Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 38 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«edartion: VIII/1, Schlötzelgasiv 11. Eprechstuudeur An Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittag-; an Sonntagen vsn io bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« BottSVlatt, Wien, VIII|1. Vrschwerdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mannscripte werden nicht zurÜtkgesteklt. Postsparcaffcn-Conto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintteten. unter MilivirKung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrfsrommisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haascnstein & Vogler, Rudolf Moste, A. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Nurlande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Administration: VIII/1, Schlöhelgasse 11. Abonnementspreis: Für Wien ». Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig.fl. 4.- : : : : 6t iertehährig Für das gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 2.25 Vierteljährig.fl. 1.15 Ur. 38 Wien- 3. tymmbtv 1899. I. Jahrgang. Ein jüdisches Parlament? Der „Allgemeine österreichische Jsraelitenb u nd", dessen Bildung die Negierung so lauge Zeit verdiuderte, ist cudlich ins Leben getreten. Er hat am verflcssencn Dienstag seine constituicrcnde Gcncralversommlung abgchalten. Wer aber dieser Generalverscmmluug Kein csnte, wer das dort inlwiüclte Prcgran-m — wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann — auhörte, der wird sich mit schmerzlichen Bedauern gestehen müssen, dass hier ein schöner Gedanke ins Wasser gefallen ist, dass hier etwas geschaffen wurde, das zumindest ganz unvollständig, den Zeitverhältnissen nicht entsprlchei^d, wenn nicht ganz zwecklos ist. Mitglieder des Bundes können statutengemäß nur Cultusgcmeinden als solche, oder Cultusvorstände ad perbonsm, sowie andere Personen werden, die siirdasJudenthum auf irgendeinem Gebiete sich besonders verdient gemacht haben. Ter Gedanke des Bundes wäre sicherlich geeignet, jene Institution heronzubilden, deren Mangel wir gerade in der letzten Zeit so hart und empfindlich spurten: Eine Repräsentanz der gesammten Jndenjchaft Oesterreichs. Ein jüdisches Parlament hätte sich entwickeln tönnen, kos gktienei und imstande gl wesen wäre, die Führung des jüdischen Volkes mit träsliger Hand zu übernehmeu, und die uns mangelnde Vcrtrcung u» den öfftiulidjen Körpcrschasuu nach Möglichkeit" zu ersetzen. Dieses Ziel ober, das doch einer solchen Körperschaft mit NaturrwUucrdic.lcit gesteckt ist, hat man verblendet oder allzu ängstlich von vornchercin dadurch nnmöglich gemacht, dass man statruergemäß die Erörterung politischer und c u l t u r e l l e r A n g e l e g e n h e i t e »> ausschloss. So unglaublich diese Thalsache klingt, sie ist wahr. M an greift sich au den Kopf und fragt sich: Ja, was soll denn daun noch der Bund, wenn er in heutiger Zeit, in der die Judeuschast, vou allen Parteien und allen Völkern verstoßen, nach einer politischen Führung förmlich lechzt, eine solche verweigert? Dieses eine Moment allein macht den Bund schon zu einem? Torso, dem es au Bewegungsfreiheit mangelt und der deshalb ein kümmerliches, nahezu zweckloses Dasein fristen muss und wird. Und ferner! Wie wird diese Repräsentanz des Judenthums gebildet? Wir leben in einer Zeit, in der der Gedanke der wahren Volksvertretung auf Grund d i r e c t e r und allgemeiner Wahl in allen civilisierten Staaten immer mehr zum Durchbruche gelangt. Die erste jüdische Vertretungskörperschast Oesterreichs »st aber nicht aus d i r e c t e x Wahl hervorgegangen, sondern aus i n d i r e c t e r. Die C u l t u s v 0 r