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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-16 · 18 (16.6.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
18 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bebactiim: ll/tt, Hütete Xluiunk'ullr/ilu' U». Sprechstunden: Vtn Süorfu'ntoflou von 1 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 1» bis \'i Uhr vormittags, posta'-lk-fse: JiidtscheS Volksblntt, Wien, 113.. Vrsttrwierdrn wegen versvatcter oder gar nicht erfolgter Anstellung erbitten wir uns dringend. — Mmttlscriptc tvcrden «licht zttrükkgcstcllt. Postsparcassen.-Conto 8l7n!',7. In das Abonnement kann man täglich cintreten. , Erscheint jedeu Freitag ^t??'4^rnirltnng der vom jü'otnij.m pnllrsv et ein erwälrlten PrrfseommiNion. Inserate übernehmen die Firmen: I. Taniicberg, M. Lukes, Haasenstcin Vogler, Rudolf Mosfe, A. Lppclik, M. Pozfonhi, A. Schale! in Wie», ferner alle Annoncen-Expeditionen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. U.rnimül'traiwtt: I?., liniere Hrrg.it tettHraPi' ii). Ablinttcmenr^vreiS: Für Wien ». L)efterreich-lkngarn Für dnS gesummte 2lusla«rd sammt Frau oznsteliniig. sannnt Franeognitellnng. ... fl. 15v ... fl. 2.25 ... fl. 115 Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig fl. 4,- Ganzjährig fl. 2.- Halbjährig fl. 1 i Vierteljährig Ur. 18 Wie«, 16. |tt«i 1899. s. Jahrgang. Die neue Wahlbewegung. Der Leser österreichischer Zeitungen im Ausland wird überrascht sein. Ueberrascht und erstaunt zugleich über den Rummel, der das sonst so stille Wien ergriffen. Er liest von Demonstrationen auf der Straße, von mächtigen Versammlungen, in denen ein starker Unwille des versammelten Volkes zürn Ausdruck kommt, von täglichen Zusammellstößen mit der Polizei, von gezückten Säbeln und Verhaftungen. Er muss anuehmen, dass Wien iin höchsten Zustande der Gährung sich befinde, nahe dem Ausbruch einer Straßenrevolrrtion. Und kopfschüttelnd wird er nach der Ursache dieses höchst bedenklichen Zustandes forschen und dieselbe offenbar in der Wahlreforms-Vorlage der christlich-socialen Partei für den Wiener Gemeinderath finden. So wird er nach den Mittheilungen jener Wiener Zeitungen, die mau gemeiniglich im Auslande liest, urtheileu. Und allem Anscheine nach bestätigen die Thatsachen dieses Urtheil. Zn Wien ist derzeit eine neue Wahlrechtsbewegung insceniert worden. Man macht alle Anstrengungen, dieselbe auf jene Bewegungshöhe und jenen Grad der Spannungskraft zu bringen, welche die Wahlrechtsbewegung der Arbeiterschaft unter der Aera Windischgrätz- P l e n e r erreichte. Ob das erreicht werden wird, ist fraglich. Allein, selbst wenn es so weit kommt, ist dennoch nichts an der Thatsache geändert, dass zwischen der damaligen und heutigen Wahlrechtsbewegung ein tiefer Unterschied besteht, dass die Situation heute wesentlich anders liegt, als Anno dazumal, dass Ursachen und Folgen beiderseits weitab voneinander liegen, und dass die ruhige, politische Calculation auf anderer Basis aufbauen und zu anderen Schlüssen gelangen m u s s. Man erinnere sich! Die Forderung des allgemeinen, gleichen und directeu Wahlrechtes ist ursprünglich und ausschliesslich ein Postulat der Arbeiterschaft, der socialdemokratischen Partei. Rur wenige Bürgerliche, meist Professoren und sonstige Gelehrte, waren bis vor nicht allzulanger Zeit auf der Seite der Arbeiterschaft. Und als Dr. Emil Steinbach seine bekannte Wahlreform im österreichischen Neichsrath eiubrachte, da stürzte das Ministerium Ta affe vor allemunter dem Anstürme des „freisinnigen Bürgerthums". Damals gab es in Oesterreich und in Wien noch eine freisinnige Bürgerschaft