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Jüdisches Volksblatt · 1899-10-13 · 35 (13.10.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
35 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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«edarlion: VIII/1, Schlötzelgaffe 11. Eprechstvnbenr An Wochentagen von 4 bis s Uhr nachmittag«; an Sonntage» von io bis 18 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« «ottSdlatt, Wie«, VIH|1. Beschwerden wegen veMSteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht zuruikgestellt. Postsparcasscn-Eonto »47087. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freiing unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrfsrvmmisfton. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DulcS, Hansenstein & Bögler, Rudolf Masse, «. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Gxpedittonen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Administration: YIII/ Aborinem« Für Wien n. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 58.— Vierteljährig.fl. 1.— 1. Schlöstelgasse 11. mtSpreis: Für das gesummte AnSland sammt Francoznstellnng. Ganzjährig.ff. 4.5® Halbjährig ....... fl. 58.2§£ Vierteljährig.fU 1.Ib> Kr. 35 Wien, 13. Oetolrer 1899. I. Jahrgang. Moderne Waffen. In dem vieltausendjährigen Kriege, welcher gegen uns Juden geführt wird, kamen verschiedene Waffen in Anwendung, wir aber vermochten von denselben Waffen keinen Gebrauch zu machen. In den alten, finsteren Zeitläuften, da noch das Faustrecht im Schwange war, wo Raub und Mord die Menschen zu Kriegen veranlassten, vertheidigten wir uns nach Möglichkeit und Thunlichkeü und mussten endlich unterliegen, da wir zu schwach und zu wenig zahlreich waren. Späterhin hat das rohe Faustrecht für seine Ausschreitungen einen Deckmantel gesucht, und die Verfolgung unseres Volkes nahm, je nach Zeit- und Landesverhältniffen, verschiedene Masken an: Bald war es die Religion, bald waren dies wiederum politische oder ökonomische Vorwände. Wir haben zu Vernunft und Gewissen als Waffen gegen jene Masken gegriffen, wir haben im Namen von Recht und Gerechtigkeit gestritten, Menschenrecht und Nächstenliebe waren unsere Geschütze. Viele Jahrhunderte kämpften wir mit dieser Waffe erfolglos, vergebens wendeten wir die schönsten Worte und edelsten Gefühle an. man schenkte uns kein Gehör, bis endlich die neue Zeit hereinbrach: Unsere Argumente sind a l l m e n s ch l i ch geworden, Menschenrecht und Nächstenliebe rangen sich allmählich siegreich durch, und auch wir erhielten die jahrtausendelang angestrebten Rechteallerdings nur auf dem Papier. Unsere Führer glaubten, nun sei der Kampf zu Ende, und wir waren es, die den Ruf: „Die Waffen nieder!" zuerst vernommen und befolgt haben. Unsere Führer riethen uns da, wir mögen uns zu assimilieren suchen, wir mögen nicht als Juden, sondern einfach als Menschen austreten, und alle Angriffe auf unser Volk in Ruhe und Stille ausnehmen; es werde schon besser werden — fo lautete ihr Trosteswon — nur schweigen und abwarten. Selbst dann, als die Antisemiten öffentlich gegen uns auftraten, in Volksversammlungen wie ( auch in den gesetzgebenden Körperschaften die blutrünstigsten Brandreden gegen uns gehalten wurden, unsere Nation und Religion auf das gröbste beschimpft und besudelt wurde, auch dann noch haben unsere Führer ihre Taktik nicht geändert und „Schweig eu!" war ihr Losungswort, „nicht antworten, nicht reize n", war ihr Rath, und wie jener Vogel, der die Augen schließt in der Meinung, er mache sich selbst dadurch