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Jüdisches Volksblatt · 1899-12-01 · 42 (1.12.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
42 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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'nVf'iH'fitm: YIil/1, 1l. St'r»d^limloiii: v,n Äc-fci,«'Manen Bim 4 bis k Uhr n>,Äi!iittnf,S; an Smiiitasirn »rn in bi? 12 ttbr vormittciqS. pu^tfje: JiidtscheS BollfSblatt, Wien, Vlllj. Vesüzli't', di-n wrflkn brr'nittettr oder qar nickt erfolgter Znstrllun^ erbitten ivir uns dringend. — Li,'mi«scrtpte werde» »licht zririMgesteNt. Postspareaiieii-Conti' H7037. In das Abonnement sann man tbqlich eintrete». Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prrfseommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dnkes, Haascnstcin <fe Vogler, Rudolf Masse, A. Lppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoneen-^xpeditivnen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. IH&mini firn! tun : Vltl/I, SchlöKelgasie U. Abomrcmcutspreis: Für Wien it. ^cstcrrcich-Ungnrn Für das gcsanmUe 4U,Sla»d kämmt Franeozustcllung. samint Franeve,u»eilnng. Ganz-ährig.fl. 4 — | Ganzjährig .hallüäbrig Pierteliah'rig N. 150 fl. 2.25 . ... fl. 2.—; Halbjährig.fl. 2.2»» . ... fl. t — i Vierteljährig . . ... fl. 1.15 ♦ 42 lifu, 1. Drrrmbee 1899. Jahrgang. »Mimw'iww«* Jüdische Stimmen Am Montag hat in Wien die Wahl für das erledigte Landtagsmandat im sechsten Bezirke stattgefunden. Vier Parteien waren in den Kampf um das Mandat eingetreten: die herrschende christlich-sociale, die d e u t s ch n a t i o n a l e, die liberale und die socialdemokratische. Als Siegerin ist die christlich-sociale Partei hervorgegangen. Ihr Candidat, Dr. Robert Pattai, der ewige Bewerber um das Portefeuille der Justiz, ist gewählt worden. Das war vorauszusehen. Das Winseln um diesen Sieg der Christlich-Socialen, das Phrasieren um die Bevölkerung, die sich noch immer nicht vom Liberalismus beglücken lassen will, überlassen wir getrost den liberalen Schmock-Organen. Unsere Pflicht ist, kühl und ruhig das Ergebnis der Wahl abzuschätzen und jene Lehren daraus zu entwickeln, die sich für uns Juden aus ihr ergeben. Der Optimismus, mit dem so viele Juden einen baldigen Niedergang der christlich-socialen Partei voraussagten und noch sagen, dürfte hoffentlich durch diese Wahl erschüttert worden sein. Wir sagen hoffentlich, weil nur dieser, auf die „Neue Freie Presse" gestützte Optimismus so viele Juden noch immer in den verschiedensten Parteilagern zurückhält und von einer gedeihlichen Arbeit für uns Juden abbringt. Man darf sich keiner Täuschung hingeben : Die christlich-sociale Partei sitzt fest in den unteren und untersten Schichten des christlichen Wien. Die absolute Zahl der abgegebenen christlichsocialen Stimmen hat nicht nur nicht äbgenommen. sondern, hat sich sogar vermehrt. Und wenn diese Vermehrung auch nur unbeträchtlich ist, wir Juden haben absolut keinen Grund, uns deshalb irgendwelchen überschwenglichen Hoffnungen hinzugeben. Denn die christlichen Stimmen, die von der christlich-socialen Partei abbröckeln, fallen zweifelsohne in ihrer erdrückenden Majorität den Deutschnationalen zu. Für uns Juden bedeutet das: Aus dem Regen in die Traufe kommen. Man wird einwenden: Aber was ist es mit den neuen Stimmen, die nach dem Personal-Einkommensteuergesetze hinzugekommen sind? Hier liegt eben das Bedenkliche und zugleich das Belehrende für uns Juden. Allgemein ist der Glaube verbreitet, dass die neuen Stimmen in überwiegender Mehrheit der socialdemokratischen Partei zufallen dürften. Man folgert dies aus den Thatsachen, dass der Candidat der Socialdemokraten 