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Jüdisches Volksblatt · 1899-10-27 · 37 (27.10.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
37 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«edartton: YIII/1, SchlöyelgaffL 11. Eprrchsittnden: kln Wochentagen von 4 dir 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von lv bis 12 Uhr vormittags. Postadresse; IiidischeS BottSblatt, Wien, VIII 1. Vrsrhdvridrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter -zuNMung erbitten wir u»S dringend. — Manuskripte werden nicht znruikgcstrkit, Postsparcassen-Eonto »47037. In daS »Ibonneincnl '.an» man täglich eintreten. ErHkint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prvfscvmmisstvn. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Mosse, A. Oppclik, M. Pozsonyi, kl. Schalet in Wie», ferner alle vlnnoiicen-Expeditionen im MSlande. Einzel-Nmmner in Wien 8 kr. Kr. 37 Wien, 27. Oetober 1899. Abnnmstrackon: YIII/1, Schlöhelgnjse 11. Nboimeriientspreis: Iiir Wir» n. Oestcrrcich-llnstarn saminl Franeoziistellmig. Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 2.— Vierteljährig.fl. 1 — Für das gesanimte Ausland sammt Fraucozustcfliing. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig fl. 4.50 fl. 2.2^ fl. I. Jahrgang Aus zur Organisation! Wien, 27. Oktober. Der Spruch unserer Altvorderen, es müsste erst wieder ein Golus Übel' die Inden kommen, bevor sie lernen. Inden zu sein, scheint in unserer Zeit nur theiliveise zuzutresfen. Die Inden unserer Zeit sind ja schon wieder tief drin im Golus, wie die Ereignisse der letzten Tage beweisen. Inden sein aber wollen sie immer noch nicht. Ein kleiner Theil der Judenschaft beiheiligt sich am nationalen Leben, ein anderer Theil pflegt jüdische Religion. Der weitaus größte Theil der Judenschast aber steht dem liefen Weh, das unser Volk in den letzten Monden zu erleiden hatte, apathisch gegenüber. Alle Diese fragen wie jene schlechten, von denen in der Hagada die Rede ist; „was braucht „ihr" eine Organisation?" „Was braucht „ihr" ein.Judcmhum?" Dieses .„ihr", das die Ablehnung der Volksgenleinschaft documenticrt, soll andeuten, dass diese Mauthpächter in ihrer vermeintlich wettersicheren Bude sich nicht darum kümmern möchten, wer hinter dem Schranken steht. Als „Geduldete" fühlen sie die Märtyrer schaft ihrer Volksgenossen nicht; sie Hallen sich für mehr, weil zufällig die schmutzigen Wasser der Jndenhetze ihren Fuß noch nicht benetzt haben -und wollen es nicht wissen, dass Wasser kein Hindernis kennt, sondern sich über alles schließt, was ihm am Wege liegt. Heute, wie ehedem glauben zum Exewpel die Indem in Böhmen, sie wären mehr als ihre GlaUbensbrüdor in Galizien. Mit einem gewissen Patricierstolze sehen die nach der neuesten Pariser Mode Gekleideten auf den Kaftan herab; sie hassen ihn, weil er seine Stammeszugehörigkeit offenkundig erklärt, sie erblichen in ihm die Ursache des vergiftenden Hauches, der neuerdings durch das „civilisierte" Mitteleuropa zieht. Diese Thoren! Als ob Herr Schönerer nicht schon vor Jahren gepredigt hätte, dass nicht im Glauben, sondern in der Rasse die „Schweinerei" liegt, als ob nicht seit Jahren der Name Jude der Gegenstand des fanatischen Hasses der anderen Völker gewesen wäre! Ob aus Böhmen, Ungarn oder Galizien, ob in Tschamara, Kalpach, Frack oder Kaftan; der Jude bleibt in den Augen der anderen Völker Mitteleuropas immer der Jude: ein Gattungsbegriff für die bösen und verächtlichsten Eigenschaften, welche begangene Fehler einzelner und der traditionelle