Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 27 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Yolksblatt 18. August 1899 Nr. 27 was Herz und Gemüth besitzt, schart sich um unsere Fahne, und wie die Redensarten mehr heißen. Nichts ist verhängnisvoller als dieser Jrrthnm! Wäre auch der Sieg der nationalen Idee über die Assimilation ein vollständiger, würde es doch gefährlich sein, der Selbstzufriedenheit sich allzu sehr hinzugeben. Alle Cultnrerrungettschaftett wollen immer von neuem errungen werden, sollen sie nicht zum seelenlosen Ballast herabgedrückc werden, soll nicht Erschlaffung und Reaction ihnen aäf die Spur folgen. — Allein der Sieg ist keinesfalls ein vollständiger! Es herrscht hier eine Verwechslung zwischen Assimilation als Idee und Assimilation als Process, zwischen bewusster Ueberzeugung und unbewusstem Natnrgeschehen. Gewiss wird gegenwärtig kein Jude, der auf seine Menschenwürde hält, der Assimilationsidee huldigen, gewiss werden im Zeitalter des Nationalitätenhaders und Judenhasses immer seltener jene Exemplare (wiewohl es auch an solchen nicht fehlt), welche mit Bewusstsein an frenide Nationen sich wegwerfen. Ohne Zweifel eine tröstliche Erscheinung. Allein im Leben der Nationen, in ihrem Entstehungs- und Bergehungsprocesse zählen abstracte Ansichten, trockene Ueberzeugnngen wenig mit. Die Assimilation ist ein Auflösung«- und Zersetzungsprocess. Sind die Naturbedingungen ihm günstig, dann tritt er unaufhaltsam ein, mag der Kranke sich noch so sehr ans Leben klammern. Wir assimilieren uns nicht mit dieser oder jener Nation, allein wir assimilieren uns mit der europäischen Cultur, mit seinem socialen Leben; unwillkürlich und unvermerkt eignen wir uns mit jener Accommodationskraft, die uns von Natur aus gegeben ist, jene Art zu denken und zu fühlen an, welche außerhalb uns herrscht. Während aber den anderen Nationen dieselbe Cultur und dasselbe sociale Leben, an sich kosmopolitisch, durch das Medium ihres Territoriums, ihrer Nationalsprache und nationalen Institutionen übermittelt werden, während es ihnen gegönnt ist, das kosmopolitische Culturmaterial in nationale Formen zu gießen, ihm ihre individuelle Eigenart aufzudrücken, überkommen wir dieselben Culturgüter unvermittelt, wie sie aus der Fremde an uns herankonimen, ohne ihnen den Stempel unserer nationalen Eigenart aufzudrücken. Während für die anderen Nationen, denen das Glück zutheil wurde, sich normal M entwickeln, ihr vergangenes und gegenwärtiges Culturdasein keine scharfen Gegensätze, sondern leichte Uebergänge bilden, gestern und heute ineinander spülen, zu einer Einheit steter Entwicklung sich gestalten, brachte es die Anomalie unserer historischen Entwicklung mit sich, dass es für denjenigen Theil unseres Volkes, welcher die europäische Civilisation in sich aufnahm, also für unsere gesammte Intelligenz, unsere berufenen Führer, kein Bindeglied gibt zwischen Gegenwart und Vergangeuheit, gestern und heute, zwischen dem Ghetto und den heutigen Culturverhältnissen. — Ich spreche voll unserer Intelligenz im Westen; im Osten ist die Sachlage glücklicherweise eine völlig andere, dort hat die Intelligenz den Zusammenhang mit ihrem Bolksthum, mit ihrer Vergangenheit nicht eingebüßt. — Der jähe Bruch mit der Vergangenheit, der unvermittelte Eindrang in die europäische Civilisation stempelte uns zu Culturparvenus. Und wie es einem Parvenü naturgemäß ist, schmiegten wir uns mit aller Sorgfalt an das Nene, Fremde von außen Hergebrachte wahllos an, streiften in aller Eile mit dem Aeußerlichen, Vermoderten zugleich alles Innerliche, Lebensfähige, das