Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 29 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kedartwn: YIII/1, i&tlilö|iclört|V« H- «t,r-Ltt»udenr 31« Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittag«; an Sonntagen von io bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches Bolksblatt, Wien, VIII jl. Verchw-rdrtt wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir ' * uns dringend. - Manuskripte werde» nicht zurückgesteNt. Postsparcastcn-Conto «47037. In das?lbonneme»t kann man täglich eintreten. unter Mittvirlnmg der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsrommisflon. Inserate übernehmen die Finnen: I. Dannebcrg, M. DukcS, Hansenstein & Bögler, Rudolf Mosse, 3l. Lppelik, M. Pozsvnpi, 3l. Schalek in Wien, ferner alle?l»no„cen-Expeditioneii im AuSinude. Einzel-Nummer in Wien 8 fr. Administration: Ylll/l, Srhlöhrlgast'v 11. Abomicmetttspreis: Für Wien u. Oesterreich-Nngar» sanlmt Franrozustelluug. Für das gesannnte Ausland sanmit Fraueozustelliiiig. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig 1.- 2.~ 1- GanMhrig . Hi:ll>jä!irig . Vierteljährig st. 4.50 fl. 2.25 fl. 115 MWWlBw Ur. 89 Wie«, 1. September 1899. J. Jahrgang. 5659—5660. Ein Jahr geht, ein Jahr kommt, und wir bleiben einen Augenblick stehen, um zu bedenken, was in dem scheidenden Jahr geschehen ist, was in dem neuen Jahr geschehen wird. Wir wissen ganz gut, dass die Emtheilung nach Jahren nur eine mathematische Rechnung ist. Die Zeit bleibt nicht eine Secunde stehen und das Leben kennt keinen Unterschied zwischen Tag und Tag, zwischen Jahr und Jahr. Und Jahr und Tag sind zusammenhängend in Gedanken und Thaten. in der wissenschaftlichen wie in der Handelswelt, im alltäglichen Leben des Einzelnen wie in dem der Völker. Aber der Anfang eines neuen Jahres ist wie eine Ruhepause in einer großen Fabrik, wie ein Strich unter einer Reihe Ziffern, um doch einmal eine Summe zu machen, obwohl wir wissen, dass wir gleich darauf neue Ziffern uiederschreiben werden. In diesem Momente sehen wir über den Strich, um einen Ueberblick über das vorliegende Ziffernmaterial zu erhalten, und zugleich erfüllt uns die Hoffnung, dass die kommenden Ziffern die vorliegenden übertreffen werden. Wir erinnern uns auf das Alte und hoffen auf bessere Zukunft. Erinnerung und Hoffnung, die machen das ganze Leben aus. Das sind die Fäden,. aus denen dre ganze Geschichte gewebt ist, und das sind die Gefühle, welche die Brust jedes Einzelnen bewegen, der an der Schwelle eines neuen Jahres steyt. Allein unser Rosch-haschanah ist nicht bloß der Anfang eines neuen Jahres, er hat nicht nur kalenderische Bedeutung. Er ist auch ein Tag des göttlichen Gerichtes, ein Tag des Betens und der Buße unsererseits und der Verzeihung und Versöhnung seitens Gottes. Und sieh'! All unsere Gebete an diesem Tage beschränken sich nicht auf den einzelnen Menschen. Alle sind sie in der Mehrzahl abgefasst, alle gelten für das ganze_ Volk, manche sogar für die ganze Menschheit. So wie unsere Gesetze, so auch unsere Gebete und so auch unser Volk. Nicht der Einzelne, nicht der individuelle Einser spielt die Hauptrolle, das Volk im Ganzen, unsere Nation, das ist der Punkt, auf den die Emanationen unseres geistigen Daseins sich richten. Rosch-haschanah ist ein Tag der Reue. Unsere alten Weisen haben die Sünden der Menschen in zwei Kategorien eingetheilt: Die