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Jüdisches Volksblatt · 1899-08-18 · 27 (18.8.1899) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
27 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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wartete er die Morgenröthe. Er eilte in die Synagoge und verrichtete still sein Schacharis-Gebet unter Aechzeu.und Thränen. Endlich stand er vor dem Altäre, um das Mussaf-Gebet vvrzntragen. Er sagte das Gebet, das der Bvrbeter für sich allein spricht: Obwohl ich nicht wert noch fähig bin, ich, der ich arm bin, die guten Thaten. Ein Thräuenstrom brach aus seinen Augen. Mehr als je fühlte er jetzt seine Unfähigkeit. Und wie er zn der Stelle kam: Meine Stimme soll angenehm sein und im vollen Einklänge mit der Gemeinde . . ., da war es ihm, als ob eine heiße Flamme in ihm entbrenne. Das Blut stieg ihm zu Kopfe, vor den Augen flimmerte es ihm, mit beiden Händen verhüllte er sein Angesicht und ächzend und jammernd führte er still sein Gebet zu Ende. Und niemand hatte cine Ahnung, was im Inneren des alten Chasan vorgieng. Ruhig und still spricht jeder sein Schemona-essre-Gebet. Auch der Ehasan sagt es still vor sich hin. Aber in dieser unheiiullcheu Stille steigern sich seine Gewisseusqnalen ins Ungemessene. „Hab' ich recht getban, Reb' Chaim die letzte Hoffnung auf Brod zu nehmen und meine Gemeinde zu betrügen? Ihr vorzulngen, dass ich." Gerade war er zu der Stelle im Gebete angelangt, wo eS heißt: Gott kennt alle Gedanken des Menschen und seine Kniffe. „O! Kniffe waren das! Lügenhafte Kniffe!" Und als das Gebet zn Ende war und der alte Chasan versuchte, seine Stimme zu erheben, da stockten seine Worte im Munde und seine Stimme erstickte im Halse. Mit dem letzten Aufgebot seiner Kräfte strengt er sich an, nur einen Laut hervorzubringen — es geht nicht. Ein Schauder schüttelte seinen Körper, die schwarzen Buchstaben des Gebetbuches, das vor ihm lag, tanzten wie Figuren vor seinen Augen, wie schwarze Teufel stiegen sie aus dem Machsor auf, seine Füße fiengen an zu zittern, seine Hände fassten in die leere Lust hinaus und ohnmächtig fiel er zu Boden. Man kaut ihm rasch zu Hilfe. Als er die Augen öffnete, zeigte er, ohne ein Wort hervorbringen zu können, den Leuten an, dass er hinaus möchte. Mau griff ihm unter die Arme und brachte ihn nachhause. Reb' Chaim aber wurde von allen ersucht, an den Altar zu treten und vorznbeten. Nach dem Gottesdienste besuchten fast alle jüdischen Bürger der Stadt den alten Chasan. Mau bedauerte den traurigen Fall. „Gott hat mich für meine große Sünde gestraft," sagte der Alte ächzend. Man hielt das allgemein für die gewöhnliche Phrase. Dem alten Chasan schwebte aber seine specielle Sünde vor Augen. Zwei Tage darauf starb der alte Reb' Jehuda. Seine Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen. Er hat dieses Jahr nicht vorgebetet und ist denn auch gestorben. Taschlich. Von I. H—r. Frau Rosa E r t l e r, die Frau des Rabbiners Ertler im mährischen Städtchen M., setzte bedächtig die Brille ans und las halblaut, wie ältere Leute es zu thun pflegen, die Correspondenzkarte, die sie eben erhalten hatte. „Liebe Mutter! Ich theile Dir mit, dass ich zu den Feiertagen nachhause komme. Ich werde übermorgen, Mittwoch nachmittag, bei Euch eintreffen. Herzlich Dein Rudolf." „Um Gotteswillen!" murmelte die alte Frau. Die Füße fiengen ihr zu zittern an, sie musste sich setzen. Mit bebenden Fingern strich sie sich über die Stirne, als ob sie da einen schweren Traum wegscheuchen wollte. Dann nahm sie wieder die Correspondenzkarte zur Hand. Und