Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-06-16 · 18 (16.6.1899) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
18 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432782--0163-2433679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 18 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. Juni 1890 Seite 3 der Dreysus-Affaire sozusagen octeumäßig dem „Deutschen Volksblatt" zu beweisen, dass es, nämlich das „Deutsche Volksblatt", einerseits ein Organ der schamlosen Verleumdung sei, während anderseits die Revision des Dreyfus nicht auf d i e Juden zurückzusühren wäre. Der Froschmäusekrieg, der da entbrannte, kann demjenigen, der beide Blätter kennt, nur ein Lächeln abgrwinnen. Ein heiteres Intermezzo, sonst nichts. Mir berühren die Sache auch nur, weil wir denn doch einige „Unrichtigkeiten" oder „Missverständnisse" des „Wiener Tagblatt" richtigstellen müssen. Wir wissen nicht, ob die Juden die Revision des Dreysus-Processes herbeisührten. Haben sie es gethan, dann könnten und müssten sie es mit Stolz und Freude bekennen. Aber dass ein Jude den Stein ins Rollen brachte, das wissen wir. Denn die Revisions-Bewegung begann mit dem Erscheinen der bekannten Broschüre des Juden Bernard Lazare über die Dreysus-Affaire im Jahre 1867. Und noch eines wissen wir, was das „Wiener Tagblatt" nicht weiß oder nicht wissen will. Derselbe Bernard Lazare gehörte schon damals der zionistischen Partei an und fungierte bis vor kurzer Zeit als Delegierter Frankreichs im zionistischen Actionscomite. Bernard Lazare ist vor Kurzem wohl ans dem Actionscomite ausgetreten, allein in seinem Absageschreiben schrieb er, dass er nie aufhören werde, mit seinem, dem jüdischem Volke, zu fühlen und zu leiden, für sein Volk zu denken und zu wirken. Wir wissen es und sagen es mit Stolz und Freude, dass der unermüdliche Kämpfer für die Revision ein Jüdisch-Nationaler war und ist. Das Blutmarchen. Von Dr. E. H. II. Der Vorstand der Prager jüdischen Cultusgemeinde wandte sich im Jahre 1730 an den Jesuiten Franz H aselbauer mit der Bitte, er als censoi' liborum hebraicoi um möge in einem Gutachten seine Meinung über den Ritnalmord aussprechen. Er kam diesem Begehren nach in einer Urkunde, die uns erhalten geblieben ist. Dieselbe lautet wörlich, wie folgt: Demnach ich Endes unterschrieben von dem Jonathan Cybeschütz, Prager Jüdischem Prädikanten im Nomen der ganzen jüdischen Gemeinde bittlich ersucht worden bin, über die Frage: ob die Inden gemäß ihres Talmuds und Rabinerischen gebrauchen des Christenblntts von nöthen hätten? eine Zeugnisförmige antwort zu ertheilen: Alszbekenne hierdurch, dasz weder in einem derer Jüdischen und Rabinerischen Schriften, noch in anderen in Truck gekommenen hebräischen Büchern gesunden habe, dass dergleichen denen Jüden darinnen gebothcn scye, vielmehr ist Ihnen absolute aller gebrauch des Blutes als ein abscheu verbvthen. Jngleichen ist in denen Schriften, derer im Judenthums gelehrten Christen als Buxdvrffs *), Eisenmengers und anderer, welche doch die irrthümer nndt aberglanben derer Jüden genau untersucht nndt an Tag gelegt haben, kein Grund dieszer Beschuldigung anzutreffen nndt endlich haben die sämbtlichen Inden welche sowohl Vor meiner als seiths 26. Jahren her meiner Professur zum Christenglauben übergetretten nndt die Schwäche ihrer Nation offenherzig entdecket, gleicheinmüthig Behauptet, dasz diese Beschuldigung des bedürfenden Christenblntts ein pur ertüchtete *) Buxtorf der Jüngere f KiG4-, Mitglied einer Gelehrtenfamilie, die