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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-22 · 32 (22.9.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
32 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Krdnrlion: VIII/1, SchlvffelgaHr II. Sprechstunden r Kn Wochentagen von d bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches Bolksblatt, Wie», VIII,1. Vesrhivrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Maiinscrtpte werde» nicht znrükkgcstellt. Postsparcasien-Conto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag : unter Mitwirkung der vnm jüdiftizru Volks- Verein erwählten Pri'fscormmsston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DutcS, Haasenstein L Vogler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsouhi, A. Schalek in Wien, fenier alle Annoncen-Expeditioncn im AnSlande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. <&- Administration: VIII/1, Schlöfzelgasse ll. Abonnementspreis: Für Wien ». Oesterreich-Ungarn Für das gesamu:tc 4l»sland sammt Francoznstellung. Ganzjährig Halbjährig Vicrtehährig fl. 4.- fl. 2.- fl. i - sammt Fraueozustcllung. Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 58.25 Vierteljährig.fl. 1.15 Ur. 32 tien, 22. Keptemker 1899. Iahrgan Blut wird gesucht... Hülsner ist verurtheilt, zum Tode durch den Strang verurtheilt. Nach Neunes — Kutteuberg, nach Dreyfus — Hülsner. Und dort wie da verzeichnen die Antisemiten Erfolg. Und der letzte sollte sogar der stärkere sein. Der will ja Blntspuren hinterlassen. Hülsner wird zum Tode verurtheilt und die „Nowojo Wjremja“ lässt sich aus Wien telegraphieren, dass das Blutmärchen in Kuttenberg gerichtlich erwiesen wurde. Wie das „bewiesen" wurde und wie weit es die Antisemiten gebracht haben, der Wahrheit ins Gesicht zu spucken und Lüge und Falschheit auf den Thron zu erheben, das ist ja alles wohl bekannt. Genug an dem, dass selbst der Staatsanwalt im Polnaer Process das „fehlende Blut" als einen deutlichen Hinweis auf das Motiv des Mordes benützte. Das Blut wird gesucht — müssen auch wir nach alledem ausrufen. Nicht das Blut, das im Walde bei Polna von mörderischer Hand vergossen wurde. Nicht das Blut des ermordeten Mädchens, welches die Erde schon längst verschluckt hat. Nur das lebendige Blut im Herzen der Menschen suchen wir, das Blut, das nicht aufkochte und aufbrauste bei diesem Falle. Das lebendige Blut in den Adern aller rechtdenkenden Menschen, das nicht empört werde angesichts dieser Hetzereien von Menschen, die bewusst lügen und mit Absicht verleumden! Wo ist ferner das jüdische Blut bei unseren „Großen", die schweigen und ruhig in ihren Salons ihre Cigarre rauchen, ohne das Treiben unserer Feinde zu sehen und zu hören, ohne zu verstehen, wie weit es noch kommen kann, wenn wir uns nicht aufrichten zu elb st Hilfe undeigenem Schutz! Nicht im Walde bei Polna fehlt das Blut! Bei uns fehlt es, das lebendige, heiße Menschenblut! Das Blut unserer Großväter ist unbarmherzig vergossen worden, weil sie treu blieben ihrem Glauben und ihrem Volke. Sie haben nicht Scheiterhaufen noch Folterqualen gefürchtet, wenn es sich um Erhaltung des Judenthums handelte. Ihr Blut ist für Gott und Volk vergossen worden. Ihr Muth war unser Erbtheil und bis jetzt haben wir aus diesem heroischen Martyrium Leben und Ausdauer geschöpft. Sollte das alles gerade jetzt bei uns verloren gegangen sein? Und unser Volk blutlos und unsere Männer herzlos geworden? Das Blut wird jetzt gesucht, gesucht zur nationalen Selbsterhaltung, um als Volk leben und bestehen zu können. Als Juden wurde einst unser Blut vergossen und «ls Juden werden