Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 34 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt fi. October 1899 Seite 7 aufzubürdeu, dieses Verständigungsmittel einzig und allein die hehräische Sprache abzugeben imstande sei. Ich machte auch darauf besonders aufmerksam, dass gerade die Extensität unserer Diasporabewegung der Entfaltung unserer Sprache zustatten kommen werde, indem sie ihr jene Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit verleihen werde, durch welche alle Weltsprachen großgezogen wurden. Als Folge dieser Erörterungen ergab es sich, dass unsere Sprache keine Reliquie, auch k e i n O b j e c t bloßen l i t e r a rtz i st o r i s ch e n Interesses sei, dass sie in i h r e m LebenSübermnthe g r o ß m u t h i g auf alle P i e t ä t s d u s e l e i, die ihr von berufener u n d unberufener Seite e n t g e g e n g e b r a ch t w i r d, verzichten könne, dass sie nicht nur auf eine reiche Vergangenheit hinter sich, sondern auch auf eine große Zukunft vor sich schauen dürfe... Nun will ich auf einige Fragen eingehen, deren Beantwortung für die Illustrierung der voraussichtlichen Entwicklung unserer Sprache und Literatur nicht unwesentlich sein dürfte. Besitzt unsere orientalische Sprache, die sich seit so vielen Jahrhunderten der Belebung durch Conversation nicht mehr erfreut, hinreichende Elasticität. um die ganze Fülle vccidentalischen Denkens zwanglos wiederzugeben? Diese Frage könnte ich ganz allgemein, sozusagen a priori beantworten. Die Geschichte kennt ja kein Beispiel, dass eine Sprache infolge des ihr angeborenen Mangels an Geschmeidigkeit verkümmerte. Wenn irgendeine in ihrer Entwicklung zurückgeblieben ist, so geschah es deshalb, weil ihre Träger, das Volk, rückständig geblieben ist. Wo nur lebhafte Gedanken da sind, brechen sie sich auch stets Bahn, so dass man den bekannten Dichterspruch in sein Gegentheil umkehren möchte: Wo Gedanken da sind, da stellt sich auch das Wort zur rechten Zeit ein. Eine Sprache, so lange sie von ihren Trägern, vom Volke, nicht aufgegeben wird, ist ein treuer Spiegel, ein Barometer seines Geistes; sie theilt getreulich seine Schicksale: Blüte und Zerfall, Vergröberung und Verfeinerung. Darum nicht gesorgt! Sehen wir vor allem, dass wir recht tüchtige Probleme haben, dass diese Probleme de» Kern des Volkes treffen, seinen Geist in der Tiefe aufrütteln, machen wir zugleich das Hebräische zu ihrem Sprachrohr! Die Congrnenz von Inhalt und Form, Gedanke und Wort wird sich schon von selbst ergeben. Allein, abgesehen von dieser allgemeinen Auseinandersetzung, liefert uns die Geschichte unserer Sprache selbst den glänzendsten Beweis für ihr staunenswertes Anpassungsvermögen. Die Wandlungen, Häutungen einer Sprache, wie eines jeden organischen Productes überhaupt sind ohne Zweifel die Wirkung ihres Anschmiegungsbedürfnisses an die jeweiligen Cnlturzustände und zugleich das sicherste Criterium ihrer Lebensfähigkeit. Und nun, welch eine Fülle von Häutungen weist unsere Sprache schon in der Vordiasporazeit auf, von der primitiven, aber markigen, poesiereichen Bibelsprache bis auf die Mischna, jene lichte, mustergiltige Prosa, welche die ganze Compliciertheit der damaligen religiös-socialen Ideenwelt bis auf die feinsten Nuancen wiedergab. Und wenn wir