Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 20 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Rtbartünt: H/3, ltnJrvc Nugartrnstrastc 10. SHrcchstundcur An Mochentiigcil von 4 bis 8 Uhr iiachiiiittaqS; nn Lonntngcii von U> bis 12 Uhr vormittags. ^ostadroffe: Jüdisches Volksblatt, Löten, ll.?.' Drschlvrrdrn mrgni vcripätrtcr oder gar nicht rrfolglcr Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht zuriilkgcsicllt. Postsparcassen-Conlo 847027. Zn das Abonnement kann man täglich eintrctcn. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung drr vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressrounnisfton. Inserate überiiebmeii die Finnen: I. Tanncberg, M. Tiilcs, Haaienstcin & Vogler, Siudolf Aiosse, A. vppclik, M. Pozsouni, A. Lchale' in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Administration: kl., Untere Ärrgarleristrahe 19. Aboiinen,entspreiS: Für Wien «. ^csterrcich-Niurarn j Für das gcsammte Ansland samml Fran.ozuftcllnng. - saimitt Francoznstcllnng. Ganzjährig Halbjährig Vierieljäbrig sl. 4fl. fl. t.- Ganyabrig . Halbjährig . Vierteljährig Ur. 20 Wien, 80, Juni 1899, I. Jahrgang Bezutzseinladimg. Mit 1. Juli beginnt das 2. Quartal dieses Jahrganges und wir laden zum Bezüge unseres Blattes höflich st ein. T as ,.JüdLsche Volksblat t" hat sich in der kurzen Zeit seines Bestandes einen so großen Leserkreis erworben, d a ss der Bestand des Blattes bereits gesichert ist. Das ist gewiss ein schöner Erfolg der Idee: ein Volksblatt zu begründen, das sich offen und rnckfichtslvs siir die politischen Rechte der Inden einsetzt. Das „Jüdische Volksblati^ wird, angeeifert von diesem Erfolge, ans dem eingeschlagenen Wege fortfahren und rücksichtslos eintretcn für die nationale Organisation des jüdischen Volkes, für die Emaneipation unserer Nation, der ältesten dieser Erde, für unsere Gleichberechtigung in dem Staate, den unser Vaterland zu nennen wir volles Recht haben. Des „Jüdische V o l k s b l a L t" gibt sich alte Mühe, mit Berichten ans alten Ländern einen lleberblick zn bieten über das geistige, politische nnd enltnrelte Leben der Inden ans der ganzen Erde nnd wird nach wie vor als ein völlig unabhängiges, freies Blatt der Corrnptkon entgegentreten, wo immer sie zn finden ist. Das „Jüdische V o l k s b l a t 1-' empfiehlt sich wegen seiner großen Verbreitung, die sich über die ganze Welt erstreckt, vornehmlich zur Insertion. Wir bitten unsere Freunde, für die Verbreitung des Blattes thätig zn sein; es wird damit nur der guten Sache genützt, da ans einen Gewinn ans dem Blatte von keiner Seite resleetiert wird. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" kostet: Ganzjährig.sl. 4.—, halbjährig .sl. 2.—, vierteljährig.ft. 1.—. Eine Postkarte genügt, um eine Probeznfendung zn erhalten. Hochachtungsvoll Die Verwaltung des „Jüdischen Volksblatt". Hebräische Literatur iu Galizien, Während in Russland in den letzten Deccnnien ein fast ungeahnter Aufschwung der hebräischen Literatur zn verzeichnen ist, weist Galizien einen Stillstand in dieser Beziehung auf, der in einer Zeit des kulturellen und literarischen Fortschrittes, wie ihn die Jetztzeit bietet, einer Nea ction gleich betrachtet werden muss. — Dahin sind die schönen Tage der ,,tfikurei Hailim“, dieser neuen Früchte hebräischen literarischen Wissens im Anfänge der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, dahin die Zeit, wo die