Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Vierteljährig.fl. 1.— \ Vierteljährig fl. 4.50 st. 2.25 fl. 1.1 & Kr. 26 Wien. 11. Angnst1899. I. Jahrgang» Haag und Paris. Vor wenigen Tagen hat man in Haag den allgemeinen Friedensgedanken, die Abrüstungsidee, welche im vorigen Jahre zu Petersburg geboren wurde, zu Grade getragen. Das Consilium der Gelehrten, welche das Kind behandelten, vermochte nicht, es am Leben zu erhalten. Ja der größte Theil derselben half biicct mit, einen schnellen Tod herbeizuführen. Auch die langspaltigen Nekrologe der Tagesblätter sind schwach und matt ausgefallen. Ernst beweint haben es nur wenige, sehr wenige. Und in Rennes ringt ein zu Tode gehetzter Mann mit aller Macht um seine Auferstehung. Capitän Dreyfus erstieg aus dem Grabe der Teufelsinsel und nun erstrebt man fein Wiederleben. Ein Consilium von Rechtsgelehrten sucht es herbeizuführen — es ist, als ob eine Art Seelenwanderung sich vollzöge, welche die Seele des verstorbenen Kindes in die Brust des Capitän Dreyfus verpflanzte. Es ist eine Ironie des Zufalles, dass gerade nach dem Schlüsse der Haager Friedensconferenz der neue Process Dreysus beginnt. Das, was in Haag nicht gelang, soll in Paris lheilweise gut gemacht werden. Dort sprach man von der Abrüstung, von der Erleichterung des militärischen Joches, das auf Europa lastet, von dem 5triege, der nur Unheil über die Menschheit bringt, von der Heeresmacht, die bereits ins Ungeheure gewachsen. Und da kämpft wieder eine Schar von Gelehrten, von rechtsfühlenden und humanen Menschen gegen dieMilitärdictatur, gegen Generäle, die sich über das Gesetz stellen, gegen die Auslieferung eines ganzen Volkes in die Hände der Waffenträger. In Haag ist das Friedenskind zu Grabe getragen worden. Manche wollen uns sogar glauben machen, dass sein Tod den Menschen Gutes gebracht habe, da der Völkerkrieg eine unbedingte Nothwendigkeit sei. In Paris ist der Beweis geliefert worden, dass die militärische Herrschaft ein Unglück für ein Land ist, dass unter der Parole: Es lebe die Armee, die ärgsten Umtriebe gegen Land und Regierung unternommen, Hass und Zwietracht unter den Bürgern verbreitet, und die Herrschaft mittelalterlicher Zustände proclamiert werden. Den Völkerkrieg nach außen hat Haag nicht abzuschaffen vermocht. Und die Rations- und Consessionstriege nach innen wird Paris nicht aus der Welt schaffen können. Wenn der einzelne Jude Dreyfus auch siegen sollte, wenn er auch befreit und rehabilitiert wird, der Rassenhass und Religionsfanatismus hat deshalb noch lange nicht aufgehört. Und insoferne stehen diese beiden Ereignisse miteinander in Verbindung. Der innere Friede muss dem äußeren vorangehen. Haag kann Zwei russische Juden. Eine literarische Studie von Max Jungmann. Seit undenklichen Zeiten stöhnt unsere Rasse unter der Gastfreundschaft der arischen Völker; dennoch sind wir unseren Wirten ein wandelndes Räthsel geblieben. Weil sie sich nicht bemühten, uns kennen zu lernen und weil der Hass ihnen von vornherein Urtheile dictierte, die sie nicht durch eine bessere Ueberzeuguug zerstören wollten. Sie haben sich einmal von unserem Wesen und Gebaren ein Bild gemacht und wollen es nicht anders haben. Darum spielen auch die Juden, wo sie in der europäischen Literatur Typen darstellen sollen, eine recht traurige Rolle — abgesehen von L e s s i n g s Renommierjuden und einigen jüdischen Figuren des allerneuesten Schriftthnms. Der Jude bildet