wir für das „fehlende Blut" des ermordeten Mädchens verantwortlich gemacht. Das Blut im Walde bei Polna schreit zu uns, als Juden abzmvälzen die furchtbare Schmach, die uns als Menschen angethan wurde, als Juden zu kämpfen für unser Menschenrecht. Die Judenschaft Oesterreichs hat aufgeschrieen vor Entsetzen, als ein verruchter Mund es wagte, uns die Anklage des Ritualmordes entgegenzuschleudern. Aber der jüdischen Patrioten bemächtigt sich ein banges Schmerzgefühl. Denn sie hören sonst nichts als diesen Schrei des Entsetzens und an ihr geängstigtes Ohr dringt der Schrei aus dem Blute im Walde bei Polna: Jüdisches Blut wird gesucht. Zum Polnaer Process. Zum ärztlichen Bemeisverfahren. Von Dr. S. Kornfeld, emer. Primarius der mähr. Landes-Jrrenanstalt. Der am 16. d. M. vor dem Schwurgerichte in Kuttenberg zu Ende geführte Process hat für uns Juden nur das positive Ergebnis geliefert, dass er uns die Intensität des gegen die Juden im allgemeinen, nicht nur im „Volke", sondern auch in den Kreisen, die als Repräsentanten der höchsten Bildungsstufe gelten, herrschenden Hasses wieder einmal recht lebhaft zum Bewusstsein zu bringen vermag, und dass er uns lehrt, wie falsche Beschuldigungen, deren Grundlosigkeit unzähligemale dargethan ist, immer wieder aufs neue vorgebracht, in weiten Kreisen Glauben finden. Sonst o]?*. hat der Process in allen objecuven Beobachtern — und nür^Juden haben gegenüber der Frage der Schuld oder Unschuld des Leopold H.ülsner absolut keine Veranlassung, uns anders als objectiv zu verhalten — nur Zweifel und ungelöste Fragen zurückgelassen. Keineswegs wurde durch die Verhandlung Licht in die Sache gebracht und das Eingeständnis, dass das Verbrechen nicht aufgeklärt sei, liegt schon im Urtheile, welches den Angeklagten der Theilnabme am Morde schuldig spricht, und damit noch andere, bisher unbekannte Thater voraussetzt. Dieses Urtheil selbst, welches eine Hypothese einschließt/ zu deren Unterstützung die Verhandlung keinerlei sichere Thatsachen erbracht hat, gründet sich auf ein Beweisverfahren, welches viele Annahmen, Vermuthnngen, Möglichkeiten, aber wenig positive Facten ergeben hat. Selbst dort, wo rein sachliche Fragen in Betracht kommen, begegnen wir nur Hypothesen, so dass der Process, statt Aufklärung zu bringen, nur Zweifel angeregt und Fragen aufgerollt hat. Von der Schuld oder Nichtschuld des Angeklagten ganz zu schweigen, nicht einmal die Todesursache ist in einer über allen Zweifel erhabenen Weise fejtgestellt, demr auch die Gerichtsärzte haben, soweit nach den Zeitungsberichten zu urtheilen ist, statt ans den von ihnen festgestellten Thatsachen Schlüsse zu ziehen und dieselben an der Hand der gesicherten Resultate der heutigen Wissenschaft zu begründen, vielfach nur unbeweisbare Vermuthungen und Annahmen entwickelt. So ist das allgemeine Gefühl, das die Beendigung des Processes hervorgerufen, das Bedürfnis nach weiterer Klärung und es sei auch mir gestattet, von den vielen Fragen, die sich mir bei Lectüre der Zeitungsberichte aufgedrängt, einige vom ärztlichen Standpunkt aus zu beleuchten. Bleiben wir gleich bei der im Urtheile enthaltenen Hypothese stehen, dass der Mord von mehreren Thätern verübt wurde, so suchen wir vergebens nach irgendwelchen Thatsachen, die zu deren Bekräftigung vorgebracht wurden. Sowohl die Anklageschrift als auch die Sachverständigen gehen von dieser Annahme aus, gegen die absolut nichts einzuwenden wäre, wenn etwa nachgewiesen werden könnte, dass gleichzeitig verschiedene Verletzungen erfolgt sind, die unmöglich von einem Menschen allein herrühren können oder dass Spuren zurückgeblieben