arischer Abstammung, die ihre Vertretung hauptsächlich in der deutsch-liberalen Partei hatte. Und diese Bürgerschaft wollte von dem allgemeinen Wahlrecht wenig wissen. So stand denn die socialdemokratische Partei allein da, und vielleicht gerade deshalb nahm ihre damalige Wahlrechts- Rabbi Dr. Israel Hildesheimer. Von Rabbiner Dr. M. Rosemnann in Floridsdorf. Lebeussatt imb thateureich ist ein Mann heimgegangen, dein fast alle modern conservativen Rabbiner und Seelsorger der Jetztzeit das Wort zurufen dürfen, das Elisa beim Scheiden seines Meisters Elia gesprochen: Mein Vater, mein V a t e r, Israels Wagen und Reiter! Aber selbst die anderen und zumal die Männer, die außerhalb jeder Parteischablone stehen, werden sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass ein Großer geschieden, der aus die Geschichte des Judeuthums, auf dessen innere^ Entwicklung und religiöse Gestaltung einen gewaltigen Einfluss nusgeübt, dessen Bedeutung noch eine Steigerung von Tag zu Tag erfährt, dessen Segen aber längst allgemein unbestrittene Anerkennung gefunden. Dem Triumvirate: Hirsch, L e h m a n n, Hilde sh e i m e r augehöreud, das sich vor mehr denn einem halben Jahrhundert zur Aufgabe gesetzt hatte, der oft sinnlos überhandnehmenden religiösen Reform entgegenzutreten, übertraf er die beiden anderen Mitstreiter nicht bloß in der Erlangung bleibender realer Erfolge, sondern war auch hierin ungleich glücklicher als jene, dass er vermöge seines gemäßigten toleranten Wesens, seiner sprichwörtlichen, an Hillel erriuueruden Güte und Milde die größten Gegner seiner Idee zu entwaffnen verstand, dass nicht wenige von der Bewunderung seines Charakteradels und seiner Seelengröße zur Förderung oder mindestens zur neidlosen Anerkennung seines Lebenswerkes sich beeinflussen ließen. — Sind die Früchte des nun abgeschlossener! geweihten Lebens von selbst jedem ersichtlich, der nur einen Blick ans die noch irnmer zunehmende imponierende Anzahl der glanberrstreuen Gemeinden Deutschlands wirft oder erwägt, dass in mehr als 125 bedeutenden Gemeinden der Welt die Jünger der Hildesheimer'schen bewegung einen so mächtigen, geradezu überwältigenden Charakter an. Doch die Dinge änderten sich rasch, sehr rasch. Das „freisinnige" Bürgerthum verschwand unheimlich rasch. In der Provinz wurde es deutschnational, in Wien und Niederösterreich christlich-social. Und von der gesammten freisinnigen Bürgerschaft blieben als Rest — die Juden übrig, allein mit ihrem fraglichen Freisinn, allein mit ihrem noch fraglicherem Bürgerthum. Denn ihr Freisinn nützte ihnen nichts, weil ihn die anderen nicht hatten, und ihr Bürgerthum stand und steht fest auf dem Papier. Es ist natürlich, dass die Judenschaft ihren Freisinn erweiterte und sich jener Partei zuneigte, aus der ihr nicht das hässliche Wort: Jude als Beschimpfung tausendstimmig entgegenschallte. Das war und ist vorläufig ausschließlich die socialdemokratische Partei. Folgerichtig musste die Judenschaft mit dieser immer stärker werdenden Zuneigung zur socialdemokratischen Partei auch ihr politisches Glaubeusbenntnis erweitern, sich den politischen Forderungen der Arbeiterschaft aupassen. So wird denn die Forderung des allgemeinen Wahlrechtes, wenn nicht geradezu ein Postulat, so doch ein stark begünstigter Programmpunkt der Judenschaft. Und als die B a d e n i'sche Wahlreform kam, waren die Juden schon begeisterte Anhänger dieses „wahrhaft freisinnigen" Principes geworden, bei den Wahlen der fünften Curie im März des Jahres 1897 stimmten sie nahezu geschlossen für die socialdemokratischen Candidaten. Allerdings hat gerade dieser Umstand die f u r ch t b a r e N i