Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 19 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SSS Vierteljährig.fl. 1.- Vierteljährig.fl. 1.15 4>-♦ Ur. 19 Die antisemitische Kategorie. Ein kleiner Zwischenfall. Ein französischer Vahnarbeiter, namens Rosse au, der zufällig einem Inden ähnlich sieht, wird von Kindern, die 8a glauben, der „Jude" wolle ihnen Blut a b z a p f e u, mit Steinen beworfen und von herbeigeeilkkn Ziegelarbeitern balbtodt geprügelt. Ein kleiner Zwischenfall, der nicht größer wird, weil er sozusagen im Centrum der Civilisation, vor den Thoren Wcku'Z sich ereignet. Ein kleiner Leitartikel, der überdies noch unbeachtet bleibt. Dann geht man über den Fall hinweg. Er verschwindet unter den „großen Ereignissen des Tages." Die großen Ereignisse des Tages! Man muss ein trauriges Lächeln verbeißen. Wer diese großen Ereignisse, wenigstens in Wien, bei Licht betrachtet, der findet keine besondere Größe an ihnen. Im Gegentheil! Er wird sie höchst kläglich und vielleicht noch mehr als das, nämlich dumm finden. Und noch unerklärlicher, unverständlicher werden sie ihm scheinen, wenn er den- Fall des Bahnarbeiters Ros s e a u mit ihnen in Verbindung bringt. Einen unschuldigen Menschen, unschuldig an dem Verbrechen, Jude zu sein, hat man krank geprügelt, einem Juden hat es gegolten. Einem Juden? Nein! D e m Juden, allen Juden, der g e s a m m t e n Judenschaft. In demselben tollwüthigen Wahnsinne, würden diejenigen, die diesmal dem armen Bahnarbeiter die Knochen zerschlugen, vielleicht alle Juden zerschlagen. Die es thaten, waren Ziegelarbeiter, Arbeiter, wahrscheinlich „politische Gegner" der christlich-socialen Partei, Herrn Dr. Lueger s. In derselben Woche aber jubelten einige Tages-Blätter, deren Meinungsäußerung man gemeiniglich als die der Juden anzusehen pflegt, dass es mit Dr. Lueger zu Ende gehe, dass die christlich-sociale Partei fett und satt geworden, einem baldigen Tode entgegensieche. Warum? Weil die Arbeiter gegen Dr. Lueger demonstrierten, in Versammlungen und auf der Straße. Die Arbeiter? Es wird besser sein, zu sagen: Die socialdemokratische Partei. Und unter den Demonstranten mögen sich nun vielleicht jene Arbeiter befunden haben, die Rosse au prügelten. Beherrscht doch die socialdemokratische Partei bekanntermaßen die Ziegelwerke und hat sie doch zum Kampfe gegen Dr. Lueger all ihre Mannen aufgeboten. Das gibt zu denken. Zu denken natürlich nicht etwa in dem Sinne, als ob man diese traurige Geschichte der socialdemokratischen Partei in die Schuhe schieben oder sie dafür verantwortlich machen wollte. Das wäre heller Unsinn. Aber nach einer anderen Seite hin soll d'e Sache betrachtet werden. Heute führt die socialdemokratische Partei einen erbitterten Kampf gegen Dr. Lueger. Dieser Kampf wird von der „liberalen" Presse aufs Nachdrücklichste unterstützt. Die Juden sollen der Presse Gefolgschaft Nathan der Weise. (Aus dem Briefe eines Provinzialen an seinen Freund.) .... „Auch im Theater war ich hier. Im Burgtheater. Samstag abends gab man: Nathan der Weise, und Sonnenthal spielte die Titelrolle, die Rolle, welche die Krone seiner Kunst bildet, nach der Aussage der Zeitungen. Das wgr Grund genug, um einen Sommerabend zu opfern und sich auf vier Stunden gleichsam einsperren zu lassen. Und ich war nicht der einzige. Das Haus war fast vollbesetzt. Es scheint, dass es auch heute noch viele Leute in Wien gibt, die ein Interesse an dem Nathan nehmen, für einen Nathan, wie ihn S 0 n n e n t h al darstellte. Was mich selbst betrifft — ich war, ich muss Dir sagen, mein Freund, ganz unzufrieden. Das ganze Stück trägt so sehr das Gepräge des a ch tzehnten Jahrhunderts, hat so veraltete Anschauungen und überlebte Ideen, dass viele Stellen, und gerade die angeblich besten im Stücke, jetzt nicht nur ihren Effect verloren haben, sond.erp.geradezu abstoßend wirken. Die Abschüttelung jener Ce^emonien, welche die religiösen Verschiedenheiten bilden, ist doch für unsere heutige Intelligenz ganz gegenstandslos, lliib das Ideal der Assimilation, welches Lessing hier zu verkörperlichen sucht, ist uns heutzutage zuwider geworden. Das große Wort: Mensch, welches hier zur höchsten Vollkommenheit der Gesellschaft hinaufgeschraubt wurde, bleibt in unserer Zeit nur eine Phrase, mit welcher niemand mehr rechnet. Und ich selbst empfinde eine förmliche Verachtung gegen Nathan, wenn er kriechend, sclavenartig, dem Tempelherrn zuruft: I Wien, 23. Inni 1899. 