sind, die beispielsweise Fußspuren, Eindrücke von Händen, die nur mehreren Thätern angehören können. Aber derartige zwingende Gründe zur Annahme mehrerer Thäter werden weder von der Staatsanwaltschaft, noch auch von den Sachverständigen angeführt. Weder der Umstand, dass die Ermordete besonders kräftig war, zwingt zur Annahme mehrerer Thäter, da es sich offenbar, wie sich aus dem Fehlen von Zeichen geleisteter Gegenwehr ergibt, um einen Ueberfall handelte, noch auch zwingen die mehrfachen Verletzungen hierzu. Die Sachverständigen geben selbst die Reihenfolge an, in welcher die Verletzungen beigebracht worden sein dürsten; zuerst sei das Mädchen durch Schläge auf den Kops betäubt worden, dann sei ihr die Schlinge um den Hals geworfen worden und endlich sei die Schnittwunde am Halse zugefügt worden. Sicher ist, dass die Schlinge um den Hals gelegt wurde, ehe der Schnitt geführt wurde, weil der Strick angeschnitten war und auch die Kopfverletzungen sind höchst wahrscheinlich vor dem Halsschnitte erfolgt, denn das ergibt sich aus der reichlichen Blutung, von der dieselben begleitet waren, aus der an der Außenseite des linken Armes gefundenen, langgestreckten Blntuttterlaufung, offenbar daher rührend, dass die Arme gleichsam zur Abwehr der auf den Kopf niedersausenden Hiebe emporgehoben wurden, sowie aus dem Mangel von Zeichen geleisteter Gegenwehr, die darauf hinwiesen, dass zu allererst eine Verletzung, die Bewusstlosigkeit unmittelbar zur Folge hatte, meuchlings beigebracht wurde. Ist aber diese Reihenfolge, die die Sachverständigen selbst aufstellen, richtig, dann fehlt jede Röthigung zur Annahme mehrerer Thäter. Ein Manu allein konnte recht wohl durch Hiebe mit einem Knüttel auf den Kopf das Mädchen bewusstlos machen, sie sodann mit dem (F u g e n d e r i n n e r uitgc 11.) Wieder ist das schöne „H ü t t e n f e st" gekommen. In mir erwacht die Erinnerung an alle Freudentage und -abende, welche ich in meinem Vaterhause — altorthodoxe Juden in einen» kleinen Städtchen Polens — während dieser Tage durchgemacht habe. Wieder taucht die Erinnerung an meine Jugend-Collegen im Beth-Hamidrasch in mir auf, an all das Lustige, rvas wir in diesen fröhlichen Tagen getrieben haben. Aber ebenso kann ich bis zum heutigen Tage nicht den kindischen Spass vergessen, welchen wir uns mit unserem „Chawer" (Collegen) Schmerl erlaubten, der so traurige Folgen für Schmerl hatte. Wenn schon alle jüdischen Feiertage uns Kindern „in der Gasse" viel Freude verschafften, war es doch das „Hüttenfest", vorzüglich aber die letzten zwei Tage desselben, die so außerordentlich lustig für uns verliefen. Schon die Beschäftigung bei dem „Bau" der Sukkah (vom Jom-Kippur-Abend, den 10. Tischri, bis zu dem Vorabende des Sukkotb, den 15. Tischri), sodann das Essen in derselben während dieser Feiertage, das Hoschanah-Binden und -Schlagen am 7. Tage, das war alles für uns „erwachsene" Kinder von größtem Interesse. Den Gipfelpunkt jedoch erreichte die Festesstimmung am „Hakafoth- Abende". Man erlaubt sich sonst streng verpönte Speise, die Weihe des Tempels, der heiligen Stätte, hört fast «lif, und „jung" und „alt" vereinigt sich in fast ausgelassener Freude. Ja, noch mehr, dieser Abend ist der einzige ini Jahre, an welchem es den Mädchen und Frauen gestaltet ist, in die „Mäniierabtheilung" in der Synagoge einzutreten und daselbst zu verweilen. Und da steht vor meinem Auge der ebenso zartgebaute wie zart fühlende Schnierl an den» Hakafoth-Abend, der ihm so verhängnisvoll werden sollte, mit seinem blassen Gesichte, mit seinem scheuen Auftreten und mit seinen glühenden, schwarzbrennenden