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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-09 · 17 (9.6.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
17 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nedariion: n/8, Untere Augnrtenstratze 19. Lprkchstrmdenr An Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittag?; an Eonntagen von 10 bis IS Ubr vormittags. YiidifcheS Volk-blatt, »Vien, n.4. Vrsttiwrrdrtt wegen vcrlpitteter oder gar nichl erfolgter »tutiellung erbitten wir uns dringend. - Dtnuttscrivte tt'rrdcu nicht zttriittgrstrllt. Postsparealien-Conio vt7»»7. I» das Vibonnenient kann man täglich eintreten. EOM jeden Freiing unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefsrvmmiffton. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Haasenstein & Vogler, Rudolf Mofse, N. Oppelik, M. Pozsonhi, A. Schalek in Wien, ferner alle Nnnoncen-Expeditioncn im Nurlande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. ^----——-—-♦ Administration: II., Untere Augartenjtrtlhe 19. AbottnementspreiS: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn | Für da« gefatnmte Ausland sammt Franeozustellung. I sainntt Fraiicozustellung. Ganzjährig.fl. 4.- Ganzjälrig.fl. 4.50 talbjährig.fl. 2 — > aldjä!!rig ....... fl. 58.25 iertcljährig.fl. I.— Vierleljäi,rig.fl. 1.15 ♦---—» Ur. 17 Hüben und drüben. Zwei Scenen. Die eine drüben in Frankreich, dem Lande der Toleranz und bürgerlichen Freiheit. In der Kammer haben die algerischen Antisemiten das Wort. Man meint, im niederösterreichischen Landtage zu sein. Ein anständiges Gehirn ist kaum imstande, diese wüsten Beschimpfungen zu denken, mit denen die algerischen Abgeordneten die Juden beehrten. In der französischen Kammer sitzen aber drei jüdische Abgeordnete. Der eine von diesen, ein Herr Klotz, ist zumal ein interessantes Subject. Der Mann wurde gewählt, weil er das Versprechen gab, unter allen Umständen gegen die Revision zu sein, gleichgiltig ob Dreyfus schuldig oder unschuldig sei. Die drei Herren wurden als Juden mit den Juden weidlich zusammengeschimpft. Aber sie rührten sich nicht. Weder für sich noch für die Juden. Sie hielten mäuschenstill und duckten sich tief. Die Vertheidigung der Inden überließen sie muthig einem christlich-socialistischen Abgeordneten. Die zweite Scene. Die ist hüben, hierzulande, hier in der Stadt. Im niederösterreichischen Landtage steht wieder einmal zur Abwechslung das Thema „I u d e" auf der Tagesordnung. Das Thema ist alt und abgedroschen, man hat es in den letzten Jahren bis zum Ekel und Ueberdruss ableiern hören. Aber es hat trotzdem nichts von seiner alten Zugkräftigkeit eingebüßt, und die es behandeln, sind heute nicht weniger groß in den gemeinsten und schändlichsten Anschuldigungen als ehemals. Im Gegentheile. Sie werden immer agressiver. Heute wirft man dem Justizminister geradezu Bestechung vor, Bestechung von Seite der Juden. Das Judeugeheul ist losgebrochen, und nun meint man wieder in der französischen Kamrper zu sein. Auch int niederösterreichischen Landtage sitzen zwei Juden. Der eine ist getauft und der andere wurde als d e u ts ch e r Socialpolitiker jüdischer Abstammung oder vielleicht als jüdischer Socialpolitiker deutscher Abkunft gewählt. Man ist darüber noch nicht ganz klar. Aber 'gleichviel. Dieser Abgeordnete erhebt sich und protestiert gegen die confessionelle Hetzen. Weiter kam er nicht, selbst wenn er es gewollt hätte. Er wurde niedergeheult. Das ist aber wiederum gleichgiltig. Der Herr Abgeordnete hat jedenfalls protestiert, und damit scheint er, der Jude, scheinen seine Wähler, die Juden, gleichmäßig zufrieden zu sein. Zwei Scenen, hüben