e d e r l a g e der socialdemokratischen Partei in Wien herbeigeführt. Aber man kann doch von den Juden nicht verlangen, dass sie Politik realistisch betreiben, und nicht mrt der Phantasie. Oder doch? Nun denn! Es muss verlangt werden, im Interesse des Judenthums, im Interesse der guten Sache. Und gerade jetzt ist es nothwendig, unbedingt nothweudig, denn es könnte sonst passieren, dass die alten Fehler neu begangen werden, der alte Unstern uns neuerdings leuchtet. Die socialdemokratische Partei hat ihre Scharen zum Kampf für das Gemeindewahlrecht der Arbeiter gerufen. Und diesmal stellt sich die freisinnige Bürgerschaft von Vorneherein auf die Seite der Arbeiterschaft. Verflossenen Mittwoch wurde in der Versammlung der „freisinnigen Bürgerschaft" die Coalition mit der sociald e m o k r a t i s ch e n Partei beschlossen. Freisinnige Bürgerschaft! Der Wahrheit die Ehre! Die freisinnige Bürgerschaft christlichen Glaubens in Wien ist an den Händen abzuzählen. Die Namen aller, welche bei dieser Versammlung auftauchten, sind seit Jahren als die letzten Vorkämpfer eines frischgetünchten Liberalismus, Schule die Nabbinatssitze einnehmen, so bedarf es noch eines R ü ck b l i ck e s um fünf Jahrzehnte, um den richtiger! Maßstab für die Größe seines Wirkens zu erlangen. Gleichwie damals das Judenthum in politischer Beziehung zwischen zwei Zeiten sich befand, also war es auch in religiöser Hinsicht zwischen zwei Gegensätzen eingeklemmt: Orthodoxie und R e f 0 r rn. Einerseits eine rückständige Orthodoxie, die jede Culturbestrebung, jede religiös noch so zulässige Neuerung, wie deutsche Predigten, Modernisierung des Ternpelgesanges, Beiordnung, als saerilegium verschrie, andererseits eine wähl- und ziellose Reform, die mit der Ausschaltung der hebr. Sprache, der Negierung der Speisegesetze, der Entweihung des Sabbats jene schiefe Ebene betrat, die zur religiösen Anarchie oder zum gänzlichen Abfall führen musste. Sollte das Judenthum an diesen zwei Klippen nicht zerschellen, dann bedurfte es der rettenden That, und der p r o v id e nti e l le M a n n der That war Dr. I sr a e l Hildesheimer. Mit einer gründlichen modernen Bildung eines Doctors der Philosophie vereinigte er ein vertieftes Wissen der Talmudgelehrten und eine rigorose Beobachtung und Einhaltung der Gebote, und erbrachte so in seiner Person selber den Beweis, dass Bildung und Religion sich vereinigen lassen. Hierin allerdings glich er blos seinen Mitkämpfern G a m s o n, Raphael, Hirsch, Dr. Lehmann und Dr. G u gen h e im e r, allein er schritt bald über diese hinaus, indem er für die Festhaltung dieser Lehre von der Vereinigung der Cultur mit der Religion durch Erziehung von R a b b i n e n im selben Geiste Sorge trug. In einem Zeitalter lebend, in dem die wiedererwachte jüdische Wissenschaft eine literarische Thätigkeit hervorrief, die bald uferlos zu werden schien, übte Dr. Hildesheimer die Selbstüberwindung, auf jeden erheblichen literarischen Ruhm zu verzichten, um sich fast ausschließlich der Heranaber auch als die specisischen Vertreter der Juden bekannt. Also richtiggestellt! Die jüdische Bürgerschaft Wiens will Schulter an Schulter mit der socialdemokratischen Partei kärnpfen. Und urn was kämpft sie? Um das allgemeine Wahlrecht? Nein, und tauß^üpMl nein! D i e I u d e u W i e n s k ä m p f e n g Lueger, Schneider und Gregorig, MM ervtzM Partei, deren ein Führer im Landtag ausrief, 13 ein Schufsgeld auf d i e Juden a r^s f werden. Aber weil es so ist, und nicht anok^^EM/ es auch gesagt und g e t h a n werden. Wir JuderkHwUn vom allgemeinen Wahlrecht nichts, rein nichts zu erwarten. Das allgemeine, gleiche und