dann unseren Blick auf die Diasporazeit selbst richten, wenn wir wahrnehmen, wie in unserer spanischen Blütezeit die hebräische Sprache einerseits in den Uebersetzungen der Jbn Tibon den ganzen Schatz griechisch-arabischen Denkens in sich aufnahm, andererseits in den unsterblichen Gedichten der (Moses) Ben- Esra, Gabirol und Halewi sie sich zwanglos an das herrschende Versgefüge anschmiegte, müssen wir da nicht von Staunen ergriffen werden ob ihrer proteusartigen Wandlungsfähigkeit? Freilich bemerken wir daun eine Reihe von Jahrhunderten hindurch einen gewaltigen Rückgang; allein dieser ist darauf zurückzuführen, dass infolge der Verfolgungen der Geist unseres Volkes in seine Ghettoschale sich zurückzog, welches Los den obigen Ausführungcu gemäß, auch die Sprache theilen musste. Und wenn wir gar den jähen Sprung ins Auge fassen, den sie im letzten halben Jahrhunderte machte, von der in ihrer Art bewundernswerten Nachahmung des Bibelstils eines M ap u bis zur fein schattierten, an die modernsten Gedanken angepassteu Ausdrucksweise eines A ch a d - H a a m, wenn wir sehen, dass die Gedanken von Lippert und Spencer in ein musterhaftes Hebräisch übertragen werden (man gewinnt dabei den Eindruck, als ob in dieser kurzen Spanne Zeit, dem bekannten biologischen Entwicklungs - Gesetze analog, der Geist unserer Sprache jene lange Entwicklungsbahn, von der Bibel bis auf die Uebersetzungen der Jbn Tibon nochmals zurückgelegt habe!), daun haben wir wahrlich keine Veranlassung, an der Geschmeidigkeit unserer Sprache zu zweifeln. Die Accommodativnsgabe unseres Volkes wurde vielfach bewundert, dies Lob gebürt aber auch in nicht geringem Maße seinem Producte, seiner Sprache. (Schluss folgt.) Eingesendet. «vielt, den 3. October 1899.! Wir erhalten nachstehende Zuschrift, für die der Einj sender vollauf die Verantwortung tragt. Löbliche Redaction! Ich ersuche Sie höfl. um Aufnahme folgender Berichtigung der in Nummer vom 22. September 1899 Ihres geschätzten Blattes unter der Rubrik „Eingesendet" von Herrn Markus R e i s z m a n n, Schneidermeister, II., Blumauergasse 11 de dato 17. September enthaltenen unwahren Mittheilungeu. Es ist unwahr, dass ich am 16. v. M., oder überhaupt an irgendeinem Tage im Beisein des Herrn Ludwig Grosz, Assecuranz-Beamter und Herrn Max B e t t e l h e i m, Cognac- Agent? — bezüglich Offenlassens meines Kaffeehauses am jüdischen Versöhuungstage folgende Aeußerung that: „Ich habe keine jüdischen Gäste und leiste auf einen jeden Juden Verzicht!" Ich habe Niemandem gegenüber diese oder eine ähnliche Aeußerung gemacht und verwahre mich e n ts ch i e d e n st gegen eine derartige Insinuation, die nur der überhitzten Phantasie des Herrn Max B e t t e l h e i m entsprungen sein kann. Dass mir Herr B e t t e l h e i m nicht gewogen ist, dürfte auf einige Vorkommnisse in meinem Kaffeehanse zurückzuführen sein, die ich in seinem Interesse besser verschweige. Ich gebe zu, dass mein Local von christlichen Gästen stark frequentiert wird, allein das kann mich absolut dazu nicht veranlassen, eine derartig wegwerfende Aeußerung über meine Glaubensgenossen zu machen. Ich überlaste es den anständig und objectiv denkenden Lesern zu beurtheilen, wer eigentlich an den Pranger gestellt zu werden verdient: Ich, der ich trotz