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Jüdisches Volksblatt · 1899-08-18 · 27 (18.8.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
27 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ganzjährig.fl. 4.fW,• Halbjährig ....... si. 2.*®' Vierteljährig.fl. lJUm, Ur. 27 Wien. 18. A,»g«st189S. I. Jahrgang? Der Anfang ist gemacht.! Diese Woche gehört Basel. Mögen die allgemein politischen Blätter sie für Rennes in Anspruch nehmen, mir wissen Basel vorzuziehen. Eine Revision, ein .Kriegsgerichtsbescheid ist, wenn auch uicht oft, so doch zu verzeichnen, eine Rehabilitierung eines Officiers noch öfter, wenn auch nicht unter solchen begleitenden Umständen, wie im Dreyfus-Process. Ein jüdischer Congress aber, beschickt aus allen Ländern und Welttheilen, das ist eine überraschende Thatsache, die in der ganzen zweitausendjährigen Diasporazeit noch nicht da war. In Rennes steht das Treiben des Antisemitismus vor dem .Kriegsgerichte. In Basel dagegen versammeln sich jüdische Delegierte, um die Lage der Inden in allen Ländern zu erkennen und über Hilfsmittel im nationalen Sinne zu berathen. Die Thatsache an und für sich, dass die Juden in den letzten Jahren mehr oder weniger zu ihrem nationalen Bewusstsein gekommen sind und Delegierte entsenden als jüdische Delegierte, um einen Congress abzuhalten, ist etwas Erfreuendes, etwas Herzerhebendes. Wir wollen ganz von den Beschlüssen absehen, die in Basel gefasst werden, wir wollen dieselben hier nicht bejahen, noch weniger kritisieren, wir wollen auch keine Stellung nehmen zu den Meinungsverschiedenheiten im Lager der Zionisten selbst: zu den politischen, praktischen, kulturellen oder wie sie sich sonst nennen. Ja, wir sehen darin nicht, wieviele andere, eine Abschwächung der allgemein nationalen Idee. Es zeigt uns dies vielmehr nur den Pulsschlag unseres Volkes, das Fühlen und Denken der jüdischen Nation, es beweist uns, dass dieses Volk noch lebt, denkt und wirkt. Bei einer solch wichtigen Thätigkeit, bei einem so großen Unternehmen, ist die Vermeidung von Meinungsverschiedenheiten ja überhaupt unmöglich. Dass das jüdische Volk, welches so viel gelitten und so viel im Leiden gelernt, so viel jüdische und weltliche Intelligenz in sich ausgenommen hat, Männer erzeugt, die verschiedener Meinung sind, die alle ehrlich und warm glauben, ihre Idee sei die wahre, das wahrlich ist nicht verwunderlich. Das Gegentheil wäre schlecht. Ein Zeichen des intellectuellen Abfterbens wäre es, wenn keine Parteiungen, keine Meinungsverschiedenheiten, keine Kümpfe vorhanden gewesen wären. Ein Beweis der Lebens- und Denkunfähigkeit wäre es, rvenn alles und alle sich wie Blindlinge an einer Schnur nachziehen ließen. Wir wiederholen: Nicht was im Congresse zu Basel vorgeht, der Congress s e l b st interessiert uns. Das Zustandekommen eines jüdischen Delegiertentages, die Abhaltung eines jüdischen Con- Die Liebe in der Bibel. Wie das naive Alterthum von der gebildeten Neuzeit, wie ein an dem Uebersinnlichen hängendes, in ihm lebendes und webendes Volk von der skeptischen Gegenwart, so unterscheidet sich die altjüdische Liebe von den Gestaltungen desselben Begriffes im modernen Europa. Der Hebräer differenciert die verschiedenen Arten der Liebe, welche zwischen den Menschen möglich sind, als platonische und praktische. Die erstere Art der Liebe erschien ihm in allen Fällen als dasselbe Gefühl; die letztere sonderte er nach der Gesinnung und den Anlässen, aus denen sie hervorgeht. So lange die Liebe als bloßes Gefühl bezeichnet ward, genügte ihm mithin ein Wort für die mannigfachen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, in denen sie sich äußern kann; wo aber die wohlthätigen Absichten betont wurden, welche die Liebe begleiten, und die erquickenden Früchte, die sie zeitigt, sah er die verschiedenen Schattierungen und Abstufungen des Gefühls nach Stärke und Anlass so scharf, dass es mehrerer Worte zum Ausdrucke seiner Beobachtungen bedurfte, deren Synonymik ihm durchaus eigenthümlich ist. Wenn diese Auffassung einerseits die einfachen Verhältnisse der Urzeit widergibt, in denen weniger die gute G e s i n n u n g als die G u t t h a t beachtet wurde, so wird doch die Idee der letzteren dadurch geadelt, dass sie eben Liebe ist und aus Liebe förderlich werden will. Und damit stimmt die Anwendung des Begriffes in allen leinen Nuancen und Farben auf Jehovah selbst und die Zurückführung der irdischen Liebe auf