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Jüdisches Volksblatt · 1899-12-08 · 43 (8.12.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
43 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KrdarOon: VII.I/1, Süstöllvlgasic 11. Eprechstnnden: V!» Bivkinntagen »i»i -> i'iv S Uhr narfnnitlagS; nn Sonntagen tu!n 10 l'iS 13 Uiir Dormiltag«. postntzresie: Jüdisches VoUSblnit, Wien, vill;i. Vrlr!iv'rrk-rtt wegen nerttnifotpr over gar nicht erfolgter ^nffeDinig erbitten wir mi8 dringend. — Mnnnscripte werden nicht ftirriitfßteflcni. Pvstsvlireasien-^nnto s-l70!!7. In daS Nbonmnient kann wem täglich eintreten. ♦---^ unter MMvirlrung der vom jttdiscksrn Volksverein erwählten Vrelseomnnl'Kon. Inserate übernehme» die Iinnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Moste,?l. r?npelik, M. Po.stonyi, N. Echulek in Wien, ferner alle Annoncen-Fxjiebitienen im Nuslande. Gmzel-Nmrmrer in Wien 8 kr. Jütummlli'mum: THf/1, Sch lö Help aste 1J. Nbounemrntsvrerd: ftfiir Wien n. iLester. cich-Uttgnrn; Iiir das gesanu!ie fammt tfvaneo.on'teilung. iammt Iraneonnielliuig Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig si. 4.— fl. 58.- fi. 1.- Giinzjährig . Halbjährig . Bierleljälirig riMWMWnnwwiwmlwii«U»JWtmJWHL/^a'«fiwiw»i^3Mfl>a3r»lwuwMi \ 43 Pkn, 8. DeremKvr 18LN). <*■ «^wwMWiBuwwwif mmiiittMWMiiwwwj XfW f iifn;i(iu»wnWC I. In heg Mg.. vtinmjm*4A*ua**sMWSBK’J3un*vvBrmv muw—iwiiin*miiaa—^MwnwkiPHiitirJXtJBgnaoaay -«crjcjrwut nr? mwrtmtr m Ein englischer Theologe machte vor einigen Jahren die Bemerkung, dass eine Partei, die sich christlich nennt und Antisemitismus treibt, ein Widerspruch in sich selbst sei, da die Begründer des Christenthums Semiten waren und die Lehre selbst eine semitischeist. Tiefer Ausspruch wäre gewiss auch für unsere Verhältnisse richtig, wenn es sich unseren Antisemiten überhaupt um Ideen, um Lehren, um Ethik handeln sollte. Die aber wollen von alledem nichts wissen, ihnen genügt ein Schlagwort, gleichgiltio,ob es wahr oderunwahr ist. Ihnen genügt eine Phrase für das gedankenlose und unwissende Volk. Sie kümmern sich nicht um historische Wahrheiten, ' um logischen Gedankengang. Sie nennen sich trotz alledem christlich - social, ohne sich darüber Scrnpel zu machen, ob die wahre christliche Lehre von Semiten, sagen wir es offen, von Juden herstamme. Das ist ebensoviel, als wenn sich jemand jüdisch-social nennen wollre und kämpste gegen Juden und Judenthum. Wir haben schon einmal in unserer Betrachtung über den Makkabäer-Sieg Gelegenheit gehabt, den Gedanken zum Ausdrucke zu bringen, dass die M o r a l, E t h i k und Welt ans ch a u n n g, die derzeit in Europa herrschen, jüdisch sind, im Gegensätze zu dem in jener Zeit besiegten Hellenenthum. Es war keine Entdeckung von unserer Seite, es ist eine alte, anerkannte Wahrheit, ein geschichtliches 2 )xh 2 — 4. Wir kommen aber jetzt wieder darauf zurück, da ein Christlich-Socialer in unserem Gemeinderathe in höhnischem Tone einen Zwischenruf machte: „I u d e n m o r a l", worauf der Gemeindcrath Brunner sehr geschickt amwortete: „Ja, eine j ü b i s ch e Moral gibt es, "aber keine a n t i s e m i t i s ch e!" Herr Lucian Brunner bat mit dieser Anlwort den ‘Oiagel auf den Kopf getroffen. Jüdische Moral — das ist ja verstaatlichte, anerkannte Moral Europas, aus der sämmtlicher Staaten Gesetzgebung beruht. Das sind ja die Grundsätze der Bibel, auf der ja auch das E h r i st e n t h u m ausgebaut ist. Das ist ja die Moral, die Europa sich aus Asien von den Juden holte. Das junge Europa zu jener Zeit strömt von zwei Mittelpunkten, von Athen und R o m. nach Asien, um es zu beherrschen. Sie kommen, sehen und