Hass auf die Gegenwart übertragen haben. Wer heute sage, ihn treffe der Fluch nicht, kann morgen schon mit dem gelben Fleck gebrandmarkt werden; wer sich heute dessen brüstet, dass er es nicht nöthig habe. zum Judenthume zu gehören, kann morgen schon nnt brennenden Wangen ins Ghetto gelaufen kommen. Da gibt es keinen Unterschied und keine Ausnahme, da gibt es nur ein gemeinsames Leid, eine gemeinsame Resignation, einen gemeinsamen Stolz und eine gemeinsame Zutuns 1. Wie sich diese gestalten soll, das hängt von uns ab. Wir alle müssen sie uns schaffen. Wenn der eine meint, die Juden dürfen keine Politik treiben; der andere predigt, die Juden dürften sich nicht als Nation abseits stellen; der dritte predigt, dieser oder jener Zionismus sei den Juden schädlich — was wissen sie alle von dem, was Judenthum ist und was es braucht! Sie denken nicht, denn wenn sie denken würden, müsste ihnen doch alsbald die Kindergeschichte von dem sterbenden Manne mit den Stäben einfallen, die einzeln gebrechlich, im festen ganzen unbesiegbar sind. Was fühlen sie vom Judenthwny diese — oft sehr ..-frommen" — Weisen, die dem Judenthum Rathschläge erlheilen wollen, wenn sie nicht fühlen, dass jetzt nicht die Zeit ist, -über d i e W e g e zu beratheiy die das Judenthum -abseits führen könnten von der civilisierten Menschheit, sondern nur d e r W e g zur festen Gemeinschaft zu suchen ist. Die Schafe drängen sich zusammen, wenn der Wolf droht; diese superklugen Juden aber, die immer den besten Raih haben, die wollen diese einfache Regel der Selbsterhaktung nicht -gelten lassen, weil sie fürchten.... Ja, was fürchten sie denn? Fragt sie doch, was sie fürchten!! Was haben denn die Juden .zu verlieren? Gesteht rnan ihnen ein Vaterland;$u? Das gleiche Recht des Staatsbürgers? Dasallgemein menschliche Recht? Für-wahr, es ist hohe Zeit hinauszuziehen. ins Volk und mit wuchtiger.Rede jene großen Rathgeber zu erschlagen, die hundert Mixturen für die schwere Krankheit haben, aber Leinen Arzt. Erschlagen wir sie und schrecken wir über ihre Mäuler zur Volkseinigkeit. Ist niemand da. der diese Arbeit lecket? Juderijmfolgrmgen in Oesterreich. Nicht unerwartet sind sie gekommen. Unsere Lage in Oesterreich erinnert ganz an das finstere Mittelalter, wo auf alles eine Judenverfolgung die Antwort war. Hat die Pest gewüthet, ist irgendwo Hungersnoth hereingebrochen, hat der Regierung Geld gemangelt — die Juden waren die Schuldigen, sie waren die Prügelknaben. Und wurde bei uns eine Sulamith. Von I. Bergmann. Kehrt man einmal in seine östliche Heimat wieder, zieht man sozusagen in die Ghettomauern wieder ein, so strömt das eigene Auge über das Ganze einen merkwürdigen poetischen Schimmer aus. Die Sehnsucht des innerlich zerrissenen, gebildeten Ghettojuden nach etwas Einheitlichem, Ganzem, Eigenem und Eigenartigem, das man dort in der Lebensanschauung und in der Cultur wiederfindet, haucht dem Ganzen eine Art Romantik ein. In diese Sehnsucht klingen freilich auch die von draußen mitgebrachte Verbitterung und Enttäuschung, die Liebe zu dem Alten, das Mitleid mit dem unsäglichen Elend der Vater und der Brüder, die täglich märtyrerhaft mit dem Hunger ringen und im Sterben leben, heiligend und verklärend hinein. Aber kaum genießt man einen Augenblick diese Romantik, wird man sich schon ihrer bewusst. Die Naivetät des Empfindens ist eben draußen verloren gegangen, ungestraft hat noch keiner die Seinen verlassen. Erfreut man sich an der alten Lebensanschauung wieder, an dem Volksleben, an den Liedern, Melodien und