st ä n d e w ä h l e n ihren Vertreter in den Bund. Die Cultusvorstände sind aber selbst sehr oft alles eher als Volksvertretungen. Wer will etwa behaupten, dass der Wiener Agnes Jordan. Man wird selten über ein Stück soviel Widersprechendes gehört und gelesen haben, wie über dieses. Die einen wissen nichts mit ihm anzusangen, weil sie es nicht verstehen k ön»»e n, die anderen miss verstehen es, sei es aus Unverstand oder bösen» Willen, und beuten es tendenziös aus, die dritten aber, die es verstehen könnten, wollen es nicht. Und das sind gerade die, aus deren ureigenstem Leben heraus dieses Stück geschrieben ist. Denn „Agnes Jordan" ist ein Juden stück. Ein Stück mit jüdischem Milieu, mit jüdischen Charakteren und — ums wohl das wichtigste ist — mit Problemen des Judenthums. Zwei jüdische Typen stehen sich da gegenüber, und zwei Gewalten bekämpfen sich in ihnen. Agnes Jordan, die jüdische Mutter, die als Mädchen die keusche Inbrunst, die volle Heiligkeit und mächtige Reinheit des jüdischen Familienlebens in sich aufgesogen hat, unb ihre Ehe danach gestalten will. Und ihr Mann Gustav Jordan, der entjndete, verbcrlinisierte Jude, dem die Cnltur des Volkes, in dem er lebt und dem er sich anpassen will, nur in leeren, nichtigen Aeußerlichkeiten zum Bewusstsein kommt, der eitle Zierbengel, dem seine Haarsrisnr alles sein Familienleben nichts ist, der seine,l Kindern keinen Religionsunterricht ertheilen lässt, weil sie keine Juden seien, der Typus des decadenten Inden, der von» Stnnnne fällt. Das Stück ist ein Bild dieser entsetzlichen Ehe, eine kleine Geschichte des Kampfes dieser beiden Gewalten: des Decadenten, durch Aufnahme einer fremden, unverstandenen Cnltur degenerierten, moralisch versumpften, und des ur- Cultusvorstand, der auf Grund eines Wahlcensus von zehn Gulden Steuer auswärts gewählt wird, eine Volksvertretung sei? Diese gesiebte Zusammensetzung des Bundes macht ihn von vorneherein nicht zu einer Volkskammer, zu eincm jüdischen Abgeordnetenhause, sondcrn zu eincm jüdischen Herrenhaus. Zugegcbkn, dass bei jeder Völksvertretung ein Oberhaus wcgcn seiner retardierenden Wirkung nöihig sei. Aber was soll uns Inden ein O b e r h a u s, da wir noch kein Unterhaus haben? Wozu brauchen wir einen dnrchgesikbten Senat, wenn jvir noch keine D epu tier t e nkammer haben? Beginnt man politische Entwicklung etwa von rückwärts? Diese nnselige Zusammensetzung des Bundes hat auch sofort ihre nalürliche Wirkung gezeitigt. Die Führung der Körperschaft liegt bereits in Händen, die jedem modernen Juden als dazu völlig ungeeignet erscheinen müssen. Dieselbe Führung hat mehr denn einmal das jüdische Volk v e r führt, und ein nicht unbeträchtlicher Theil der schmachvollen Zustände, in denen wir jetzt leben, mag ihr, die sich uns aufdrüngt, zuzuschreiben sein. Und wenn man von alledem schon absehen möchte: Diese Führung ist zur selbständigen Erreichung des politischen und cnltnrcllen Standpunktes, dem die Jndcnschast Oesterreichs von der Wucht. .bfr thatsächlichen Verhältnisse zmückgcdrängl wird, einfach zu alt, geistig und k ö r p e r l i ch zu alt. Cie lebt nicht in der heutigen, der neuen Zeit, sie begreift dieselbe nicht, und selbst wenn sie dos könnte, sie physisch nicht imstande, jene Mittel zu ergreifen, die uns die Zeit vorschreibr. So repräsentiert sich denn der Jsraeliten-Bund als eine Körperschaft, die in ihren Statuten höchst mangelhaft, in ihrer Zusammensttznng nicht volksthümlich und in ihrer Führung nicht zeitemsprechend erscheint. Die volksthümliche Basis dieses lückenhaften Machwerkes fehlt, aber sie wird kommen, weil sie kommen muss. Die allgemeine Organisation derJudenschast