Sünden der Menschen gegen Gott und die gegen ihre Nächsten. Die moderne Zeit hat bei uns Juden eine dritte Kategorie von Sünden aufzuweisen: Die Sünden der Juden gegen ihr Volk. Und das sind schwere Sünden. Für die erste hilft Buße, für die zweite genügt die persönliche Versöhnung, die dritte aber lässt sich schwer oder gar nicht gut machen. Wir sprechen hier nicht von denjenigen, welche mit Absicht direct den Juden schaden wollen. Br im an ns und Paul Meyers hat es bei'uns leider zu allen Zeiten und in den verschiedensten Formen gegeben. Jüdische, getaufte oder ungetanste Mitarbeiter bei antisemitischen Hetzereien kann unsere Geschichte zur Genüge ausweisen. Aber die sind Verbrecher mit Absicht. Die sind verachtet, nicht nur von uns Juden, sondern von der ganzen Welt, selbst von denen, die sie ausnützen. Wir sprechen hier von Menschen, die an ihr Volk vergessen, die um ihrer Ehrsucht oder ihrer eingebildeten Stellung oder um des geringsten materiellen Nutzens^ willen verpönte oder hässliche Handlungen begehen, Handlungen, die dann uns allen zur Last gelegt werden und so unser nationales Interesse schädigen. Rosch-haschanah ist der Tag der Buße und Versöhnung. Möge er uns jetzt auch nach dieser Richtung hin zu Hilfe kommen. Mögen alle unsere Stammesgenossen einsehen, dass ihr Anschluss an unsere Volksinteressen in dieser Zeit uns noththut. Möge sie die Erinnerung an die Vergangenheit belehren, dass wir wahrhaftig schon genugsam versucht haben, für fremde Volksintereffen zu arbeiten und unsere eigenen zu vernachlässigen. Möge der Jahresübergang für sie auch den Uebergang zum angestammten Volke bedeuten, und aus tiefstem Herzen wird ihnen dann der Wunsch entgegenschallen: I'sokanak towah. Für unsere RÄigionslehrer. (Ein Wort zur Abwehr.) In der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, welche seit einigen Jahren gar manche seltsame Pflänzchen hervorbringt, ist eine neue Specialität aufgetaucht. Ein junger Mensch, Sohn eines reichen Mannes, wohlbekannt in der nicht gerade wohlriechenden Atmosphäre der Cafes, welchem das Unglück passierte, von den Nedactionen einiger großer Blätter in nicht sehr höflicher Weise abgewiesen worden zu sein, der berüchtigt geworden durch einige ausschließlich von ihm selbst provocierte Maulschellen, lässt ein Blättchen erscheinen, gehüllt in schreiendes Roth — Sinnbild der Socialdemokratie, welcher er, der Gutgenährte und vollauf Satte, sich gerne anbiedern möchte — und auf dem sündigen Roth des Umschlages leuchtet eine „Fackel", welche wahrscheinlich bestimmt ist, die ganze Unver—frorenheit des Herausgebers grell zu erhellen. Der fackelnde Jüngling macht es sich nun zur Aufgabe, in seinem Heftchen zu schmähen, zu schimpfen, car c’est son metier. Die Juden namentlich, und insonderheit die größte Bewegung, luetdje öaä Qubenttjin» hervorgebracht hat, die jüdischnationale oder, wenn man will, die zionistische, sticht dem Jüngling in die Augen (er weiß, warum) und er, der von jüdischen Eltern geborene, besudelt sie, wo und wie Man schwärzt eben, was man nicht versteht und gkwisse/^^^^A^^ verunreinigen ja mit Vorliebe ihr eigenes Nest. Dieser PWMMGTjwI geber der „Fackel" ist eben ein monströses Beispiel hin die vielgepriesene Assimilation führen kann. Seit beschäftigt sich der „Fackler" auch mit der Schule. welche durchgefallen sind, freche Burschen, welche ihr Müthchen an den bösen