werden besiegt. P o l i l i s ch siegen wohl s i e, aber m o r a lisch tragen die Juden den Sieg davon. K ö r p e r l i ch waren sie stärker, geistig aber unterliegen sie. Der Jude mit seiner Bibel tritt auf, und da zittert Jupiter, Herkules bleibt ohnmächtig, auch die schöne V e n u s verliert ihren Reiz. Alle Götter und Göttinnen verschwinden aus dem Olymp, das Capitol Mit arger Melancholie im Herzen, begab ich mich von dem herrlichen Schilderer galizischer Judencliltnr, Nathan Samuely, zur berühmten polnischen Dichterin und Schauspielerin Gabriele Zapvlska, um ihrer Einladung Folge zu leisten. Gabriele Zapvlska ist nicht nur eine der ersten Schriftstellerinnen Polens, auch als Darstellerin modernen Repertoires wird sie von der sonst in künstlerischer Beziehung sehr vornrtheilsvvllen Kritik anfrichtig geschätzt. Die vielgefeierte Schöpferin der „Malta S ch w a r z e n k v p f" ist auch eine der vollkommensten Darstellerinnen Jbsen'scher Frauengestalten, die sie mit der allernatürlichsten Dictivn verkörpert; ihre Nora kann den meisterhaftesten Schöpfungen der hervorragendsten Künstlerinnen Europas beigezühlt werden. Doch interressanter als die Künstlerin erschien mir die Dichterin, die Meisterin so prächtiger Werke aus dem schauerlichen Ghetto ihrer Heimat und dein Reiche des ewigen Wehs, „ Sibirien", „Haben Sie, Madame, sich viel von der Erfahrung beim Schöpfen Ihrer Bnhnemvesen beeinflussen lassen?" Und mir ward die Antwort, dass inan noch immer nicht genug Bescheid weist über die Zustände der Inden Russlands und Grvßpvlens; es ist schwer, der Achse dieses sowohl moralischen, als auch physischen Elends naheznkvmmen — und sie offenbart, dass sie sich mehr von der Phantasie und dein Jnstincte, als von den Erfahrungen hat leiten lassen. Ich schaue in die tiefen, unergründlich lieben Augen dieser prächtigen Erscheinung und vergesse alles um mich: die wunderbar grellen Tapeten, die harmonischen Missklänge der bleibt leer, und das kleine Büchlein, die Bibel, übernimmt die Herrschaft. . . Ja, die Juden haben eine Moral. Und die Antisemiten? Haben die etwa eine neue m o r a l i s ch e T h e o r i e aufgestellt? Haben sie etwa eine neue antibiblische Ethik geschaffen? Haben sie etwa eine neue Weltanschauung erdacht? Ist wirklich das ewige Schimpfen, Besudeln, Hetzen und Empören auch eine Moral? Ist die Aufwiegelung des Volkes, das Verbreiten von Nachrichten, die sie selbst nicht glauben, die Schadenfreude über die Plünderungen und Räubereien des verhetzten Mobs auch eine Moral? Oder ist vielleicht die Theorie des „Schussgeldes auf Juden", die Consiscierung fremder Güter auch eine moralische Theorie? Der Ausspruch: der Jude wird verbrannt — auch ein moralischer Grundsatz? Eine antisemitische Moral gibt es nicht. Vor einiger Zeit konnte man in dem osficiellen Organ des Wiener C u l t u s v o r st a n d e s die Nachricht lesen, dass der Präsident der hiesigen Gemeinde amtsmüde sei. Die Schwierigkeiten, aus welche die Steuererhöhung unter den jüdischen Steuerträgern stoße, hätten den Präsidenten, kaiserlichen Rath Kling er, so verstimmt, dass er fein Amt nied^-segen wolle. Zudem veröffentlicht das osficiöse Organ des Vorstandes in seiner letzten Nummer die Nachricht, dass der Vorstand im Anschlüsse an die Enqueten mit den Hoch- und Höchstbesteuerten, die bisher stattgefunden, nunmehr solche der Mittel- und Niedrigstbesteuerten abhalten werde. Diese beiden Meldungen, in ihrem ursächlichen Zusammenhänge betrachtet, gewähren einen vollen Einblick in die Misere unseres Gemeindelebens. Die Gemeinde wird das Jahr 181)9 mit einem veranschlagten Deficit von über 90.000 Gulden schließen. Um diesem, sowie