Oesterreichs wird die ans volklichem Boden stehende Ergänzung des Bundes bilden, und die aus Grund directcr Wahlen erwählten Delegierten der Organisation werden das jüdische Abgeordnetenhaus bilden, zu dem der Bund, wenn er will, als Oberhaus hinzutreten kann. Wir erhalten von geschätzter Seite nachstehende Zuschrift, der »vir vor allen» deshalb Raum geben, weil sie Zeugnis ablegt von dem tiefen Bediirfnisse der Jndenschaft nach festem Zustnninenschlnsse, nach kräftiger Organisation und energischer Ab»vehr. „Deutsche Tüchtigkeit und Wahrheitsliebe, jungczechischer Freisinn, clericale Duldsamkeit und Nächstenliebe verbündeten sprünglich rassekräftigen, liebestarken, blühenden Judenthums. Und was das größte, ergreifendste ist an diesein Stück: Dieser Kampf wird nicht allein in Agnes Jordan und ihrem Gatten Gustav verkörpert, er wird in Agnes selbst d u x ch gekämpft. Allerdings nicht völlig a u s - gekämpft. Das Nassenproblem des Judenthnms ist die Selbstentäußerung des Individuums, das Aufgehen des Einzelnen in einer Gesellschaft. Zur Zeit, da die jüdische Raffe als Ration lebte, hat dies Problem sich gleichmäßig in Familie und Staat durchgesetzt. Deshalb spricht die mosaische Gesetzgebung immer von jedem Volksgenossen als: Dein Bruder. Als aber die jüdische Nation aufgehört hatte, ein Volk »vie alle Völker zu fein, da concentrierte sich diese Eigenthülnlichkeit vorzüglich in der Familie und wurde so zürn Bollwerk des Volkes. An» schärfsten und klarsten tritt das Problem in der jüdischen Frau in Erscheinung. Die lüdis che Frau hat kein Lebe»» für sich, für ihre Person. Sie verlangt es auch »»icht. Sie ist als Mädchen nur Tochter, als Frau nur Fmnilienmutter. Ihr Leben besteht jederzeit nur durch die Familie nnb in der Familie. Man hat im Judenlhum nie eine Frauenemaneipations- Bewegung gekannt, wohl aber schon bei de»» Griechen und Römern. Den»» das arische Raffen-Problem ist die machtvolle Entfaltung des Einzelnen, die starke Durchsetzung des Individuums in jeder gesellschaftlichen Institution. Es fordert gebieterisch das Leben für das Individuum »n»d lebt »vohl »n i t der Familie, doch nicht durch dieselbe. Agnes Jordan ist die Tochter eines jüdischen Hauses, in dem das erwähnte Culturelement des Judenthnms zur vollen Entfaltung gelangte. Es blüht stark »n»d kräftig in ihr auf. Aber sie hat auch Schiller und Goethe gelesen. sich irr Polna, gegen den alten Erbfeind den vernichtenden Schlag zu führen, die nach Licht ringende christliche Menschheit Oesterreichs vorn Judeuihmn zu retten. Die Saat, die sie in Polna gejäet haben, fängt an aufzugehen. In Holleschau ist Blut geflossen! Jüdisches nur destvegen nicht, »veil die Gendarmerie, den Ernst der Lage erkennend, auf die Plünderer und Brandstifter Feuer gab. Schuldige und Unschuldige »välzten sich in ihre»»» Blute, Familienväter und -Mütter, Opfer der maßlosesten, unglanblichsten Verhetzungen, »vre sie die czechische Intelligenz nnd die czechisch-antrsemitische Presse seit la^ Zeit betrieben, plarunäßig und wohlüberdacht, vor keiner vor keiner Roheit zurückschreckeud. In Holleschau Hab czechische»» Antisemiten ihr Ziel erreicht. Es »vnrde g1 geplündert,' niedergebrannt, verwüstet. Grant es den ge^ Anstiftern nicht vor den Früchten ihres Thuns? Fühle»» wahren Mörder der in Wsetin und Holleschau Gefallenen »licht Neue über ihre scha»»»losen Hetzereien? Eine kurze Pause ist ’ nach Holleschau unb Wsetin eilt* getreten. Und »vie benützen diejenigen, auf die das Volk zu allererst hört, die katholischen Geistlichen, diese Ruhe? In der letzten Sonntagsnummer (vom 29. Oktober) der „Ostravsko-Przivoske novyny“, Organ zum Schutze des katholischen Volkes int Misteker und den benachbarten Kreisen" (Wall.