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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-07 · 21 (7.7.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
21 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Rrtiactum: II/3, Untere Augartenstratzr 19. Eprechstnnden r An Wochentngcn von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jiidisches BolkSblatt, Wir», VrsrllU'rrbr« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten mir uns dringend. — Meniuscripte werden nicht zuriiekgestcllt. Postsparcasscn-Conto 847037. In da? Abonnement k«m man täglich eintreten. unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prrssrommisston. Inserate iibernehmcn die Finnen: I. Tanncberg, M. Dules, Haasenstein & Vogler, Rudolf Mosse, A. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoiicen-Expeditionen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Mdimnistrntivn: II., Untere Augartenstraste 19. NbonnementSpreis: Für Wien u. Qefterretch-Nngarn samint Franeozustcllung. Ganzjährig Halbjährig Viertestährig fl. 4.- fl. *•- fl. 1 - Fiir das gesammte glusland sammt Francozustclliing. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig fl. 4.80 fl. 2.28 fl. 1.18 Nr. 21 Wen, 7. Juli 1899. I. Jahrgang. Ter Jude in Treysns. Vor wenigen Togen ist Trcrisus von der Teufelsinsel ne6) Frankreich zurückgekehrt. Die Tagcsblätter haben momentan die Polt mit über seine Schuld oder Unschuld eingestellt, sie berichten momentan nicht darüber, was in Paris gesprochen wurde über ihn, sondern sie füllen bcunit ihre Spalten aus, was auf der Teuselsinsel geschehen ist mit ihnl. Seine Person tritt in den Vordergrund, und man bewundert seinen starken Willen, sein zähes Leben, seine Ausdauer im Leiden und seinen festen Glauben an den Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit in der Zukunft. Ein französischer Officier soll so lange Zeit leiden, dulden und hoffen! Dreyfns ist aber I il d e! Und der Jude ist eben groß im Leiden, Dulden und Hoffen. Der Jude liebt das Leben, möge es auch uoch so traurig sein, hängt fest an seinem Dasein und vertheidigt mit Macht und Stärke seine Existenz. Das ist schließlich natürlich, denn der harte Kampf um das Dasein, welchen die jüdische Nation durch tausende von Jahren führen musste, die hartnäckige Vertheidigung gegen alle unmenschlichen Verfolgungen, das ewige Leben im Kriegszustand mit der gesammten Umgebung, hat dem jüdischen Volke I eine gewisse Macht verliehen, ausgeschieden aus seinem Körper alle Schwächlinge, welche demKanlpse unterliegen, und die im Judenthume gebliebenen mit Stärke und Ausdauer, mit starker Lebensliebe und guter Existenzberechtigung ausgestattet. Das ist ein Naturgesetz, gegen welches sich nicht ankämpfen lässt, und das sich vererbt von Vater auf Sohn, vom Volk auf jedes Individuum. Das jüdische Volk hat ein zähes Leben und D r e yfus ist Jude. Auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, des Glaube an den endlichen Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit, das Vertrauen auf die Erfüllung der ehrlichen Menschheitsgedanken ist eine Eigenschaft des Judenthums geworden. Die Messias-Idee, welche unserem Volke eigen ist, der inbrünstige Glaube, dass einst „die Wahrheit auf den Thron kommen und die Gerechtigkeit als Herrscherin verkünden wird", ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, ist ein Theil unserer Seele geworden, ein Lebensnerv des ganzen Volkes. Inden allerschlimmsten Zeiten, da ganz Europa, ja der ganze Erdball sich uns in eine Teufelsinsel verwandelte, da die schönsten Berge und Thäler Italiens und Spaniens uns als die