den wahrscheinlich künftigen Abgängen zu begegnen, greift sie zu dem ebenso alten, wie schlechtbewährteu Mittel: Sie erhöht die directen Steuern. Diese Maßregel hat schon jetzt einen wahren Sturm unter den jüdischen Steuerträgern hervorgerufen. Ein Sturm, der zum größten Theile nicht nur begreiflich, sondern auch berechtigt ist. Das jüdische Volk ächzt, wie alle Völker Oesterreichs, unter der wahrhaft unerträglichen Last der öffentlichen Abgaben, die eine Höhe erreicht haben, wie sie kein anderes Land aufweisen kann. In der Zeit der unverhältnismüßigen Erhöhung der Zuckerpreise, araLWtawi iMritiu' naw mntmMMwu ■wmwBmnnn—MWUwa^iw/tBJMinniüiiwpwniinwMiiwuiiiiiwiniiiiw—mauawi, reizenden Decorationeil, die Riesenbilder des berühmten polnischen Impressionisten W y s p i a n s k i, dann weiter all die seeessionistischen Prachtwerke, die die Nimmerrastende auf ihrem Heimwege ans Paris erworben. O Paris, Paris! Wie war das Leben anfangs so schwer in diesem Gehirn der Welt, wie musste die noch unverstandene, scheel angesehene, nur nach Vollkommenheit dürstende junge Dame ums Dasein kämpfen. Bon ihren wohlhabenden Eltern, die das Wesen der Tochter nicht fassen wollten, verlassen, sollte sie lange, lange in der wirrstegigen Phantasiewelt mit verbittertem Herzen hermnirren. Und auch in der Zeit, in der größten Bedrängnis sogar, in der allerdenkbarsten Verzweiflung, wich nicht von ihr das Bild des heimatlichen Ghettos mit dem „schauervoll Malerischen", mit der drückenden, peinlichen Gemächlichkeit am trüben Sabbath, wenn die engen Gässchen voll Kvth und Schmutz von herrlichen Semirothsängen wiederhallen, die so herzbezwingend wehmüthig klingen; wie hie und da ein Häuflein Kinder dieses Viertels in geflickten Sabbathgewändern, in Sammtkäppchen und zerrissenen Schuhen — man sieht fast die Zehen Herausstarren — im Kothe herumwaten und dabei so lebhaft und froh mit den mageren Händchen gesticulieren, als gäbe es nichts Besseres auf der Erde, im Dasein, in dieser großen mitleidslosen Welt; als müsste eS s o sein und nicht anders. Denn im Ghetto haben die Leute einander nicht zu beneiden, da herrscht nur Elend, Verzweiflung oder resignierende Hoffnung. Und wie dunkel ist es noch hier in den Gemächern, in diesen Genu'ithern, die einst einer sinaischen Offenbarung zugänglich waren. So phantasierte vor mir die liebreizende Ghetto-Dichterin, sich ihrer Lehr-nnd Wanderjahre, der Jugendtränme und Eindrücke erinnernd, während ich alles, alles um mich vergaß, nur das scheue Schicksalskind: Israel sehend. Eines Tages, in der Nähe der Champs-Elysees, da kam's über sie; die Gestalten ihres ersten größeren Bühnemverkes verfolgten sie — Malta der Petroleum-, Kohlen- und Fleischpreise, die den arbeitenden Schichten der Völker das Leben in Oesterreich wahrlich sauer genug machen, in dieser Zeit weiß der Wiener Cultusvorstand keinen anderen Finanzplan zu entwickeln, als die Erhöhung der directen Steuern der Juden Wiens. Und kein anderes Mittel hat dieser Vorstand, dem Sturm im Volke zu begegnen, als Bes ch w i ch t i g u n g s -Enqueten. Die elende Finanzlage der Gemeinde hängt aufs innigste zusammen mit ihrem elenden Wahlrechte. Die Mindeststeuer beträgt 10 Gulden. Diese Steuer muss man drei Jahre bezahlt haben, bevor man die Ehre und das Vergnügen haben kann, Wähler für den Wiener Cultusvorstand zu werden. In dem verzopften, beschränkten, rückständigen Statut ist diese Massregel die unerhörteste, die grausamste, die rückständigste. Dieselben Herrerl, die im Kampfe gegen den Antisemitismus den Mund nicht voll genug haben können von Freiheit und Fortschritt, diese Herren, die niemals genug mit ihrem „wahren