Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 41 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ärdartion: YII1/1, Schlöllolgastv 11. Eprechftunden: An Wochentagen von i bis « Ufjv nachmittags: an Soutitaqen von 10 bis 12 Mir vormittags. Postadresse: Jüdisches DolkSblatt, Wien, VIII t. Vesrlpvrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Znstellimg erbitte» wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht znriickgestellt. Postipureasfen-bon!!' s'to:J7. In das Nbonnenmn» kann man täg'ich eintrete». unter Mikwirsmng der vmn jüdischen Volks- Verein erwählten PressrommisNon. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danncbcrg, M. TukeS, Haasen^ stein <fc Vogler, Rudolf Masse, PT. Oppeli', M. Pozsonyi,?l. Schalet in Wien, ferner alle Vnnonccn-Exveditioncn im Antzlmidr. Einzel-Nmnmer in Wien 8 kr. Administration: YIII/1, Schlöszrlgajse H. Abonncmentspreis: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn! Für das gesummte ülnSlatid sammt Franeoznstellnng. sammt Franeozustelluiig. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig 1 Ganzjährig . 2.— Halbjälirig . I.— Vierteljährig '1. 1.50 fl. 2.25 fl. US Ur. 41 Wien, 24. Uonember 1899. I. Jahrgang. 3H Der Makkabäer-Sieg. (3 u m Channka - Fe st.) Auch w i r haben viele Helden gehabt. Auch unsere beschichte weiß uus zu erzählen von Heroen, die auf dem Felde der Ehre große Siege erfochten. Durch die ganze Zeit, da unser Volk im eigenen Laude wohnte uud ein politisches Lebe u lebte, haben auch w i r Kriege geführt, Haber auch w i r oftmals gesiegt oder verloren. Es genügt zu nennen die Namen Iosna, Saul und David und noch viele andere, die zu verschiedenen Zeiten herrliche Siege errangen und ihren Namen der Geschichte als Helden hinterliessen. Und weshalb feiern wir gerade die Makkabäer'? Warum ist es geradezu Sitte geworden bei den Jüdisch-Nationalen, jedes Jahr Makkabäer-Feste zu feiern? Die beste Antwort auf diese Frage können wir in unserem Gebetbuche finden. Unser „Sider" ist nicht nur ein Gebetbuch. Es enthält nicht nur Gebete dafür, was jeder einzelne von Gott verlangt. Unser Sider ist ein Volksbuch. In ihm finden wir das ganze Schicksal unseres Volkes durch alle Zeiten verzeichn et. Freud' und Leid, Glück und Unglück sind dort notiert. Und wenn wir es anfschlagen und darin blättern, dann dünkt es uns, dass wir die Geschichte des jüdischen Volkes durch blättern. Bald haben wir die „Hagadci", die Geschichte der Entstehung unseres Volkes, und bald die Klagelieder über die Zerstörung Jerusalems und die Verwüstung des Landes. Da sind verzeichnet die Tage von Purim und Chanuka, Freudentage der Nation, und dort der zehnte Tewes und der siebzehnte Tamns, Fast- und Trauertage für das Volk. Und in demselben Gebetbuche finden wir auch die Bedeutung des Chanuka-Festes und die des Makkabäer-Sieges für unser Volk. Im Al-Hanissim, das wir Chanuka ins Gebet einflechten, heißt es: „Zur Zeit, da sich die Griechen erhoben über Israel, um das Volk vergessen zu lassen an Deine Lehre und abtrünnig zu machen von Deinem Gesetze..." Da liegt das Geheimnis. Der Krieg der Makkabäer galt n icht so sehr der Rettung der Jude n, als der Rettung des I u d ent h u m s. Ihr großer Sieg war der Sieg der jüdischen Lehre, der Sieg jüdischer Moral und Sitte, jüdischer Ethik und Weltanschauung über griechische Lehre, Moral, Sitte und Weltanschauung. Die Makkabäer haben nicht nur ihr Volk dem Leben znrnckgegeben, sie haben