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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-16 · 18 (16.6.1899) · p. Seite 8

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
18 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt IG. Juni 1899 Nr. 18 den das Judenthum des Ghetto zu dem der sogenannten Emancipation zurückgelegt, so ist es — der moderne Rabbiner. Allerdings glaubte sich dieser als Führer im Judenthum zunächst dazu berufen, dem neuen Geiste Rechnung tragen zu müssen, und hatte darum seine ganze Eigenart und manches andere, was ihn charakteristisch von der andersgläubigen Geistlichkeit abhvb, in bereitwilliger Weise den neuen Anforderungen zum Opfer gebracht, um dem Zeitgeiste Entsprechenderes hierfür einzn-auschen. Wie hätte er auch ahnen sollen, dass das neue Priesterornat, welches er nunmehr anlegte und das ihn gar so trefflich kleidete, ihm gleichsam zum Tvdtengewande werden, dass der liebliche Orgelklang in nicht allzu weiter Ferne ihm ein Requieseat in pace traurig und düster entgegentönen li)nnte Der moderne Rabbiner, er ist das erste Opfer geworden, welches die auch sonst noch theuer genug erkaufte Freiheit vom Judenthum eingeforvect; er als ihr erster Verfechter und Vorkämpfer, er mußte naturgemäß auch die meisten Wunden davontrngen. Und so ist es denn in der That ein Scheinleben, das der Rabbiner von heutzutage führt, woran ihn jedoch selbst das meiste Verschulden trifft. Darf er es darum als unbillig empfinden, wenn bald von dieser, bald von jener Seite der Ruf an sein Ohr dringt: wozu soll uns noch heutzutage ein Rabbiner? Und sicherlich würde es bei diesem Rufe allein nicht verbleiben, würde man schon längst dieser Scheinexisteuz vollends ein Ende bereitet haben, wenn nicht zweierlei Momente einem solchen Beginnen hemmend in den Weg getreten wären: zunächst — was in unserem Falle allerdings von manchem eher als ein Vortheil angesehen werden mochte — der alte, erbgesessene Fehler der Nachahmungssucht des Juden, all das für gut und schön zu finden, was er bei Andersgläubigen antrifft, dann der Zwang Vonseiten des Staates, U'elcbe nur jene jüdische Gemeinde als solche anerkennen will, die als vornehmstes Kennzeichen einen Rabbiner an ihrer Spitze besitzt. Kann aber eine Institution — so müssen wir uns fragen — die nur infolge der Nachäffung oder des äußeren Druckes ein kümmerliches Dasein fristet, auch jene moralische und sittliche Wirkung ausüben, kann ihre Autorität anerkannt werden, die ihr doch von rechtswegen gebürte? Und doch hat gerade das moderne Judenthum eine Institution nöthig, die alle seine geistigen Angelegenheiten vertreten, seine ehrwürdigen Traditionen behüten und bewahren, seiner Jugend die ruhmvolle Vergangenheit ihres Volkes vor Augen führen, wie dem idealen Streben der Erwachsenen Ziel und Richtung geben könnte. Unsere Zeit, die so ganz und gar auf Theilung der Arbeit beruht, sie muss demnach auch für dieses Feld geistiger Thätigkeit besondere Männer bestellen — und wer durste hierzu berufener sein als eben der Rabbiner. Allerdings darf er nur dieses allein sein wollen. Seine Aufgabe soll nur in der Pflege echten, wahren jüdischen Volksthums liegen, er soll, um kurz zu sein, nicht Prediger, nicht Geistlicher, sondern wieder Lehrer seines Volkes werden. Literatur. Dr. M. Kayserling. Ein Mann der Wissenschaft, der weit über die Grenzen seines engeren Vaterlandes ge- und bekannt ist und sich einen sehr geachteten Namen in der Gelehrten-Nepublik erworben hat, feiert arn 17. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag — Doctor M. K a y s e rl i n g, Rabbiner und Prediger der isr. Cultusgemeinde Budapest. In der Budapester Großgemeinde werden Vorbereitungen getroffen, den Ehrentag des allverehrten Seelenhirten würdig zu begehen, und auch wir glauben, den Intentionen der geehrten Leser zu entsprechen, wenn wir ihnen in kurzen Umrissen den Lebensgang dieses seltenen Mannes zu entwerfen versuchen. Kayserling, am 17.Juni 1820 inHannover geboren, absolvierte zunächst die Schule seiner Vaterstadt, widmete sich dann dein Studium der jüdischen Theologie in Halberstadt, Nikolsburg, Prag und Würzburg. Im Jahre 1851 begab er sich nach Berliii, um an der dortigen Universität mit großem Eifer und unermüdlichem Fleifie philosophische und historische Studien zu betreiben. Durch Leopold Ranke, der die Talente des strebsamen jungen Mannes bald erkannte, zu historischerl