und drüben, beide von einer frappanten Aehnlichkeit, mit einem nur wirklich ganz mininlalen Unterschiede. Herr K l o tz schweigt überhaupt, Herr Dr. Ofner „protestiert". Das ist aber auch alles. Wer bin ich? (A u s den Memoiren eines Modernen) Veröffentlicht von R. Brainin (Berlin). „Kenne Dich selbst!" Ich will mich selbst erkennen, vermag es aber nicht. Ich gebe mir redlich Mühe, mein Wesen, den Inhalt meines Lebens und Daseins zu erforschen und zu ergründen, aber vergeblich. Ich mache kein Hehl daraus: ich kenne mich selbst nicht. Gar sehr möchte ich wissen, was an mir Eigenes, was Fremdes und was von meinen Ahnen und Urahnen Ererbtes sei. Ich prüfe gründlich, was und wieviel ich der Erziehung, der Umgebung, den Büchern und der ganzen äußeren Welt um mich herum verdanke und was ich mit mir zur Welt gebracht habe, was an mir natürlich mld wesentlich, was zufällig und angelernt sei, was unverändert bis an mein Lebensende bleiben werde und was einem ewigen Wechsel mit der stofflichen Aenderung in mir unterworfen sei. Unablässig suche ich in mir den eigentlichen „jüdischen Funken" aufzudecken und den Haufen Asche zu durchwühleu, der ihn verbirgt; ich will die äußerste Grenzlinie finden, die in mir den „Juden" vom „Menschen" scheidet. Aber vergebens. Ich kenne mich selbst nicht! Keine Spur von Klarheit und Gewissheit, weder im Denken, noch im Fühlen. Das reinste Chaos, nichts als Verwirrung. Ich weiß wohl, dass ich mich von anderen unterscheide, durch mein Aeußeres, meine Stimme, mein Denken und Fühlen, meine Liebe und meinen Hass, durch jede meiner Bewegungen. Alles in mir ist individuell. Und das Wesen dieser Individualität? Ist sie ein Product und nur ein Product all der bekannten Factoren wie Geburt, Atavismus, Einfluss der Erziehung und des Milieus ohne Aecidenz von etwas Besonderem, von' diesen Factoren Verschiedenem, oder aber liegt in mir auch noch etwas Anderes, Unbewusstes, das sich jenen Factoren und inneren Wien. 9. Juni 1899. Sonst hier wie dort Beschimpfungen, die jeden selbstbewussten, ehrlichen Mann zum 3^afen bringen könnten und sollten, hier wie dort ein tief beschämender Mangel an Muth und Kraft, keine Spur einer mannhaften Vertheidigung, geschweige denn eines eventuellen Angriffes nach der alten Taktik: Die beste Parade ist der Hieb. Aber vielleicht empfinden diese Abgeordneten hüben wie drüben die Angriffe auf die Juden als gar nicht gegen sie selbst gemünzt? Möglich! Herr Klotz wurde als Anti- Revisionist gewählt und Herr Dr. Ofner als deutscher Socialpolitiker. Aber beide sind doch Juden? Es muss wohl so sein, denn der beiden Typus sagt: Ja! Allein — und nun stehen mir vor dem Zwiespalte, der hüben wie drüben gleich groß ist und hüben wie drüben die gleichen Folgen gezeitigt hat und noch zeitigt. Das ist auch eine Äffaire. Man könnte sagen, die Asfaire: Jüdischer Antisemitismus. Inden, die im Grunde und vielleicht ohne es zu wollen, selbst Antisemiten sind und Antisemitismus erzeugen. Das böse Princip des Judenthums, das wieder nur Böses schasst. Eine alte, traurige Asfaire, umso trauriger, als es noch immer Leute gibt, die sich sträuben, sie endgiltig durch eine Revision aus der Welt zu schaffen. Nicht durch eine Revision des Urtheiles. Denn das Urtheil über diese Asfaire hat die Geschichte der letzten Jahrzehnte mit unumstößlichen Thatsachen geschrieben. Aber eine Revision der Gedanken und eine solche der Personen. Denn eine neue Zeit ist gekommen, wohl hart und schwer, doch auch läuternd und klärend. Darum thut es noth. die alten Ideen zu revidieren, das Abgenützte, Unbrauchbare, Schädliche hinwegzuwerfen, die alten Personen zu mustern und sie mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit ins Ausgedinge zu senden. Und die Revision wird kommen, weil sie kommen muss, weil Gerechtigkeitsliebe und Freiheitsgefühl sie mit lautem Ruse fordern. Im Judenthume wird keine Ruhe herrschen, solange die Revision ntcht gründlich durchgeführt ist. Alles, was gut im Menschen ist, steht auf Seite der Revisionisten: Stolz, Selbstbewusstsein, Mannesmuth, Liebe zur angestammten Religion, zum eigenen Volke, zur eigenen Cultur, Achtung vor sich und vor der Menschheit. Der Ruf nach Revision ist nicht mehr todtzuschweigen und nicht mehr länger zu ersticken. Alle guten Juden, die auch gute Menschen sind, scharen sich uni dieses Banner und kämpfen dafür mit dem freudigen Muthe der Gerechtigkeit. Die Typen Klotz und Ofner sind die Wegweiser. Die müssen verschwinden, dann wird die Asfaire des jüdischen Antisemitismus endlich endgiltig aus der Welt geschaffen sein. .IIIMII— ...Xi ,1 und äußeren Lebensbedingungen beigesellt und zu diesen in irgendwelcher Relation sich befindet? Seit Jahrhunderten wird dem Menschen gelehrt: die größte Weisheit bestehe darin, „sich selbst zu kennen". Zugegeben, dass es so ist. Aber möchte mir doch jemand sagen, wie man sich selbst erkenne. Ich weiß z. B., dass ich Jude bin, ich empfinde es auch innerlichst. Allein ich gestehe es offen, dass ich nicht weiß, was das eigentliche Wesen dieses „Jüdischen" ist. Mein Glaube und Unglaube sind der nämliche Glaube und Unglaube eines jeden Europäers, der Naturwissenschaft und Philosophie gelernt hat. Ich glaube an die Existenz eines mir unbegreiflichen höheren Wesens, ich glaube an lebensfähige „Zellen", an die Entwicklung der Natur, an die Bewegung der Atome; ich glaube an die Einheit der Materie und des Geistes, sowie an alle Thesen und Voraussetzungen der heutigen Naturwissenschaft. Allein mein Gott ist eine unsichtbare, eine Urkraft. Ich suche nach einem lebendigen Gott, einem anderen Gott, den ich nicht finden kann. Dieser Gott ist nicht derjenige meiner Väter, meiner frommen Ahnen, der Gott Abrahams, Jsaks und Jacobs, kein nationaler, ausschließlicher G o t t I s r a e l s. Die Wahrheit ist das Zeichen des Gottes meiner Väter; im Namen dieser Wahrheit sage ich Euch, was ich zu sagen habe. Ich bin Jude mit Leib und Seele, aber ich befolge nicht das Ceremonialgesetz der Thora, des Talmud und des „Schulchan-Aruch". Meine Lebensweise, mein Umgang mit Gott und Leuten sind nicht die eines Juden, sondern die eines Europäers mit all seinen Vorzügen und Fehlern. Meine Moral, meine Ethik gehören der Zeit, dem Orte, der Gesellschaft an, die meiner Individualität besonders entsprechen. Eine jüdische Ethik besitze ich nicht, weiß nicht, worin sie eigentlich besteht, was ihr Wesen sei. Demzufolge drängt sich mir stets die Frage auf: Worin besteht 1. IahrgaM. Judenthum und Judenpresie. 17. Man darf uns nicht missverstehen. So heiklig dieses Thema ist, es musste einmal besprochen werden. Und es durfte nicht anders geschehen, als ernst und rücksichtslos. Tenn es ist hoch an der Zeit, dass das jüdische Volk sich endlich aller jener Factoren entledige, mit denen es, im Grunde genommen, eigentlich gar nichts zu thun hat, die ihm aber trotzdem immer wieder aufs Kerbholz geschrieben werden, sticht gegen Personen wenden wir uns. Die sind uns gleichgiltig. Die leben in ihrem Metier und müssen verschwinden, wenn oas Metier verschwindet. Nur den Juden muss gezeigt werden, was diese Presse an ihnen verschuldet und gesündigt hat. Die sociale Degradation des Judenthums und der Judenschaft durch die liberale Presse war nur eine nothwendige Folge der schweren moralischen Wunden, welche dieselbe dem