-Mcseritsch, Holleschau, Weißkirchen) erschien ein Leitartikel : „Gewagte Worte". Der Inhalt dieses Artikels ist ein Protest gegen den Sch»vur Dr. Güdeinanns, gegen seine Behauptung, „dass die Blutbeschuldigung eine niederträchtige, schändliche Fälschung der Wahrheit sei." Es wird versichert, „dass man sich über den Schwur Dr. G ü d e m a u n s »licht aufgehalten hätte, »venu er nicht gegen die Bl»»tbeschnldig»»ng in einer Weise aufgetreten »väre, die eine Beleidigung der höchsten kirchlichen Autoritäten, hochangesehener katholischer Schriftsteller, ja des ganzen katholischen Volkes bildet". Es ist grundverschieden, ob das „Deutsche Volksblatt" so etwas schreibt oder ein von Geistlichen geleitetes Landblatt. Es heißt »veiter: „Er (Güdernann) nannte die Blutbeschuldigung ohne Ueberlegung „eine niederträchtige Fälschung der Wahrheit". Gegen diese Behauptung müsse»» »vir uns ga»»z entschieden verwahren, denn sie entspricht nicht der Wirklichkeit und denThatsachen, und den feierlichen Acten höchster kirchlicher Aemt-.r. Wie gesagt, würden »vir uns mit dieser blutigen Angelegenheit nicht befassen, »venu uns das Auftreten Dr. Güdemanns »»icht dazu zwingen würde. .. Wir behaupten folgendes (vytvrd’ime toto): Schon vom 12. Jahrhunderte bis zu unserer Zeit, um eine sehr kleine Zahl anzngeben, tvnrden »veiligstens 60 geschichtlich beglaubigte Morde verübt, ivo Christe»», ausgenomlnen Kinder (nikoliv), aus religiösem Hasse von J»rden er»nordet wurden .. . Wir können in unseren Zeit»»ngsbericht nicht ganze Bücher hereinschreiben, nnd deslvegen nehmen »vir für unsere Behaupt»rng (tvrzeni) nur einen Fall . .. Und nun folgt die früher schon im „Deutschen Votksblatt" nach den Acten i»n Vatican wiedergegebene Geschichte des heiligen Sinion m Und der fremde Geist, der in diesen lebt, wirkt in ihr fort und kälnpft mit dem alten, ureigener», der ihr im Blute lebt. Der letztere ist es, der sie im ersten Acte, dem Bilde ihrer Hochzeit, sagen lässt, es sei ihr alles erfüllt, ul»» »vas sie gebetet habe. Der ist es, der sie uns im z»veiten Acte nach achtjähriger Ehe, in der sie redlich dafür kämpfte, sich ein Familienleben nach ihrem Sin»»e zu erringen, und ehrlich darnach strebte, ihre»»». Manne mehr zu sein, als nur das schöne Weib, zeigt, wie. sie in leidenschaftlichem Ausbruche ihren» Manne gegenüber für die gekränkte Ehre ihrer Familie, die zugrunde gegangen ist, eintritt und trotz seines Verbotes zu ihren Eltern halte»» »vill, »»»ehr denn je. Und zu wahrer Grcmdiosität erheben sich der dritte und vierte Act, in denen der innere Ka»npf zun» Ausbruche komr»»t. Nach siebzehnjähriger Ehe, in der sie alle Qualen der tiefsten Erniedrigung, der schmutzigsten Gemeinheit ihres Marines ihren Kindern zuliebe ertragen, wallt er überschäulneud in ihr auf, der Geist, der das Leben für sich verlangt. Der lässt sie als das Allerschliinrnste empfinden, dass ihr Mann sich von ihr fernhält, der lässt alles sich empören, »vas persö nl ich es Verlangen in ihr ist, der lässt sie anfangs das Ziel nicht sehen, das doch so tief in ihr lebt: Die Eroberung ihrer beiden Kinder. Und »vie das eine der beiden, der ältere Hans, die Hand gegen sie erhebt, geschieht, »vas bei einer wahrhaft jüdis ch e n Mutter niemals geschehen »vürde. Agnes Jordan entflieht ans den» Hause ihrer Qual, ihre»»» Manne, und — ihren Kindern. Und »väre dieser Geist stärker in ihr, als ihr altes Rassengefühl, sie »vürde s o »verden »vie ihr Mann. Wie er sie »nit jede»»» Dienstmädchen, das im Hause dient, hintergeht, »vürde sie ihn mit jede»»» Hauslehrer betrügen. Dieses fremde Wesen,