wieder überkam sie dieses furchtbare Schwächegefühl, so fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Für einen Moment wurde es ihr ganz schwarz vor den Augen. Eine Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Was sollte das nur heißen? Was wollte er denn nur zuhause, jetzt, nachdem das mit dem Mädchen vorgefallen war, da sie ihm doch geschrieben hatte, dass der Vater nichts mehr von ihm wissen wolle, da er doch selbst so lange Zeit nichts hatte von sich hören lassen. Der Vater! Die Glieder erstarrten ihr, toie sie an ihren Mann dachte. Der arme, alte Mann, dessen Stolz und Freude dieser Sohn gewesen war, der studierte Sohn, der „Doctor". Was hatte er nicht während diesig halben Jahns durchgemacht, seit dem Tage, da die Nachricht zu ihnen gelangt war, dass i h r Rudolf sich mit einem Christenmädchen verlobt habe. Den Leuten gegenüber hatte er sich wohl nichts merken lassen. Aber s i e wusste, wie er sich innerlich gewunden hatte vor Schmerzen, wie ihn das scheue Mitleid der Gemeindemitglieder, ihre vermehrten Liebeszeichen gepeinigt hatten, wie schwer es ihm endlich angekommen war, ihr zu sagen, sie möge Rudolf schreiben, es könne fürderhin keine Gemeinschaft mehr sein zwischen dem Rabbiner Ertler und bem Dr. Ertler. Und nun tvollte Rudolf trotz alledeni nachhause kommen! Und wie er nur das ankündigte. Auf einer Correspondenzkarte! So kurz und bündig, als ob er eine geschäftliche Mittheilung zu machen hätte, als ob er ein Recht in Anspruch nehmen wollte! Kein Wort von Liebe, kein Zeichen von Herzlichkeit! Heiß stieg es ihr in die Augen. Sie hatte Mühe, ihre Thränen niederznkämpfen. Aber sie durfte ja dem Vater kein verweintes Gesicht zeigen. Zn Mittag kehrte der Alte von seinem gewohnten Vormitcagsspaziergange heim. Er war heute stiller und gedrückter als je. Mit einem leisen Seufzer setzte er sich zu Tische. Aber er aß nicht recht. Kaum, dass er die Speisen berührte. Mit schwer gefurchter Stirne saß er da und spielte nervös mit Brotkrumen. Frau Rosa war zn dem Entschluss gekommen, ihm vorläufig die Correspondenzkarte nicht zu zeigen. Sie wollte ihn erst schonend vorbereiten. Sv sieng sie denn an, von allerlei gleichgiltigen Dingen zu sprechen, von Gemeindeangelegenheiteu, von den Gasse- Ereignissen. Endlich sagte sie zögernd: „Uebermorgen ist schon Erew-Rosch-haschcrnah". „Ja," antwortete er düster. Tann setzte er leise hinzu: „Rosch-haschanah ohne Sohn, das ganze Jahr ohne Sohn." Sie meinte ersticken zu müssen, so würgten sie die Thränen im Halse. Aber sie musste ja aushalteu. „Wenn er nun plötzlich zn uns käme?" fragte sie nach einer Weile. „Was könnten wir thun?" „Was^wäre zu machen?", meinte er nachdenklich, „hinanswerfen könnten wir ihn ja doch nicht!" „Aber die Leute . . . ."! „Die Leute! .. . . Wenn er allein käme?" Sie verstand ihn. Nun war ihr Entschluss auch gefasst. Sollte Rudolf anscheinend ganz überrascht kommen! Ans dem Hause jagen würde ihn der Vater gewiss nicht. Und vielleicht.... Aber die schwere Unruhe wurde sie doch nicht los. In hastiger, nervöser Geschäftigkeit arbeitete sie im Hanse herum, traf sie die letzten Vorbereitungen zn den Festtagen. Wie eine Ewigkeit dunkten ihr diese zwei Tage. Endlich lvar der Mittwoch gekommerr. Die ganze Nacht war sie wach gewesen. Beim ersten Morgengrauen war sie schon anfgestanden. Ruhelos gieng sie im Hanse umher, von einem Zimmer ins andere, dann in die Küche und dann wieder zurück. Um zwei Uhr musste Rudolf hier sein. Je weiter die Zeit vorrückte, desto unruhiger wurde sie, desto schwerer ward ihr ums Herz. Zn Mittag saß sie wie im