Dichtungen, flüstert einem sofort eine Stimme zu: „Weg mit den Stimmungen, weg mit den Empfindungen; das da ist für Dich eine wichtige Thatsache, das wieder ein wichtiges Datum. Sammle sie! Das führt Dich zur Erkenntnis der Volksseele." Dahin ist das Mitempfinden, es beginnt das Reflectieren! dahin ist die Poesie, nun fängt die Ethnologie an. Es ist dies auch eine Art Poesie, die sich aber nicht aus Stimmungen und Empfindungen zusammenseht, sondern auf Daten und Thatsachen gegründet werden will. Eine Poesie, die nicht weiblich zart und geisterhaft ist, sondern stark, in allen Gliedern und Füßen Eisen hat, durch das Reich der Thatsache und Gewissheit gewandelt, durch Reflexion abgehärtet wurde, um den Stürmen des Zweifels trotzen zu können. Ein ausgezeichnetes Gebiet, auf dem sich im Osten die jüdische Volksseele kundgibt, ist das jüdische Theater. Vorderhand ist dies auch noch mehr ein Forschungsobject für den Ethnologen, denn wahre Kunst kehrt in seine Hallen nur selten ein. Schon die Schauspieler. Irgendeine Schule existiert für sie nicht; sie werden nicht, sie sin d. Oft genügt ein Zeugnis über eine halbverfehlte Laufbahn, um auf die Bretter treten zu können. Diese „Künstler" sind die wahren Bohömiens; mit der Bohbme beginnt zumeist ihr Können. Das hindert freilich nicht, dass hie und da irgendein genialer Kerl mit tiefem Gemüth, sein empfindender Seele und echtem, großem Talente herausspringt, aber auch bei diesem wird man die Zucht, die Kenntnis der primitivsten Umgangsformen auf der Bühne und der primitivsten Technik vermissen. Man kann sie in dieser Hinsicht nicht mit den allzuviel berühmten Schlierseern und deren Naturschauspielkunst vergleichen. Denn deren Repertoire besteht aus Stücken, die aus ihrem Leben und ihrem Sinnen geschöpft sind, und sie pflegen nur sich selbst naturgetreu zu geben. Das geht aber auch ohne „Kunst". Das Repertoire des jüdischen Theaters dagegen besteht aus vielen historischen Stücken, bei denen ein Sichversetzen in die Vergangenheit ein Sichhineinleben in fremde Gestalten, ein geschichtliches Können unentbehrlich sind. Und doch ist das jüdische Theater ein wahrer „Kunsttempel". Die begeisterungsfähigsten aller Zuhörer sitzen da mit Andacht, jedes Wort, jede Melodie begeistert schlürfend, das willigste Werkzeug tu der Hand der Schauspieler. Sie finden gar keine Zeit über die Mängel nachzudenken; so leicht und so tief lassen sie auf sich wirken. Es gibt noch einen anderen Beweis für die starke und tiefe Empfindung dieses Publikums. Es gibt im jüdischen Theater fast kein einziges Stück, das Musik und Sprachen Verordnung erlassen, sind die Juden geschlagen worden. Und werden die Verordnungen anfgehvben, hat man wieder Judenexcesse, Plünderungen und Brandlegungen. Geht es den Bauern in Galizien schlecht, sind die Arbeiter in Chodorow unzufrieden oder ist der Ehrgeiz der Schlachta nicht befriedigt, geht es gegen die Juden los. Wir wollen die letzten Vorgänge in Böhmen und Mähren vorläufig nicht ans ihre Ursachen prüfen. Sei es das im Volke gereizte Nationalgefnhl, sei es der Ausfluss der antisemitischen Verhetzung durch Zeitungen, Broschüren, Lieder und Bilder, ihr Resultat wie ihre Moral bleibt sich gleich, solange die Juden sich an die Rockschöße fremder Nationen klammern, solange sie fremde Politik treiben, solange sie nicht i n sich selbst für sich selbst Schutz suchen und eine große, selbständige politische Partei bilden, solange werden sie immer der Sündenbock aller Nationen und Parteien bleiben, solange werden die Antisemiten wie auch