schwarze, gluterfüllte Hölle erscheinen mussten, da allenthalben Jnquisitionsgerichte und Scheiterhaufen wütheteu, Juden und Judenbücher mit Sang und Klang verbrannt wurden. da Nationen wie wilde Thiere sich auf uns warfen und nicht die Spur von Nächstenliebe, Herzensgefühl, von Denken und Bedenken in der entmenschten Masse zu finden war, in jener finsteren Zeit glaubte der Jude au eine Messias-Zukunft, an den endlichen Sieg der Wahrheit, an eine Erlösung, an eine gute, ehrliche Ehre. Und das gab ihm Kraft und Macht, verlieh ihm Muth und Ausdauer, das war der Balsam, der ihm Leben schenkte, der Honig, der ihm das Leben versüßte. Das jüdische Volk hat niemals die Hoffnung auf eine baldige Besserung aufgegeben, Leiden und Hoffen war immer seine Devise — und Dreyfus i st Jude. D r e y f u s' Ausdauer auf der Teufelsiusel, D r e yf u s' Leiden und Dulden, Dreyfus' Hoffen und Glauben an den Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit — das i ft der Jude i n D r e y f u s. Juden und Jndenthum. Von R. A. B. II. Beide Fragen suchen ihre Lösung. Aber merkwürdig, sie suchen sie nicht am richtigen Orte, nicht dort, wo sie sie wirklich finden können. Die Juden frage könnten wir zum geringsten Theile lösen; das hängt allenthalben auch ab von den Regierungen, von den Gesetzgebern eines jeden Landes. Dagegen sollten w i r für das Judenthum sorgen, für das innere jüdische,, Leben. Die Sache verlief aber gerade umgekehrt. Bei uns selbst hat sich hartnäckig der Glaube eingenistet, dass w i r imstande seien, durch Aneignung sogenannter europäischer Sitten und Gebräuche, durch vollständige Assimilation und Verleugnen aller jüdischen Cultur die Judenfrage zu lösen. Und alle besser denkenden Menschen jener Zeit haben in diesem Sinne gearbeitet. „Man soll nur den Juden zum Bürger machen, und die vollständige Gleichberechtigung muss kommen", hörten wir von allen Seiten, von allen intelligenten Brüdern. Nur die jüdische Intelligenz zu Minsk in Russland machte in jener Zeit eine Ausnahme. Es war in den Vierzigerjahren, da Kaiser Nico laus 1. die Juden zur Aufklärung zwingen wollte. Der Minister Uw a ross meinte es vielleicht ehrlich mit der Gründung von Schulen für die jüdischen Kinder. Und Dr. Lilienthal machte ans Kosten der Regierung Reisen, um die Juden zu bewegen, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken. Ueberall war es die fromme Orthodoxie, die ihm entgegentrat und das Volk schreien ließ: Wir brauchen keine Schule, aus Furcht, dass Schule und Aufklärung der Religion schaden könnten. Mit denen konnte Lilien t h a l streiten, ihre Jrrthümer konnte er berichtigen und vielleicht gar sie selbst auf seine Seite bringen. Doch eine völlig verschiedene Motivierung der Verweigerung ihrer Unterstützung gaben die jüdischen Vorsteher in Minsk. Sie sagten: „Herr Doctor! Wenn wir in unserem jetzigen Zustand keine Gleichberechtigung haben, so ist das nur ein halbes Unglück. Wir haben erstens kein volles Bedürfnis nach diesen Rechten, für das Wenige, das uns fehlt, finden wir Trost in unserer Religion. Wenn aber unsere Kinder studieren und das volle Bedürfnis nach Gleichberechtigung empfinden werden, dann wird deren Verweigerung sie zutode schmerzen, die Ausschließung von höherer Gesellschaft wird sie zur Verzweiflung bringen, und auch in der Religion werden sie keinen Trost mehr finden. Können Sie, Herr Doctor, uns schon jetzt versichern, dass dem nicht so sein wird? Dass die vollständige Gleichberechtigung im Leben, in der Gesellschaft und im Amte folgen wird? Können Sie es — dann sind auch wir bereit, wenn nicht — dann können wir unsere Kinder nicht mit offenen