iu jenen Werken ein humoristisches Intermezzo, eine willkommene Abwechslung in dem Ernste der Ereignisse, und alles lacht über den Harlekin und — verachtet ihn. Gogol stellt im „Taras Bulba" einen Juden vor, mit Flamen Jnnkel. Und Taras Bulba ist ein Kosakenhetman. Einmal fällt es den Kosaken ein, die Juden zu ersäufen. Jankel rettet sich dadurch, dass er vorgibt, den Bruder des Hetmans einst aus der Gefangenschaft der Türken losgetauft zu haben. Bulba erweist' sich dankbar und lasst ihn laufen. Die Kosaken rüsten zur selben Zeit einen Zug gegen die Polen. Als sie aus der Sätscha hinausfahren, bemerkt der Hetman wieder den Juden, der soeben erst dem Tode entronnen war. Und Jankel erzählt it)m, dass sich unter den Kosakenwagen einer befinde, der ihm gehöre und dass er dem Heere als Marketender folge. „Taras Bulba zog die Schultern in die Höhe und konnte sich nicht genug wundern über die Zähigkeit der Judennatur." nie und nimmer wirken, wenn man in Paris schreit: Tod den Inden! Die Abrüstungsidee kann keinen Anklang finden, so lange der Ruf: Es lebe Ne Armee, ein ganzes Volk in Wirren bringen kann. Uns als Juden interessieren diese Fragen nur indirect. Wir besitzen keinen Staat, haben kein eigenes Heer, und Krieg und Frieden und Militärherrschaft und Generalitätsintriguen berühren uns nur als Menschen, als Bürger in den Staaten, in denen auch unsere Brüder ihre Gut- und Blutsteucru entrichten. Aber — wir Juden haben zuerst den Friedensgedanken ausgesprochen, und Dreyfus ist Jude und als Jude verfolgt. Bei Eröffnung der Conferenz zu Haag haben wir an dieser Stelle die Verse des Propheten Jesaias ciliert, die vom äußeren, aber auch vom inneren Frieden sprechen. Auch unseren Standpunkt in der Affaire Dreyfus haben wir bereits klargelegt. Jetzt, wo die Conferenz in Haag zu Ende ist, und der Process Dr.eyfus in Rennes begonnen hat, jetzt können wir nicht umhin, auf den inneren Zusammenhang beider Ereignisse hinzuweisen. Der Völkerfriede muss von den Völkern und nicht von deren Herrschern ausgehen. Das 5tinb muss im Schoße des Volkes geboren sein, im Volke auserzogen und herangebildet werden. Dann wird es zngleich nach innen und nach außen wirten, beiden Theilen Heil und Segen bringend. Vergani als Untersuchungsrichter. (Zum Polnaer Mord.) Wir leben bekanntlich in Oesterreich. Dieses Oesterreich ist ebenso „bekanntlich" ein Rechtsstaat. Wir haben Gerichte in Oesterreich, Staatsanwälte und Untersuchungsrichter, die vom Staate besoldet werden, ihre Pflicht als Stützen der öffentlichen Ordnung zu erfüllen. Deshalb hat Herr Vergani, wohlbeleibter Eigenthümer des „Deutschen Volksblatt" und des „Antisemitenhof", sich veranlasst gesehen, eine selbständige Untersuchung in der P o l n a e r Mordgeschichte einznleiten. Das ist natürlich und selbstverständlich. Denn, wie könnte es Herrn Herrn Vergani paffen, dass eine so prächtige Mordgeschichte von vielleicht vorurtheilslosen Richtern in die Hand genommen würde? So sucht also Herr Vergani die Richter zu beeinflussen, und wie das nicht anders zu erwarten ist, ist ihm kein Mittel zu schurkisch und zu niederträchtig, um seinen Zweck zu erreichen. Das „D e u t s ch e V o l k s b l a t t" erzählt über die Art Diese Kautschuknatur ist wirklich jüdisch. Jankel weiß sehr wohl, dass die Kosaken ihm gelegentlich den Kopf abhauen können, aber das kümmert ihn wenig. Sein Geschäft ist eben fortwährend mit Lebensgefahr verbunden, und er würde sicher