das Gebot des göttlichen Urquells, dem ihre Heiligung im täglichen Leben entspringt, schön überein. Ahawah, die Liebe als reines Gefühl, die sich zwar auch bethätigen kann, es aber nicht zu thun braucht, | gresses.... Pardon! Eines z i o n i st i s ch e n Con-; greffes müssten wir sagen. Und da liegt leider der Haken. Der Congress in Basel ist spccirll zionistisch, ja sogar ausschließlich p o l i t i s ch - zionistisch. Die übrigen jüdischen Parteien, wie auch die übrigen Parteien im Zionismus selbst, haben dort keinen Platz. Es thut uns weh, zu sehen, dass eine solche Organisation nur zum Theile durchgesührt wird. Wenn es einmal zu einem jüdischen Congresse kommen sollte, zu einem Congresse der Jude u, nicht ausschließlich der Z i o n i st e u — ach, wie viel hätten wir dort zu sagen, wie viel zu wirken! Die jüdisch-nationale Idee hat zu ihrer Verwirklichung noch so viel allüberall zu wirken und zu schaffen, dass ein Congress aller jüdischen Patrioten, mögen sie welcher Parteischattieruug immer angehören, sehr viel Heil bringen könnte. Aber so weit ist die jüdische Organisation leider noch nicht gekommen. Mittlerweile müssen wir uns an den: Congresse zu Basel Genüge sein lassen und ihm begrüßend zurufen: Der Anfang ist gemacht. Und ein guter Anfang ist es. Der erste Schritt ist geschehen, und wir können hoffen, dass es dabei nicht bleiben wird. Dass die Organisation sich immer mehr und mehr ausdehnen werde, dass die Zahl der Wähler und der Delegierten sich immer mehr und mehr vergrößere, und dass endlich die zio nist is ch en Congresse immer mehr und mehr allgemein jüdische werden. Auch neugeborene Ideen benöthigen wie neugeborene Kinder einer Erziehung, wachsen unter günstigen Verhältnissen und bringen es zu Macht und Stärke, wenn keine krankhaften Hemmnisse in den Weg treten: Wir wollen keineswegs die Bewegung als krankhaft, die Führer als schlechte Erzieher bezeichnen. Und mit der besten Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft begrüßen wir den einstweiligen Zionistencongress, denn mit ihm ist der Anfang zu einer gesammten jüdischen Organisation gemacht. R. B. Juden und So tialdemokratte. In Nummer 13 unseres Blattes vom 12. Maid. I. brachten wir aus der Feder eines geschätzten Mitarbeiters einen Artikel: Socialdemokratie und Judent h u m. Der Artikel, der sich an das vor nicht allzulanger Zeit erschienene Buch des socialdemokratischen Führers E. Bernstein: „Die Voraussetzungen des Soeialisnius und dieAufgabederSocialum ihrem Begriffe zu genügen, bedeutet sowohl die Liebe zwischen Mann und Weib, als auch zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern, zwischen Freunden, Genossen und Bekannten, und allen Menschen überhaupt. Sie drückt eine innige Zuneigung aus, ohne sich über die Ursache derselben zu äußern, und hat, da sie diesen Punkt unbestinnnt lässt, eher die Tendenz, an eine warme Regung des Gemüthes, als an eine wohlerwogene und bewusste Wertschätzung glauben zu lassen. Zwischen Mann und Weib ist sie sowohl Leidenschaft als ruhige eheliche Neigung. Als Leidenschaft ist sie der höchsten dichterischen Ausschmückung fähig, wie aus dem Hohen Lied erhellt, wo die Liebe als Panier der Geliebten vorangetragen und die ganze Natur zur würdigen Schilderung ihrer Süßigkeit und ihres Liebreizes durchsucht wird. Auch die Hingebung der Liebe, welche keine Mühe in dem Dienste des geliebten Wesens scheut oder auch nur empfindet, ist der Äedeutung des Wortes von den ältesten Zeiten an beigemischt. So heißt es im ersten Buche Mosis (29,20) : „Also diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und sie deuchten ihm, als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er sie." Darüber noch hinaus bezeichnet die Ahawah eine glühende Leidenschaft, die sich höher schätzt als alles irdische Gut, und damit reicht sie in eine Sphäre hinein, in welcher die Liebe als das Ideal des Lebens erscheint. Doch wurde das Wort in diesem Sinne, der allen europäischen Dichtern nunmehr so geläufig geworden ist, vormals nur selten gebraucht. Das jüdische Alterthum kannte dieses Gefühl, welches die Liebe höher anschlägt als das Leben, wohl als eine jugendliche Aufwallung, aber noch nicht als eine ausgesprochene Gesinnung, die mit dem Bewusstsein der Berechtigung auftritt. Die weite Bedeutung des Wortes schließt die Liebe Gottes zum Menschen, die Liebe des Menschen zu Gott d e m o k r a t i e" anschloss, behandelte in yvrängler Form die Stellung