Offenlassens meines Locales am jüdischen Versöhnungstage (unter ausschließlicher Aufsicht meiner christlichen Bediensteten) meinen religiösen Pflichten voll und ganz nachgekommen bin, oder die Einsender des famosen Briefes. Genehmigen Sie Herr Redacteur beit Ausdruck vollster Hochachtung, womit ich zeichne Josef R o t h m a n n Kaffeesieder und von der hohen k. k. Statthalterei eonceff. Realitäten- und Geschäftsvermittler II., Cirkusgasse Nr. 41. Herrn Directors Franz Böhm statt, deren reichhaltiges Programm sich stets ungetheilten Beifalles des zahlreich erschienenen, distinguierten Publicums erfreut. Lake 5o$ef Schuch II., Obere Donaustrasse 47 (vis-ä-vis dnr Augartonbrücko). Yier neue Seifert-Billards mit Präcisionsmantinells. Separierte Spielzimmer. — Vorzügliche Erfrischungen. Versäumen Sie ja nicht Leopold Bergers Restauration ll/3 Lilienbrunngasse 9 wöchentlich mindestens einmal zu besuchen. Sehen 8is sich die Ausstellung in GetrUnken an, Ctqnnan müssen Sie über die Fülle und Reichhaltigkeit des für Oiauneil wenig Gold Gebotenen. Sie nur die unübertroffenen Biere der weltberühmten Trinken Brauereien Xulmbaolior Petrbrüu, Orig. Pilsner und Lagerbier aus Drehers Brauerei. an 8ie sich mit einem echten niedorösterreichischen Wein diarKen ij4 Liter ron 9 kr. aufwärts. Wir erhalten nachfolgende Zuschrift, die zu veröffentlichen wir keinen Anstand nehmen. Löbliche Redaction! Ueberzeugt davon, dass Sie gerne eine gute Sache fördern, zumal, wenn es sich um einen armen Glaubensgenossen handelt, bitte ich Sie höflichst, folgenden Vorfall in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Ich war nach achttägiger Unterhandlung und vierzehntägiger, wohlüberstandener strenger Probezeit von H. Rix, Chef der Firma Anton Rix und B r u d er, als Commis acceptiert worden. Am Vorabende des Jom Kippur bat ich um 5 V2 Uhr meinen Chef, der selbst Jude ist, um Urlaub, um meine religiöse Pflicht erfüllen zu können. Der Chef sagte mir, dass alle gehen würden und erklärte mir dann, falls ich auf diesem Urlaube bestände, sei ich entlassen. Ich ließ mich trotzdem nicht abhalten, meiner religiösen Pflicht nachzukommen und wurde deshalb auch t h a t s ä ch l i ch entlassen. Dass keine andere Veranlassung vorhanden war, kann das Personal bestätigen. Indem Sie dies in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichen, erweisen Sie meinen Herren Gehilfeucollegen einen großen Dienst Private Interessen verfolge ich keine dabei, da ich blos moralisch geschädigt bin. Genehmigen Sie, geehrter Herr Redacteur u. s. w. A. W. (Der Name des Einsenders ist der Redactiou bekannt.) Für die Witwe des ermordeten A. Sternberg in Dolina sind ferner eingelanfen: Nathan Citron, Friedek, 50 Kreuzer; Ludwig Szczehacz, Holleschau 5 Gulden; A. V., Beraun, 5 Gulden. MMheUuugen ans dem Publicum. I n I. H i r f ch' P r a ch t f a a l „Z uHt goldenen Widde r", II., Tabor straße 30, finden heute und t ä g l i ch V o r st e l l u n g e n der Neuen Wiener O r p h e u m - G e s e l lf ch a f t, unter der Direction des Kaffeeu. Thee- Versandt-Haus KARL PERLES Wien, XVI., Grmidstemgaffe Ar. 61, offeriert: fl. fl- 1 Kilo feinst Santos- Kaffee, roh 1.10, gebrannt 1.30 „ „ „ Nio-lave- „ „ 1.25, „ 1.48 „ . . 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