Liberalismus" prunken können, im Cultusvorstande zeigen sie sich in ihrer wahren Gestalt. Da sind sie die starrsten Reactionäre, so reactionär, wie es Angehörige der liberalen Partei nur immer sein können, da wehren sie sich mit Händen und Füßen gegen eine Demokratisierung und Modernisierung des Statutes. Aber es sei von der moralischen Verwerflichkeit dieses Wahlmodus abgesehen. Die Folgen des W a h l u n r e ch t e s machen sich jetzt auch nach der praktischen Seite hin geltend. Würde die Gemeinde die dreijährige Beschränkung aufheben und das Wahlrecht an eine Steuerleistung von mindestens 5 oder 2 fl. knüpfen, dann hätte sie es nicht nothwendig, jetzt wiederum mit einer Steuererhöhung vorzugehen, nachdem sie vor knapp zwei Jahren gleichfalls die Steuern erhöhte. Dann hätte sie es nicht nothwendig, diese Enqueten zu veranstalten, die doch nur deshalb einberufen werden, weil die Gemeinde einen M assena u stritt fürchtet. Tausende und abertausende neuer Steuerträger würden da sein, williger, opferbereiter Steuerträger, die für ihr Judenthum wahrlich mehr zu leiden, aber auch mehr Gefühl dafür haben, als diese Hoch- und Höchstbesteuerten. Aber eben dagegen wehrt sich die alleiuherrschende, liberale Clique im Cultusvorstande! Das Geld, die Steuern würde sie schon gerne nehmen, wenn sie es ohne Wahlrecht haben könnte. Denn das weiß diese. Clique: Jude m M ome n t e, w o d a S W a h l r e ch t e r w e i 1 e r t wird, h a t f i e nicht nur im Cultusvorstande, sonder u überhaupt politisch ausgespielt. Und das Wahlrecht wird erweitert werden, weil es erweitert werden muss. Weil die Juden Wiens nicht länger mehr gewillt sind, das Schandmal eines der mit den großen schwarzen Augen — der vom Frost geschüttelte, keuchende greise Schwarzenkopf. Ohne Plan, ohne den kleinsten Entwurf gemacht zu haveu, fast in Fieberwahnsinn, schrieb sie „Malka Schwarzenkopf" in fünf Tagen, wie sie mir in ihrer naiven Treuherzigkeit versicherte, jenes Stück, dessen kolossaler Erfolg in allen größeren Städten Polens in ihr den Wunsch weckte, sich fortan ausschließlich polnischem Wesen und polnischer Kunst zu widmen. Appoll spielte diesmal Melpomene fast einen Streich; man wunderte sich deshalb auch sehr in den Pariser Künstlerkreisen, als sie plötzlich Paris verließ, wo ihr eine so große Zukunft ans der französischen Bühne prophezeit wurde; der gegenüber Sarcey in einem seiner sonntägigen Ecgüsse gemüthlich „Vive la Pologne“ zurief, als sie noch zu den Zierden des Thealrc libre gehörte. Es zog sie nach dem Erfolge der „Malka" ebenso mächtig wieder heim, wie es sie einst von den Eltern, von der Heimat, von der Sorglosigkeit eines bei reichen Eltern gut versorgten Kindes wegzvg. Nun, da sie daheim ist und viele große Erfolge mit patriotischen Werken, Romanen und Bühnenwerken — ihr großer socialer Roman „Es rauscht der Wald . . schildert das Elend idealerfüllter polnischer Studenten und Stttdentiimen in Paris —- erzielte, will sie vorläufig nicht mehr an größere Excursionen denken, nur derj Kunst und dem prophetischen Gemüthe fröhnen. Sie muss ausrasten, um den Kampf mit der Seele wieder aufnehmen zu können: Ghetto-Dichterin sein, ach, das Leben dieser Welt mit ihren Borurtheilen und Idealen malen, ist keine Kleinigkeit. Die „Malta" hat ihr bei all dem großen geistigen wie materiellen Genüsse auch nicht ein ivenig Kummer erspart. Das war gelegentlich der Aufführung des Herzl'schen „Neuen Ghetto" in Krakau; da kehrte sich die durch die antisemitische Presse anfgehetzte Menge auch gegen sie. Wie wm'ste sie mir so dramatisch den Vorfall zu schildern! Mit einem

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