Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 15 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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e Kedaclion: u/3, Untere Augartenstratze 19. Sprechstunden: An Wochentagen von 4 bis s Uhr nachmittags; an Sonntagen von 1(1 bis IS Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches VolkSVIatt, Wien, ir.V Veschwrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte» wir uns dringend. — Mnnnserlpte werden nicht znrückgestellt. Postsparcasscn-Conto 847037. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag untdr Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrfsrommifstvn. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haascnstein & Vogler, Rudolf Moste, A. Oppclik, M. Pozsouyi, A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditioncn im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Rdminisiraiivn: II., Untere Augarlenjkrasie 19. Abonnementspreis: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig fl. 4.- fl. 2st. 1.- Fiir das gesummte Ausland sammt Francozustcllung. . . . fl. 4.8« , . . fl. 2.25 ... fl. 1.15 Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Ur. 18 Wien. 26. Mai 1899. I. Jahrgang. Wir bitten unsere geschätzten Abonnenten, die zmn Sommeraufenthalt sich aufs Land oder nach einem Cnrort begeben, ebenso diejenigen die das Domicil gewechselt haben, uns die neue Adresse frenndlichst mittheilen zu wollen, damit die Zustellung des Blattes regelmäßig erfolgen kann. Von Jerusalem nach dem Haag. Auch Ideen haben eine Wiedergeburt. Auch Ideale feiern eine Auferstehung! Vor nahezu dritthalb Jahrtausenden wurde in Jerusalem ein Ideal verkündet, das Ideal eines Propheten, der in der Stunde der Begeisterung mit prophetischem Seherblick in die verhüllte Zukunft schaut und verkündet: „Und einst, am Enoe der Tage werden sie umschmieden ihre Schwerter zu Sicheln, ihre Spieße zu Winzermessern. Und nicht mehr wird ein Volk gegen das andere ein Schwert schwingen, fürderhin wird die Kriegskunst nicht mehr geübt". Jesaias war es, der diese Worte in Jerusalem verkündet, der es jedoch nicht wagte, Zeit und Ort für die Verwirklichung dieses Ideals zu bestimmen und dies bloß mit den Worten „am Ende der Tage" einleitet. Das Herz des Propheten fühlt, dass es so kommen wird, kommen muss, dass die Menschheit die Brutalität verwerflich, die Blutgier schmählich, den Kriegerstolz verächtlich finden wird, dass diese Auswüchse im menschlichen Leben sich in friedlichen Arbeitsstolz umwandeln werden. Wir lesen es in der Bibel, wir begeistern uns für dies hehre Ideal, glauben jedoch, dass „das Ende der Tage" noch nicht gekommen ist. Noch ist die Bestie im Menschen nicht getödlet; noch immer gehört dies vom Propheten verkündete Ideal ins Bereich der Schwärmerei. Da geht plötzlich ein Gerücht durch alle Welttheile: Die vom Propheten verkündete Idee nehme ihren Weg von Jerusalem via Petersburg nach dem Haag. 83 Delegierte aus 39 Staaten haben sich im Haag auf Anregung des Czaren von Russland eingefunden, um einen Commentar zu der Prophezeihung Jesaias zu machen, um fm de siede zu dem „Ende der Zeiten" zu gestalten, um eine Abrüstung zu ermöglichen. Freilich, so glattweg geht es nicht, die Zeitverhältnisse machen die gänzliche Durchführung dieser erhabenen Idee fast unmöglich, aber der erste Schritt ist gemacht. Die prophetische Idee hat sich in Fleisch und Blut gekleidet und wird zur verkörperten Frage, zur