unsichtbar, so schlossen unsere Führer, Vorsteher und Abgeordneten die Ohren und meinten, dass niemand mehr höre. Allein je beharrlicher sie schwiegen, je mehr sie sich entjudeten, desto heftiger wurde der Angriff, desto mächtiger wurde die antisemitische Bewegung, und Recht behielt Herr S. Mayer mit seiner vor Jahren schon gemachten Aeußerung, dass die Antisemiten mit ihren Brandreden uns lange nicht so viel geschadet haben als die jüdischen Abgeordneten durch ihr consequentes Stillschweigen. Eine Commsausschreibung. (Ein modernes Märchen.) Ein heftiger Wirbelwind stürmt durch die Gasse. Mit gewaltiger Machte ergreift er alles, was in sein Bereich kommt, erhebt es in die Höhe und wirbelt es zu den Wolken hinauf. Stroh, Holzsplitter und Papierschuitzel werden mit dem Gassenstaube zum Himmel erhoben, und darunter kann man ein bedrucktes Blatt unterscheiden, welches hoch in die Himmel hineiusliegt, sich ins Paradies drängt, um endlich in der Zelle, in der Moses und die Propheten ihren Aufenthalt haben, zur Ruhe zu kommen. Das Blatt war ein Zeituugsblatt und enthielt außer den Tagesereignissen die üblichen Annoncen. Moses, wie auch die Propheten, erblickten es mit Interesse und hoben es auf. „Neues von der Erde," sagten sie. „Es ist der Mühe wert, es zu lesen, zu erfahren, was dort geschieht, was die Menschen dort treiben und was unsere Juden machen." Sie lasen und fanden eine Coneursausschreibuug einer größeren jüdischen Cultusgemeinde, welche einen jüdischen Aeligonslehrer gegen einen Jahresgehalt von 1000 fl. sucht. Ueberrascht war Moses, überrascht waren die Propheten. „Der erste Neligivnslehrer der Inden war doch ich," bemerkte Moses mit Erstaunen. „Umsonst habe ich meine Lehren ertheilt. Ich wollte von ihnen nichts dafür und doch horchte man mir nur schwer, und nur mit vieler Mühe und Noth konnte ich ihnen etwas beibringen, und — siehe da! Jetzt zahlt man jährlich 1000 fl. für das Lehren meiner Thora. Meine Bücher sind so hoch geschätzt und geachtet, dass man nnen solch hohen Preis zahlt...." Diese Theorie ist durch die seither eingetretenen Thatsachen ad absurdum geführt worden, und die bisher beliebte Methode ist vollständig bankerott. Die Selbstverleugnung, das geduldige Ertragen der gröbsten Beschimpfungen unseres Volkes, unsere olympische Ruhe den unflätigsten antisemitischen Roheiten gegenüber und die Verweisung auf unsere geschriebene und papierene Gleichberechtigung — alles das hatte gar böse Folgen, und jeder ehrliche Jude, der noch Herz und Sinn für sein bedrohtes Volk hat, jeder, der die Schmerzen und liefen Demüthigungen des jüdischen Volkes fühlt, jeder, der die Augen öffnet und die herrschenden Verhältnisse klar überschaut, muss zur Ueberzeugung gelangen, dass die Parole: „Schweigen" uns unendlich viel geschadet hat und das Losungswort: „Auf zu den Waffen!" proclomiert werden muss. Zu den Waffen, Juden, zum Kampfe für unsere Rechte, Israel! Unsere Gegner benützen gegen uns die modernen Waffen, in allen Vereins- und Volksversammlungen, in allen öffentlichen Institutionen, in Gemeinderäthen, Landtagen und Parlamenten beschimpfen sie unser Volk, in allen ihr zugebote stehenden Zeitschriften, in Volksbüchern und Broschüren verbreiten ste die unglaublichsten Gerüchte und Verleumdungen gegen unsere Nation, unsere Religion. Zu denselben modernen Waffen, nämlich Volksversammlungen und Presse, müssen nun auch wir greifen, jedoch mit dem einzigen wesentlichen Unterschiede, dass wir diese Waffen nicht in solch schamlos r Weise missbrauchen wie unsere Gegner. Mit