vielmehr belebt den jüdischen Geist und Sinn, die am Leben blieben bis auf den heutigen Tag. Die Römer konnten das Volk vertreiben, das Land verwüsten, den jüdischen Staat anflösen — aber das, was die Makkabäer einst belebt, jüdischen Geist und Sinn konnten sie nimmerhin zerstören. Der Malrkslnlramn oder: Ein modernes Chanuba-Lampel (Eine Geschichte die sich ereignet hat oder die s i ch e r ei g n e n w i r d.) Bei Israel Jaeobsohn ist heute „Ein Abend." Seine Wohnung ist schön beleuchtet, alle Zimmer „aufgeputzt", die ganze Familie „jomtowdig" (feiertäglich) angezogen. und er selbst ist „gut aufgelegt", fröhlich. Monsieur Jacobsohn ist sozusagen ein schöner „Balbus" (Hausbesitzer, angesehener Bürger) in der Stadt, zählt zu den Neichen, kann Lernen (kennt sich im talmudisehen Wissen aus) unb „hübsch" (will sagen: so ziemlich viel) gebildet, ist „modern" deutsch gekleidet und lässt die Kinder. . . studieren! — Aber — er führt auch ein streng rituelles „Koscher-Haus", und niemand darf es wagen, ihm nur auch „ein schlechtes Wort" nachznsagen. Schon seit etlichen Jahren macht er am Chanukafeste bei sich eine „Unterhaltung". Lädt hiezu seine „Familie" (Verwandte) und engere Bekannte, Männer und Frauen, und man unterhält sich „balbatisch", anftänbig bürgerlich. „Andere veranstalten Bälle, Tanzabende — wir sind einfache Inden. Bei uns ist Chanuka so eine Art ,^Jomtow" (Feiertag) für häusliche Unterhaltung," pflegte Jaeobsohn bei dieser Gelegenheit sich zu äußern. — „Besondere Vorbereitungen mache ich keine, nur jüdisch!" Und dennoch ist der heurige „Abend" mit ein bischen mehr „Parade" gemacht worden: Er bat einen „theneren" Gast! Einer seiner Brüder, sein Herzensbrnder, den er schon lange nicht gesehen hatte, war heute zu Gast gekommen, und dem zuliebe soll das Frendensest größer werden. Die Gäste sind noch nicht versammelt, der Hanpt- Der Kampf der Griechen gegen die Juden trag einen ganz anderen Charakter als alle anderen Kämpfe des jüdischen Volkes. Die Griechen haben die besiegten Juden nicht ans ihrem Lande vertrieben, wie früher Assur und Babylon, und später Rom. Sie haben die Inden im eigenen Lande unterdrückt und sie gezwungen, von ihrer Religion zu lassen und griechischen Götzen zu diencn. Mit Gewalt und erbarmungsloser Gransarnkeit haben sie nach Palästina griechische Cnltnr gebracht, in Jerusalem ihre Tempel und Theater errichtet, und selbst im Allerheiligsten ihre Götzen ausgestellt. . . Im eigenen Hause zu leiden von fremden Räubern, im eigenen Zimmer beherrscht zu sein von fremden Eindringlingen, das ist ein unaussprechlicher Schmerz. Da zittert das Herz, und jeder Tropfen Blut kocht in jedem Gliei) . . . Und dennoch fanden sich junge Leute und höhere Beamte ans Judas Stamm, die mit den fremdeir Räubern tanzten, die mit beiden Händen nach fremden Lehren griffen, nach nichtjüdischem Gesetz und sittenloser Moral. Noch mehr! Sie leisten Schergendienste zur Verfolgung aller besser denkenden Juden und unterdrücken alle, die still weinend zuschanen, wie das Judenthuin zugrunde geht im Judeuland, wie ihre Künder bei ihnen zuhause aufgeben Charakter und Nationalität, aufgeben Volksthmri und Selbstachtung, und sich den fremden Eindringlingen assimilieren. Das Judenthnnl ist in der Agonie. Fast haucht es den letzten Athemzng aus und gräbt sich selbst ein Grab im eigenen Hanse. . . Retten! Z u m Bewusstsein bringen! Die Seele erhalten! Das lag allen denen auf der Zunge, in deren Herzen