffentlichen. Das „Deutsche Volksblatt" soll sich des Vergehens gegen diese Artikel dadurch schuldig gemacht haben, dass es die sattsam bekannten Schweineartikel über die Polnaer Affaire veröffentlichte. Der verantwortliche Reductenr^ff^! „Deutschen Volksblatt" wurde denn auch zu e i n e nt Monat Arrest verurtheilt. So sehr dem „Deutschen Volksblatt" diese Niederlage auch zu gönnen ist, so wünschenswert es auch wäre, die Strafe auf die ganze Nedaction des Jdioteuorgaues ausgedehnt zu sehen — eine gesunde Tracht Prügel wäre übrigens heilsamer — so sehr muss es denn doch bedauert werden, dass diese Verurtheilung gerade auf Grund des Vergehens gegen die Pressnovelle erfolgte. Denn es kann keinem Zweifel unterliegen, dass dieses Vorgehen der Behörde nur ein Ausfluss jener eigenthümlichen Interpretation des Gesetzes ist, die unsere ohnedies fo eingeschränkte Presssreiheit nur noch mehr beeinträchtigt. Man glaube nicht, dass wir etwa ein schlappes Vorgehen gegen die Antisemiten empfehlen oder für dieselben eintreten! Der Gedanke wäre einfach lächerlich. Allein was soa es uns nützen, eine Maßregel zu befürworten, die ebenso wie der Antisemitismus, nur ein Zeugnis der kulturellen Rückständigkeit Oesterreichs ist? Eine Maßregel, aus Grund welcher ja die Confiseierung d e r B r o s ch ü r e Professor Masaryks, sowie die V e r ur t Heilung des Redacteurs der „Neuzeit" erfolgte. Sollen wir verfolgten, unterdrückten Juden etwa den Vorwurf auf uns lüden, an einer Knebelung der ohnedies so kläglichen Freiheiten mitgeholfen und darüber gejubelt zu haben? Gerade wir Jüdisch-Nationalen, die wir nicht nur eine national-jüdische, sondern auch eine ebenso rad i cale Volks Partei sind, gerade wir haben die Pflicht, laut und offen zu erklären, dass wir mit der Verv r! Heilung...des. werantwoxtlichen ,Redacteurs Schreiber auf Gund des Vergehens gegen die Artikel VII und VIII der Pressnovelle keineswegs einverstanden sind. Wir sind mit dieser Verurtheilung umsoweniger einverstanden, als dieselbe geradezu als eine Frivolität, als eine Beleidigung des Judenthums erscheint. Der Staatsanwalt Dr. B o b i e s, der die Anklage vertrat, führte unter anderem in seinem Platdoyer aus: „Kürzlich hat in einer Versammlung ein Haupt der A n ti s e m it e n (S ch n eider) gesagt, er wünsche nur, dass ihm Gottes Gnade Gesundheit verleihe, um es zu erleben, dass der Ritualmord durch ihn erwiesen werbe, damit dann endlich die Ausscheidung der Juden aus der menschlichen Gesellschaft erfolge. Es sind dies gewiss nicht die Principien dieser politischen Partei in toto, aber jedenfalls sind es die Principien einiger politischer Parteigänger. Aber der Zweck dieser Publicationen war es, die Juden auszuscheiden aus der menschlichen Gesellschaft. Denn in der That, wer überzeugt wäre, dass ein Ver- A-attuafsttutttsLamt Heinrich Heine. Zu seinem 100. Geburtstage. Wenn in diesen Tagen, in denen Heinrich Heines hnndertster Geburtstag von allen Freunden und Verehrern seines dichterischen Schaffens gefeiert wird, auch die jüdische und besonders die national gesinnte jüdische Presse an dieser Feier so lebhaften Antheil nimmt, ist die Triebfeder hierzu nicht etwa der Stolz, dass Hein e dem jüdischen Stamme entsprossen. Das wäre lediglich Protzenstandpunkt, wenn man den Mann, den heute die halbe Cnltnrtvelt feiert, nur nnr äußerlicher Gründe willen für sich reclaniieren wollte und mit ihm, der den Glauben seiner Väter verlassen, nur um der Erhöhung des eigenen Anjehens willen, prunken iovllte. Aber so rein äußerliche Gründe wie die, dass Heine unserem Stamme entsprossen und im jüdischen Glauben gebvreri wurde, sind es nicht, die uns bestimmen; vielmehr sind es tiefsinnige Beziehungen, die Heine mit bau jüdischen Volke verknüpfen, die ihn dem jüdischen Volke wert und thcuer machen, deren Erkenntnis zu wecken und wach zn erhalten eine ernste Pflicht der jüdisch-nationalen Presse ist. Wie Heine zeitlebens und nach dem Tode das Schicksal der jüdischen Absiauirnnng getragen und all das Weh und Leid seines Stammes durchempfiinden, so blieb auch seinem dichterischen Schassen der Stempel seiner jüdischen Abkunft anfgedrückt. Wenn von irgendeinem, so gilt von Heine das Wort: „Von der Parteien Hass und Gunst entstellt schwankt noch sein Bild in der Geschichte." Wenige Dichter sind auf der einen Seite so überschwenglich gefeiert, ans der anderen sv leidenschaftlich gehasst worden wie Hein e. Wenn heute die Zahl der Hasser die überwiegende ist, so bedarf cs keiner tiefgehenden