801 Stimmen erhielt. Die Folgerung wäre richtig, wenn diese 801 Stimmen nicht zum größten Theile — jüdisch wären. Denn das ist eine T h a t s a ch e, die nicht geleugnet werden kann. Der Erfolg der Socialdemokraten ist nahezu ausschließlich den Juden zuzuschreiben. Der liberale Gemeiuderath. Dr. Vogl er veröffentlicht in der „dienen Freien Presse" vom 29. v. M. folgendes Schreiben: Löbliche Redaction! Um einen Jrrthürn nicht weitergreifen zu lassen, möchte ich sofort der in Ihrem heutigen Morgenblatte ausgesprochenen Ansicht entgegentreten, dass bei der Mariahilfer Wahl die Liberalen an die Deutschnationalen Stimmen abgegeben hätten. Das ist isicht der Fall. Wohl aber haben gestern viele Liberale. socialdemokratisch gewählt, namentlich Juden. Wir haben uns davon in vielen Fällen überzeugt und könntenNamen nennen... Abgesehen von dieser mehr als deutlichen Enunciation weiß man, dass man in maßgebenden Kreisen der Socialdemokratie auf höchstens zweihundert Stimmen rechnete. Umso, überraschender der Erfolg. Aber auch umso lehrreicher, wenigstens für uns Juden. Warum stimmen die Juden eigentlich heute für die socialdemokratische Partei? Leicht erklärlich. Liberal wollen sie zum größten Theil nicht, deutschnational oder christlich-social können sie nicht sein, bleibt nur die Socialdemokratie. Wie aber werden heute die jüdischen Stimmen von der Socialdemokratie bewertet? Eigentlich gar nicht. Die Socialdemokratie erkennt jüdische Stimmen als solche gar nicht an, sie spricht lediglich vvn ihrem Anhang im Bürgerthum, sie treibt Vogel Strauß-Politik,Mie .manche andere Partei vor und nach ihr. Was haben wir Juden damit erreicht? Gar nichts! Und wieviel könnten wir erreichen, wenn wir wollten. Nach guten Schätzungen hat Mariahilf heute etwas mehr über neunhundert jüdische Stimmen. Welche Macht selbst in diesem Bezirke bei der herrschenden Zerklüftung! Diese neunhundert Stimmen könnten für manche aufstrebende Partei, und nicht zumindest für die socialdemokratische, ein ausschlaggebender Factor, ein lockender Preis, einer Messe wert, sein, wenn... Ja, wenn diese Stimmen vereinigt wären, wenn jemand da wäre, der über die Stimmen gebieten könnte. Hier liegt eben der gewaltige realpolitische Zweck einer jüdischen Organisation. Man denke sich nur in Wien eine jüdische Parteileitung, von der man weiß, dass sie nicht nur über die jüdischen Stimmen Mariahilfs, sondern ganz Wiens, ja ganz Oesterreichs, zumal Galiziens, gebietet, wie würde sich die Situation mit einem Schlage verändern! Abgesehen von jenen Wahlbezirken, wo wir numerisch einfach die Majorität haben, und demgemäß selbständige Candidaten durchbringen könnten, wieviele andere Candidaten könnten wir nicht beeinflussen, zur und für die Judenfrage Stellung zu nehmejE^fl. es doch kein Geheimnis, dass z. B. die Abgeordnetem K o z a k i e w i c z und D a s z y n s k i niemals Wwayrr worden wären, wenn sie nicht die Stimmen der>Auden bekommen hätten. Und was war der Erfolg? Mck^bA trachte doch die miserable Haltung, welche bte socialdemokratische Partei anlässlich der Polnaer Affaire und der Judenexcesse eingenommen hat! Würde man aber wissen, dass diese tausende und abertausende jüdische Stimmen ebensogut einem anderen Candidaten zufallen könnten, dann würde wahrscheinlich auch die socialdemokratische Partei sehr bald Vernunft annehmen. Das ist die Lehre der Mariahilfer Wahl. Der Stimmzettel ist eine der stärksten Waffen des modernen politischen Lebens. Solange die jüdischen Stimmen ohne Führung sind und regellos dem ersten besten Phraseur zufallem solange wird man auch vor den jüdischen Stimmen keinen Respect haben. Nur dann wird man uns nach