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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-19 · 14 (19.5.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
14 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Rrdartion: Untere Augarkenstraste 19. Lprechstunden: An Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches VottSblatt, Wien, H!3.] Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mnnnfcripte werden nicht zrrrückgcftcttt. Postsparcaffen-Conto 847037. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. unter Mitwirkung der vonr jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsrommisston. Inserate übernehmen die Firmen: Daniicberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Moste, A. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Mdmiiüslralivn: li.» Untere Augartenstrnfje 19. Abonnementspreis: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt Francoznstellung. Für das grsammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig.st. 4.— > Ganzjährig . talbjährig.fl. ».— I Halbjährig . ierteljährig.fl. 1 | Vierteljährig fl. 4.50 fl. » 25 fl. 145 Ur. 14 Wien, 19. Wni 1899. 1. Jahrgang. Stramme Opposition! Der niederösterreichische Landtag hat eine bewegte Woche hinter sich. Die Scenen, welche die christlich-sociale Majorität provocierte, bedürfen keiner weiteren Würdigung/ Die Thatsache, dass ein Mitglied des obersten Tribunals zur Wahrung von Gesetz und Recht im Culturstaate Oesterreich gezwungen war, eine flangrante Gesetzesübertretung zu begehen, indem es den Landmarschall des niederösterreichischen Landtages zum Duell herausforderte, spricht mehr, als Worte sagen können. Die Kritik über diese Diskreditierung unseres Staates muss dem beißenden Spotte des staunenden Europa überlassen bleiben. Wir können dem Spotte nur ein bedauerndes Achselzucken hinzufügen. Doch ein anderes Moment muss in Betracht gezogen und besprochen' werden. In dieser bewegten Woche machte die sogenante liberale Opposition den Versuch, sich zu einer Art oppositionellen Thätigkeit zu ermannen. Sie verließ cuf die unerhört gemeine und brutale Rechtsverletzung hin, welche dem Abgeordneten Noske von Seite des Vorsitzenden-Stellvertreters im niederösterreichischcn Landtage zutheil geworden war, den Sitzungssaal, um so den Landtag beschlussunfähig zu machen. Die liberale Opposition übersprang alle Phasen parlamentarischen Kampfes, rücksichtsloses Vorgehen gegen die Majorität, eventuelle Obstructien, und griff zum letzten möglichen Mittel, zur Abstinenzpolitik. Dieser Versuch ist kläglich gescheitert, statt eines Erfolges ist die Opposition des Spottes der Majorität und einer verstärkten Nichtbeachtung sicher. Ein zeitgemäß variiertes Sprichwort meint: „Sage mir, wen Du gewählt hast und ich werde Dir sagen, wer Du bist." Die freisinnige Opposition im niederösterreichischen Landtage bilden die Candidaten der jüdischen Einwohnerschaft des ersten Bezirkes von Wien. Und fürwahr, es ist an dieser Opposition die ganze politische Unreife der jüdischen Wählerschaft zu erkennen. Es ist gewiss nicht zu leugnen, dass die Herren Professoren und Toctoren sonst ganz brave, vielleicht auch überzeugungstreue Männer sind. Doch zur Führung eines oppositionellen Kampfes gegen die christlich-sociale Majorität taugen sie einfach nicht. Es ist wahrhaftig schwer, keine Satyre zu schreiben, wenn man sieht, wie diese Herren ihren Kampfplatz von der parlamentarischen Tribüne in die Spalten der „Neuen Freien Press e" verlegen. Statt in der parlamentarischen Körperschaft den Kampf gegen die Majorität mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufzunehmen und durchzuführen, . statt die unerhörten Beschimpfungen des Vorsitzenden mit dem ganzen Register jener Schimpfnamen, das man sonst nur gegen böswillige Knaben aufzieht, zu beantworten und selbst vielleicht vor eventuellen Handgreiflichkeiten nicht zurückzuschrecken, statt dessen wissen die Herren Professoren nichts.anderes zu thun, als in der „Neuen Freien Pr ess e" Artikel loszulassen, durch welche sie sich und ihre Wähler compromittieren. Man wende nicht ein, dass diese Mittel etwa unwürdig und verwerflich seien, man erinnere sich der Scenen im österreichischen Abgcordnetenhause, die den Sturz Badenis herbeiführten, und man wird finden, dass gegenüber einer so bodenlos brutalen Vergewaltigung nur ein Standpunkt Berechtigung hat: Stramme Opposition, K a m p f bis aufs Messer! Doch zu einer strammen Opposition sind die derzeitigen Candidaten der jüdischen Wählerschaft im I. Bezirke untauglich. Diese sechs Abgeordneten könnten ihr gutes Recht fich erzwingen, sie könnten