noch nicht der letzte Funke jüdischen Gefühles erstorben war. Ja, rette... Aber wie'? Woher denn Kraft und Geist nehmen, das gewaltige Werk durchznführen'? Wo sind die Helden, die imstande sind, die starke Herrschaft der Griechen zu brechen'? il u d d a kommen die Makkabäer. Aus irgendeinein verlorenen Winkel, aus einem Loche zwischen Stein und Fels in der Wüste Judäa sind die Kinder Matatias herausgekommen, gesund an Leib, an Seele, mit starker Hand und fühlendem Herzen, mit Schwert und Waffen gegen den Feind und mit guten, lieben Worten für ihr Volk, wie ein Tvdesengel für die Griechen und wie ein Erlösnngsengel für die Juden. Sie sind heraus und haben die Herrschaft übernommen, das ganze Volk zum Kampfe gerufen, gekämpft und gesiegt, und glänzend gesiegt. Sie haben das Volk gerettet, es zum Bewusstsein gebracht und seine Seele erhalten. Sie haben Volk und Land gerettet, zugleich aber jüdische Lehre, Moral, Sitte und Welt-! a n s ch a u u n g. Sie haben nicht nur die Griechen besiegt, sondern auch das G r i e ch e n t h u m. Und dieser Sieg ist dauerhaft geblieben, seine Spuren sind sichtbar bis ans den heutigen Tag. Und mit Recht sagen w>ir in demselben Al- Hanissim iit demselben Sider: „Du hast Rache geübt." Das ist nicht menschliche Rache, das ist nicht eine gemeine, persönliche, körperliche Rache, das ist eine Rache des ewigen Geistes, der die Geschichte der Menschheit durchzieht. Die Geschichte hat uns Juden als Sieger dem Hellenenthmne gegenübergestellt — und wir stehen noch. Man schreit: E n r o p a i st v e r j n d e t, v o n s ch c m Geiste beeinflusst. Was Wahrheit ist Worten, das ist der Makkabäer-Sieg. Nicht das Helles nicht griechische Cnltnr, nicht griechische Moral, nicht gri Weltanschauung sind zum Gesetze geworden unter den Europas! Jüdisch ist Europa, und es rühmt sich dessen die gesittete Menschheit. Darnnl feiern wir die Makkabäer! Makkabäer! Das ist ein Losungswort geworden! Das bedeutet den Sieg des Geistes. Das bedeutet ein Erwachen und Wiederaufleben, eine geistige Auferstehung der Volksseele, die Wiedergeburt der eigene u Sitte uud Weltanschauung. Oesterreich und die Juden. Wir erhalten von Herrn Dr. P o l l a ch folgende Zuschrift: Geehrter Herr R e d a c t e u r! Sie haben meinem Aufsatze (in 9h\ 30) „Oesterreich und die Inden" die Ehre einer ausführlichen Entgegnung erwiesen. Ich hatte Solidarität der Juden, Sammlung zu einer einzigen Gemeinde, Schaffung eines Executiv- Cornitös, welches die gemeinsame Verhaltungslinie bestimmt, gefordert. Diese Einigung geschähe doch wohl nicht nur gegen den Antisemitismus, sondern zuvörderst f ü r uns Juden. Sie fragen, wer das Executiv-Comitck schaffen soll. Dabei weisen Sie auf die verlotterten Verhältnisse in den hauptstädtischen Cultusgemeinden. Ich aber sage: Alle müssen heran, und diese Cultnsgemeinden müssen uns führen. Unsere Situation ist ernst genug, um den heiligen Krieg zu predigen zur Wiedereroberung unserer Menschenrechte und um allen häusli ch e n Z w ist ruhen zu lassen. Ohne unseren inneren Zwist wäre es nie so weit gekommen. Gewiss haben der Zionismus, diese ewige Zukunftsmusik, und das Nationaljndenthum hervorragende Verdienste um die Weckung des Selbstbewusstseins im Judenthum, zumal im jungen Israel. Heute aber wäre die Fortführung des erbitterten Bürgerkrieges saal ist noch von außen gesperrt, wiewohl drinnen schon alles in Ordnung ist, und Israel mit seinem Bruder spazieren im Spersesaale auf