Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 22 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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B. hat sich anl Donnerstag das freisinnige Bürgerthum neben die Socialdemokratie gesetzt und hat mit eingestimmt in den Accord, der sich gegell die christlichsociale Herrschaft in der Stadt richtet. Mit einer an ihm ungewohnten feinen Satyre hat der socialdemokratische Führer Dr. A dler diese auffallende Erscheinung gegeißelt; er sprach mit großmüthiger Verzeihung die Hoffnung aus, dass die Feigheit des Bürgerthums ffich einmal an einem ganz tüchtigen Krawall mit der Polizei etwas verflüchtigen möchte. Ein dummer Kerl ist ja der Dr. Adle r nicht; er weiß sehr wohl, was er von der jetzigen Freundschaft des Bürgerthums für seine Partei zu halten hat. Wenn der Wahlrechtsrummel vorüber ist, dann ist auch diese merkwürdige Freundschaft zu Ende und Bürgerthum und Socialdemokraten gingen nach wie vor um die H e r r f cf) a f t. Denn nur der Herrschaft gilt der ganze jetzige Kampf. All die Phrasen, die da ausgetauscht werden von Freiheit, Fortschritt und Menschenrechten, sind nichts als Phrasen. Die Socialdemokratie kämpft nicht für das Bürgerthum, nicht für die Freiheit, nicht für das allgemeine Wahlrecht, sondern für sich, für ihre Macht und. wenn sie einmal in den Besitz derselben gelangen sollte, dann wird man ja sehen, was diese Phrasen wert sind. Und das Bürgerthum, das in diesen seltsamen Versammlungen zu finden ist'? Das führt in erster Linie der Hass gegen das christlichsociale Regime dahin, in zweiter Linie die Freude an dem Schimpfen gegen Lueger und seine Leute und endlich und hauptsächlich die Hoffnung, mit einem gemeinsamen Anstürme die verlorene Herrschaft wieder zu erringen. Würde die Herren der Drang nach Freiheit und Fortschritt zusammenführen, so müssten sie ganz andere Reden tauschen. Sie müssten an das Unrecht denken, das den taufenben j üdische n Mitbürgern seit Jahrzehnten zugefügt wird» indem man ihnen eine Vertretung ihrer culrurellen Interessen nicht gab, indem man durch Jahrzehnte immer mit „liberalem" Schweigen über die Thatsache hiuweggieng, dass in Wien 180.000 Juden wohnen, die eine coloffale Steuersumme zahlen, ohne auch nur einen Bruchtheil davon für sich beanspruchen zu dürfen. Stets und zu allen Zeiten, ob Liberale oder Christlich- Sociale am Ruder waren, wurden Summen für katholische, protestantische und andere Kirchen, Schulen und öffentliche Anstalten gegeben; die Juden mussten ihre Bedürfnisse immer aus den eigenen Mitteln bestreiten. So wie die „liberale" Gemeindevertretung niemals bexi Einsall hatte, den Juden einen Platz für ein Bethaus unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, für eine öffentliche jüdische Anstalt eine Summe zu geben, so wird auch die socialdemokratische mit demselben Schlagwort von den „allgemeinen Menschenrechten" die Juden nur als „gleichberechtigte Staatsbürger" ausehen, wenn es zum Zahlen kommt. Und die Juden, die heute in diese Versammlungen gehen, die sind vom Schlage jener liberalen, jüdischen Gemeindevertreter, von denen einer mit Stolz betonte, dass die Juden noch nie eine Unterstützung aus Gemeindemitleln verlangt oder erhalten haben. In Oesterreich ist man nun einmal auf die P a r t e i g e i g e gestimmt; Rationen und Confessionen sind insolange für die Oeffentlichkeit Luft, solange sie nicht Parteien finb; erst der Stimmzettel lenkt die Aufmerksamkeit auf den Bedürftigen. Und da sich diese ganze Wahlrechtsbewegung um den Stimmzettel dreht, so ist das Gros der Wiener Judenschaft etwas spröder geworden. Mit Ausnahme jener Juden, die in der Assimilierung, die sie niemals erreichen konnten, den Schwamm zur Beseitigung ihres Brandmales erblicken und die sich darum zur Wortführung in den Wahlrechtsversammlungen drängen, weil ihnen die christlichsociale Partei das Wort so brüsk entzogen hat, ist die Judenschaft für diese ganze Be.vegung nicht zu begeistern. Es kann den Juden in Wien ganz recht sein, wenn dieser Tartüffe Lueger von seinem