Frage, die ihrer Lösung harrt, und dieselbe finden muss. Und der alte Jesaias Robert Hamrrlings Janusgesicht. Als Motto hat Hamerling seinem Epos „H omunculus" die Verse vorangeschickt: Geist und Sinn hat ew'ge Unrast; Nur im Herzen keimt der Friede, Keimt die Freude, lebt die Liebe, Lebt der heil'ge Daseinswille. Nur derjenige vermag sich zur Ruhe und Zufriedenheit emporzuringen, welcher das Licht im Haupte mit der Wärme im Herzen paart, welcher von dem Götterfunken der reinen, lauteren, aufopfernden, weltumslutenden Liebe durchglüht ist. Wer sich dieser idealen, erhabenen Empfindung verschließt, sie als eitelu, schwärmerischen Wahn aus seiner Seele austilgt, treibt unstet und flüchtig auf einer Arche herum, welcher nirgends ein grünes Ufer dämmert, niemals die Taube mit dem Oelzweige naht. Selbst wenn er in dem feinsten Manna des Wissens schwelgt, wird er zum Ahasver auf den vielverschlungenen Pfaden des Lebens und der Welt, welcher auf schwindelnder Höhe, so er mitten im Himmelsfluge sinnend nach der einst verthränten Heimat blickt, im Angesichte des glückumstrahlten, vollbeseelten Menschenthums zur Erkenntnis seines grenzenlosen, unermesslichen Elends gelangt. Wo alles liebt, fühlt er sich mit seiner öden, bitteren Leere im Herzen einem vergilbten Pergamente gleich; er ist ein auf sich selbst gestellter, verlassener Einsiedler im fröhlichen Garten der Menschheit. Es kommt dies zu lebhafter sinnlicher Anschauung an dem Homuneulus, dessen Embryo von einem gelehrten Magister aus dem Borne der ersten Elemente geschöpft und von ihm auf geheimnisvolle Weise in den Mutterschoß der Gattin des armen Dorfschulmeisters Munkel hineingeschmuggelt worden ist. Ec ist sohin reinste Stoff¬ und Kraftnatur, ein Wesen ohne Seele. Als Ziel des ersteht aus seinem Grabe, blickt in die Welt hinein, und denkt hohnlächelnd: „Ein mächtiger Herrscher will meine Idee verwirklichen, mein einstiges Ideal zur That gestalten, hat jedoch auf meine zweite Verkündigung, die mit der ersten im engsten Zusammenhänge steht, vergessen" und noch einmal ertönt seine mächtige Stimme, noch einmal erdröhnt sein Donnerwort: „Und Wolf und Schaf werden zusammenhausen, cs lagert der Parder neben dem Zicklein, Kalb und Leu und Mastochs leitet ein junger Knabe, Kuh und Bär iveiden zusammen und es spielt der Säugling am Schlupfloch der Natter, keines schädigt das andere, keines such: das Verderben des anderen". Also über inneren Frieden spricht hier der Prophet, über den Frieden zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk, zwischen Nation und Nation, zwischen Confeffion und Confession, in einem und demselben Lande, über Frieden zwischen Starken und Schwachen, zwischen Machthabern und Machtlosen, zwischen Gesetzesgebern und Gesetzunterworfenen, zwischen Arbeitsgebern und Arbeitsnehmern, um es kurz zu sagen, zwischen allen, welche im Ebenbilde Gottes geschaffen wurden! Ja wohl! Die Abschaffung dieser Kriege, dieser alltäglich geführten Kämpfe muss unbedingt der Abrüstungsidee, über welche jetzt im Haag verhandelt wird, voran-, wenigstens mit ihr Hand in Hand gehen. Eine Ironie des Schicksals! Gerade von dem Herrscher eines Reiches, in dem die Gleichberechtigung aller Bürger am ärgsten steht, in welchem von religiös Toleranz und nationaler, Verbrüderung keine Rede rst,^'gerade von dem Selbstherrscher aller Reuffen, der den sogenannten inneren Frieden nur mit Knute und Kosaken nothdürftig zu erhalten vermag, gerade