unserem wahren Wert schätzen, wenn diese Stimmen alle durch ganz Oesterreich vereinigt sind und einer einheitlichen Führung Folge leisten. Das eben ist ein Hauptziel der jüdischen Organisation in Oesterreich. „Sie waren auch dabei!" Ja, wahrlich, sie waren auch dabei! Sie haben mitgeweint in den Bedrängnissen, in den bösen Tagen, und sie haben mitgesungen und mitgetanzt, als Hilfe kam, als sich die Zeiten besserten. Sie haben mitgefühlt mit ihrem Volke, sie waren in Freud und Leid dabei, sowohl in den Zeiten der „Geseroth" (judenfeindlichen Regierungserlässe), als-auch in trostbringenden Tagen, in denen der Verfolgungen und in denen des Heils. — Wir reden jetzt von den Frauen, von den „jüdischen" Frauen. „Auch die Frauen müssen sich an den Chanuka- Feiertagen und an dem Lichtanzünden in denselben betheiligen," — so heißt es in unseren heiligen Büchern — „da auch sie bei dem ,Wunder' zugegen waren." Und das ist wirklich wahr. Unsere jüdischen Frauen der Vorzeit waren dabei: bei allen Ereignissen, bei allen Vorgängen im Judenthum. Sie hatten einen großen Antheil an allem, was wir mitgemacht, immer haben sie mit dem ganzen Volke, mit Gesammt-Jsrael in dessen langem viertausendjährigen Volkesleben Freuden und Leiden getheilt. Nicht nur Mirjam, die Schwester Moses' und Debora, die Prophetin, sangen, tanzten und stimmten Loblieder zu Morris Rosenseld. (Ein moderner I a r g on d i ch t er.) Von Bernhard Tag.*) Bevor wir von dem Dichter reden, müssen wir erst vvn des Dichters Sprache reden. Der Jargon! Im allgemeinen bedeutet dieses Wort, wie man weiß, ein verdorbenes Idiom, ein Kauderwelsch; im besonderen jenes eigenthümliche Jüdisch- Deutsch, das man nolaus volens eine Sprache nennen muss, da es unter den vierzehn Millionen Juden zum mindesten zehn Millionen sprechen. Wer im Centrum modernen Lebens erzogen ist, wird sich über diese einfache Thatsache nicht wenig wundern, wie über so manches, was das Judenthum betrifft, das außerhalb seines Gesichtskreises liegt. Die Worte des elastischen Judenfeindes Haman: Es ist ein Volk zerstreut unter den Völkern, vertheilt unter den Ländern, ein Volk mit einem besonderen Gesetz", diese Worte charakterisieren unser Volk noch jetzt, und zu seinen Eigcnthümlichkeiten gehört nicht zum wenigsten die Sprache, tvelche der größte Theil der Juden spricht. Für Schwänke, Witz, Humor, Satire eignet sie sich wie keine andere. Jedes Wort, jede Wendung reizt zum Lachen. Diese Wirkung verspüren natürlich die aut wenigsten, die sich zeitlebens dieser Sprache bedienen, also vor allem die orthodoxen, die äußerst orthodoxen Juden. Für sie enthält der Jargon nichts Lächerliches, vielmehr gilt er ihnen als ureigene, als echt jüdische Sprache. Es liegt nicht in der Natur des Orthodoxen, nachzudenken über den Ursprung der Erscheinungen; auch ist sein historisches Gedächtnis ein sehr schwaches. Dass der Jargon ans dem mittelalterlichen Deutsch hervorgegangen, einem Deutsch, das im Laufe der Zeit sich immer mehr mit *) Die in diesem Feuilleton enthaltenen Gedichte sind von Frau Karoline Tag ins Deutsche übertragen. Wir werden Gelegenheit nehmen, eine Reihe dieser prächtig übersetzten Gedichte in unserem Blatte erscheinen zu lassen. Die Red. hebräischen und slavischen Elementen mischte, diese einfache Entstehungsgeschichte fällt ihm nicht im geringsten bei. Gewohnt, selbst die gewöhnlichsten Dinge religiös zu färben, hat er auch dieses fremde Gewächs mit einem heiligen Nimbus umgeben, er hält es für einzig recht und billig, Jargon zu sprechen, das Deutsche, das Slavische ist ihm das Profane, das Verpönte. Au Stelle dieser Beziehung tritt bei den mittleren Schichten eine