Lehrern kühlen wollen, hinterbringen der rothen „Fackel" allerlei Mvrdsgeschichten und die Fackel „beleuchtet" nun unsere Schulznstände. Traurig genug, dass solche Pamphlete in den Kreisen unserer jüdischen Glaubensgenossen mehr Verbreitung finden, als jüdische Zeitschriften. Wir kennen Rabbiner, welche zum Beispiel vom „Jüdischen Volksblatt" nichts wissen, aber gierig sich von der „Fackel" erleuchten lassen. Wir hätten uns mit diesen in schreiendes Roth — der Farbe der Sünde — gehüllten Schmierereien nicht beschäftigt, wenn uns nicht etwas auf der Seele brennen würde. Seit einigen Wochen werden von Buben, denen die Religion ein Dorn ini Auge ist, die von jüdischem Volksthum nichts wissen wollen, Männer in den Koth gezerrt, welche unter den schwierigsten Verhältnissen ihr Amt verwalten, welche die schwere Aufgabe zu lösen haben, in unserer Zeit des Jndifferentismus die Wahrheiten unseres Glaubens, die großen Ereignisse unserer Geschichte unserer Jugend mitzutheilen, sie darin zu unterrichten. Im Kampfe mit traurigen Lebensverhältnissen, von keiner Behörde geschützt, sind sie für ihre schwere Arbeit Beschimpfungen und Schmähungen ausgesetzt, und keine Culturbehörde, kein Ober-Rabbi rührt sich, um diesen Religionslehrern, den von oen Göttern am meisten gehassten Pädagogen, ihr Recht zu geben. Und wo ist der „Verband der jüdischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen"? Warum erhebt er nicht feierlich Protest gegen die bübischen, frechen, unwahren Besudelungen des „Facklers"? Herrschen Buben über uns? Ist das die Belohnung für die Mühe, unsere Jugend in religiös-sittlichem, aber auch nationaljüdischem Sinne zu erziehen? Ist das der Lohn dafür, dass unsere Religionslehrer unserer jüdischen Kinder sich väterlich annehmen? Dass sie für diese in geistiger und materieller Richtung Sorge tragen? Wo sind die großen Redner, welche in den Religionslehrer - Versammlungen stets das Wort von der Jnteressenwahrung im Munde führen? Buben, die nichts lernen, welche das Judenthum verhöhnen, unverdaute Phrasen in ihren „Arbeiten" znm Besten geben, bei jeder Gelegenheit des Religionslehrers spotten, von jüdischer Geschichte und Wissenschaft nichts hören wollen, und die dann der wohlverdienten schlechten Censur verfallen, wagen es, akademisch gebildete Männer, welche sich oft durch einen Von stfler Aeujahr. Adolph Donath. tnb wieder ist ein Jahr gestorben . . . Die neuen Wünsche kehren ein. Was sich das Volk durch Leid erworben, Soll reich an Kraft und Freude sein! Und in den Tempeln beten leise Die Indenkinder um ihr Brot. Das Neujahr steht in seine Kreise Das Leben und den kalten Tod. * Die Palme schenkt es allen denen, Die für das Volk die Kraft erfleh'n, Und Schmerzen reicht es allen jenen. Die seelenlos durchs Leben geh'n; Die fluchen, dass noch Menschen leben. Die Wahrheit in die Welt gesät» Die fluchen, dass noch Juden leben. Durch die das Volk neu ausersteht.. Und wieder ist ein Jahr gestorben! Die neuen Wünsche kehren ein. Was sich das Volk ditrch Leid erworben; Soll reich an Kraft und Freude fein! Der Pessimismus im Iudenthum. Von S- Baum. Die Evolutionstheorie hat den Pessimismus aus der Philosophie verdrängt. Wenn wir noch hie und da in der modernen Literatur den Aufschrei einer schmerzerfüllten Seele hören, die Klage erhebt über des Daseins Jammer und Elend, so dürfen wir die Ergüsse einer individuellen