1. Ilchrgairg. baben in unserem eigenen Interesse wie in dem de^< Arbeiterclasse die Pflicht, alles zu verhüten, was die leisten, und wie die Dinge nun liegen, ist es bereits zum Theil und kann es bald in noch größerem Maßstabe geschehen. Warum? Weil sie mit Dr. Lueger den Antisemitismus überhaupt besiegt zu haben glauben. Was aber hat Dr. Lueger viel mit dem Antisemitismus zu thun? Mit jenem Antisemitismus, der gerade in den allerweitesten Schichten des Volkes immer latent schlummert und nur eines Anlasses bedarf, um loszubrechen? Doctor Lueger und mit ihm die christlich-sociale Partei, sind der Ausdruck des politischen Antisemitismus. Sie mögen beide verschwinden, dann wird der Antisemitismus aufhören, eine politische Erscheinung zu sein. Aber ist damit auch der Antisemitismus überhaupt, als geschichtliche Erscheinung, verschwunden? Und ferner? Was hat die focialdemokratische Partei weiter viel mit dieser Frage, mit diesem Antisemitismus zu thun. Die soc'aldemokratische Partei verleugnet heute den politischen Antisemitismus, ja sie erklärt sich als dessen Gegnerin. Zugegeben und richtig! Was aber kann denn die socialdemokratische Partei thun, um jenen Gefühlsa n t i s e m i t i s m u s, soferne er nicht schon vorhanden ist. von ihren Reihen fern zu halten? Die Partei! Woraus besieht denn die „Partei"? Aus einigen Führern und Hunderttausenden Arbeitern, die des tagsüber schwer arbeiten und des abends eben noch geistig und körperlich kräftig genug sind, für den Zehnstunden- Tag, für alle die unzähligen wirtschaftlichen Forderungen ihrer Classe zu kämpfen. Zugegeben, dass die Führer, sofern sie nicht schon selbst Inden sind. Philo-Semiten seien. Aber wer oder was kann die Soldaten, die Anhänger hindern, heute gegen Dr. Lueger zu kämpfen nnd morgen gegen uns Juden? Ja, ist es auch nur wahrscheinlich, dass gerade diese Classe, die doch naturgemäß den Einflüssen der Verhältnisse und der Tradition am leichtesten zugänglich ist, sich von jenem Antisemitismus überhaupt frei halten könne? Der Fall Rosseau gibt zu denken. Der Gefühlsantisemitismus gehört zu jenen Erscheinungen die der große Philosoph Hegel mit dem Namen der h i st o r i s ch e u Kategorien belegte. Wohl hat der Begründer der socialdemokratischen Partei, Carl Marx, die Wirksamkeit der historischen Kategorien vollständig geleugnet, aber heute, nach nahezu einem halben Jahrhundert, ist die Unrichtigkeit der marxistischen Anschauung auch von führenden Geistern der socialdemokratischen Partei bereits erkannt nnd als überlebt beiseite geschoben worden. Es ist hoch an der Zeit, dass wir Juden an dieser Erkenntnis theilnehmen. Die socialdemokratische Partei ist sowenig wie irgendjemand imstande, die antisemitische Kategorie aus der Welt zu schaffen, sie fühlt ihren Einfluss heute schon und wird ihn erst recht fühlen, wenn sie in das S t a d i u m des Besitzenden getreten ist. Wir Juden aber a n t l s e m i t r s ch e Kategorie auch in der Arbeiterschaft zum p o l i t i s ch e n F a c t o r machen könnte. Je mehr wir uns der socialdamokratischen Partei nähern, desto größer wird diese Gefahr, sie wird und muss zur Thatsache werden, wenn wir aus Noth unvernünftig genug sind, uns der socialdemokratischen Partei voll ann znschließen. Denn von allen h i st o r i sche - Kategorien, welche die Geschicke der Menschheit b e st im m t e n, ist die in die Form des A n t i f e m i 1 i § nt u § $etleibete nationale Kategorie d i e st ä r k st e. Judenthum und Judenhreffe. in. Mit seltenem Erfolge hat endlich die liberale Presse die politische Entmündigung des jüdischen Volkes durchgeführt. Wenn heute die jüdische Bevölkerung Oesterreichs zerfahren und führerlos in muthloser Passivität die schändlichsten Anfeindungen ükffr sich ergehen lässt, wenn sie die seltsamsten politischen Constellationen zutage fördert, die jemals ein Volk erlebt, dann sind diese beschämenden Zustände zum größten Theile jener Presse zuzuschreiben, die in einem unerhörten Missbrauch ihres Einflusses die Befriedigung für ihre maßlose Herrschsucht suchte. Es soll nicht gesagt sein, dass die liberale Presse von allem Anfänge, seit der Emancipation der Juden, ihre unehrliche Verführerrolle mit Bewusstsein erkannt und gespielt hätte. Gewiss befand sie sich eine Zeit lang im