jüdische Jugend in Galizien im Studium der hebräischen Sprache wetteiferte! Trotz verschiedener Versuche wollte es nur wenigen gelingen, das Interesse für unsere so schone hebräische Literatur in Galizien wieder wachzurufen, in Galizien, das in den früheren Jahrzehnten so fleißig nnd erfolgreich an diesem großen und herrlichen Bane mitgearbeitet hatte! Der Grund hierfür dünkt mir folgender: Während in Russland die hebräische Literatur von dem realen Leben beeinflusst und von diesem je nach der Zeitströmung dirigiert wurde, kamen die Produkte der hebräischen Literatur in Galizien nie ans dem Schöngeistigen heraus, ohne dem Volke das zn bieten, was ihm eigentlich noththat. Die Zeit des Kampfes mit dem Chassidismus war längst vorbei, ein neues Morgenroth brach am jüdischen Vvlkshimmel heran, das des Selbstermannens, der Selbstemancipativn; aber die damaligen hebräischen Literaten in Galizien schenkten diesem Zeichen einer neuen Aera keine Aufmerksamkeit, ja der „Ilaibii“ in Brvdy bekämpfte noch dieses neue nnd doch so alte Bvlksideal, ohne zu ahnen, dass er dadurch dem jüdischen Volke sein All, seinen Lebensinhalt nehme .. . Diese seltsame Blindheit der hebräischen Schriftsteller einerseits, die Unkenntnis der jüdischen Volksseele seitens der damaligen Führer andererseits entfremdeten das jüdische Volk in Galizien seinem eigenen „Ich". Es germanisierte sich zuerst, pvlenisierte sich später nnd hörte überhaupt auf, jüdisch zu denken und damit anch, nach jüdischem Wissen zu verlangen. In fremden Diensten. „Man machte mich zum Hüter fremder Weingärten, meinen eigenen Weingarten hüte ich nicht." WieeiuMottohört sich dieser Vers an, das traurige Motto zur Geschichte des jüdischen Volkes. Denn der entnervende Charakterzug, der symbolisch durch diese schlichten Worte ausgedrückt wird, miederhalt sich immer wieder in unserer Geschichte, er zeigt sich nicht minder in dem Verhalten der Führer unserer Gegenwart. Doch mochte er ehedem ein unbewusster Ausfluss drückender Verhältnisse sein, herüe, wo er erkannt und verdammt ist, sieht er wie Absicht nnd Methode aus nnd kann darum nicht oft genug beleuchtet, getadelt werden. Fremde Interessen vertreten, ohne zu bedenken, dass vielleicht die eigenen dadurch geschädigt werden, sich einsetzen für die Angelegenheiten anderer, ohne Rücksicht daransi zu nehmen, dass vielleicht die unserigen darunter zu leiden haben, das ist säst zum Charakterzug geworden auch unserer modernen jüdischen Führer oder derer, die sich dafür ausgeben. Wo nur Parteienkampf, wo nur Nationalitätknzmistigkeiten, wo nur Jnteressenverschiedenheiten im Lande herrschen, dort finden wir auch die Juden kämpfen, ohne gehörige Ueberlegung, ob die Sache, für die sie eintreten, auch z-u ihren Gunsten sei, ob es vielleicht nicht besser märe, sich all ihre Kämpfe zu enthalten, ganz abseits zu stehen und all diese Kräfte für das eigene Wohl zu opfern. Ter Schein des Vortheiles verblendet sie oft so, dass sie vermeinen, in der That für ihr eigen Wohl, für ihre eieren Interessen zu kämpfen. Nnd dennoch sind sie nur Werkzeuge fremder Kräfte, tanzen sie nur nach der Pfeife schädlicher anderer Elemente. Wie ein classisches Beispiel nimmt sich zu dieser Erwägung die Bewegung, die angeblich Wien derzeit beherrscht, aus. Noch ist der Lärm, der über die Gemeidewahlresorm der christlich-socialen Partei losbrach, nicht verstummt, noch haben sich die stürmischen Wogen