sich in hervorragender Weise mit dein Studium der hebräischen Literatur beschäftigte. forschung des Ursprungs der Sprache läuft ihm darauf hinaus, die geistige Bildung kennen zu lernen, welche der Erzeugung der Sprache unmittelbar vorausgeht, einen Zustand und gewisse Verhältnisse des Bewusstseins als Bedingungen zu begreifen, unter denen die Sprache hervorbrechen muss, und dann einzusehen, was der Geist durch sie gewinnt und wie sie sich gesetzmäßig weiter entwickelt. Die Sprache ist eben keine Erfindung, sondern eine Entstehung oder Erzeugung im Geiste. Sie ist kein durch Verstand vermitteltes Werk, keine absichtliche Verwendung eines gesuchten und gefundenen Mittels zur Abhilfe eines bewussten Bedürfnisses, auch nicht eine glückliche Benützung eines Zufalles zur Bereicherung des geistigen Wirkens, denn auch dies setzt Nachdenken oder Bewusstsein über die mögliche Verwendung des sich Darbietenden voraus; sondern die Sprache ist geworden, ohne gewollt zu sein. Die unbewusst bleibenden und doch die Elemente des Bewusstseins beherrschenden Gesetze wirken und führen die Schöpfungen aus. Die Sprache ist mithin der Art der Entstehung nach wie ein Erzeugnis der Natur, ein wachsender Organismus zu betrachten. Ein Keim, in gewisser Weise organisiert, in bestimmte Bedingungen physikalischer oder organischer Art gebracht, entwickelt sich nicht, weil er weiß und will, sondern weil das ewige Gesetz der Schöpfung es so bestimmt. So gibt es im Menschen gewissermaßen einen Keim, der sich zur Sprache entfaltet, und es liegt der Psychologie ob, die Zusammensetzung dieses Keimes darzulegen und die Bedingungen und Gesetze zu erkennen, unter denen er ausgeht; wie ganz analog die Botanik diese Ausgabe für die Pflanze, die Physiologie für das Thier zu lösen hat. Demgemäß kann man eigentlich vom Lernen der Sprache bei Kindern nicht reden. Denn wo keine Lehre, da ist kein Lernen. Nur das, was der Gärtner mit dem Samen thut, aus dem er Pflanzen ziehen will, thun wir mit unseren Kindern, um sie zum Sprechen zu bringen; wir versetzen sie in die nöthigen Bedingungen geistigen Wachsthums, nämlich in die menschliche Gesellschaft. Indes so wenig der Gärtner wachsen macht, so wenig machen, lehren wir das Kind sprechen; nach dem Gesetze, dort der Auflage sehe welches zu steuer der Wahrheit hiermit attestire undt durch meines Namens Unterschrift und Teszers Collepy Beygedrücktes Jnsigel corroborire. Prag, 20. October n. d. 1736. Ter durch seine „Philosophie der Geschichte" bekannte Gelehrte Franz M o l i t o r, durch eingehende Studien mit den Glaubenslehren und dem Ritus der Juden wohl vertraut, fand sich einst zur feierlichen Erklärung veranlasst, dass er „nirgends mündlich oder schriftlich oder auf irgend einem anderen Wege von den Juden irgend etwas vernommen oder erfahren habe, was der Beschuldigung, als bedienten sie sich des Menschenblutes zu irgend einem religiösen, ceremoniellen Gebrauche nur zum entferntesten Vorwand, viel weniger zur Rechtfertigung dienen könnte; dass mir vielmehr bewusst ist, wie den Juden aller Blutgenuss überhaupt strengstens durch ihr Gesetz untersagt ist und wie sie besonders den Teig der M a z a v o n a l l e r Berührung des Blutes rein halten, w e i l d i e M a z a durch s o l ch e B e r ü h r n n g a u fh ö r eu w ür d e, gesetzlich genießbar zu sein, da sie durch das Z u st a n d e k o m m e n mit irgend einen! fremden Körper sich in C h am ez v erw a ude l t." Unser Zeitgenosse, der Fürstbischof von Breslau, Cardinal K o p p, spricht