Forschungen ermuntert, richtete er zunächst sein Hauptaugenmerk auf die Geschichte und Literatur der Juden auf der pyrenirischen Halbinsel — ein Gebiet, das bis dahin namentlich von deutschen Gelehrteil und Forschern viel zu ivenig beachtet und gepflegt wurde. Schon sein erstes größeres Werk „S ephardim, Romanische Poesie der Juden in Spanien", lvelches im Jahre 185!) die Presse verließ, wurde als bahnbrechend freudig begrüßt und von der Kritik aufs günstigste beurtheilt. Angeeifert und angespornt durch den vielleicht unerwarteten Erfolg, ließ er bald darauf den ersten Theil der „Geschichte der Juden in Spanien" und sechs Jahre später die „Geschichte d e r I u d e n i n P o r t u g a l" erscheinen. Hieran reiht sich 1801 seine Schrift: „Ein Feiertag in Madrid. Zur Geschichte der s p a n i s eh - p o r t u g i e s i s ch e n Juden" und (18'!)) die Monographie: „Menasse den Israel; sein Leben und Wirken. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Juden in England." Diese Monographie lvurde 1807 auch ins Englische übersetzt. Die bereits angeführten, sowie die übrigen, die spanisch-portugiesische Literatur behandelnden Werke werden von spanischen Autoren häufig als Quellen benützt — gewiss ein günstiges Zeugnis für die Odjectivitüt und den wissenschaftlichen Wert derselben. 1802 erschien die erste ausführliche „Biographie Moses Mendelssohns, sein Leben und seine Werke". Dieses bedeutende Werk repräsentierte sich schon 1888 in zweiter, vermehrter und um gearbeiteter Auflage mit authentischen Illustrationen. Diesem war 1856 vorausgegangen: „M osesMendelss o h n s p h i l o s o p h i s ch.e und r e l i g i ö s e G r u n d s ä tz e mit Hinblick auf Lessing." Dann folgte die Schrift: „Zum Siegesseste. Dankpredigt und Danklieder von Moses Mendelssohn." — 1800 erfreute Kayserling namentlich die jüdischen Leser und Verehrer des großen Philosophen, den man den neuen Sokrates zu nennen pflegte, mit seinem „Moses Mendelssohn. Ungedrucktes und Unbekanntes von ihm lfl' ‘fnti'er „Der Dichter Emil K u h, ein Beitrag Geschichte der deutschen Literatur" wurde (1888)- den Frc ^»Verehrern dieses nur allzu früh verstorbenen Dicht^^>'^ ^.'dlichste begrüßt, und das bei seinem Erscheinen^j87!y vielfach beschäftigende Werk: „Die jüdischen Frauen nt n' Geschichte, Literatur und Kunst" wurde bald darauf i"L^..,,-.cische und Englische überseht. Jacobs 1801 wurde Kayserling von der aargach hin Segierung als Rabbiner der schweizerischen Israeliten bestaky,,. Während seines neunjährigen Aufenthaltes in der Schweiz. *^e er für die bürgerliche Gleichstellung seiner Glaubensgenosse^ j> suchte auch später in Broschüren, Angriffen gegen dieselben.^ 55 gegnen. Wir führen nur an: „Die rituelle Schlachtform, das Schächten eine Thierguälerei?" (1807); „Die Blutbe^.. ^igung von Tisza-Eszlar" (1882); „Der Wucher und das Judenthum" und die anonym erschienene Schrift „Das Judenthmn in Beziehung auf Staat, Faniilie und Gesellschaft". Sehr verbreitet ist Kayserlings „Handbuch der Israelitischen Geschichte", welches gegenwärtig in achter Auflage vorliegt, in vielen Mittelschulen des In- und Auslandes eingesührt ist und ins Russische, Polnische, Dänische und Ungarische übersetzt wurde. Sehr praktisch für den Schulgebrauch erweist sich auch seine Ausgabe der „V Bücher Moses, nebst einem Wörterverzeichnisse, einer kurzen hebräischen Grammatik und Coujugations-Tabellen". Die von ihm berausgegebene „Bibliothek jüdischer Kanzelredner" ist in Fachkreisen sehr geschätzt, und für Zeitschriften und Jahrbücher liefert er zahlreiche Beiträge, die immer sehr beachtet imd mit Interesse gelesen werden. Vor einigen Jahren veröffentlichte er die Biographie seines Amtsvorgängers, des sei. Dr. Meisel. Die Leclüre dieses Merkchens eriveckt bei dem Leser eine geradezu andächtige Stimmung; denn man empfindet es bald: hier hat die Pietät den Verfasser inspiriert, und dieser innige Ton, diese ergreifende Sprache kommen ans der Tiefe eines gefühlvollen Herzens . . . Vor den Herbstfeiertagen im Jabre 1870 wurde Doctor Kayserling von der Budapester israelitischen Gemeinde berufen, um hier als Rabbiner und deutscher Prediger zu wirken. Bei der seltenen Beliebtheit und ungewöhnlichen Popularität, deren sich seine Vorgänger Schwab und Meisel erfreuten, war es keine leichte Aufgabe, hier auf fremdem Boden festen Fuß zu fassen. Aber sein gediegener Charakter, sein lauteres Streben und seine umfassende