des erbitterten Kampfes nicht besänftigt. Doch wenn die Zeichen nicht trügen, dann wird in nicht allzu langer Zeit der Kampf beendet sein, die Wahlreform selbst der tobten Vergangenheit an gehören. Denn nebst dem „Fremdenblatt" haben anch einige andere osficiöse Zeitungen Artikel gebracht, ans denen nahezu mit Gewissheit hervorgeht, dass die Regierung die Wahlreform der Sanctioniernng nicht zu unterbreiten gewillt sei. Möglich, dass die eventuelle Ablehnung anderen Motiven entspringen wird als den Straßendemonstrationen der socialdemokratischen Arbeiter und den Artikeln der gesammten „liberalen" Wie anders aber war es in Russland! Dort hat das jüdische Volk, bei aller Theilnahme an der geistigen und cvnnuerciellen Entwicklung des Landes, nie aufgehört, jüdisch zn denken. Jüdisches Leben nnd Enipfinden regte sich nnd wirkte dort überall ununterbrochen fort. Das Volk dort denkt jüdisch, nnd die dort geschaffenen hebräischen Werke sind vom jüdischen Volksgeisie beseelt und durchdrungen. Vom Volke für das Volk! In den allerletzten Jahren erst macht sich anch in Galizien schon das s p e c i f i s ch Jüdische in den dort erscheinenden hebräischen Zeitschriften und Werken bemerkbar. Allein die Sünden vergangener Tage, die frühere Vernachlässigung und die dort herrschende materielle Roth erschweren den Gesnndnngsprocess, der aber doch früher oder später eintreten wird. Die uns jetzt von £>mit Dr. I. Günzig gebotene hebräische Zeitschrift „lloosehkol“*) bricht mit der althergebrachten Methode galizischer Journalistik. Dem bizarren, veralteten hebräischen Stile stellt er ein neues Hebräisch entgegen, in welchem alle jüdischen Zeitfragen ebenso leicht wie die historischen und wissenschaftlichen Themata behandelt werden. Mit Fach- und Aolkskenntnis greift Dr. Günzig in die zarten Saiten der jüdischen Seele, mit rücksichtsloser Objectivität aber weist er auch ans alle Makel nnd Fehler an derselben hin. Das Werk ist national. Das beweisen schon die ersten Artikel. „Rückblick" (Fuchs), „Nationalismus und Zionismus" (Dr. Thon), „Zur Aufklärung" (Dr. Günzig), „Krieg im Frieden" (Klausner), „Zionismus und Ethik" (Dr. Friedemann.) Auch viele Gedichte sind unserem Volksideale gewidmet. „Auferstehung" (Jafö), „Trost" (Teller), „Die Geschichte der Propheten" (Lewit) n. a. Hier muss auf das gelungene Gedicht von Tolitzky („Landesfrüchte") aufmerksam gemacht werden, das mit beißender Satire das Judenthum in Amerika schildert. Ferner „Das Geständnis", ein nationales Gedicht von Libn- *) hebr. Zeitschrift 1. und It.Band, redigiert von Dr. I. Günzig und I. S. Fuchs, Krakau, Fischer Presse. Aber wird man sich des Eindruckes erwehren können, dass die erwähnten Factoren zumindest mitgewirkt haben an diesem voraussichtlichen Resultate, ja werden dieselben nicht ans leicht begreiflichen Gründen laut jubelnd der Welt verkünden, dass dem in der That so sei? Dann aber wird für die gegnerische Seite, für die christlichsociale Partei, die Frage entstehen, inwieweit die Juden m i t s ch n l d i g seien an der Vereitlung eines ihrer Pläne, für den ehrlichen Juden aber, der sein Volk liebt und nicht den hohlen Pathos einer scheinheiligen Presse, was dieser Karnps uns selbst, den Juden genützt habe. Die Beantwortung der ersten Frage mag uns schließlich gleichgiltig sein. Nicht aber ebenso die der zweiten. Die aber ist für jeden ehrlichen, vernünftigen Juden traurig genug. Ist