sich in einem vom 4. Februar 1882 an Dr. Kaan gerichteten Schreiben über das angebliche Blutritnale folgendermaßen ans: „Auf Ihren Wunsch stehe ich nicht an, die bei unserer neulichen Unterredung abgegebene Erklärung zu wiederholen, dass die Annahme, es könnte von den Juden Christenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht worden sein, weder durch die jüdische Religion, noch durch die Geschichte zu begründen ist, und dass eine derartige Beschuldigung, auf welche Voraussetzungen immer sie gestützt sein möge, als eine entschieden freventliche Unwahrheit bezeichnet werden muss". Fürstbischof Kopp konnte, als er diese Zeilen schrieb, freilich nicht ahnen, dass zwei Monate später durch das Schlagwort vom Ritualmord aufs Nene ein fanatischer Nassenkampf entbrennen sollte. Diesmal in Ungarn. Vor einigen Wochen brachten die Blätter die Nachricht vom Tode jenes zu trauriger Berühmtheit gelangten Moriz Scharf, der sich als 14jähriger Knabe im Monstre-Processe von Nyiregyhüza als Kronzeuge dafür gebrauchen ließ, dass die Juden von Tisza-Eszlar das Bauernmädchen Esther Solymossy am 1. April 1882, „als die Inden zw Ostern den großen Samstag hatten" zu rituellen Zwecken ermordet und ihr Blut in einer Schüssel anfgefangeu hätten. Tie siebenwöchentliche Cchlnssverhandlung vor dem Gerichtshöfe in Nyiregyhüza ist noch frisch in unser aller Erinnerung. Von dem bornierten Aberglauben der Mutter jenes verschwundenen Mädchens bis zu der raffinierten Bosheit uud dem rohen Fanatismus der Untersuchungsorgane in jenem Processe konnte man alle Nuancen der verbrecherischen und sinnlosen Rassenhetze wahrnehmen. Tie Worte des damaligen Vertheidigers Dr. Karl Eötvös, er halte „diese Anklage für eine aus f i n st e r e n I a h r h u n d e r t e n ü b e r k o m m e n e D u m mheit, die aus der Welt zu schaffen weder Richtern noch Untersuchungsrichtern, sondern nur d e n S ch u l l e h r e r n und pflichtbewussten Priestern gelingen wird", geben einen Fingerzeig dafür, wie sich das ließe! denn doch vielleicht mit der Wurzel ausrotten ließe. Wie naiv hört es sich an, wenn einer der Angeklagten in höchster Aufregung erklärte: „Ich sage, dass all das nicht wahr ist. Ich will es beweisen durch die heilige Schrift. (Heiterkeit im Auditorium). Ich will es beweisen aus der Weltgeschichte, ich will es durch meine Erlebnisse beweisen, Natur, hier des Geistes, entsteht dort die Blume, hier die Sprache im Bewusstsein des Kindes. Die Sprache des Urmenschen wie des heutigen Kindes ist aus gleichem Keime, nach denselben Gesetzen entstanden. Aber, wird man sagen, die Bedingungen für die Entwicklung des Keimes waren füglich nicht dieselben; denn die Kinder späterer Geschlechter kommen in die Gesellschaft Sprechender, der Urmensch verkehrte jedoch zunächst mit Nichtsprechenden. Das ist allerdings richtig. Doch folgt hieraus nur, dass der Urmensch unter ungünstigeren Bedingungen sprechen lernte, als unsere Kinder ihre Sprache schaffen. Unentbehrlich ist dem Menschen nur die menschliche Gesellschaft. Hat er eine solche, so wird er entweder mit ihr zugleich sprechen lernen, wenn sie noch nicht sprechen konnte oder er wird, wenn sie schon sprechen kann, seine eigene Sprache nothwendig ganz nach Analogie derjenigen schaffen, welche seine Gesellschaft hat. Der Mensch lernt nicht sowohl sprechen als verstehen. Weder der Urmensch, noch das Kind späterer Geschlechter macht oder schafft die Sprache, sondern sie entsteht und wächst im Menschen, er gebiert sie. Hat er sie geboren, so hat er