Traume am Tische. Nicht einen Bissen brachte sie herunter. Nach dem Essen gieng der Vater aus sein Zimmer, seinen gewohnten Mittagsschlaf zu halten. Sie wusste schon nicht mehr, was sie anfangen sollte. Die Augen starr ans die Uhr geheftet, saß sie ans dem Sopha, ohne sich zu rühren. Nicht einmal znm Fenster zn gehen wagte sie. Nun schlug es zwei Uhr. Noch verraimen einige Minuten. Dann wurde draußen im Vorhanse ein Schritt laut. Das Herz meinte ihr still zn stehen, sie glaubte ohnmächtig zn werden. Und dann öffnete sich die Thiire und.... Wie sie ihren Sohn in der Thüre sah, da war es ihr, als ob sich mit einemmale die schwere Last, die sie diese zwei Tage auf dem Herzen getragen, von ihr abwälze. Sie konnte sich nicht halten, sie musste weinen. Aber unter ihren Thränen stieg eine feste Zuversicht in ihr auf, dass noch alles gut werden müsste.... Dr. Ertler war inzwischen ins Zimmer getreten. Der Gruß blieb ihm in der Kehle stecken, wie er seine Mutter so weinen sah. Still legte er seine Sachen ab und setzte sich an den Tisch. Nach einer Weile sagte er leise: „Bitl' Dich, Mutter, hör' auf zu weinen! Es hat ja keinen Zweck." „Ja, ja," antwortete sie und trocknete ihre Thränen. Dann sah sie zu ihm hinüber. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er da, die Augenbrauen finster gerunzelt, die Lippen mit den Zähnen nagend. Sie stand auf und gieng in die Kücbe. Nach alter Sitte tischte sie ihm das Beste ans, was sie im Hause hatte. Dann setzte sie sich zu ihm an den Tisch. Er rührte kaum einen Bissen an. Still saßen sie beisammen. Endlich sagte ec: „Der Vater schläft noch?" „Ja," antwortete sie. „Aber er muss gleich hier sein," fügte sie mit einem Blick auf die Uhr hinzu. Wieder war es still zwischen ihnen. Dann hörte man im Nebenzimmer den schweren Tritt des Vaters. Langsam stand Rudolf auf. Er war ganz bleich geworden. Aber wie der Vater die Thüre öffnete, richtete er sich hoch aus und blieb schweigend am Tische stehen. Der Vater war still gestanden, einen Ruck hatte es ihm durch den ganzen Körper gegeben. So standen sie sich schweigend gegenüber, der Alte mit mächtig arbeitender Brust, Kopf und Rücken vorgebeugt, der junge hoch aufgerichtet, die Hände über der Brust gekreuzt, die Lippen hart anfeinandergepresst. Rudolf brach zuerst das Schweigen. „Grüß Dich Gott, Vater!" sagteer fest und bestimmt. Der Alte fuhr sich mit der Hand über Stirne und Gesicht, athmete tief ans und antwortete mit dem alt-hebräischen : „Friede sei mit Dir!" Dann setzte er sich an den Tisch und begann seinen Sohn über allerlei Dinge auszufragen, mit dem sichtlichen Bestreben, den wunden Punkt zn vermeiden. Rudolf gab nur kurze, unzusammenhängende Antworten. Das hatte er nicht erwartet. Statt des Sturmes und schweren Kampfes diese iveiche, rücksichtsvolle Behandlung. Ein peinliches Gefühl überkanr ihn. Zum erstenmale passierte es ihm, dass er nicht wusste, wie er sich seinen Eltern gegenüber benehmen solle. Später lud ihn der Vater zu einem Spaziergange ein. In schweigender Uebcreinstimmung mieden sie die Gasse und stetigen auf Umwegen hinaus ins Freie. Rudolf meinte, dass der Vater jetzt die Gelegenheit ergreifen und ihm znsetzcu werde. Nichts von alledem. Nachdem sie eine zeitlang stille gegangen waren, begann der Alte zu philosophieren. Rudolf kannte diese Gewohnheit. Solange er noch zuhanse gewesen war, war er mit dem Vater Tag für Tag so gegangen. Und wie er dann schon in der Fremde war, hatte er sich imtncr wie ein Kind aus diese Spaziergänge gefreut, so oft er nachhause kam. Sv mächtig überkam ihm die Erinnerung an seine