etwa mit der Ablehnung der Wahlreform die Herrschaft der Christlich-Socialen die beseitigt oder nur ein Schritt zu ihrer Beseitigung gethan? Rein, die christlich-sociale Partei steht heute noch fest, sehr fest, und die Vereitlung der Wahlreformvorlage wird für sie nur eine Stärkung nach innen und nach außen bedeuten. Denn der bloße Hinweis ans das unnatürliche Bündnis zwischen der corrupten liberalen Presse der ebenso corrupten liberalen Partei mit der Socialdemckratie und den sonst antisemitischen Deutschnationalen wird das beste Mittel dazu sein. Das Bad werden wir Juden ausgießen, ohne dass wir auch nur den geringsten Vortheil haben, ohne dass die christlich-sociale Partei aufhören wird, Wien zu beherrschen, nnd ohne dass die Deutschnationalen etwa aufhören werden,, antisemitisch zu sein. Den Erfolg aber wird die socialdemokratische Parkei sich nicht nur zuschreiben, sondern auch thatsächlich besitzen. Wir sind im Begriffe, wieder einmal für andere zu arbeiten, wir sind wieder einmal in fremden Diensten gestanden, ohne Anerkennung, ohne Lohn. Juden und Judenthum. Von R. A. B. I. Seit Ende des vorigen Jahrhunderts in Mitteleuropa und seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Westeuropa sind die Juden bei allen anderen Völkern und das Jndenihnm bei den Juden selbst zu einer „Frage" geworden. Vorher waren weder die Juden noch das Judenthum eine Frage und zwar aus den entgegengesetzten Gründen. Wenn man etwas zur Frage macht, so heißt das: Es existiert, allein die Existenzschitzky, in welchem Inda seinem Liebchen Zion seine Leidens¬ und Golusgeschichte im trauten Schatten des Libanon erzählt. Der belletristische Theil bringt Arbeiten von den besten neueren hebräischen Schriftstellern. In der Skizze „Ans den Gräbern" zeichnet Brandes die Eindrücke vom Baseler Congress nieder, und in der Novelle „Das Schaltjahr" stellt er das liebereiche, echt jüdische Familiendem modernen Eheleben gegenüber. Frisch mann erzählt in einem wahrhaft meisterhaften naiven Märchenstile „Der kleine Engel", vom Wandern der Muse unter den Menschen. Auch die jüngeren Talente kommen hier zur Sprache, n. a. D. Rotblnm „Bon Nacht zu Morgen", der sich schon durch seine kleinen Skizzen in den verschiedenen hebräischen Zeitschriften bemerkbar gemacht hat. Das Jüdisch-Wissenschaftliche und Cnltnrhistorische ist hier von den besten Meistern vertreten. So Dr. Rubin „Drei geistige Eigenschaften unseres Volkes", Bub er „Genealogie der Rabbiner Zvlkiews", Dr. Epstein, Dr. PH. Bloch. Professor Kaufmann, Lector Friedmann, Dr. Günzig u. n. v. a. Der Lage der Juden in Galizien widmet H. Heimann einen separaten Artikel, mit welchem er in die inneren und äußeren Verhältnisse der Inden hineinlenchtet. Es würde mich zn weit führen, wollte ich all die gelungenen Arbeiten, die der „Hoeschkol“ enthält, besprechen. Die Förderer der hebräischen Literatur werden dem Herausgeber nur Dank wissen für den ihnen durch mühevollen Fleiß gebotenen geistigen Genuss, und ihn gewiss thatkräftigst unterstützen, damit er die begonnene Arbeit erfolgreich weiter fortsctzen könne. Dr. Günzig kennt das jüdische Volk, weiß, was diesem zu bieten, und so wird hoffentlich der „Haeschkol“ das werden, was wir von ihm erwarten — ein neues Centrum der jüdischen Literatur in Galizien, und dem jüdischen Volke, das gerade jetzt zn neuen, selbständigen Thaten erwacht, ein treuer, objectiver Berather. i'nnl BrafT.