Verachtung und Geringschätzung blicken wir auf denjenigen herab, der diese Waffen in mittelalterlicher Weise missbraucht, der mit Lug und Trug, mit den erbärmlichsten Verleumdungen und mit menschenunwürdigen Schimpfworten gegen uns kämpft, welcher öffentlich bewusst lügt und die Presse zu einer gemeinen und feilen Denunciantin herabwürdigt. Mit modernen Waffen wollen auch wir kämpfen, Volksversammlungen und Presse wollen auch wir benützen zur Abwehr gegen die feindseligen gegnerischen Angriffe, zur Steuer der Wahrheit und der Gerechtigkeit, und wir wollen von diesen Waffen in v o l l st e m Maße Gebrauch machen: Blank und scharf muss unsere Waffe sein, die Versammlungen müssen Volksversammlungen im wahrsten Sinne des Wortes sein, frei und offen müssen allen die Thore stehen, es muss eine Organisation ins Werk gesetzt werden, die in allen Städten und Flecken, in allen Bezirken und Kreisen öffentliche Protestversammlungen und Straßenvemonstrationen veranstaltet, es muss eine wahrhaft jüdische Presse geschaffen werden, die ohne Scheu in offenen Kampf tritt, Licht und Wahrheit in sämmtliche Tagesfragen bringt, um die schamlosen und falschen Berichte mit aller Entschiedenheit und Schärfe zu Boden zu chmettern. Auch Jesaias, auch Jeremias, wie die übrigen Propheten waren ganz verblüfft. „Auch wir waren Neligionslehrer, und Verfolgung und Verachtung war unser Lohn." Moses kleidete sich in eine körperliche Hülle, verließ das Paradies, um auf die Erde herunterzusteigen. „Auschauen möchte ich es mir," sagte er zu den Propheten, „dann kehre ich §u Euch zurück und werde Euch von allem berichten." Mit dem Zeitungsblatte in der Haud suchte Moses die Wohnung des auf der Coucursausschreibung unterzeichueten Präsidenten der Cultusgemeinde auf und klopfte an dessen Thüre. Ein Stubenmädchen öffnete, und als er auf die Frage, wer er sei, mit lauter Stimme antwortete: „Moses der Gesetzgeber", eilte der Präsident ihm eutgegen, verbeugte sich tief, reichte ihm mit Ehrfurcht die Hand, und mit weichem Tonalle, voll Ergebenheit und fast unterthänig bat er ihn zu sich ins Sprechzimmer. „Was verschafft mir das Vergnügen, einen so ehrwürdigen Gast bei mir zuhause zu sehen? Mosche Rabbenu! Ich bin ganz hingerissen von der Ehre, die Sie mir machen! . . . . Was ist Ihr Verlangen? Mehr als in meiner Macht steht, bin ich bereit für Sie zn thun." Moses zeigte ihm die Coucursausschreibung und fügte demüthig hinzu: „Ich sehe, dass Sie einen Neligionslehrer brauchen; ich möchte diesen Posten annehmen." Im Nu hatte sich die Physiognomie des Präsidenten geändert. Die Demuth hatte sich in Stolz verwandelt, die weiche, sanfte Stimme hat eine gewisse Härte bekommen und die Augen, welche früher Neugierde ausdrückten, schauten mit Dies sind die modernen Waffen, die wir nun ergreifen, um den Kampf mit Erfolg und siegreich zu führen und mit der Hilfe des Herrn auch siegreich zu beenden. Zum Polnaer Mord. Protefiversammlrrrrg des „Jüdischen Vol-ksverein" in Wien. Die Protestversammlung des „Jüdischen Volksverein" in Wien nahm einen glänzenden Verlauf. Der Vorsitzende, Präsident des „Jüdischen Volksv e r e i n" Herr Hermann E l t b o g e n, begrüßt die Versammlung und stellt derselben den erschienenen Negierungs- Vertreter Herrn Dr. W a l k h o f f vor. Der Vorsitzende bespricht sodann den Zweck der Versammlung, die traurigen Folgen, welche sich an den Mord von Polna knüpften, und nach welchen die gesammte Judenschaft in lügnerischer, verleumderischer Art von Seite ihrer Gegner des Blutrituales geziehen werden. Gegen diese