seine eigene Geburt aufzunehmen, sie verstehen zu lernen. Der Urmensch hat in der Urgesellschaft nicht sprechen, sondern verstehen zu lernen wie das Kind in der folgenden Zeit. Dieses lernt die entwickelte Sprache späterer Geschlechter, jener die eben hervorbrechende Sprache verstehen. Und wie das Kind die Sprache, die es lernt, nicht geschaffen hat, so lernt auch der Urmensch die Ursprache, die er ebenfalls nicht geschaffen hat, die vielmehr nur von der Seele der Urgesellschaft geboren wird. Die Sprache ist also eine Geburt, eine Emanation aus dem Bewusstsein, eine Entwicklungsstufe des Geistes, die mit Nothwendigkeit dann eintritt, wenn die geistige Bildung an einem gewissen Punkte angelangt ist. Sie entspringt aber der Seele des Menschen zu allen Zeiten in gleicher Weise; denn die Seele ist in allen Geschlechtern der Menschen dieselbe und das Bewusstsein wird zu allen Zeiten durch dieselben Gesetze regiert. Wie jedes Embryo in seiner bestimmten Epoche der Entwicklung dieses und jenes Organ bildet, so bildet die Seele heute wie in der Urzeit in einem bestimmten Stadium nothwendig die Sprache. dass es unmöglich sei, dass ein Israelit aus religiösen Rücksichten einen Mord begehe!" Ter Fabel vom rituellen Morde widmete der damalige Staatsanwalt Eduard v. S z e y f f e r t folgende Stelle seines Plädoyers: Aus der Eröffnungsrede des Herrn Präsidenten glaube ich schließen zu dürfen, dass der hohe Gerichtshof schon von vornherein die Anklage des rituellen Mordes fallen zu lassen beliebte. Infolgedessen thue ich desgleichen, und ich thue es freudigen Herzens. Wenn wir die Idee des rituellen Mordes fallen lassen, diese absurde Ausgeburt des mittelalterlichen Aberglaubens, diesen blöden Gegenstand der Ammenmärchen und der Unterhaltung alter Dorsweiber, mögen die Rohlings immerhin über den Sinn der Buchstaben des Talmud brüten; mögen sie den Schreckenstraum von Blutopfern der jüdischen Religion weiter träumen: in Ungarn höre die sträfliche Agitation mit diesen Blntopfern ans, es verstumme die Sprache der hässlichen Verleumdung gegen Confessionen, wie gegen Einzelne, denn sonst müsste auf den Lippen dieser Agitatoren die Verkündigung von Gleichheit, Freiheit und Bürgerlichkeit zum Fluche werden für Ungarn — nach dem Gebote des Arpadenkönigs: Quao non sunt, nulla hat morilia. Ja wohl, nulla menlia auch des rituellen Mordes der Juden! Insbesondere im Namen unserer nationalen Justiz protestiere ich feierlich dagegen, dass in den hoheitsvollen Kreis derselben der Aberglaube eingeschmuggelt werde!" Sechzehn Jahre später muss nun ein österreichischer College des Herrn v. Szeyffert, Staatsanwalt Dr. B o b i e s, in die Schranken treten, gegen das unqualificierbare Treiben unserer christlich-socialen Gegner und deren Schandpresse: „Bon den wirksainen Mitteln, Judenbetzen zu arrangieren, ist das wirksamste das Märchen vom Ritualniorde. Dieses Mittel ist uns, Dank den Bemühungen Hes „Deutschen Volksblatt", erhalten geblieben. Die Mache ist ganz einfach. Wenn der muthmaßliche Mörder zufälliger Weise, was selten v o r k o m m t, ein Israelit ist, wird aus dem Morde ein Ritnalmord gemacht und es werden dann gewisse Details mit den fettesten Buchstaben gedruckt. Es ist richtig, dass in Polna der Israelit Hülsner als des Mordes verdächtig verhaftet wurde, und es mag auch richtig sein, was ich natürlich nicht weiss, da ich die Acten nicht kenne, dass der Leichnam des Mädchens blutleer angetroffen wurde. Für vernünftige Menschen ist das nichts besonderes, es ist als Folge