und ab. Sie „schmnßen" (reden) von ihren Angelegenheiten. An der Thüre des Saales vorbeigebend, öffnete der Gast absichtslos dieselbe und mavf einen Blick in den geschmückten Raum. Er fuhr überrascht, fast entsetzt zurück, wobei sich der Ausruf seinen Lippen entrang: „Auch Du, Israel'?! Auch Du machst es'?" „Ja, was ist denn dort so Besonderes'?" „Wie heißt? Ein Cyristbanm!" Israel verzog lächelnd die Miene. „Nur ruhig, mein Bruder," sagte er, legte den Arm in den seines Bruders und zog ihn völlig in den Saal hinein. Und richtig! In der Mitte des schön geschmückten und hell beleuchteten Saales steht ein großer, gedeckter Tisch. Airs deinselben befindet sich eine Menge Zuckerbackwerk, verschiedene Näschereien, untermengt mir mannigfachen Kinderspielsachen. Sie umgeben ein Bäumchen mit Lichtlein. das seinerseits mit Leckereien, Zuckerln und Spielzeug anfgeputzt ist. Das Bäumchen war aber nicht rundherum bezweigt. Vorn und hinten waren die Aeste entfernt worden, während die Seitenreiser hervorragten. Aufmerksam beguckte der Gast all das von allen Seiten. „Was ist das'? Ein Christbnnm, oder doch keiner murmelte er vor sich hin. „Du bist in Verlegenheit, Bruder'," meinte Israel. „Warte, ich will Dir's erläutern. — Du weißt doch, lieber Bruder, dass unsere größte Sorge die Erziehung unserer Kinder ist; so soll ich leben! In der jetzigen Zeit eine doppelt schwere Aufgabe. — Bilden muss man sie lassen und beim Jndenlhume möchte ich sie doch erhalten. Wie heißt es denn: „Rabbiner werden sie nicht werden; sollen sie wenigstens wissen, w e r sie sind": sollen sie zum mindesten die Geschichte ihres Volkes kennen, und wenn schon keine religiöse, sollen sie zum wenigsten nationale Juden sein . . . Da, schau Dir den Tisch und das Bäumchen in der Mitte desselben an. — Glaube mir, das hat mir lange schon Beklemmungen verursacht. Stelle Dir nur vor, Bruderleben, wir wohnen in Nachbarschaft mit Christen, die Kinder gesellen sich einander, spielen miteinander und gehen in ein und dieselbe Schule. — Run, das ganze Jahr geht es, wie es geht. Kommt es aber um die Weihnachtszeit, da übermannt mich das Erbarmen mit meinen Kindern. Ihre christlichen Collegen zeigen ihnen die Präsente, Spielsachen und Näschereien, welche sie vorn Christbaum beschert erhielten. Sie rühmten sich derselben, und meine armen Kinderchen kamen weinend zu nur: „Tata (Vater), warum bekommen w i r nichts? Warum machst Du nicht auch einen Christbaum!'3' Wie wehe war es mir da um das Herz. Ich muss mich da vor einem Kinde verantworten, vor einem eigenen, jungen, unreifen Sohn! . . . Es blieb mir nur eines von den beiden: Entweder ich soll ihm die reine Wahrheit heraussagen, ich soll ihm erzählen, dass, seit das Christenthum erstanden, wir Inden verfolgt und gehasst, getrieben und gehetzt werden. Im Namen Christus hat inan uns „gebrannt n n b gebrat e n", uub bis heute haben wir noch keine Rübe, so dass es geradezu eine Sünde, ja ein Verbrechen wäre, wir sollen noch diese Feierlichkeit milmachen, feiertäglich gestimmt und freudig erregt sein. — Ich hätte das vielleicht gethan, aber, glaube mir, ich kann nicht solche bittere Tropfen in das Gemüth meines jungen Kindes träufeln. Ich will nicht, dass mein junges Kind schon in seiner frühesten Jndend wissen soll von Hass nnb Verfolgung - sucht; dass es schon beizeiten anfangen soll über so. Sachen zu denken, über die traurige Lage unseres glücklichen Volkes, über Neligions- und Nationalhass . .