jede Tagung des Landtages vereiteln, jede Thätigkeit dieser Körperschaft lahmlegen, wenn sie Männer wären, Männer der That, Männer mit unerschrockenem Sinne und rücksichtslosem Rcchtsgesühle. Wie unangenehm eine stramme Opposition der Majorität werden müsste, ist schon aus ihrem Verhalten gegen den Abgeordneten Noske, den einzigen, der bislang den Muth hatte, sich ein wenig zu rühren, zu ersehen. Es fällt uns selbstverständlich nicht ein, uns mit Herrn Noske zu identificieren, wenn schon aus keinem anderen Grunde, so deshalb, weil wir es für höchst schimpflich und verwerflich halten, uns von anderen vertheidigen zu lassen. Doch muss zugegeben werden, dass dieser" Abgeordnete allein bisher den Jnstinct für eine richtige politische Taktik gezeigt hat. "Worauf es jetzt einzig und allein ankommt, das ist ausschließlich die Jnscenierurg einer strammen Opposition, die entschlossen ist, das Aeußerste zu wagen, in der Erkenntnis, dass sie nichts zu verlieren hat. Nicht darauf kommt es an, den Christlich-Socialen Vernunft, Toleranz und Respect vor Menschenrechten einzuflößen, denn das ist unmöglich, sondern darauf, sie durch eine äußerste Opposition zu zwingen. Recht zu üben. Und nur dieses Moment wird bei künftigen Wahlen in Betracht gezogen werden dürfen. Nicht mehr lendenlahme, von Gelehrsamkeit schier erdrückte Professoren dürfen unsere Vertreter sein, sondern Männer aus der Mitte unseres Volkes, einfache beherzte Männer, die imstande sind, dem groben Klotz den gröberen Keil aufzusetzen. Die Christlich - So ctaleit die Regierung?) Seitdem vor drei Jahren Graf Badek jetzigen Bürgermeister von Wien in das Audienz^ des Kaisers führte, waren die Christlich-Socialen in maßgebenden Kreisen sehr gut gelitten, und das innige Verhältnis, das sich zwischen dieser Partei und der Regierung herausgebildet hatte, äußerte sich in mancher auffälligen Thatsache. Es ist traurig und eines großen modernen Staatswesens unwürdig, dass Leute von der geistigen und moralischen Capacität eines Greg orig und Schneider dazu berufen sein können, einen fühlbaren Einfluss auf die Staatsgeschäfte zu üben, nachdem sie durch ihr demagogisches Auftreten die Residenz und das Land Niederösterreich zum Schauplatze ihrer mehr als fragwürdigen Thätigkeit zu machen gewusst haben. Und doch, war es nur die geschickte Ausnützung der gegebenen Situation oder war es mehr als das, war es die Verpflanzung des früher nur im eigenen Wirkungskreise ausgeübten Terrorismus in die Angelegenheiten des Reiches: in wichtigen Momenten der innerpolitischen Entwicklung traten die „Herren von Wien" so auf, als bildeten sie das Zünglein an der Wage. Getragen von einer mächtigen Volksströmung und der wohlwollenden Unterstützung seitens der maßgebenden Factoren sicher, hausten die Christlich-Socialen in Stadt und Land nach ihrem Belieben. Sie machten sich auch die Stagnation in der inneren Politik Oesterreichs zunutze und nahmen eine merkwürdige Mittelstellung ein zwischen der Opposition, an die sie sich bei jeder Gelegenheit mit hochtönenden Phrasen über die Gemeinbürgschaft aller Deutschen in Oesterreich anbiederten, und der slavisch-clericalen Majorität, als deren vorgeschobenen Posten man sich füglich betrachten konnte. Diese Zwitterstellung ließ sich solange behaupten, als man in,' Regierungskreisen starr in der einmal eingeschlagenen Richtung verharrte. Der erste widrige Wind musste diese Leute wegfegen und sie vom Standpunkte der Staatspolitik auf jenes Niveau herabdrücken, das ihren Bestrebungen und ihren Fähigkeiten entspricht. Das vollzieht sich in diesem Momente. Die Geduld, welche die Regierung und die ihr nahestehenden Kreise mit ihren Typen ans dem Ghetto. Der N e b b e. Frei nach dem Englischen. Von H. B—r. Im Vorderzimmer eines armseligen Häuschens mit dunkler Hausflur und schmutzigen Stiegen, die Wände vollgekritzelt mit jugendlichen Phantasien und jüdischen Sprüchen, Thür an Thür mit einem ebenso armselig ausschauenden Specereiladen — dort, an einem ebenerdigen Fenster, gibt ein Zettel Kunde von seinem Bewohner und womit er sich beschäftigt: „Hier w oh nt ein Rebbe, der mit Kindern in hergebrachter Weise lernt, von Alef - Beth bis G e m o r e." Der Mann, welcher sich derart anbietet, repräsentiert in seiner Person beide Arten von Lehrern des Ghetto, den „Rebbe" und „Melamed". Ersterer verbreitet das Licht von Thora und Talmud und bedient sich dabei zumeist des bekannten, singenden Jargons; der andere steht in der Regel auf einer culturell etwas höheren Stufe, er benutzt beim Unterricht die Landessprache. Namentlich in den Londoner und amerikanischen Ghettos sind diese Art