großen Blutverlustes bei einem Morde nur natürlich, dass die Blutgefäße sich leeren. Es ist dasselbe, wie bei dem Schlachten eines Thieres. Aber da stellte sich im „Deutschen Volksblatt" noch zu rechter Zeit der Gesinnungsgenosse aus Polna ein, und nun heisst es: Hört und entsetzt euch! Der jüdische Mordbube (fett gedruckt) hat noch einen Genossen gehabt (fett gedruckt), und zwar einen Juden (fett gedruckt) den Schächter aus Goltsch-Jenikau (fett gedruckt). Dieser Schächter spielt seine Rolle vorzüglich. Man sieht nur mehr des jüdischen Schächters gezücktes Schlachtmesser vor sich, und man hat eine rituelle Schächtung vor sich, wie sie in der That nur an Hühnern und Gänsen geübt wird. . . . Das Telegramm aus Polna war denn auch nicht dazu bestimmt, den Leserkreis mit neuen Details ans der Mordaffaire zu bereichern. Es hatte vielmehr die Bestimmung: Es solle dem Publikum des „Deutschen Volksblatt" kein Zweifel bleiben, dass der Mord eine That sei, der sich das gesanrmte christliche Volk jederzeit von der Judenschaft zu versehen habe. Bei de in Publicieren derartiger Telegramme und Nachrichten w erden die Steine auf den Straßen lebendig, zerklirren die Fenster der Judenwohnungen von s e l b st. Wie der Physiologe die Aufgabe hat, die Bedingungen zu erkennen, unter denen der Mensch aller Geschlechter sah und sieht, so ist dem Sprachforscher die Aufgabe gestellt, einen Seelenzustand zu begreifen, welcher durch die darin wirkenden Elemente gedrängt wird, sich im Laute zu äußern, in Lauten auszubrechen. Wie die menschliche Natur ewig dieselbe bleibt, so auch diese Aufgabe. Sie ist wesentlich dieselbe für den Urmenschen, das Kind und für uns in Bezug auf jeden Act der Rede. Ein Unterschied zwischen der Urschöpfung, dem Sprechenlernen der Kinder und der täglich und stündlich allerorten, wo Menschen sind, sich wiederholenden Rede findet wesentlich gar nicht statt. Die Untersuchung über den Ursprung der Sprache zerfällt darnach in drei Theile; wir haben zuerst die Anlage zur Sprache in dem Zustande des Menschen, der ihr vorangeht, zweitens das Heroorbrechen der Sprache uud drittens die weitere Entwicklung derselben zu betrachten. Dieser Entwicklungsgeschichte aber ist die rationale psychologische Mechanik vorauszuschicken. Die Verbindung der Sprachwissenschaft mit der Philosophie oder wenigstens mit einem wesentlichen Theile derselben, der Psychologie, führte Steinthal im Vereine mit Lazarus zur Entdeckung eines neuen, zwischen Culturgeschichte und Psychologie mitten inne stehenden wissenschaftlichen Zweiges, der Völkerpsychologie. Die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" (1860—87) sollte aber nicht dieser neuen, allerdings noch wenig begrenzten und schwankenden Disciplin zum Organ dienen, sondern zugleich ein Sammelpunkt für alle diejenigen werden, welche von ihrem Sondergebiete aus irgendwelche Beziehungen zur neuen Wissenschaft anknüpfen wollten. Und in letzterer Hinsicht war es nicht nur auf die eigentlichen Psychologen und Geschichtsphilosophen abgesehen, sondern vornehmlich auch auf die Männer der Sprachwissenschaft, der Sagen- und Mythenforschung, der vergleichenden Religionswissenschaft, ferner auf die Ethyker und die Moralstatistiker, nicht minder aber auch auf die Historiker aller Art, wie die Cultur-, Sitten-, Kunst- und Literarhistoriker, soweit sie das Bedürfnis fühlen, die vülkerpsychologischen Elemente, d. h. die Wirksamkeit des Gesammtgeistes auf ihren speciellen Gebieten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.