Augen selb st in ein doppeltes Unglück stürzen." Wie weit diese Anschauung sich als richtig erwies, werden wir im Verlaufe der späteren Untersuchungen sehen. Allein zu jener Zeit war diese Antwort in diesem Sinne die einzige. Das Gros der jüdischen Intelligenz dachte anders. Die Aufklärung, die Europäisieruna, das Allgemein-Menschlich-Werden, die Verleugnung des Judenthums der Juden wegen wurde als Recept angenommen. Und dahin strebte die ganze jüdische Intelligenz. zu opfern den jüdischen Geist, um dem jüdischen Körper Rechte zu verschaffen. Allein der jüdische Geist, das Judenthum, suchte gleichfalls danach, sich Platz zu machen. Das bemerken wir am deutlichsten in Deutschland. Die Entwicklung der Juden Deutschlands gieng bis auf die letzten zwei Decennien ganz natürlich, ohne Störung von außen, vor sich. Unsere Brüder in Russland und in Polen haben den ganzen Process niemals durchgemacht. Sie wurden inmitten des Weges zur „Aufklärung" aufgehalten, während die Assimilations- Idee in Deutschland sich voll auslebte, ihren höchsten Entwicklungspunkt ganz erreichte. Das Volk hatte gebrochen mit der Vergangenheit, die Rabbiner mit der Zukunft. Selbst aus den Gebetbüchern streichen sie alles, was eine jüdische Zukunft andeutet. Die Juden sind D euts che geworden, bis zum Hass gegen ihre auswärtigen Brüder. Und dort hat die Jude nt h u m f ra g e am stärksten ihre Lösung gesucht. In- Arber das Wesen der Juden. Von De. Jul. Huaö. Also die Juden sind die Brüder der Armenier. Diese besitzen aber dieselben Eigenschaften wie jene bezüglich des „berüchtigten Wuchers", der „krummen Wege" und sind dieselben „geriebenen Kaufleute", ohne bem mittelalterlichen Drucke ausgesctzt gewesen zu sein. Es müssen daher die Hebräer die genannten Charakteristica, wie durch die Verwandtschaft peirllichst genau gezeigt wird, als F a m i l i e n e i g e n t h ü m lichkeiten besitzen, die „der Rasse schon lange, lange vor den mittelalterlichen Verfolgungen in Fleisch und Blut übergegangen sind." Und mit aller Bestimmtheit leugnet daher der Verfasser der lctztcn Erwiderung, dass diese Lage erst sie, nämlich die genannten Eigenheiten, hervorgebracht hat. Ist er aber auch mit ebensolchem Fleiße in das Gebüsch der grauen *) In der bekannten Berliner Zeitschrift „Die Z u fünf t", herallsgegeben von Maximilian H a r d e n, rede Witrov § ki, erschien vor einigen Wochen, gleichsam als Antwort ans einen Artitel eines Herrn Frei in derselben Zeitschrift, betitelt: „lieber das Wesen der Jude n" ein Artitel Herrn Tr. Hans W o h lb o l d s. In diesem Artitel suchte Herr Dr. Hans W o h l b o l d nachznweisen, dass Jude n und A r m e n i e r Stammesbrüder seien, und dass die Eigenschaften, welche die Juden angeblich bei den anderen Völkern so verhasst machten, ursprüngliche Nasseneigenthümlichkeiten der Juden seien. Herr Dr. Hans Wvhlbold kommt zum Schlüsse, dass Juden und Jridenthum sich in vollständiger Decadence befänden und dass der erwachende Nationalismus der Juden nur ein Zeichen der Decadence sei. Die Veröffentlichung des nachstehenden Artikels als Antwort auf den Artitel Herrn Dr. Wohlbolds hat die Veda e t i o n d e r „Z u k u n f t" a b g e s ch läge n, unter der Begründung, duss die Eontro verse nicht mehr fortg e s e tz t w e r d e. Mit anderen Worten, das letzte Wort soll Herr Dr. W o h l b o l d haben und das Publicum soll glauben, dass es auch rvirklich das letzte sei. Snpienti mit. Die Nedactivn. Historie betreffs der Frage eingedrungen, ob die Armenier nicht ebenfalls unter Verhältnissen litten, die ihre freie Entwicklung beeinträchtigten? Schon der Umstand, dass es schwer