nns eigen war, ab, entledigten uns jener Sitten, Gebräuche und Ueberlieferungen, über denen ein Hauch uralter Poesie, zweitausendjährigen Martyriums schwebte. Wie schal, wie leer, wie unästhetisch muss ein Volk ohne Vergangenheit und Eigenart sein! Freilich blieben uns viele — ich scheue mich es zu sagen — atavistische Ueberreste — die Rasse lässt sich ja nie verleugnen —, viele Anklänge an die Vergangenheit. Allein diese Reste und Anklänge sind geradezu geeignet, den Eindruck wesenloser Formen eines entgeistcteu Körpers zu machen. Diese Einbuße an Eigenart, diese nationale Desorganisation, mit der alle Kreise unserer Intelligenz (ich spreche natürlich wieder vom Westen), ob sie sich national oder antinational neunen, behaftet ist, erklärt uns folgenden Psychologischen Zug: So oft unsere führenden Geister im Namen der Nation das Wort ergreifen, schlagen sie stets den Mitleidston an, ergehen sich in Schilderungen der elenden ökonomischen Lage unseres Volkes (als ob das allein bei all seiner Tragweite unsere nationale Frage erschöpfte), es ist das rein Menschliche, was wir zu hören bekommen, selten oder nie aber jene Freudigkeit an der eigenen Wesenheit und das mächtige Wollen, diese Wesenheit zu conservieren, selten oder nie jenes sich Einsfühlen mit jenem eigenartigen culturerzengeuden Factor, wie es bei den Söhnen anderer Völker der Fall zu sein pflegt. Jenes undefinierbare Etwas nämlich, das man unmittelbar empfinden muss und höchstens beschreiben kann, ist eben abhanden gekommen. Es blieb das abstracte, auf zufällige Abstammung beruhende Bewusstsein um die Zusammengehörigkeit, verbunden freilich mit einem gefühlvollen Herzen und edlem Thatendrang. Dafür wird viel gesprochen von einer Cultur der Zukunft, von einer ad ovo-Cultur, welche wir zum Segen — der Menschheit zu schaffen berufen sind (wie man sieht, die einstige Missionsidee ins Nationale übertragen). Indem ich das schreibe, kann ich nicht umhin, folgende Bemerkung zu machen: Eben vollzieht sich vor unseren Augen eine merkwürdige Bewegung in unserem Volksleben, eine Bewegung, über deren Tragweite man divergierender Meinung sein kann; die aber kein ernster Mensch ignorieren wird. Und merkwürdigerweise gerade der Westen hat zu ihr die Initiative gegeben! Allein dies genügt keineswegs, unser nationales Leben innerlich zu eonsolidieren und die um sich greifende Assimilation abzuwehren. Politische Bewegungen (und jede Volksbewegung ist naturgemäß politisch) welche sich ja nach außen zu richten genöthigt sind, sind einer unabsehbaren Menge von Zufälligkeiten ausgesetzt, müssen mit den jeweiligen äußeren Constellationen, mit unvorhergesehenen Factoren rechnen. Erst nachdem sie von Erfolg gekrönt sind, erst nachdem sie eine totale Umwälzung im Volksleben zustande gebracht haben, vermögen sie das Innere des Volkes zu treffen, erst daun sind sie culturschaffend. Die Bewegung au sich, und mag sie noch so große Dimensioueu aunehmen, mag sie noch so lärmend sich geberden, berührt in der Regel bloß die Oberfläche des Volkes. Nationale Regeneration wird schwerlich aus den Conferenzsälen geholt, wird selten durch einstimmige Resolutionen erzielt. Es liegt mir fern, die Bedeutung dieser Bewegung irgendwie zu schmälern, ich erhoffe im Gegentheil von ihr alles Beste für unsere Zukunft. Allein daneben bedarf es einer anderen Art Arbeit, einer Arbeit, die ohne Gepränge, ohne Lärm, ohne Conferenzeil und Volksbeschlüsse, aber stetig und unentwegt vor sich gehen wird. Was uns noththut, das sind nicht Agitationsreclamen, nicht billige Tribnnensiege, sondern Volkserziehung