Kinder- und Studentenzeit, dass er gar nicht hörte, was der Vater sagte. Allmählich erst begann er zu lauschen. Bald aber fesselten ihn die originellen Ideen des Alten so, dass er auf alles vergaß und in alter Gewohnheit eifrig discntierte. Und als der Alte mitten in der Debatte abbrach mit der Bemerkung, eS sei Zeit, sich für den Tempel zn rüsten, da wusste er gar nicht mehr, welch trüber Schatten zwischen ihm mib den Eltern stand. Als ob nichts vorgefallen wäre, erzählte er eifrig von seinen Arbeiten in der Kanzlei, von seinen Privatstudien, von seinen Zukunftsplänen. Einen fröhlichen Gruß auf den Lippen, trat er ins Zimmer. Es war schon alles festlich hergerichtet. Der Tisch blütenweiß gedeckt, die silbernen Leuchter mit den Kerzen darailf, die Lampe angezündet. Er küsste der Mutter, die bereits im Feiertagskleide in ihrer Tchine gelesen hatte, die Hand, und gieng dann mit dem Vater hinüber, um ihm beim Anlegen des Ornates zu helfen, wie er es schon als Kind gethan hatte. Wie er fertig war, sagte er: „So! Nur einen Augenblick, Vater! Ich will mich nur waschen." Da fragte ihn der Alte ernst: „Gehst Du denn auch in den Tempel?" Wie ein Hieb traf ihn diese Frage. Nichtig! Er hatte ja ganz vergessen, dass er nur geduldet war im Hanse seiner Eltern, dass er all ihre Liebe und Herzlichkeit, die schlichte Poesie des Feiertagshanses unrechtmäßig genoss, und dass ja all daS bald vorüber sein werde, vielleicht für immer... Wie mit tausend Zangen packte ihn dieser Gedanke. Seine ganze Vergangenheit, sein ganzes bisheriges Leben stürmte in ihm auf. Und das alles sollte er künftig vermissen müssen. Aber wenn schon! Noch einmal wenigstens sollte er es genießen.... ».Ich geh' mit," sagte er leise, aber entschlossen. Mit den Eltern zusammen gieng er in den Tempel. Vor der „Weiberschnl" trennte sich die Mutter von ihnen. Der Tempel lvar schon voll, als er hinter dem Vater eintrat. Ein Murmeln gieng durch die Leute, wie man ihn erblickte. Heiß schoss ihm das Blut ins Gesicht, und mit gesenktem Kopfe schritt er hinter dem Vater einher. Der aber gieng hoch aufgerichtet zn seinem Ehrensitz, mrd wie demonstrativ reichte e r dem Sohne Talles und Machsor. Kaum wusste Rudolf lote ihm geschah. Wie im Traume hörte er den Gottesdienst sich abwickeln, halb unbewusst machte er selbst alle Ceremouien mit. Und wie dann, nach dem Gottesdienst, der Vater von allen Seiten mit dem alten, lieben Gruß : „V schon oh tvwoh ..." begrüßt wurde, während man für ihn nur ein: „Guten Abend, Herr Doctor!" hatte, da überkam ihn ein Gefühl der Scham, so stark und mächtig, dass er hätte anfschreien mögen. Leise entbot er der Mutter den gewohnten Rosch-haschonoh-Wunsch, still und gedrückt saß er beim Essen. Kein Wort kam über seine Lippen. Gleich nach dem Essen zog er sich zurück. Er wollte allein sein. Er fühlte, dass er in Gegenwart der Ettern den alten Erinnerungen nicht Stand halten könne. Und er musste doch stark sein! Sein Wort, seine Ehre stand ja auf dem Spiele. Die Nacht verbrachte er unruhig. Im Traume sah er Vater und Mutter todt in eine m Sarge. Er wollte zn ihnen, aber ein tiefes Wasser that sich zwischen ihm und dem Sarge auf. Müde, mit Kopfschmerzen, erwachte er am nächsten Morgen über ein Klopfen. Er wusste, es war die Mutter, die ihm den Kaffee ins Bett brachte. Alles so wie früher .. . Die Mutter reichte ihm die Tasse und setzte sich zu ihm. Und während er trank, meinte sie träumerisch: „Wie schön das wäre, wenn ich so Dein ent Jungen den Kaffee bringen könnte." Ihm entfiel beinahe die Tasse vor Schreck. Daran hatte er ja noch gar nicht gedacht. Wie