Primatorenstuhl heruntergeworfen wird, aber es ist ihnen gleichgiltig, w e r dann hinaufkommt. Sie miss — ja heute schon, dass es keiner sein wird, der ihnen besonderes Augenmerk zuwendet, und wissen auch, dass vom socialdemokratischen Regime für die Juden allenfalls die alles nivellierenden Gleichberechtigungsphrasen, niemals aber eine praktische Reform zu haben sein wird. Sie wissen auch,dass die jetzigen Sturmblöcke gegen das christlich-sociale Regime, die Socialdemokraten, sich nach dem Siege in lauter „Juden" verwandeln werden, gegen die sich, nach dem Sturze des Dr. Lueger, die „gesammte Bürgerschaft" vereinigen wird, damit die „Schande eines solchen Regimes" nicht der Kaiserstadt aufgehalst werde. Was die Socialdemokraten jetzt träumen, ist Schaum; Wolf und seine Leute wissen die Zeit wohl auszunützen und werden die „Judensoci" schon zu beseitigen wissen, wenn es zur Theilung kommt. ^.knd darum geht uns Juden diese ganze Wahlrechtsbewegung nur soviel an, dass auch wir uns sammeln und am Platze sein müssen, wenn man uns brauchen sollte. Dann aber müssen wir mitreden — und nicht mehr umsonst Dienste leisten, die man nachher vergisst oder schmäht. _ National-Trauer. r. Auch unsere Trailertage sind national, wie Misere Feste. Die ersten neun Tage des Monates A b sind uns zur Trauer bestimm!; anr neunten ist die Trauer verschärft durch Kasteiung. Denn in diesen Tagen haben wir verloren unser Laiid, uiisere Selbständigkeit, in diesen Tagen gieng unsere nationale Sonne unter und eine lange finstere Nacht begann, eine Nacht, die noch bis heute dauert. In diesen Tageri siegten unsere Feinde und versuchten, wie es im Alterthume schon Brauch war, uns gänzlich zil vernichten. Unser Land wurde verwüstet, unsere-Städte wurden verbrannt, unsere Helden getödtet nnb der Rest des Volkes wurde als Sclaven ins Exil getrieben, in alle Enden der Welt zerstreut, allüberall verfolgt und bis zürn Tod gehetzt. Doch nur bis zum Tod. Uns völlig — tob! zu machen, vermochte man nicht, uns zu vernichten war man nicht imstande. Ungleich den anderen Völkern sind wir geboren und, wir sterben auch nicht wie sie. Barbaren waren die Ahnen jener; ihre Cultur, ihre Religion, ihre Civilisation haben sie spät erst i m Lande erhalten. Durch Krieg und Politik sind sie zur Religion und Moral gekommen. Doch unsere Geschichte verkündet die Geschicke unserer Ahnen als die von Menschen, die schon Moral, Sitte und Wissen besaßen, bevor sie noch ein V o l k waren. Wir haben unsere Religion erhalten, bevor wir in unser Land kamen. Das moralisch-geistige Leben gieng bei uns dem staatlich-politischen voraus. Menschenachtung und Nächstenliebe haben wir uns augeeignet, bevor noch unser Land uns eigen wurde. Daher konnte der politische Tod uns nimmer geistig tödteu. So sind wir noch immer ein Volk geblieben, wenngleich ohne Land und ohne Herrschaft. Wir verlieren das Land, doch nicht unsere Lehre, wir verlieren die Herrschaft und leben weiter im Geiste, wir kehren zurück zu demselben Zustande, da wir unser Gesetz erhalten, noch ehe wir ins Land gekommen waren. Wohl wahr: Durch die langen Leiden und Verfolgungen hat auch unser Geist gelitten. Und in den Trauertagery in denen wir den Untergang unseres Reiches beweinen, beklagen wir auch die Erniedrigung und Verkrüppelung unseres geistigen Lebens. An dem Fasttage: „Neunter Ab" tragen wir keine Gebetriemen am Kopfe und keine Schuhe an den Füßen. Das soll uns ein Symbol sein, dass Kopf unb Fuß, Geist und Macht kränkeln an der Erinnerung dieses Tages, dass unser Leben nach innen, wie unser Auftreten nach außen leiden seit der Zerstörung Der nennte Ab. (Parallel e.) Von R. A. Brandes. I. Paris, '). Ab IS.VJ. Die Thore zum Tempel der Juden stehen weit offen. Etwas mehr Besucher haben sich heute in den: Gotteshause eiugefuuden als an jedem anderen Tag. Aber es stehen immerhin eine Menge Plätze leer. Auf den Gallerien haben sich auch ein paar Damen eingestellt. Alles ist festlich gekleidet. Glänzende Hüte, schwarze Röcke. Mit andächtiger Ruhe sitzen die Leute da und warten das Ende