im eminenten Sinne des Wortes. Wir bedürfen einer schöpferischen That, au der alles, was bei uns denkt und fühlt, mit dem ganzen Einsätze ihrer Intelligenz und ihres guten Willens participieren soll, kurz, wir müssen ernstlich daran denken, eine nationale Literatur zu schaffen. Wir wollen keine Cultur für andere, wir maßen uns nicht an, die Menschheitsbeglücker zu spielen (solcherlei nimmt sich fürwahr als Höhnung unseres Jammers aus), wir wollen eine Cultur für uns und ans uns. Eine solche nationale Literatnr, selbstverständlich ans moderner Basis, ist eigentlich kein Novum, sie besteht und ist eigentlich in voller Blüte begriffen unter unseren Brüdern im Osten, allein es handelt sich eben darum, dass wir unsere Brüder im Westen dafür gewinnen, dass die gesammten schöpferischen Kräfte unserer Zerstreuung zu dieser Culturthat einander die Hände reichen. Dass das Organ einer solchen nationalen Literatur nur unsere Sprache, die hebräische sein kann, ist selbstredend. Dies wird uns jene Eigenart, jenen inneren Halt verleihen, den wir gegenwärtig eher als je benöthigen. Eine solche Arbeit wird aber auch in erster Linie unserer politischen Bewegung zugute kommen. Die gegenwärtig herrschende Strömung oder richtiger Strömungen, die vielen Projecte, die da znr Lösung der Judenfrage aufgetischt werden,, sind Experimente, die am kranken Körper unseres Volkes unternommen werden, benöthigen daher gesunde nahrhafte Kost, um sie zu bestehen oder — ich scheue mich es auszusprechen — für den Fall des Misslingens nicht völlig zusammenzubrechen. Oder um mich eines anderen Gleichnisses zu bedienen: Eine Nationalliteratur verhält sich zu den jeweilig herrschenden politischen Strömungen wie die Wurzeln eines Baumes zu den Aesten. Die Aeste sind aller Welt sichtbar, die Früchte, die fie tragen, baden im Sonnenlichte, allein sie sind den tückischen Gewittern ausgesetzt; die Wurzeln wirken im Geheimen, sind dem Tageslicht entrückt, allein sie verleihen dem Baum Dauer der aufgebrachten Judenschaft unter Geschrei, Gejohle und Geheul, den Ausdruck des Hasses in den entzündeten Augen, mit Speichel auf den Lippen, Koth und Steinen in der Hand, hereingebrochen war. In der Mitte lag auf einer Bahre der entblößte Leichnam Froim Porters, getragen von zwei Männern, denen man das Gewand in Lumpen vom Leibe gerissen. Der Gehenkte sah schrecklich aus. Das schwere und rothe Haupt sprang unter hohlem Geräusch von dem in Eile zusammengeschlagenen Stangen ab; seine dicken, im Todeskrampf ausgestreckten Kniee ragten hoch empor; auf dem fahlen Gesichte und in den weit geöffneten, aus der Höhle getretenen Augen malte sich ein Entsetzen und der Schrecken des Todes. Das Gesicht wie der Körper des Selbstmörders, die mit Koth beworfen, bespuckt, mit Steinen geschlagen wurden, boten einen widerwärtigen Anblick. Leib Rabinowicz zog sich im ersten Momente zurück. Bald besann er sich doch, stieß die heulende Menge zurück, riss von sich das Todtentuch herab und breitete es über den geschändeten Leichnam, und Thora sammt Hülle daraufpressend, legte er seine Hand auf dasselbe. Ein durchdringender, entsetzlicher Schrei lief durch die Menge. Darauf herrschte für eine Weile Stille, wie in grenzenloser Verwunderung. In dieser Stille hörte man das furchtsame Schwirren der geschreckten, den Höhen zu hinflackerden Sperlinge. Da stieß jemand zum erstenmale jenes Schimpfwort: Jakton! aus. — Jakton! schrie die ganze / Menge nach, und aus tausend Brüsten pflanzte sich der Ruf gegen-den Beschützer des unglückseligen Leichnams. Es schien für einen Augenblick, als wolle ihn der Haufen in