die Socialdemokraten über sie herfallen und der unwissende Mob sie plündern und rauben, ohne dass sie rechtzeitig Schutz finden. Die letzten Vorgänge in Böhmen und Mähren legen blutiges Zeugnis dafür ab. Aber nein! Nicht nur die Raubthaten und Brandlegungen, nicht nur die Bestialität des verhetzten Bauern und Plünderers — die Artikel, die darauf in der antisemitischen Presse wie in der „Arbeiter-Zeitung" folgten, die beweisen es zur Genüge,, wie es niit uns hierzulande bestellt ist. Die beschuldigen nicht die thierischen Greuelthäter, sondern die Macht, die uns zu Schutze kam. Als wären wir wahrhaftig schon gesetzlich vogelfrei erklärt worden! Als ob wirklich auch der Schutz der Gendarmerie und des Militärs uns entzogen werden sollte, wenn Plünderer, Räuber und Brandleger über uns herfallen, nnser Hab und Gut zerstören und verbrennen! Als ob das Recht, mit dem ein jedes Thier seine Jungen, sein Nest vertheidigt, für uns Inden allein nicht da wäre! Es fehlen uns die Worte, um unserer Entrüstung über diese asiatischen Zustände Ausdruck zu geben. Die Thatsachen mögen sprechen. Nachstehend die Berichte. -i- * * Die Exeesse in Holleschau. Die Tagesblätter bringen Tag für Tag neue Berichte. Es ist nicht niöglich, sie alle wortgetreu wiederzugeben. In den furchtbaren Ausschreitungen gegen die Inden stimmen sie überein. Nur in kleinen Einzelheiten weichen sie voneinander ab. In Holleschau zeigten sich die ersten bedrohlichen Anzeichen schon Samstag nachmittags. Arbeiter der Druckerei des Lambert K l a b u s a y, der früher ein Deutsch-Nationaler Lieder vermissen ließe. Sonst wären feine Tage gezählt, das merken sich alle Dichter und Theaterdirectoren. Herbert Spencer bezeichnete einmal das Singen als ein Sprechen von stark condenfiertem Fühlen, und diesen sentimentalen Theaterbesuchern wäre ein gewöhnliches Sprechen aus der Bühne kalt und gefühllos. Die Musik — zumeist Liedermusik — ist nur wenig originell. Zumeist verarbeitet sie alte jüdische Nationalmelodien, viele Motive der russischen, ungarischen, zum Theile auch rumänischen Musik entlehnend. Immer aber geht sie zu Herzen, immer lyrisch ergreifend, immer melancholisch schmerzvoll, zuweilen stolz, trostlos. Die besten dieser Melodien sind zum Urquell zurückgekehrt, aus dem sie geflossen, sie sino wieder Eigenthum des Volkes geworden. Und noch eines. Es gibt im jüdischen Theater gar kein Stück, das nicht zumindest eine Hanswurstrolle enthalten würde. Man wird mir entgegnen, dass es so jedes echte Volksstück verlange, aber auch in „Bar Kochba", das als. eine ernste Tragödie gelten will, bei dessen erschütternden Scenen fast kein Auge thränenleer bleibt, tritt immer wieder störend ein Komiker, der Samaritaner Pappus, auf, zerstört die Jllusiion und verwischt den ernsten Eindruck. Ohne diese belustigende Figur jedoch wäre das jüdische Theater gar nicht zu denken. Das arme Volk dürstet nach Belustigung. Es hat in den schmerzensreichen Tagen das Lachen verlernt, seine Lachmuskeln könnten bald aus der Uebung kommen. Im allgemeinen kann gesagt werden: Es gibt kein gefühl- und hingebungsvolleres Publicum als dieses. Es lacht und weint wie es der Dichter oder Darsteller-will. Beioes aber bis zu Thränen. Ich trete ins Theater. Heute spielt man die jüdische „Oper" Sulamith. In letzterer Zeit hatte sie an Interesse gewonnen, seitdem sie im Kisfaludy-Theater in Alt-Ofen unter großem Beifalle des Publicums in ungarischer Bearbeitung gegeben wird. Sie ist wirklich eines der schönsten

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