Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 33 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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hren Ledartion: Y1I1/1, SchlüffelA^st^ 11. Sprechstunden r An Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr vormittags, postaireise: Jüdische- Volksblatt, Wien, VII,,1. Vrfchwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuscrtpte werden nicht zuriikkgefteklt. Postsparcassen-Conto 847087. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erslhemt jedck Freitag unter Mitwirkung der vom jüdiftlren Volksverein erwähnen Ptrsorornmisfton. Inserate übernehmen die Firmen: I, Danneberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonhi, A. Tchalek in Wien, ferner alle Annoncen-Ezpeditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Administration: MUß, Srhlöffelgasto H. Abonnementspreis: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. 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Auf der Gaffe wird geklagt über das Unrecht, das einem Volke oder einer Partei widerfährt, auf der Gaffe werden die Proteste erhoben gegen gesetzliches oder ungesetzliches Unrecht, von der Gasse aber kommt auch die Wirkung. Nur wir Juden sind gewöhnt, zu leben in der Gasse, nicht a u f der Gaffe. Wir wollen durchaus vornehm sein, still und ruhig zuhause sitzen, selbst dann, wenn die Taktik: Hinaus auf die Gasse uns einzig Heil bringen könnte. Wir sprechen von der Affaire Polna. Nicht der Process an und für sich erregt uns. Ganz gleichgiltig könnte es uns sein, wenn es sich um die Person eines Hülsner handeln sollte, wenn es sich nur um eine Mordthat, nur um die Bestrafung eines Mörders, ob derselbe Jude ist oder nickt, drehte. Wir wissen aber, was die Antisemiten mit diesem Processe treiben, wo das alles hinauszielt, welche Schlüffe sie ziehen und welche Folgen möglich sind. Das ganze jüdische Volk, möchten wir sagen, stand vor dem Kreisgericht Kuttenberg, und das ganze jüdische Volk soll wegen Ritualmordes verurtheilt worden sein. Das ist keine private Angelegenheit mehr, das ist nicht mehr die Verurthrilung eines Mörders, es handelt sich nicht mehr um Hülsner oder irgendjemand anderen — es handelt sich jetzt um uns alle. Schwarze Wolken bedecken unseren ganzen Himmel, und da begnügt man sich mit ein paar papierenen Protesten. Da will man das abthun mit einer kleinen Vorsteher-Versammlung bei sich zuhause, mit dem Vorsprechen einiger Männer beim Minister! Mit dem alten talmudischen Rath rufen wir:Hinausaufdie Ga s s e! Große jüdische Versammlungen, Volksmeetings müssen veranstaltet, Massendeputationeu entsendet werden. Das ganze jüdische Volk muss wie ein Mann protestieren, gegen diese Verleumdung mit den schärfsten Mitteln auftreten und Ein polnischer Jude, ein Haupttheilnehmer an dem amerikanischen Freiheitskriege.') Nach dem Hebräischen von M. W. N e i s i n. Autorisierte Uebersetzung von F. Brenner, Czernowitz. Zur Zeit der großen amerikanischen Revolution (1775-1783 lebte in Philadelphia ein Mann namens C h a i m S a l o m o n, der sowohl durch seinen Reichthum als insbesondere durch seine Mildthätigkeit weit bekannt war. Als sich nun die Amerikaner gegen die drückende Herrschaft der Engländer erhoben, erklärte sich Salomon bereit, den Insurgenten mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln beizustehen. Wie weit er sein gegebenes Versprechen einlöste, beweist der Umstand, dass er ihnen nicht nur sein ganzes Vermögen zur Verfügung stellte, sondern es sogar wagte, sich in die Mitte der Feinde zu mengen, um die geheimen Pläne derselben genau zu erforschen. Und oft konnte er nur mit Mühe der Todesstrafe entgehen. Solche und noch andere rühmenswerte Thaten vollführte dieser Mann aus Liebe zum Rechte und der Gerechtigkeit, der Freiheit und Unabhängigkeit. Und dieser Mann, dessen Name in allen Vereinigten Staaten in der Liste der allergrößten Patrioten prangt, der ein Haupttheilnehmer an dem Entstehen der großen Republik der Vereinigten Staaten auf Grund wohlüberlegter Gesetze und Einrichtungen, auf denen sie noch heute fußt, war, war ein Jude, ein polnischer Jude. Aus einem kleinen und armen Städtchen in Polen wanderte er nach Amerika aus und schlug sein Domicil, wie schon eingangs erwähnt, in Philadelphia auf. Ueber diesen Mann und seine herrlichen Thaten haben besonders in den letzten Jahren die hebräisch-engli- ') Gerichtet