eines Tages Hungers sterben, wenn er daran denken wollte, sein Leben zu hüten. Auch sonst begibt sich Jankel in Gefahren. Er schmuggelt den Kosakenhetman in Warschau ein und macht viele ähnliche Excursionen auf das Gebiet des Leichtsinns. Alles aus Geschäftsrücksichten. So sind die Juden. Ihr Leben schlagen sie um geringen Lohn in die Schanze, und um dieses Lohnes willen können sie Hass in Liebe und Liebe in Hass verwandeln. Schmeichler sind sie geworden — aus Geschäftsrücksichten —, unterthänig. demüthig wie Jankel, der sich vor jedem Bauernjungen verneigt, den er zuweilen auch fürstliche Durchlaucht nennt. So sind wir. Und diese Selbsterniedrigung folgt uns in der Geschichte des Exiljudenthnms wie ein Schalten und will nicht weichen. Darum haben wir's verdient, verachtet zu werden, und das jüdische Volk wird diese Schmach nicht eher von sich abwälzen können, bis es sich auf seine Würde besinnt und ein Volk von selbstbewussten, freien Männern wird. Gogol hat unsere Schwäche erkannt. Er ist ein Kenner der menschlichen Seele, ein genialer Psychologe, der anch den Juden erfasst hat, allerdings einsellig. Wer den Jankel sieht, muss sich sagen: Das ist ein Jude. Aber wer die Juden kennt, wird von Jankel mehr erwarten, als der Dichter von ihm erzählt. Es werden ihm weder gute noch schlechte Eigenschaften zugeschrieben, und seine Figur macht deu Eindruck, als sei sie zur Kurzweil für die Saporoger Kosaken geschaffen. Er ist ein Mensch, der zwar eine gewisse Rolle i>n Leben spielt, sogar eine tragische, aber dennoch überflüssig erscheint und überall komisch wirkt. Wie Falstaff. - Aber Gogol verstand nur den äußeren Juden, und Weise, wie Herr Vergani den Untersuchungsrichter spielt, in der "Nummer vom A August Folgendes: Ein Comitö, bestehend ans Bürgern von Polna, hat sich nämlich die Aufgabe gestellt, die Bemühungen der Behörden, di Mörder ausfindig zu machen, auf das kräfligste zu unterstütze und da unser Blatt begreiflicheriveise ein erhöhteres Inter»» daran hat, dass die volle Wahrheit im Gerichtssaale an den Ta^ komme, nahmen wir keinen "Anstand, in dieses Rechtscomitö einen unserer Eollegen zu delegieren. In Polna fanden nun Berathungen dieses Comitös Natt, in welchen der Beschluss gefasst wurde, sämmtliche Personen, die in der Lage sind, über die Mordthat irgendwelche und seien es auch noch so belanglose Mittheilungen zu machen, einzuvernehmen. Dies geschah. Es wurden über du Personen einvernommen und dieselben aufgesordert, in Gegenwart von drei Zeugen ihre Namen unter die Protokolle zu setzen, worauf jene Herren des „Rechtscoinitös", die den Verhandlungen anwohnten — es waren dies stets drei Herren — unter die Unterschrift des Einvernomnienen ihre eigenhändige Unterschrift als Zeugen setzten. Diese Einvernehmungen währten bis inclusive Sonntag und ergaben ein geradezu u b e r r a s ch e n d e s Resultat. B ez ü g l i ch einiger Punkte konnten Widersprüche nicht aufgeklärt werden, und um auch darin Klarheit zu bringen, beschloss man die Einvernehmung des Bruders des Leopold .Hülsner — eines gewissen „I tz i g" — der seinerzeit nach Groß-Meseritz in Mähren abgeschoben worden war. Jtzig war als Lehrjunge bei dem Polnaer Schuhmachermeister Sic in Lehre gestanden und hatte in wiederholten Briefen seinen Lehrherrn gebeten, ihn wieder zu sich zu nehmen. Herr S i c war hierzu auch bereit. Um „Jtzig" einzuvernehmen, fuhren Herr Sic, ein Polnaer Bürger und unser College