Melamdim zu finden. Rebbe und Melamed wohnen in der Regel nicht weit auseinander, obzwar die gegenseitige Liebe nicht gar groß ist. ( Wegen seiner höheren und fortgeschrittenen Bildung sieht der letztere auf den an Wissen ihn überragenden Rebbe mit Geringschätzung herab, ja, er betrachtet es gewissermaßen als Verbrechen, dass der Gemorelehrer so gar nicht mit der Zeit fortschreitet, anstatt sich einer modernen Ausdrucksweise 51t bedienen, conseguent daran sesthält, im Jargon zu unterrichten. Kommen die Beiden zufällig einmal zusammen, was sie möglichst zu vermeiden trachten, dann sind sie ein Herz und eine Seele. Dann schütteln sie sich die Hände, erleichtern sich gegenseitig das Herz; dann sollte man glauben, der Melamed könne nicht anders sprechen, als im Jargon; und wenn sie voneinander gehen, so würde man darauf schwören, sie seien die besten Freunde. In letzterer Beziehung unterstützen sie sich sogar, indem jeder bedacht ist, dass der andere nicht zu viele Schüler erhalte,, da das seiner Gesundheit nachtheilig sein könnte. Bei seinen Gönnern gilt der Rebbe für einen „Schlemiel"; nicht dass er seine Preise herabdrückte oder mit sich handeln ließe. Aber sin seinem Aeußern ist er dermaßen bescheiden, seine Manieren sind derartig altfränkisch, dass er wie ein altmodisches Stück Möbel in einem modernen Salon erscheint. Ist er einmal genöthigt, wie in England — wegen eines Bank- oder sonstigen nichtjüdischen Feiertages den Unterricht auszusetzen — weil die Schüler ausgeblieben und sie ihm nachträglich klar zu machen suchen, dass an solchen Tagen der Unterricht verboten sei — dann kann man sicher darauf rechnen, dass er sich dafür rächt, indem er eine ganze Woche hindurch den täglichen Unterricht um eine bis zwei Stunden verlängert. Denn, so sagt er, erstens, war das kein jüdischer Feiertag; zweitens, wäre es ein solcher gewesen, so war das kein Grund, den Unterricht zu unterbrechen, und drittens gibt es überhaupt keinen Feiertag, wo das Talmudstudium verboten ist. Der Rebbe besitzt nun einmal die Reputation, dass er sich abplagt — schindet, kann man sagen —, diese Gewohnheit verlässt ihn nicht, mag er hinverschlagen werden wo immer, in Russland, in Galizien, in England oder in Amerika. Er knellt, lautet die landläufige Phrase mit Bezug auf die Definierung seiner Thätigkeit, und die Ehre gebietet ihm daran festzuhalten, seinen Ruhm zu bewahren. Die Achtung, welche man dem Rebbe zollt, hat einen Beigeschmack von Widerstreben und Zwang, etwa wie einem Schammes, dessen man bedarf, weil man ohne ihn nicht fertig werden kann. Zweimal im Jahre befindet sich der Rebbe in einer unbehaglichen Situation, zeigen sich ihm düstere, undurchdringliche, schwer-herabhängende Wolken, die seine Augen verdunkeln und das schwache Licht des durch trübes Oel- oder Talglicht erleuchteten Schulzimmers kaum wahrnehmen lassen. Und das gerade zu einer Zeit,. wo eine freudige Stimmung in seiner Behausung wie in der eines jeden Juden herrschen sollte: vor dem Peffach- und demSukkothfeste. Namentlich vor Peffach ist er in einer unaufhörlichen, wenn auch leicht erklärlichen Unruhe. Die Zeit der Befreiung der Kinder Israels aus der Sklaverei und dem Drucke der Egypter bedeutet für manche seiner Schüler Befreiung vom Druck des Talmudstudiums. Und da zeigt fich dann der sonst so ungewandte Rebbe in seiner ganzen Größe als Diplomat. Da werden alle nur möglichen Künste und Kniffe angewandt, um Schüler wie Eltern günstig zu stimmen. Die Disciplin wird etwas weniger streng gehandhabt, Zuspätkommen hleibt ungerügt, gelegentliche Uebergriffe während des Unterrichtes bleiben unbeachtet, das Erzählen von Anekdoten und „Wörtchen" geschieht häufiger, dieVäter werden gern und öfter eingeladeu, dem Unterricht beizuwohnen, um sich von den Fortschritten ihrer Söhne zu überzeugen — kurz, der Rebbe wird die Höflichkeit und die Liebe selbst, so dass diejengien Knaben, welche sich mit Austrittsgeoanken abgegeben haben, daran bald vergessen, und die Väter, welche meinten, ihre Sprößlinge hätten von dem vielgepriesenen Unterricht des berühmten Rebbe nicht genügend profitiert, bald und gründlich eines Besseren belehrt werden. Aber ach! Wie oft irrt er; wie oft hat der Rebbe sich nicht abgemüht, auf den Gesichtern der Eltern die Antwort *) Der obige Artikel stammt uns von einer Seite zu die aus besten Informationen schöpft. Dennoch müssen wir die Bestätigung der hier gemachten Mittheiluugen der nächsten Zeit überlassen; diese wird ergeben, ob Dr. Lueger wirklich nicht mehr unter dem besonderen Schutze der Negierung steht. A. d. R.

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