an Se. Ehrwürden Herrn Dr. Gustav Gottheit, Rabbiner der Gemeinde „Jinui El" in Neiv-Uork, zu seinem 71. Geburtstage am 28. Mai 18'J8. gegen das Treiben der Antisemiten laut und energisch Einspruch erheben. Aber ein Führer muss vorhanden sein, der an der Spitze steht! Und wer ist berufen, ein Führer zu sein? Möglich, dass die jüdischen Cultusrepräsentationen es nicht gut sein können. Schon ihre Reputation und Stellung als Behörde verhindert vielleicht sie, öffentliche Versammlungen einzuberufen. Aber wo sind unsere Cultusvorstände acl persormm? Weshalb unterlassen sie es, die gewählt wurden, unseren Cultus zu wahren, unsere Cultur zu schützen, sich an die Spitze unseres Volkes zu stellen, eine große Action einzuleiten? Warum finden sich bei uns nicht Männer, die im Volke leben und für das Volk etwas thun wollen? An der Affaire Polna mögen wir sehen, wie sehr uns Juden in Oesterreich eine jüdische Organisation fehlt. Hätten wir eine solche, dann könnten wir nicht nur in Wien oder Prag, sondern in den größeren Städten aller Länder Oesterreichs Volksversammlungen abhalten, um aus allen Ecken und Winkeln der Monarchie schreiende Proteste der Regierung in die Ohren gellen zu lassen. Aber wir besitzen leider noch keine geschloffene Organisation. Und nur auf diesem Wege, durch diese geschriebenen Zeilen müssen wir unsere Männer ermahnen an die Pflicht, die jetzt an sie herangetreten ist. Jetzt ist es an der Zeit, da sie als wirkliche Große sich zeigen mögen, als wahre Vorsteher des jüdischen Volkes. Hinaus aus den Palästen, hinaus aus den Salons und Comptoirs, hinaus aus der Zurückgezogenheit! Kehrt Euch dem Volke zu, stellt Euch an seine Spitze, leitet eine große Action, tragt den Schmerz und den Protest des Volkes hinaus auf die Gasse. Zu den „Geständnissen" Hülsners. Die Nachricht, dass der von den Kuttenberger Geschworenen der Theilnahme an dem an Agnes Hruza verübten Morde schuldig gesprochene und vom Gerichtshof zum Tode durch den Strang verurtheilte Leopold Hülsner ein Geständnis abgelegt habe, wurde von einem Theile der Presse als eine sensationelle hingestellt und von den antisemitischen Zeitungen sogleich in ihrem Sinne ausgebeutet. Wie ein Triumph der Antisemiten wurde von dieser Seite das angebliche Geständnis Hülsners gefeiert und in demselben eine Bestätigung all der Darstellungen erblickt, die von antisemitischer Seite über die Ausführung des Mordes gegeben scheu Schriftsteller in Amerika sehr viel geschrieben, und auch ich will jetzt den geehrten Lesern die berühmten Thaten und gewissermaßen auch die Biographie —soweit diese mir überhaupt bekannt ist — dieses großen Mannes vor Augen führen. Mein Wunsch und Bestreben geht dahin, diese Zeilen nicht nur als Gedenkblatt der jüdischen Geschichte für den Mann niederzuschreiben, der den Namen Israels vor dem Volke des Landes gehoben und aufs eclatanteste gezeigt, dass auch der Jude das Land, in dem er wohnt, vollauf liebt und immer bereit ist, sein Leben und Vermögen für das Wohl seines Landes zu opfern, sondern auch die Behauptung der deutsch-amerikanischen Juden, die da behaupten, dass sie nur allein wahre Patrioten sind, sie allein alles, was in ihrer Macht stand, gethan, und noch jetzt für dieses ihr neues Vaterland thun, und der russische und polnische Jude — kein Mensch ei und nur des Bettelns halber nach Amerika komme, gänzlich nichtig zu machen und den Wert derselben vollauf zu entkräften. Die deutschen Juden stehen zwar in materieller Beziehung und durch die Regelung ihrer Verhältnisse höher als die russischen und polnischen Juden aber in geistiger Beziehung, in Sentimentalität, kommen sie diesen nie gleich. Ein Beweis hierfür ist Chaim Salomon. * * * Chaim Salomon war geboren im Jahre 1746 in dem kleinen Städtchen Lisa in Polen. Von seiner frühesten Jugend haben wir keine Kenntnisse, und seine berühmten Thaten sind erst aus seinem neuen Heimatsorte Amerika bekannt, wo er sich in seiner Jugend niedergelassen und sich einen in der Weltgeschichte dieses Landes unvergänglichen Namen erworben hatte. Wahrlich räthselhaft erscheint uns dieser Salomon, und einem jeden bleibt es unerklärlich, dass ein polnischer Jude zu einem solch wurden, und eine Bekräftigung all der Folgerungen gesehen, die von dieser Seite in der weiteren Fructificiernng des begangenen Verbrechens gezogen wurden. Nun galt es ja als erwiesen, dass der Mord von mehreren Inden planmäßig