nach Groß-Meseritsch. Um den Spionen zu entgehen, wurde tagsvorher ausgesprengt, dass unser College nach Goltsch-Jenikau fahre, und dies hatte zur Folge, dass einige Juden am Vormittage das „Hotel Culk", in dem unser College abgestiegen war, überwachten. Allein unser College war bereits beim grauenden Morgen, ohne dass die Juden eine Ahnung hatten, durch die Judenstadt Polnas nach der Judenstadt Groß-Meseritsch gefahren. In einem dortigen Gasthause wurde abgestiegen und durch die Vermittlung des Schuhmachers Sic der U.jährige „Jtzig" herbeigeholt, der mit ihm abseits an einem Tische — an dem die beiden anderen „Inquisitoren" saßen, Platz nahm. Herr S i c ließ dem Judenknaben einen Viertelliter Wein geben, den Jtzig mit Gier austrank. Nach dem zweiten Viertel wurde Jtzig gesprächig, er erzählte allerlei Interessantes, und als Jtzig das Dritte Viertel hinter die Binde gegossen hatte, schien er auf das strenge Verbot, ja nichts zu sagen, gänzlich vergessen zu haben, er plauderte so ungezwungen, dass den Zuhörern, die anscheinend Ansichtskarten schrieben, in Wirklichkeit aber die Enthüllungen Jtzigs auf den Ansichtskarten notierten, die Haare zu Berge standen. Angesichts der „überraschenden Resultate" des Vergani'schen Detective-Talentes konnten wir nicht umhin, diesen Resultaten ein wenig an Ort und Stelle nachzuforschen. Wir haben gleichfalls ein überraschendes Resultat zu verzeichnen. Vorher jedoch einige Worte über den Bericht des „Deutschen Volksblatt". In diesem g a n z e n B e r i ch t e i st nicht eine einzigecorrecte T h a t s a ch e enthalten. Es heißt blos: „Es seine Gemüthsart kannte er nicht und wusste nicht, dass derselbe Jankel, der jeden Kosaken als gnädigen Herrn anredet, daheim über diese Gecken lacht und ihre Frechheit und Grausamkeit mit geheimer Verachtung erwidert. Er ist nicht so dumm, wie Gogol ihn schildert, vor allem ist er klüger als die Kosaken, die sich über ihn lustig machen. Noch unangenehmer als „Taras Bulba" berührten mich Dostojewski's .Memoiren aus einem Todtenhaus". Hier repräsentiert Jsay Thomitsch das Judenthum. O wir eitlen Tröpfe, die wir so stolz sind auf Israels alten Adel und so gerne die Vorzüge unseres Stammes preisen, wie armselig und lächerlich müssen wir den andern Völkern erscheinen! — Jsay macht einen noch erbärmlicheren Eindruck als Gogols Jude. Indessen, einen Trost habe ich: Wenn Jankel und Jsay zusammenkommen, würden sie einander nicht verstehen, und sie würden lachen und zu einander sagen: „Narr, leg Deine Schellenkappe ab, wir sind ja unter uns, gib Dich, wie Du bist". Wir Juden, deren ganzes Leben ohne rechte Freude verläuft und von einem endlosen philosophischen Ernst begleitet wird, wir dienen den Dichtern als Träger des Humors. Gewiss, sie haben sich nicht bemüht uns kennen zu lernen, aber wir haben ihnen auch das Studium erschwert, weil wir ihnen nie eingestanden, was wir fühlten und weil wir sie durch unser Mienenspiel zu täuschen suchten. Aus Furcht und aus anderen Gründen. Dostojewski's Jude ist eiuMörder, der nach Sibirien verbannt worden ist und bei seiner Ankunft in Ostrog sechzig Rutenhiebe erhält. Der Verfasser der Memoiren kann nicht begreifen, wie dieser kleine, schwächliche, fünfzigjährige Jude diese Strafe anshalten konnte. 'Nun, was ein alter, schwacher Jude auszuhalten vermag, wissen wir besser als alle Dichter der Welt. Jsay wird auch gebrandmarkt. aber „natürlich" verschafft er sich unmitelbar nach