vorzustellen ist, wie eine Rasse in ihrem Urzustände — und von dort her datieren die Geschichtserläuterungen des Schreibers — jene Charakterzüge besitzen soll, hat etwas Neues an sich und frappiert. Wie musste das wohl geweseri sein, als die Juden mit den Hethitern zusnmmenwohnten? Handelten sie schon damals, als sie ihre Lebensbedürfnisse in der prilnitivsten Weise befriedigten, untereinander oder ihre Brüder an der Grenze — denn nur diese konnten es in Ermangelung von Verkehrsmitteln — mit den v erwandte n St äm men in unredlicher Manier, und war schon damals das Geld oder gleichwertiger Besitz ihr Hanptstreben? Dies ist ja zwingende Nothwendigkeit, wenn der Herr Autor vom Wesen der Volksseele spricht. Ich aber glaube, die genmrnten Züge können nur die Frucht einer a u f st e i g e n.d e n Cultur sein. Man darf vielleicht von Schlauheit, Verschmitztheit, Unaufrichtigkeit als den Hauptmerkmalen eines Stammes sprechen, doch nie von angeborenem Hang zum Gelde, zuni Parvenüthum u. dgl. Und ob jene Sonderlichkeiten bei den Juden zutreffen, will ich mit Hilfe des Herrn Verfassers gegentheilig zu zeigen versuchen. Er sagt: „Einst auf ihrer Höhe waren sie Helden, Philosophen und Dichter". Es scheinen also hier in der logischen Kette zwischen originärer Verderbtheit und selbst zugestandenem Culminationspunkt von Tugenden einige Widersprüche zu herrsche«. Wie kaun eine Rasse mit jenen unschönen Hauptmerkmalen, die sogar ihre Seele umfassen, zu solchem Glanze sich emporschwingen? Und jene Heroen geistigen und körperlichen Adels schritten nicht nur zur Blütezeit des Stannnes, sondern auch noch gar sehr in der Periode der Decadence einher. Rabbi Joschua — Jesus — der Sprosse dieses ränkevvllen Geschlechtes lehrte mit seinen Jüngern gleicher Rasse die Ideale der Menschheit! Wie kann man einem Volke eine Wucherseele einhauchen wollen, das bei seinem Eintritte in die Geschichte ein Moralgesetz schuf, welches heute noch alle Civilisation mit ehernen Geboten beherrscht, das auf seiner Höhe ein Volk von Priestern war, und bei seinem Abschiede von jenen, des Glaubens voll, fast losgelöst von allem Irdischen, der Menscheit den Erlöser schenkte?! Als die Juden aber von den Römern zu allen Völkern in die Sclaverei geschickt worden waren, da begannen ihre seelischen und körperlichen Leiden, die ihren Charakter verdarben, die mit dem anwachsenden Contrast zwischen Mutter- und Tochterreligion immer unerträglicher wurden. Im Mittelalter platzten endlich die Gegensätze aufeinander. Der Schwächere musste büßen. Und so auch heilte noch. Er ist verurtheilt, die ihm mit der Peitsche anerzogenen Eigenschaften als die Hauptmerkmale seines Jch's stigmatisiert zu sehen. Warum sagt derselbe Autor nicht von den Griechen, die er in einem Athenr mit ben unglücklichen Armeniern nennt und von welchen er selbst behauptet, dass sie im berüchtigten Wucher jenen das Terrain streitig machteii, warum sagt er nicht von ihnen, sie seien vom Grund aus verdorben? Und wäre das nicht nach den unvergesslichen Ereignissen von Larissa naheliegend? Doch nein, der altehrwürdige elassische Boden, auf dem sie heute noch leben, als Volk leben und die demselben entsprossenen Künste, die jetzt noch die Köpfe mehr erfüllen als die modernen, behüten sie vor solchem Pauschalunrechte. Und dichtet man den A m e r ikanern, die so viel „praktischen Sinnes" sind und derzeit im Vollbewnsstsein ihres elementaren Uebergewichtes ein chevalereskes Spielchen auf den Philippinen machen, eine Seele von Untugenden an? Den Amerikanern, die von Albions Küste kamen, wo eine

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