des Trauerliedes ab, das Cantor und Chor jetzt singen. Da erscheint im Tempel ein fremder Mann in auffallender Kleidung. Er verneigt sich gegen die heilige Lade und gleich darauf hebt er sein Haupt und schaut rings herum im Kreise der Beter. Wie merkwürdig sind diese Züge des Fremden und wie sonderbar blicken seine Augen! Graue Locken umgeben das blasse Antlitz. Eine stille Trauer liegt in seinem Blicke, und man erschrickt fast, wenn inan in diese großen Augen sieht. Da plötzlich erkennt ihn einer. „Das ist ja Mickiew i cz, der polnische Dichter", geht es flüsternd von Mund zu Mund. Alle Augen sind bald auf ihn gerichtet. Er aber schaut sie mit Blicken an, in denen sich fast Verachtung spiegelt. Und geraden Weges geht er hinauf zu dem Rabbiner. „Ich wollte Euch ein Wort des Trostes sagen", sprach der Dichter. „Denn ich dachte, Ihr säßet auf dem Boden und weinet. Ich wollte Euch stärken in Eurem Glauben an ben Messias." Und der Rabbiner sagte: „Wir? Wir hoffen auf keinen Messias mehr. In unser Vaterland kehren nur niemals wieder. Was fehlt uns denn hier? Wir haben nlit allen anderen gleiche Rechte — es geht uns g u t in diesem Lande." „Aber Euer Vaterland ist ja verwüstet — und heute habt Ihr ja einen Tranertag!" „O, wir feiern den Tag bloß als geschichtliche Erinnerung", antwortete ruhig der Rabbiner. „Was sollten wir denn weinen, was sollten wir klagen." Wir sind hier freie Bürger. Wir sind treue Söhne Frankreichs." „Aber Euer Land ist doch von Fremden beherrscht" — sagte erstaunt der polnische Patriot. „Und viele Eurer Brüder finb Sclaven in fremden Landen." „Was sicht das uns an? W i r s i n d F r a n z o s e n!" Einen Blick der Verachtung warf der Dichter auf den Rabbi und leise sagte er: „Wahrlich, da sind mir die polnischen Juden lieber!"*) '.I. Wilna, u. Ab .'riiA. (,ixsvj) In der großen Synagoge herrscht die Trauer. Die Sitze sind überschlagen und die alten Juden sitzen in Strümpfen auf der bloßen Erde. Sie sitzen nnb weinen ohne Unterlass. Die Klagelieder haben sie vor sich, lind jeder Vers lässt ihre Thräneu von neuem fließen. Jedes Wort entringt ihnen nette Seufzer. Seit gestern abends haben sie nichts gegessen nnb die schlechtesten Gewänder bedecken ihren Leib. Im Tempel hat er tticht seinen ständigen Platz gewählt. Auf einen fremden Sitz hat er sich begeben und will damit zeigen, dass der Jude keinen Ruhesitz hat — seit jenem Tage. Kein Vorhang bedeckt die heilige Lade. Denn attch die Thora trauert mit dem Volke. *) H i st oris ch. cP. ChmielowSti in „Adam Mictiewlez." >>. Baud. Der Sänger ist mit dem Trauerliede zu Ende. Ein junger Mann tritt auf den Rabbiner zu unb flüstert ihm ein paar Worte ins Ohr. „Der Doctor ist hier," sagt von den Trauernden einer. „Auch er hat die Schuhe vvn den Füßen gethan! Auch er hat Thräneu in den Augen." Der Doctor bittet den Rabbiner leise: „Erlauben Sie nur Rabbi, dass ich ein paar Worte zürn Volke spreche? Ich will den Leuten sagen, wie es um sie steht — ich will sie aufklären über ihre Lage. Für den Gedanken, unser altes Land zu colonifieren, möchte ich sie gewinnen." „Lassen Sie es heute, junger Mann", sagte der Rabbiner. „Wir klagen über die Zerstörung des Tempels, über dcn Verlust des Opferdienstes — und nur bitten Gott, er möge uns senden den Erlöser, den Messias, der den Tempel wieder erbauen soll. Hier ist nicht der Ort, von Colonien zu sprechen und von Wiederaufbauen. Der Tag ist der Religion gewidmet — und wir dürfen ihn nicht entweihen mit unheiligen Dingen." Und er wendet sich zum Volke und sagt: „Wir lesen den Midrasch Eichoh." Manche verließen die Synagoge, viele aber blieben und hörten den Vortrag des Rabbiners über den „Midrasch Eichoh". Auch der Doctor blieb und hörte — den „Midrasch Eichoh".!1!. Wien, o. Ab des Jahres I8*> nach der Zerstörung Jerusalems Auf der „Bude" einer jüdischen Studentenverbindung finb alle Mitglieder der Verbindung versammelt. Sie sitzen nicht auf der Erde. Ihre Füße sind nicht der Schuhe entkleidet. Sie weinen auch uicht. Aber die Erinnerungen dieses Tages haben sie hierher versammelt.