sollte das nur werden, wenn er einmal Kinder haben sollte? Was sollte er wohl seinen Kindern erzählen, worüber mit ihnen sprechen? So völlig hilflos sah er einen Augenblick ans, dass ihm die Mutter mit einem leichten Lächeln übers Gesicht fuhr. „Zieh' Dich schnell an", sagte sie, „man geht schon zn Mussaf. . Der Alte hatte heute Predigt. Rudolf horchte hoch auf, als er ihn sprechen hörte. War das nicht dasselbe Thema, das er gestern mit ihr besprochen hatte? Wahrhaftig! Von den Sünden sprach er, welche die Menschen gegen Gott, gegen die Nächsten und gegen sich selbst begehen. Und von den Menschen, die nicht an Gott glauben, wohl aber an die Menschheit und an die Menschen. „Lebt nicht in jedent Menschen Gott, ein Gott? Und wollt Ihr wissen, wo die Sünde gegen Gott aufhört und die gegen Menschen beginnt?" Das Wort gellte ihm in den Ohren, als ob es nur gerade für ihn gemünzt worden sei. An Gott glaubte er ja auch nicht mehr. Aber an Vater und Mutter, an Liebe und Herzlichkeit, an Güte und Schönheit. Und wenn ihm schon kein Gott die Sünde gegen Vater und Mutter verzeihen würde, wie wollte er sie dann sich selbst verzeihen? „Die Mutter wird daran sterben, der Vater wird ihr Nachfolgen. Wer wird ihnen Kadosch sagen und mir tragen helfen? .... Erst hatten ihn die alten Erinnerungen, sein ganzes Leben gepackt, ihn eingehüllt in ihre weichen Wellen und seinen starren Sinn wie Eis hinweggeschmolzen. Nun war noch sein Gewissen erwacht und quälte ihn mit tausend schweren Fragen und Vorwürfen. Wie auf spitzen Nadeln saß er während des Gottesdienstes da, unfähig, die Vorgänge um sich herum zn beachten. Unausgesetzt arbeitete es in seinem Inneren. Er wusste, irgendwie musste eS znm Ausbruch kommen. Wie ein Gefangener athmete er auf, als er endlich an die frische Luft kam. Während des Mittagessens wagte er es kaum, den Eltern ins Gesicht zu blicken. Die Zeit bis zum Mincha- Gebet gieng er auf seinem Zimmer auf und ab, ohne zu einem Entschlüsse kommen zu können. Seine Verlobung, die ihm noch vor zwei Tagen als freie, schöne That erschienen war, dünkte ihn jetzt ein Gräuel gegen — sich und seinen Eltern, uiib der Besitz des Mädchens eine Lappalie im Vergleiche zn dem, was er um ihretwillen aufgeben sollte. Aber sein Wort, seine Ehre.... Nach dem Mincha-Gebet gieng er mit dem Vater hinaus an den Teich, „Taschlich" zn machen. Von allen Seiten kamen die Inden heran, in ihren besten Kleidern, im schönsten Schmucke. Er stand hart neben dem Vater und betete halb gedankenlos mit, bis er zur Stelle kanl: „Und Du wirfst meine Sünden in die Tiefe des Meeres. .." Die Stelle hatte ihm immer gut gefallen. Auch heute verweilte er bei ihr. Er las sie nochmals, mit einer eigenen Betonung: „Und Dn wirfst meine Sünden ins Meer..." Eine weiche, fast traurige Stimmung überkanl ihn. „Auch meine..dachte er unwillkürlich. Fast war ihm das Weinen nah'! Und wie er seinen Vater neben sich sah, der um so viele Jahre gealtert war, als Monate seit seiner Verlobung verflossen waren, da stieg es langsam, doch fest in ihm auf: „Es m u s s sein, ich kann nicht." Und noch einmal wiederholte er die Worte: „Und Du wirfst meine Sünden in die Tiefe des Meeres ..." Attf dem Rückgänge sagte er plötzlich und unvermittelt: „Vater, ich bleibe bei Euch." Mit einem Rucke wendete sich der Alte ihm zn: „Wie lange?" „Bis ich mit — dem fertig bin," sagte Rudolf leise. „Gelobt sei Gott," kam es tief aus des Alten Brttst. * $ Am nächsten Tag verbreitete eS sich wie ein Lauffeuer durch die Gasse: Dr. Ertler bleibt hier.

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