Grund und Boden stampfen, der eine riss ihm die Mütze vom Haupte, der andere warf seine Jarmurka (Käppchen) zu Boden, man zerriss seine Kleider und zerrte ihm den Chalat vom Leibe. Die Näherstehenden spuckten in sein Gesicht, drängten in hin und wieder, und sogar die entfernt gebliebenen warfen nach ihm mit Koth. Kleine Burschen pfiffen durch die Finger, schreiend: Jakton! Jakton! Leib Rabinowicz wich nicht um einen Schritt zurück. Schlank, aufgerichtet, mager, gieng er breiten Schrittes, mit einer Weste bloß bekleidet, hinter der nach vorn und hinten Schaufäden hervorblickten, an der Seite der Leichenträger einher. Sein entblößtes Haupt trug er hoch emporgerichtet, die eine, mit dem Gebetriemen umwundene Hand drückte er' auf die Brust, mit der anderen hielt er über dem Leichnam des"'Gehenkten die Thora sammt der Sammthülle fest. Dieses HeiliMllm schützte die Leiche vor weiterer Schändung. So kgmtzn sie zur Stelle, wo Froim Porter unter Flüchen und Scbeltwortsu..ch^r Menge in einem Graben verscharrt wurde. Nun nahm Leib aus den Händen der Träger sein Tuch wie die Thora ab und kehrte in die Stadt zurück. Die Masse theilte sich. Die einen blieben am selben Ort zurück, dürres Strauchwerk und Feldsteine auf das Grab streuend, die andern liefen johlend und pfeifend hinter Leib her, mit dem Rufe: Jakton! Jakton! So wuchs ihm dieser — 3 — Name an den Leib wie eine neue Haut auf einem Schlangenrücken. Vom Geschrei begleitet, gieng Leib Rabinowicz kühnen, sicheren Schrittes vorwärts, das Todtentuch und die Thora unter den Armen bergend, emporgerichtet und gerade, wie wenn er in dieser Stunde voll Hohn um ein ganzes Haupt höher gewachsen wäre. Nur trockener Schweiß klebte sein schütteres Haar an der Stirn, zusammen und sein blasses Gesicht schien viel bleicher geworden, nur seine goldig glänzenden, halbgesenkten Augen blickten weit weg in. die Ferne. Zerronnen und Gewonnen. Eine Geschichteaus dem New-Iorker Ghetto. Aus dem Englischen von Z. Bensam (Herm. Berliner.) I. I. Capitel. Ein kalter, schöner Märztag war's, als der große, prächtige- Dampfer der Bremer Lloyd-Linie sich seiner lebenden Fracht am Castle-Garden, dem großen New-Aorker Auswanderer-Landungsplatze entledigte. Es befanden sich unter den Neuangekommenen eine große Anzahl jener unglücklichen Glaubensgenossen, die der despotische Spruch desrussischen Kaisers, oder, richtiger gesagt, die unersättliche Habgier seiner Beamten dazu gezwungen, ihrem „Vater"lande den Rücken zu kehren, um sich an den gastlichen Gestaden der neuen Welt eilt neues Heim zu gründen. Der Strom der Zwischendeckpassagiere hatte sich bereits verlaufen und bloß eine verhältnismäßig kleine Zahl war in der großen Halle noch damit beschäftigt, ihre meist geringen Habseligkeiten zusammenzulesen, um theils unter Aufsicht und Begleitung der Bahnagenten nach dem „Westen" weiter zu reisen, theils von den sie erwartenden Freunden oder Verwandten einem Boarding-Haus oder sonstigen angebotenen Logis zugeführt zu werden. Unter den wenigen Zurückgebliebenen befand sich eine Frau von ungefähr 35 Jahren in Begleitung zweier Kinder, Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren. Beide hielten ein kleines Gepäckstück in den Händen und schmiegten sich dicht an die Mutter. Sara Friedmann stand erwartungsvoll an dem großen Ausaangsthore und schaute sehnsuchtsvoll nach Demjenigen aus,, den sie mit Bestimmtheit hier anzutreffen erwartet hatte. Allein so viele Leute auch kamen, um bei den dienstthuenden Beamten sich nach Einwanderern zu erkundigen — niemand kam, der. sich ihrer und ihrer Kinder angenommen hätte.