von ihm kam der Anstoß zur Abrüstungsconferenz. Laut Bericht maßgebender Delegierter im Haag, ist es auch Oesterreich, welches mit ernstem Willen an die Sache geht. Und just in Oesterreich ist es am traurigsten mit dem inneren Frieden bestellt, wüthet der Kampf der Nationen und Confessionen am heftigsten. Nein! Die beiden Prophezeiungen des gottbegeisterten Mannes können, dürfen nicht getrennt werden, sie bilden ein untrennbares Ganze. Jnsolange der innere Friede nicht hergestellt und auf fester unerschütterlicher Grundlage ruht, wird der äußere Friede nur ein Traum bleiben. Der Ort zur Abrüstung ist in erster Linie das menschliche Herz, dort ist vor allem der Ruf am Platze: „Die Waffen nieder", von dort muss Hass und Feindschaft schwinden, dort muss der Friede seinen Thron aufschlagen. Erst dann ist von den Conferenzen im Haag ein Erfolg zu erhoffen. Die großen Völkerkriege werden m ohnehin immer seltener, dafür jedoch die inneren Zwistigkeiten immer heftiger und intensiver. Möge deshalb die Conferenz im Haag, wie einst der begeisterte Gottes auch ein Wort über den Frieden im Innern des sprechen, mögen die Haager Delegierten ernst heimatlichen Verhältnisse ins Auge fassen und stellung der Feindseligkeiten im Innern prop damit der gegenseitige Hass des Bürgers gegen" Bürger schwinde. Die Marschroute von Jerusalem via. Petersburg nach dem Haag ist lang und ist kaum zu hoffen, dass die vom Czaren angeregte Friedensidee ohne Unfälle an ihren Bestimmungsort anlangt, da können Seekrankheit, Schiffbruch,. Bahnunfälle hindernd werden. Möge deshalb die zweite Verkündigung des Propheten in Petersburg und Wien Halt machen, sich stationieren, und dann könnte die erste Prophezeiung ihre Reise nach dem Haag glücklich vollenden und mehr Aussicht auf segensvolle Realisierung haben. t! Lebens winkt ihm Glanz, Macht und Reichthum, welche er wohl durch seine raffinierte Anschlägigkeit zu erwerben, bei ihrem Unbestande aber nicht für die Dauer an seine Fahne zu fesseln vermochte, so dass des Fangballspieles mit ihm kein Ende war. Sein erstes Debüt feierte er an dem Spieltische, an welchem er sich mit einem bescheidenen Einsätze niederließ, um binnen weniger Stunden als ein Krösus von demselben aufzustehen. Er wurde indes dieses im Fluge zusammengescharrten Vermögens bei Gelegenheit einer Pilgerfahrt nach dem lustigen Ungarlande, wohin ihn die Genusssucht zog, von Wegelagerern beraubt. Nach einem mehrjährigen, abenteuerlichen Leben, versuchte er es mit einen: „Blatte für alles und für alle", welches immer alle käuflich fand, wie und weil es jederzeit für alle käuflich war und sich hierdurch zu einem allmächtigen, allgewaltigen Richter über alles und über alle emporschwang. Doch es kam die Zeit des großen wirtschaftlichen Aufschwunges. Dieser verlieh seinem Geiste erhöhtem Spannkraft, einen flüggeren Unternehmungstrieb. Er verkaufte seine Zeitung um ein Heidengeld und wurde Gründer eines ausgedehnten Ausfuhrhandels mit frischen Regenwürmern nach dem steinigen Arabien und bald darauf einer patriotischen Actiengesellschaft zur Hebung des in den Rhein versenkten Nibelungenhortes. Das Geschick war ihm hold. Ein lebendiges Magnet, zog er das Gold von allen Ecken und Enden an und ward, was bisher noch nie dagewesen, her glückliche Besitzer einer Billion, welche freilich kaum errungen, infolge eines gleichfalls noch nie vorher dagewssenen Kraches wie ein Kartenhaus zerstob. Der Schmerz über diesen jähen