Judenthume geschlagen hatte. Von allem Anbeginne war diese „Judenpresse" auf dem Boden der vollständigen Assimilation gestanden. Solange die andere Bevölkerung wenigstens äußerlich an die Judenemancipation glaubte, so lange gieng's ja ganz gut. Aber das wurde anders. Der Antisemitismus kam, und mit seinem Erwachen wurde die liberale Presse vor ein hartes Dilemma gestellt. Sollte sie den Scheincharakter als Vertreterin des „freisinnigen" Oesterreich beibehalten oder sich jüdisch erklären? Sie entschied sich für das erstere —■ zum großen Unglücke für die Juden. Denn hatte sie früher von Juden und Judenthum wenig oder gar nichts wissen w o l l e n, so d u r f t e sie jetzt davon überhaupt keine Notiz nehmen. Sie vermied mit ängstlicher Scheu alles, was in ihren Spalten als „jüdisch" ausgesehen hätte, sie wurde beim Namen „Jude" ganz nervös, sie sprach principiell nur von „Staatsbürgern israelitischer Confession" und nahm vom Judenthum nur insoweit gnädige Kenntnis, als der officielle Polizeibericht gerade damit zu thun hatte. Sie meinte offenbar, damit die andersgläubige Bevölkerung überzeugen zu können, dass sie selbst sowohl, wie auch die Bevölkerung „freisinnig" wären. Allein diese Bevölkerung war gar nicht mehr freisinnig, sie wollte vom „wahren Liberalismus" nichts, aber schon gar nichts mehr wissen. Sie wurde im Gegentheil von Tag zu Tag antisemitischer. Was musste sich nun diese Bevölkerung denken, wenn sie sah, dass eine Presse, welche sie selbst als jüdisch fühlte und erklärte, nur der bloßen Erwähnung des Namen „Jude" wie einem Pesthauche auswich? Wenn sie sah, dass diese Presse, die doch von Juden geschrieben wurde, sich über alle Möglichkeit bemühte, die Existenz mein „Judesein", was kennzeichnet und bestimmt dasselbe? Wohl studiere ich die Thora, die heiligen prophetischen Schriften.ich lerne auch denTalmud und pflege die neuhebräische Literatur. Ich hänge diesen Studien mit größtem Eifer und Liebe an, aber ich kenne auch christliche Gelehrte, die diesen Studien mit nur noch größerem Eifer und mehr Liebe obliegen, vondenen manche der Erforschung der heiligen Schrift ihre Fähigkeiten, ihre Zeit, ihr Leben ganz widmen. Meine Ahnen studierten die Bibel und hielten jedes Wort, jeden Buchstaben, jeden kleinsten Punkt für heilig. Ihnen war jedes Wort Gotteswort, an dem nichts geändert, in keiner Weise gerüttelt werden durfte; sie fanden in der Thora die ganze Summe menschlichen Wissens und menschlicher Erkenntnis. Ich dagegen prüfe all diese Worte, den Inhalt dieser heiligen Schrift nach menschlichem Maßstabe, vergleiche unsere Sprache —. die meine Ahnen als die Verkehrssprache Gottes mit seinen treuen Dienern betrachteten — mit anderen alten Sprachen, vergleiche die Vorschriften, Gesetze und Anschauungen unserer Thora mit denen anderer alter Völker. Ich studiere die Thora einfach wie jede andere Disciplin, mit keiner größeren Anhänglichkeit als die Werke anderer Culturvölker. Mir sind all die Schriften der großen Meister verschiedener Völker und Zeiten nicht minder heilig. Meine Ahnen nannten 24 heilige Bücher ihr eigen, ich zähle deren mehrere hundert. Wohl will ich wie meine Ahnen fein, vielleicht noch mehr als jene will ich in unsere historische Heimat zurückkehren, um dort der Freiheit zu leben. Ich glaubte auch fest und unerschütterlich an eine Wiedergeburt unseres Volkes auf väterlichem Boden, an seine physische und moralische Wiedergeburt. Allein welch großer Unterschied zwischen diesem meinem Wunsche und Glauben und dem meiner Ahnen! Sie sehnten sich nach ihrer Heimat, um dort die am Boden haftenden Gebote --.Jt

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