directe Wahlrecht bedeutet in seiner stricten Durchführung dieselbe Ungerechtigk e i t, d i e s e l b e V e r g e w a l t i g u n g a l l e r Minoritäten, wie jedes privilegierte Wahlsystem. Und deshalb ist es nothwendig, strenge zu scheiden zwischen dem K a m p f gegen die C h r i st l i ch - S o c i a l e n und dem Kampf für das a l l g e m e i n e Wahlrecht. Darum hinweg mit den Phrasen und Lügen, die nur uns und den anderen schaden. Treten wir offen auf als das, was wir sind, offen mit dem was wir wollen. Die jüdische Bürgerschaft Wiens erstrebt die Beseitigung der christlich-socialen Gewaltherrschaft und wird im Kampfe gegen die Machthaber Wiens jede Partei unterstützen, welche dasselbe Ziel verfolgt. Allein sie kämpft nicht um die Einführung des allgemeinen, gleichen und directeu Wahlrechtes, das nur eine neue Form der politischen Rechtlosigkeit für sie bedeutet, sondern um ein Minoritäten - Wahlsystem, in welchem auch s i e ihre ausreichende politische Vertretung findet. Schamröthe. Rumänien empfindet:das Gefühl der Schamröthe und die Bukarester Regierung ist bestrebt, in einem Telegramm der osficiösen „Rumänischen Agentur" und in einem inspirierten Brief der „Politischen Correspondenz" den Beweis zu erbringen, dass die Judenkrawalle in Rumänien keinesfalls eine Folge der antisemitischen Bewegung in Rumänien, sondern als Raub und Mord infolge politischer Agitationen zu betrachten seien. Wie arg muss es in Jassy zugegangen sein, wenn selbst der Regierung in Rumänien die Schamröthe ins Gesicht steigt, und sie sich vor Europa zu entschuldigen sucht. Und wie arg mag es um den Antisemitismus stehen, wenn Raub und Mord im Lande der Regierung weniger Schande machen als der Antisemitismus. bildung von Jüngern widmen zu können. Er that dies anfangs in einer kaum glaublicher!, mühevoller! Weise. Nicht mit erwachseuen Jünglingen, sondern mit 14- bis 15jährigen Knaben plagte sich der geduldige Mann, urn ihnen bald die Elementarbegriffe der griechischen Sprache und bald eine talmudische Controverse zu erklären. Aus der Elementarschule und dem Cheder heraus zog er sich seine Schüler, von denen er hoffen durfte, dass sie erst nach 12 bis 15 Jahren seine Mühe lohnen und als Rabbiner in seinem Sinne wirken werden. In der ganzen jüdischen Gelehrtengeschichte finden wir nur noch ein einziges Beispiel von'einem ähnlichen Wirken. Es ist dies Rabbi Jsak Ca rn p an to n, Gaon von Castilien, der unter gleichen Verhältnissen in den „Riss" trat, und mit Schulkindern seine Rabbiner-Jeschiboh begründete, aus der später ein Simon Mai rn i, A b r a h a m Saba und Jsak A b o h a b Hervorgiengen. Sein segensreiches Wirken begann Dr. Hildesh e i m e r in Ungarn (Eiserrstadt), in einem Land voller Extreme, das damals für alles eher prädestiniert war, als ihn und sein vermittelndes Wirken zu begreifen oder gar zu fördern. Auf der schmalen, mühsam hergestellten Brücke zwischen Cultur urrd Religion glitten Juderr, manche seiner Schüler aus, und discreditierten bei der schwankenden Menge den Meister und seine Arbeit. Erst der Tag. an dem Dr. Hildesheimer einem Rufe nach Berlin folgte, um einer kleinen, aber gesinnungstreuen Gemeinde vorznstehen, wurde zur glücklichen Entscheidung für seine und seiner Werke Zukunft. Hier in einem kleinen, aber geläuterten und auserlesenen Kreise war der geeignete Boden für das Rabbinerserninar gefunden worden, hier wuchs und entwickelte sich die Anstalt aus geringen Anfängen zu einer hervorragenden Stätte jüdischer Gelehrsamkeit, zu einem weithin leuchtenden Brennpunkte modernen und doch religiösen Lebens, wohin

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