andere, nicht minder innige: die dichterische, schüchtern künstlerische, poetische. Zwar fehlen dieser Poesie bis auf die jüngsten Zeiten die großen Namen, die großen Wirkungen; cs ist eine unpersönliche und doch so wirkungsvolle Dichtweise, kurze Sprüche und Sentenzen, heitere Anekdoten und Erzählungen, daneben Lieder und Melodien voll weichster, süßester Elegie, an deren Hervorbringung sich das ganze Volk betheiligt — eine Volkspoesie im echtesten Sinne des Wortes. Aber endlich treten auch hier bestimmte Individualitäten auf; um die nationale Idee gruppiert sich, wie um einen natürlichen Mittelpunkt, die Poesie in ihren verschiedeneli Formen. Neue Lieder ertönen, beliebte Erzähler tauchen auf, und selbst die bislang sprödeste Forni der jüdischen Dichtung, das Drama, findet in dem nun schon berühmten Goldfaden einen bedeutenden Vertreter. Ton, Lied, lyrische Stimmung sind das Wirksamste dieser Dramen, und ein glänzendes, lyrisches Talent offenbart sich auch in dem Dichter, dein wir uns jetzt zuwenden wollen. Sein Name ist Morris Nosenfeld. Wenn dieser Mann auch keine Zeile mehr schreiben sollte, so wird er dennoch ein Dichter bleiben für alle Zeiten durch seine „Lieder aus dem Ghetto". Wer aber ist Morris Rosenfeld? Seine Eltern waren arme Fischer in Russisch-Polen, dort ist er geboren, dort wuchs er in Armut und Elend ans. Als Jüngling wunderte er von Russland aus, gieng nach England und erlernte hier das Schneider- Handwerk; bald verlässt er auch England und geht nach Amerika. Hier hat er das Leben eines Lohnarbeiters in seinem ganzen Elend und seiner ganzen Bitternis dnrchgekvstet, aber hier ist er auch zum Dichter geworden! Zum Dichter, der zum Ausdrucke seiner Empfindungen, obzwar er auch die modernen Sprachen versteht, keine andere gebrauchen kann, als den Jargon. Und es ist erstaunlich, was dieses seltsame Instrument in der Hand dieses Meisters wird. Töne schlichtester, ergreifendster Lyrik weiß er ihm zu entlocken, Töne voll zartester Schönheit. Jedem Dichter steht gleichsam von vornherein ein edles Material zugebote: die Sprache. Der Dichter formt die Sprache, formt das Wort, und die Sprache wird zum Bilde, das Wort wird Kraft. Um wie viel größer das Wunder einer Kunst, welche eine Sprache meistert, die Unnatur erzeugt hat. Und dennoch vollzieht sich das Wunder! Für einen Blick nur stört uns die krause Hülle, nun aber schauen wir den Dichter, wie er vor uns steht, so demuths- und hoheitsvoll — Bilder, rein und schön, ziehen an uns vorüber — und nun hat uns der Dichter, wo er uns haben will: ivir sind in seinem Reiche, in seiner Macht. Wo aber ist sein Reich? Die ganze Welt! Was ist seine Macht? Dass er uns die Welt, das Leben ergreifend nach Herz und Sinn darstelle. Unser Dichter, der aus dem Volke kommt, aus dem Volke, das arm ist und elend, schildert uns vor allem die Armut, das Elend. Ein traurig resignierter Ton geht durch alle seine Lieder, auch dort, wo er zum Kampfe wecken, wo er aufrufen will; aber eben dieser Ton bewirkt, dass die Stimmung stets eine poetische bleibt. Im Leben mag der optimistische Agitator besser am Platze sein, aber in der Kunst darf der Dichter schwarz sehen und schwarz zeichnen, zumal es dieselbe Kunst ist, die das Leben wieder hell macht. „Arbeiterlieder" ist ein Theil dieser Gedichte zubenannt, ein anderer nennt sich „Nationale Lieder". Unwillkürlich drängt sich das Wort Tendenzpoesie auf die Lippen. Weil es eine Arbeiterbewegung gibt, weil es eine nationale Bewegung gibt, so kommen Dichter und machen in schönen Worten Propaganda für die nationale, für die svcialistische Bewegung. Rvsenfelds

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