Gelehrsamkeit haben ihm bald die Herzen erobert und die Dichtung und Zuneigung der Gemeindemitglieder gewonnen. So oft er spricht, ist das große Gotteshaus überfüllt;, denn seine Kanzelvorträge zeichnen sich durch reiche Gedankenfülle und clasfische Sprache aus. — 70 — Tie Gäste verloren sich nach und nach. Fanny blieb zurück mit den trostlosen Eltern. Man ließ Skoda und Oppolzer holen zu einem Consilium. Das Urtheil der Professoren stimmte mit dem der Aerzte überein. Die ganze Nacht durchwachte Fanny mit Arons Eltern, man konnte für den Moment nichts anderes thun und lauschte ängstlich auf jeden Athemzug. Am anderen Vormittag erwachte er. Fann — rang es sich von seinen Lippen los, er konnte nicht sprechen, es verursachte ihm große Anstrengung, einzelne Silben hervorzubringen. Fann — wiederholte er und sie beugte sich über ihn: Was, mein Geliebter, da bin ich, sprich zu mir. Er deutete mit der Hand an, er könne nicht. Fanny und die Eltern umstanden lauschend sein Lager. Er warf einen Blick auf die Mutter, sie beugte sich über ihn. Nicht bös — brachte er mit großer Anstrengung hervor. Nein, mein Herz, sagte die Mutter. Fann — wiederholte er wieder mit ganzer Anstrengung — bleiben bei Dir. Ja, mein Herz — sagte die Mutter. Kind auch — suchte er herauszustoßen, er that einen tiefen Atüenizug und ließ den Kopf sinken. Die heröeigerufenen Aerzte constatierten den Tod. Eine Stunde später zog man einen weiblichen Leichnam aus der Donau heraus. XVII. In der Tasche des kostbaren Seidenkleides fand sich ein Zettel mit den Worten: Nehmt Euch meines Kindes an! Lasst den armen Wurm nicht verhungern. Mit Hilfe von Jonas Gottlieb und des Dienstmädchens, das ihm Fannys Geheimnis verrathen, wurde ausgeforscht, wo das Kind sich befand. Arons Eltern nahmen es zu sich und nahmen es an an Kindesstatt. Der „Kautschukjndr". Aus dem Polnischen von M. Fuchsgelb. Wer diese Gestalt einmal gesehen, der wird sie niemals wieder vergessen. Man nannte ihn „Kautschuk", und auf die Frage: weshalb? wusste niemand eine Antwort. So nannte man ihn und damit basta! Die Benennung „Kautschuk" war durchaus nicht gerechtfertigt. Denn, aufrichtig gesagt, hatte er nichts Elastisches an sich. Sein stets gekrümmter Körper bildete einen Bogen, und sein wankender Gang ließ befürchten, dass er nach jedem Schritte zu Boden fallen werde. Seine äußere Erscheinung wieß nichts, aber auch gar nichts Elastisches auf. Oder doch? Jawohl! Sein H e r z war elastisch. Es krnmpfte sich zusammen, erbebte, wenn die übermüthige Schuljugend und auch die älteren ihm Schmähungen und verachtende, spottende Blicke zuwarsen, erweiterte sich jedoch und erfüllte sein ganzes Sein mit den Strahlen der Liebe des Glückes und der Zufriedenheit, wenn er in seine Behausung zurückgekehrt, dort seinen Sohn, das einzige und theuerste Vermächtnis seines geliebten verstorbenen Weibes „Sali", seinen Moriz antraf. Wie die Maiensonne mit ihren goldenen Strahlen in Palästen wie in ärmlichen Hütten Leben, Wärme und Freude spendet, so sendet die gütige Vorsehung in die Seele des Aermsten einen erwärmenden Funken, einen Funken, dein die Wunderkrast, Liebe zu spenden, innewohnt. Die Liebe dieses Juden zu seinem Moriz war dieser Funke, der sein niedergedrücktes Gemüth erleuchtete und es zum Palaste voll Licht und Edelsinn werden ließ. Verstoßen, von allen verachtet, kämpfend mit den Widerwärtigkeiten eines erbärmlichen Daseins, trieb sich der Kautschukjude tagsüber in den Straßen herum und erst der Abend belohnte und beglückte ihn vollständig. Da kam er nachhause, legte seine schmierigen Hände auf das Haupt des Sohnes und seufzte, weinte und betete abwechselnd und glaubte, mit diesen stillen Thränen die bitteren Erfahrungen aus seiner Seele wegwaschen zu können. Freudigen Auges umfasste er die Gestalt seines Kindes, und mit seelenvollem Blicke sah er es bereits als Mann auf den: Piedestale einer Weltberühmtheit, einer Capacität stehen. O! Sein Moriz soll ein bedeutender Mann, muss Doctor werden. Sein Moriz soll nicht das bejammernswerte Los seines Vaters theilen, auf welchem alle mit stolzer Verachtung herabsehen, er muss ein Arzt, ein tüchtiger, ein berühmter Arzt werden, damit er alle, die sich an den Beschimpfungen seines Vaters heiser geschrien, wieder heilen kann. Die medieinische Wissenschaft war für den Kauschukjuden eine Erleichterung, und der Arzt selbst, ein Gott.

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