ausgeführt, und man wusste sogar schon zu berichten, auf welche Weise das „gewonnene" Blut weggeschafft worden sei. Ja, gewissermaßen als höchster Trumpf, als eine Art „Bestätigung von autoritativster Seite" wird die Nachricht verbreitet, der Staatsanwalt von Knttenberg, Oberlandesgerichtsrath Doctor Schneider-Sw oboda, habe in einer Ansprache an die Geschlvorenen, die er anlässlich des Schlusses der Schwnrgerichtssession gehalten, gesagt, das Geständnis Hülsner habe gezeigt, wie richtig die Geschworenen geurtheilt hätten. Es ist klar, dass diese Nachricht ganz unwahr ist; weder stimmt das angebliche Geständnis Hülsners mit der Anklage und dem Urtheile überein, noch auch ist glaublich, dass der Staatsanwalt sich selbst und den Geschworenen öffentlich ein derartiges Armutszeugnis ausstellen werde. Denn es wäre ein offenes Einbekenntnis der Schwäche der Begründung der Anklage und des Mangels an Gewissenhaftigkeit bei Fällung des Schuldspruches, wenn der Ankläger sowie auch die Geschworenen gewissermaßen zu ihrer eigenen Beruhigung sich auf ein „nach abgenrtheilter Sache" eingetretenes Ereignis berufen müssten. Aber nicht mit den Antisemiten wollen wir rechten, noch auch uns bemühen, sie eines Besseren zu belehren; das wäre nutzlos vergeudete Arbeit. Wir wollen nur jenen aus unserer eigenen Mitte entgegentreten, welche der Ansicht sind, dass durch die Geständnisse Hülsners eine neue Situation geschaffen sei, und dass nunmehr die Publicistik die weiter^ Klärung abwarten müsse. Für uns war die Frage der Schuld oder Nichtschuld des Hülsner stets von untergeordneter Bedeutung, unsere principielle Stellung zur Sache erleidet somit keine Aendernng, selbst wenn nachträgtich die untrüglichsten Beweise der Schuld des Verurtheilten zutage gefördert werden sollten. Weder wird dadurch die Schmach getilgt, welche dem Judenthume und dem ganzen jüdischen Volke dadurch zugefügt wurde, dass im Gerichtssaale zwar nicht offen, aber in verhüllter Form und darum in desto feigerer, hinterlistigerer, niederträchtigerer Weise ein Verbrechen, dessen ein einzelner Jude zwar beschuldigt, jedoch nicht überwiesen wurde, nicht nur der Gesammtheit imputiert, sondern sogar als ein Act der Ausübung des religiösen Cultus des Judenthnms hingestellt und ein verkommenes Snbject, nur um in demselben die Gesammtheit der Juden zu treffen, zum Mandatar, zum Functionär der Gesammtjudenschaft gestempelt wurde; noch auch wird die Thatsache aus der Welt geschafft, dass ein Mensch, und wäre er auch der letzte und verlottertste, in unserem Staate zum Tode verurtheilt wurde, ohne dass auch nur der Schatten eines Befeurigen amerikanischen Patrioten umgewandelt wurde. Ich durchstöberte alle Encyklopädien und Bücher, die über Salomon und seine patriotischen Thaten sprechen, und konnte zwar nichts Wesentliches über dessen religiöse Gesinnungen herausfinden, aber als Jude, der viel über die Lage der Juden in Polen vor hundertfünfzig Jahren, über ihren großen Fanatismus und ihren Hass und die Abneigung, die sie gegen jede fortschrittliche Regung an den Tag legten, gelesen hat, muss ich mit logischer Consequenz schließen, dass auch Salomon, wie alle anderen Jünglinge der kleinen Städte Polens jener Zeit, frommen Eltern entstammt und nach streng religiösem Ritus auferzogen ward. Was aber den äußerst fromm auferzogenen Jüngling mit den gelockten Haarbüscheln und im langen Kaftan veranlasst haben mochte, sein Vaterland zu verlassen und in ein so weites Land, das zur damaligen Zelt den Juden Polens ganz unbekannt war, zu ziehen, das ist und bleibt ein Räthsel. Das Jahr, in welchem Salomon nach Amerika kam, ist nicht bestimmt. Soviel steht nur fest, dass er vor Ausbruch der großen Revolution in Philadelphia ein großes Bankinstitut leitete und dass es ihm gelungen war, sich ein beträchtliches Vermögen zu ersparen. Nach einer nach jeder Richtung glaubwürdigen Quelle soll Salomon gemeinschaftlich mit den polnischen Generalen Pulski und Kusczinsko, die unter dem Commando des Generals Washington gegen die Engländer kämpften, nach Amerika gekommen sein. Salomons Name wurde erst am Congresse zu Washington im Jahre 1775, als die Meldung überbracht wurde, ein gewisser Chaim Salomon sei in New-Aork von den Engländern ergriffen und in den Kerker „Prowost" geworfen worden, bekannt, lieber dieses Ereignis schrieb Salomon selbst im Jahre 1778 an den Congress Folgendes: SWWK. :> '