der Juden zur socialdemokvatischen Partei. Das Resultat der Untersuchungen in diesen: Artikel ist, d a s s den Juden aus theoretischen und praktischen Gründen w i d e r r a t h e n wird, sich der S o c i a l d e rn o k r a t i e a n z u f ch l i e ß e n. Mehr als drei Monate sind seit dem Erscheinen dieses Artikels verflossen, und mit einemmal beschäftigt sich die antisemitische Presse in geradezu auffälliger Weise mit ihm. Den Anfang machte unseres Wissens die hiesige „Ostdeutsche Rundschau", indem sie eine einzige Stelle aus dem Artikel citierte, mehr um der socialdemokratischen Partei eins am Zeug zu sticken, als uns. Nicht mr, dass diese Stelle aus dem Zusammenhang gerissen war und deshalb unverständlich bleiben musste, sie war auch gefälscht. Wir haben in Nr. 25 vonr 4. August bre in der „Ostdeutschen Rundschau" citierte Stelle dem wahren Wortlaut gegenübergestellt und dieses ehrenvolle Blatt der bewussten Fälschung gezciht. Die „O st d e u t s ch e Rund s ch a u" hat den Vorwurf der bewussten Fälschung ruhig eingesteckt und damit ihre Zustimmung zu unserer Meinungsäußerung kundgegeben. Wir freuen uns dieser Selbsterkenntnis der ehrenwerten „Ostdeutschen Rundschau", wenngleich wir der Ansicht sind, dass es bei ihr Keineswegs den ersten Schritt zur Besserung bedeuten wird. Nunmehr sind der'„O st d e u t s ch e n Rundschau", von einigen sublimen österreichischen Provinzblö^chen ganz abgesehen, nahezu sä mm tliche conser ty_ e und clericale Blätter Deutschlands' llächgefolgr. Die „Kreuzzeitun g", die „S ch l e s i s ch e Z e i t u n g", die „G e r m a n i a", die „P o st" und wie sie noch heißen mögen, sie beschäftigen sich alle in längeren Ausführungen mit diesem Artikel, natürlich, um daraus Angriffe auf uns Juden zu schmieden. Merkwürdigerweise — oder besser gesagt: natürlich — geht der Artikel mit der bewussten gefälschten Stelle durch die reichsdeutsche Presse. Wir können nichts anderes thun, als diese Fälschung zu constatieren. Eine andere Waffe gegen derartige Niederträchtigkeiten steht uns ja nicht zu Gebote. Aber noch ein Anderes muss an dieser Stelle besprochen werden: Diese kleine Hetze in den deutschen Blättern hat vor allem der „Israelitischen Rundschau" in Berlin Anlass geboten, sich für uns in die Bresche zu stellen und die Angriffe der antisemitischen Clique zurückzuweisen. Das ist gewiss nur löblich und hoch erfreulich und könnte auch anderen jüdischen Blättern zum Beispiel dienen. Merkwürdigerweise aber — und diesmal wirklich merkwürdigerweise — citiert die „Israelitische Rundschau" gleichfalls - d ie gefälschte Stelle, ohne auch nur einen Moment an der und die Nächstenliebe ein. Alle drei Begriffe wohnen der jüdischen Denkweise und Sprache seit den Tagen der ältesten geschichtlichen Denkmäler des Volkes inne und sie trennen sich niemals von der gleichzeitigen Auffassung Gottes als eines strafenden Richters. Allein schon in den frühesten Epochen, wo diese eifervolle Anschauung Gottes im Volke Israel sehr starke Wurzel hatte, tritt mildernd die höchste Idee hinzu, zu welcher sich der Mensch in Bezug aus die Züchtigungen Gottes erheben kann. Gott wird ein Vater genannt, der seine Kinder straft, um sie zu bessern.*) Er liebt also, selbst wo er straft. Er zürnt nicht, weil er die Missachtung seines Willens empfindlich aufnimmt, sondern um unserer selbst wegen, weil er unsere Fehler durch Zucht zu entfernen sucht. Ein Gott, der liebt, selbst wenn wir gegen ihn gesündigt, wird auch vom Menschen Nachsicht und Verzeihung gegen feineg:gleid)eii wollen. So bedeutet denn Ahawah auch das allgemeine Band der Nächstenliebe, das die Menschen zusammenhalten soll und das zu knüpfen als eines der hauptsächlichsten Gebote des Ewigen hingestellt wird. Je weiter vorwärts die Entwicklung des Glaubens schritt, desto mehr festigte sie sich zu der weltumfassenden, die ganze Menschheit umschlingenden Liebe, welche nur Brüder, ein Herz, ein Frisch, ein Blut kennt. Die Geschichte des Wortes Ahawah bildet demnach ein heiliges Capitel in der Geschichte der Menschheit. Wir gehen nun zu den Begriffen der t h ä,t i g e n Liebe über. Das erste Wort, dem wir begegnen, zeigt eine edelmüthige Verbindung von Liebe und Gnade. C h e s e d ist eine Gnade aus gutem Willen, häusig auf dem Boden der Liebe wachsend. Sie ist eine Gesinnung, die sich gern in die Wirklichkeit überträgt, weil sie die *) 5. Mos. 8,5.

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