Sturz trieb ihn an Bord eines in die Ferne segelnden Schiffes und von da in die Fluten des Rheins, denen er indes wunderbarerweise durch die Nixe Lurlei entrissen wurde, welche schon längst aus Langweile mangels einer Gelegenheit zur Betätigung ihres Zaubers an wahrhaft Die Assaire Boryslaw. Wir erhielten von Herrn Dr. Marcell Fränkel aus Drohobycz die folgende Zuschrift: Drohobycz, den 22. Mai 1899. An die geehrte Redaction des Wochenblattes „Jüdisches Volksblatt" Wien. In meiner Eigenschaft als Rechtsanwalt der k. k. priv. österr. Länderbank und der Compagnie commerciale francaise ersuche ich Sie auf Grund des §19 des Pressgesetzes vom 19.December 1862, Nr. 6, R.-G.-Bl. für 1863, nachstehende Berichtigung von in dem Artikel „Die Länderbank- Moral" Ihres Blattes vom 28. April l. I. enthaltenen Thatsachen in der im Gesetze vorgeschriebenen Weise zu veröffentlichen. Es ist nicht wahr, dass der Richter des beim hierortigen k. k. Bezirksgerichte gegen die Erben des David Elo Harz auf Auflösung der Gemeinschaft durchgeführten Rechtsstreites dem Vertreter der Länderbank ans Herz legte, von diesem Processe abzustehen. Es ist weiters nicht wahr, dass Chaje Debora Harz über Anrathen des Richters behufs Vermeidung weiterer Kosten in die Auflösung dieser Gemeinschaft willigte. Es ist ferner nicht wahr, dass der Richter „hierauf" dem Vertreter der Länderbank den Antrag stellte, dieser angeblich armen Witwe die Processkosten zu schenken und dass der Vertreter auch diesen Antrag verwarf. liebenswürdigen Wesen ihrem Nixendasein auf dem Grunde des Rheines entsagt und sich in den tieferen Strom des Lebens gestürzt hatte und auf dem Fahrzeuge zufällig mit Munkel zusammengetroffen war. Lurlei ist ein diesem vollkommen congeniales Wesen. Uebermenschlich in ihrem Menschenthum, bei ihrer Herzlosigkeit nicht fähig echten Liebens, echten Leidens, theilt sie sich mit ihm. in die unstete Wandelbarkeit der ewigen Unrast, in( die von der Lebensübersättigung weitentfernte Lebensmüdigkeit. Darum verbinden sie sich zur Hebung des Nibelungenschatzes und nachdem das Werk gelungen, reichen sie sich, gleich pfiffig, gleich dreist und skrupellos, um einander den ganzen Schatz abzujagen, die Hände zum ewigen Bunde. Zur Feier der Vermählung veranstaltete Munkel unter anderem eine „literarische Walpurgisnacht des lausenden Jahrhunderts" in welcher die verfahrenen und zerfahrenen Literaturbestrebungen der Neuzeit, als da sind die von lebersiechem Weltschmerz und die von ausgelassener Lebensfreudigkeit überquellende Richtung, die frivole, der Fleischeslust fröhnende Dichtung der freien, durch den natürlichen Jnstinct geleiteten Liebe und der ekelhafte Realismus mit seinen unästhetischen Vogelscheuchen auf dem Saatfelde des Genusses, die der Einbildungskraft die Zügel schießen lassende und sich in den tollsten, wahnsinnigsten, sinnverwirrendsten Sprüngen gefallende Romantik und die ihre Leere unter wuchtiger, schneidiger Tonart zu verbergen suchende Kraftgenialität ziemlich gutmüthig und harmlos „ein bischen durchgehechelt" und nur die armen Recensenten als „kritische Vioisectoren" weit über Gebür mit blutigen Köpfen nachhause geschickt werden. Der morschen alten Welt müde, tritt das junge Paar in Begleitung einer Colonie eine beschwerliche Entdeckungsreise nach dem sagenhaften Eldorado an, um auf dem Boden des keuschen, paradiesischen Eilandes einen auf die herrschenden Principien der kalt berechnenden! li HMM ■«'M