Psyche nicht mit dem objectiven Geist der Philosophie verwechseln, der sich in den Anschauungen, Erkenntnissen und Errungenschaften der Menschen documentiert. Die moderne Philosophie zeigt durch die Anwendung des Entwicklungsprincipes in ihren einzelnen Disciplinen, dass sie nicht über den Zweck des Daseins, sondern über der Geschehnisse Art und Entfaltung reflectiert. Sie fragt nicht, wozu?, sondern warum '?; das Problem lautet nicht mehr: Ist das Leben lebenswert, oder ist der Tod ihm vorzuziehen, sondern: was ist die innere Natur alles dessen, was ist und durch welche Kräfte ist es ins Dasein gerufen worden und zu dieser Erscheinungsform gelangt? Die Philosophie hat ihren Betrachtungskreis exeentrisch erweitert, die anthropocentrische Auffassung wurde zu einer geocentrischen, an die Stelle der Bewertung der Weltordnung ist die physikalische Betrachtung des Seins und Werdens getreten. Ist nun ihre Grundlage die Physik, so kann sie mit Begriffen, wie Optimismus und Pessimismus, die der Sphäre der Ethik entnommen sind, nichts anfangen und muss sie der schöngeistigen Literatur überlassen, deren Wirkung auf das ästhetische und ethische Gefühl berechnet ist. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen der älteren und neuesten Betrachtungsweise der Philosophie. Jene war theils dogmatisch, theils kritisch und wertbestimmend, diese ist kritisch, evolutionistisch und deseriptiv. Aus jeder Philosophie oder Religion, deren Endziel die Ethik ist, lassen sich die Grundlinien für eine der beiden Weltanschauungen, Optimismus oder Pessimismus, ableiten. Zu diesen philosophischen Fragen müssen jene im Laufe ihrer Entwicklung nothwendig Stellung nehmen. Denn wollen sie ihrer Aufgabe genügen, dem Menschen den Weg zur Glückseligkeit zeigen, so müssen sie auch Antwort auf die Frage wissen, wie der Welt Einrichtung und Vorkommnisse zu bewerten seien. So finden wir auch in der griechischen Philosophie die Frage nach dem Wert des Daseins erst in jener Zeit aufgerollt, wo die Ethik in den Mittelpunkt der philosophischen Disciplinen trat. Die jonischen Philosophen und die Atomistiker hatten in den Kreis ihrer philosophischen Reflexionen nur die physikalischen Erscheinungen gezogen, ethische Probleme beschäftigten nicht ihren Geist, und so kamen sie auch nicht in die Lage, die Frage nach dem Werte des menschlichen Lebens zu erörtern. Anders gestaltete sich die Sache zur Zeit des Sokrates. Dieser geniale Denker hatte ausdrücklich die große Bedeutung ethischer Untersuchungen hervorgehoben und durch eine sorgfältige Begriffsanalyse den Wert der Dinge zu bestimmen versucht. Dadurch wurde eine Relation der Schätzung zwischen Welt und Mensch, Object und Subject hergestellt, des Lebens Leiden und Freuden nach dem Maßstabe der Nützlichkeit gemessen. Seine Jünger, denen des Meisters Ideal nicht mehr genügte, suchten dieses anderswo und faubeu es entweder in derlleäoiiö oder in einer cynischen Lebensweise; es entstanden die Schulen der Hedoniker und Cyniker mit ihrer optimistisch und pessimistisch gefärbten Weltanschauung. In der Wichtigkeit, die der ethischen Forschung beigemessen ward, lag der Grund dafür, dass die Philosophie auf ein Lebensproblem reduciert wurde. Was bei den Griechen für den Optimismus und Pessimismus die Philosophie, das war bei den Juden die Religion. Als Inbegriff nicht nur des Ceremonial-, Hiezn eine Keitnge.