ehrlose Beschuldigung, gegen das Treiben der antisemitischen Presse und der von ihr verhetzten Bevölkerung' einen energischen, wirkungsvollen und nicht misszuverstehenden Protest einzulegen, ist der Zweck der heutigen Versammlung. (Lebhafter Beifall.) Hierauf ertheilte der Vorsitzende dem ersten Referenten, Herrn Rabbiner Doctor Bach, das Wort. Herr Dr. Bach verweist zunächst auf den Umstand, dass das Verbrechen eines Einzelnen, falls es überhaupt von dem Beschuldigten begangen wurde, der Gesarmnt-- heit der Juden zur Last gelegt wurde, und zwar unter Heranziehung der alten Legende vom Blutmärchen. Dieser Beschimpfung gegenüber, welche durch gar nichts zu erweisen möglich ist, ist kein Protest zn energisch und zu entschieden, es muss vielmehr die G e s a m m t h e i t d*e r I u d e n nicht nur in diesem beklagenswerten Falle, sondern in jeder Lage geschlossen bereit stehen, um jeden Angriff auf ihre Ehre in der gebärenden Art zurückweisen. (Stürmischer Beifall.) Der Redner skizzierte nun in kurzer und übersichtlicher Weise die Entstehung des Blutritualmärchens. Dasselbe fand seine erste Anwendung gegen die ersten Christen, welche verfolgt und deren Sitten und Gebräuche von den Römern misstrauisch beobachtet wurden. Das Abendmahl mit seinem Ritus, dem Gebrauche des Brotes und des Weines, gab Anlass zu dem Glauben, dass die Christen Blut bei ihren gottesdienstlichen Handlungen gebrauchen und es ihnen anbefohlen sei. Aus dieser albernen Annahme entsprangen jene entsetzlichen Christenverfolgungen unter den Heiden, welche geschichtliche Bedeutung erlangt haben. Das heilige Abendmahl selbst mit seinen Gebräuchen, wie es der Stifter der christlichen Religion mit seinen Jüngern theilt, wurde von einem der ersten Maler, von Lionardo da Vinci, für das Refectorium eines Klosters in Mailand gemalt und in unzähligen Reproductionen bildet es eines der gebräuchlichsten Bilder in christlichen Häusern. Bei seinem herrischen Blicken auf Moses herab. Er ist ja nur ein Religionslehrer, der von ihm einen Posten verlangt. „Es wird schwer gehen," meinte der Präsident. „Ja, Sie sind doch der Moses, der mit so großer Strenge die Sabbathruhe verordnete und und bei scharfen Strafen es verboten hat, an diesem Tage Geschäfte zn machen. So einen Mann kömren wir nicht als Neligionslehrer brauchen. Wir befolgen dieses Gesetz selbst nicht und unsere Kinder auch nicht. .. Sie entschuldigen, dass ich so offen spreche: Es geht einfach nicht". Ganz überrascht schaute ihn Moses an, und bevor er noch Worte fand, eine Antwort zn geben, erhob sich der Präsident des Cultnsvorstandes vom Sessel und fügte, stehend, hinzu: „Uebrigens bin ich nicht der einzige im Vorstande. Versuchen Sie es bei den übrigen Vnrstehern — Adieu!" Verwirrt verließ Moses das Haus des Präsidenten und beschloss, die übrigen Vorsteher zu besuchen. Den ganzen Tag brachte Moses mit diesen Besuchen zu, von einem Vorsteher zum andern. Ueberall dasselbe. Der erste Empfang war sehr herzlich, sehr entgegenkommend; aber als sie erfuhren, dass er um die ausgeschriebene Religionslehrerstelle concurriere, bekam er abschlägigen Bescheid. „Merkwürdig!" dachte Moses bei sich. „Merkwürdig! Alle finden Fehler in meiner Thora. Dem einen gefällt der Sabbath nicht und die jüdischen Feiertage, dem anderen, dass ich für die Armen so sehr gesorgt habe. Einem passt das Verbot des Wuchers nicht, der zweite ist auf das siebente Gebot bös . .. Und sie, sie alle nennen sich doch: Männer der mosaischen Religion".

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