Einklänge mit den Anschauungen jenes Theiles der Judenschaft, von dem man eine politische Bethätigung überhaupt erwarten durste. Dieser Theil der Judenschaft in Wien, in Mähren und Böhmen hatte sich mit dem überschäumenden Gefühle seiner jungen Freiheit und einer allzufrühen Dankbarkeit insgesammt in das Lager der deutschliberalen Partei begeben, die doch den Juden Oesterreichs die angebliche „Befreiung" und die fragliche „Gleichberechtigung" verschafft hatte. Allein schon damals war ein wesentlicher Unterschied in der Haltung der Juden und der der Presse zu bemerken. Die Deutschen waren liberal, die Juden waren liberal, aber die Judenpresse war deutsch gesinnt, deutscher als die Deutschen selbst. Und dieses, ihr Deutschthum, octroyierte sie den Juden auf, die in ihrer politischen Einfalt und Unreife die Spalten der Wiener liberalen Presse für den thatsächlichen Ausdruck der öffentlichen Meinung ansahen und meinten, darnach handeln zu müssen. Allein mit dieser Haltung verkannte die Judenpresse vollständig die Stellung des jüdischen Volkes, säete „. . . Verachtet Mein Volk, so sehr Ihr wollt, wir haben beide Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?" Die Schamröthe trat mir ins Gesicht, und ich sah mich nur gleich um, ob nicht ein paar Antisemiten die Stelle applaudierten oder Zwischenrufe ü 1a Landtag niachten. Jude bleibt Jude, gefühllos, ehrlos. Nein! So spricht kein Weiser unserer Zeit und kein Jude keiner Zeit. Glücklicherweise, scheint es, fürchten die Antisemiten den Nathan noch immer als gefährliches Gegenstück, da sie es noch für unser Vertheidigungsstück halten, und besuchen das Theater nicht. Nur bei der Scene, in der man Nathan beschuldigt, ein christlich Kind als Jüdin erzogen zu haben, habe ich einen leisen Zwischenruf gehört: Der Jude hat wahrscheinlich dem armen Christenmädel alljährlich zu seinem Osterbrod Blut abgezapft. Sieh, wie die arme Rahel blass ist! Und sah mich um — eine Dame hatte diese Bemerkung gemacht, und denke: das ist modern. Nicht dass er sie nicht christlich erzieht, „ohne Schweinefleisch" zu Mittag, wie Saladin sich darüber lustig macht, sondern dass er sie wahrscheinlich bei sich hält, um von ihren Adern ein paar Tropfen Blutes zu eigenem Gebrauche nehmen zu können — das ist die Motivverschiebung von einst zu heute. „Glücklicher Nathan, dachte ich bei mir! Du bist in ganz gute Gesellschaft gerathen. Du hast ja lauter brave, ehrliche Leute um dich. Ein edler Fürst, wie Saladin, ein gutmüthiger, ehrlicher Tempelherr, selbst der Klosterbruder ist ein schlichter, ruhiger Kerl, und mit Ausnahme desj Patriarchen, der allenfalls keine Macht besitzt und im Stück doch nur der Effecthascherei wegen vorkommt, sind sämmtliche Personen von religiöser Toleranz durchdrungen." Und wahrlich! Ich verstehe es nicht, warum Sonnenthal den Nathan in einem demüthigen, weinenden Ton spielt. In die s e r Gesellschaft könnte er ganz gut als muthiger, starker Charakter auftreten, der als Held mit vollem Siegesbemusstsein seine Rolle spielt. Ich denke mir Nathan in eine Gesellschaft versetzt, in eine mittelalterlich fanatische oder in eine modern antisemitische. Da würde das Gedicht ganz andere Wendungen nehmen. Lessing scheint mit seinem Nathan Mitleid gehabt zu haben und lässt ihn unversolgt, wodurch der Schluss des Stückes leidet. Aber ich möchte gar keine Kritik in diesem Briefe üben. Ich wollte da nur erzählen, was ich im Theater empfunden habe. Nnd da muss ich nun gestehen, dass auch i ch einmal applaudierte Es war anlässlich der Scene bei Saladin in der Nathan die Anekdote von den drei Ringen erzählt. Fast das ganze Haus, brach in einen lang anhaltenden Applaus aus. Ich wurde mitgerissen, ich klatschte gleichfalls, ich applaudierte mit. In diesem Moment schien es mir, als wollten die Zuhörer gegen den Aberglauben demonstrieren, als ob das Volk Protest einlegen wollte gegen die Judenhetze. Aber bald darauf fragte ich mich selbst : Beschäftigt uns denn jetzt die Frage, welche Religion die w a h r e ist? Und wenn auch? Könnten wir dieselbe mit einer Anekdote aus der Welt schaffen? Selbst die Judenverfolgungen im frommen Russland, vom Antisemitismus ' im übrigen Europa ganz zu schweigen, sind lange nicht auf religiösen Fanatismus zurückzuführen. Und in verflossenen Jahrhunderten, in denen es so war, haben Anekdoten und Witze wahrlich nicht helfen können.