Augen, die ausschließlich allein im Gefühle lebten. Schmerl war damals gegen 17 Jahre alt. Sein Vater war ein angesehener Bürger in der Gasse und auch er, Schmerl selbst, hatte sich bereits einen „guten Namen" verschafft. Durch seine stillbescheidene Haltung, seinen Fleiß und sein Verständnis im Talmudstudium, wie auch durch seine Frömmigkeit fand er allgemeine Anerkennung. Auch wir, seine Altersgenossen und Collegen, empfanden Achtung für ihn, wenn wir es auch im Jugendübermuth nicht unterlassen konnten, ihn zeitweilig zu „frozzeln." Und als der arme Schmerl. gar verlobt wurde, ohne wie es dazumal Sitte war, seine Zukünftige recht zu kennen, erreichte die „Frozzelei" eine bedenkliche Höhe. — Es war so Beth-Hamidrascher Brauch. Jeder Bachur „genierte" sich, unmittelbar nach seiner Verlobung mit seinen Collegen im Betb-Hamidrasch nach wie vor zu verkehren. Dunkle Schamröthe übergoss gewöhnlich sein Gesicht, wenn man ihn über das Äeußere seiner Braut befragte, die er doch selbst züchtigkeitshalber, nicht recht gesehen, und halb schadenfroh srozzelten die Collegen so einen verschämten Bräutigam, so oft sie nur konnten und ergiengen sich ihm gegenüber in allerlei Spässen, so, dass es oft geschah, dass ein solcher Bräutigam tagelang das Beth-Hamidrasch mied, um den Frozzeleien der Bachurim zu entgehen. Auch Schmerl suchte nach seiner Verlobung uns Bachurim anszuweichen, indem er sich ins Talmndstudium „vertiefte". Aber das half ihm wenig. Unseren „Witzen" konnte er nicht entgehen. Da nahten das Succoth-Fest und mit ihm der Hakasoth-Abend, an welchem, wie bereits erwähnt, Mädchen und Frauen Eiot'itt in die „männliche" Synagoge haben und die Thora-Rollen, mit welcheii die Männer Umzüge in der Synagoge halten, berühren und küssen dürfen. Da bot sich nun Gelegenheit, den bedrängten Schmerl mit kitzlichen Fragen heimzusuchen: „Wird Deine Kale (Braut) auch kommen?" Wird sie die Thora-Rolle, welche Du tragen wirst, mehr als eine andere küssen". „Wirst Du, neben ihr angelangt, „Halt" machen und Deinen Schritt verzögern?" „Wirft Du wenigstens jetzt die Gelegenheit benützen, sie recht anzuschauen?" — Schmerl wurde bei diesen Fragen feuerroth und trachtete nur der Gesellschaft der Fragenden zu entkommen. Der Hakafoth-Abend ist da. Wie schön, wie herrlich schaut es in der Synagoge aus! Und wie freudig erregt bewegen sich die Besucher derselben! Auf und ab wogt es im bunten Durcheinander. In, vor, mitten und inzwischen den Erwachsenen der Kinder liebliche Scharen mit Fahnen und brennenden Lichtern. Oben am Almemor — dem Altäre — stehen die ehrenfesten Synagogenvorsteher — Gabbaim, Schnaps und „Leckach" — Lebzelt — allen Anwesenden austheilend. Selbst den Bachurim wird jetzt ein Gläschen Schnaps verabreicht, während die Kinder bloß „Leckach" erhalten. Auf den Bänken bei der Thürwarrd und zu beiden Seilenwänden stehen Mädchen und Frauen „Kopf an Kopf", sehen sich das flutende Bild an und diskutieren lebhaft miteinander. Jungverheiratete Frauen flüstern den Mädchen Witze zu, welche die letzteren tief erröthen macht. Während nun die jungen lachen, schlagen die älteren Frauen, das Lachen wehrend, sich leicht auf den halbschinunzelnden Mund. Pst! Der Schamath — Tempeldiener — schlagt mit einem ledernen Polster auf den Altar, dass es selbst im lautesten Stimmengewirr eindringlich hörbar wird — und stille wird es ringsum. Der Gabbai ruft in erster Linie die Aeltesten und Angesehensten der Gemeinde zum Tragen der Thorarollen beim ersten Umzüge aus. Sämmtliche Thorarollen, soviele es beveu in der heiligen Lade > > j i >

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