Forschung, um die Gründe hierfür zu finden. Man rrinnrre sich nur des Streites um die Anfftellnng seines Denkmals, in welchem selbst geistig und ethisch hochstehende Mällner, wie Rosegger, gegen Heine Stellung nahmen. Heine ist widerfahren, ivas vor ihm keinem cutöereu Dichter jemals widerfahren ist; keine Stadt Deutschlands wollte seinem Denkmal ein Plätzchen gönnen, vielmehr hat sich jede energisch gegen die Znuiilthung verwahrt, ihnr eine Ehre zu erweiserr, die sie ohne Bedenken Größen dritten und vierteil Grades gewährt hätte. Dieses Ausnahmsschicksal ist eben nur eine Theilerscheinuug des ganzen Ausnahnlsschicksals, welches dem jüdischen Volke inmitten der allderen Völker beschieden ist. Wir Inden, die wir die Augen offen halten für alle Vorgänge in unserer Umgebung, haben uns das Verlangen nach gerechter Beurtheilnilg längst abgewöhnt. Uns kann es gar nicht wundern, dass die allgemein giltigen Maßstäbe ihre Geltung verlieren, wenn es sich um die Benrtheilung eines Juden handelt. Wovon bei anderen großen Männern Deutschlands gar nicht gesprochen wird, das wird Heine zum Verbrechen angerechilet. lieber seinen Mangel an Vaterlandsliebe können alle bornierten, zopfigen Dentschthnmler sich noch immer nicht genug entrüsten. Dass er ein Bewunderer Napoleons tvar, kann ihm nicht verzieheil werden, obwohl er oiese Betvuudernng mit Wieland, Goethe und Hegel, dem „deutschen Nationalphilosophen", theilte. Die Begeisterung für die Ideen der französischen Revolution, in welcher ihm Schiller und Klopstock voraugiengen, ist bei ihm Nlit ein Beweis seiner Vaterlandslosigkeit, während sie bei jenen beiden nnr ein Ausfluss ihres warmen Fühlens für die gemeinsamen Angelegenheiten der gesammten Menschheit ist. Gefühle und Gesinnungen, deren Verträglichkeit miteinander bei nitbereu großen Dichtern und Denkern gar nicht in Frage gestellt wird, wie Treue dem Vaterlande gegenüber und Hingabe an die das gesammte Menschengeschlecht berührenden Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit, werden dort, wo es sich um Heine handelt, als einauber ansschließend betrachtet. Die bittere Satire, die die verrotteten Ztistande der deutschen Kleinstaaterei geißelt, der Zorn, zu dem ihn die Bedientenseelen seiner Mitbürger entflammten, diese Aeußerungen tiefsten Schmerzes über den Verfall seines Vaterlandes und des ernstesten Strebens zur Anfrüttelllng seiner Zeitgenossert, zur Erweckung des Gedankens der Selbsthilfe, diese Ausbrüche tiefwurzelnder Liebe zum deutschen Volke, die jedem anderen Dichter zur höchsten Ehre angerechnet worden wären, werden Heine gegenüber als ebenso schlagende Beweise seiner deutschfeindlichen Gesinnung ins Feld geführt. Die sonst so einfache Einsicht, dass der höchste Patriotismus sich in dem Kampfe um die Größe des Vaterlandes, um die geistige und sittliche Hebung seiner Bürger knndglbt, diese so primitive Einsicht geht verloren, wenn man der Benrtheilnng eures Inden gegenübersteht. Nicht gerechter bat man Heine in rein dichterischer Hinsicht deurtheilt. Vielfach hat man ihm Cynismus und niedrige schmutzige Jnstincte zum Vorwurfe gemacht, wo er nur in derber Weise seinem Triebe nach Lebenswahrheit, seinem Unwillen gegen Heuchelei und Scheinheiligkeit Luft gemacht hat. Der landläufigste Vorwurf gegen Heine ist der, dass der in Heines Gedichten so häufige Gedankensprung vom Erhabenen zum Niedrigen ein Beweis von mangelndem sittlichen Ernst und von gemeiner Gesinnung sei. Aber auch hier zeigt sich, wie man mit zweierlei Maßstäben gemessen. „Treffend hat Boelsche über diesen Punkt bemerkt, dass niemand Goethe niedriger Gesinnung deswegen beschuldigt hat, weil bei ihm unmittelbar auf Fansts Glaubensbekenntnis an Gretchen die Spöttereien Mephistos folgen. Und doch ist der Unterschied nur der, dass die Schwärmerei und der Cynismus hier zwei verschiedenen Personen in den Mund gelegt sind, während in dem lyrischen Gedichte der Poet die Verantwortung für beides direct übernimmt." (Brandes.) Mehr als irgendein anderer Dichter hat Heine in seinen Schriften Einblick in sein Innerstes gewährt. Er, den man so oft der Unwahrheit, des Gekünstelten und der Pose beschuldigt, war geradezu ein Fanatiker der Wahrheitsliebe, hat geradezu nach Echtheit und Wahrheit gelechzt. Und gerade durch seine Aufrichtigkeit und Offenheit hat er seinen Feinden Angriffspunkte gegen seine eigene Person geliefert; aber daraus, dass er seine Schwächen enthüllt, zn schließen, dass sein siiiliches

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