Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 13 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt IS. Mrtf 183!) Nr. 13 Im Jahre.1864 kam in Wilna seine Abhandlung ^Zur Geschichte des Karäerthums" Heraus, Zur selben, Zeit... veröffentlichte er auch im Sammelbuche »Sterne" eine Abhandlung über das hebräische Versmaße in den germanischen und stnvijchen Landern. .Im Jahre 1865 wurde er zum Professor im Rabbinerseminar zu Szttvinir ernannt. Dieses Amt bekleidete er, bks das Seminar geschloffen wurde. In Szitomir entfaltete er eine sehr rege, literarische Tbätigkeit; er veröffentlichte mehrere Werke, von denen ich.besonders „Geschichte der Kabbala und des Chassidismus" hervorheben möchte. Er übersetzte auch „Nathan der Weise". Im Jahre 1870 gründete er in Lemberg eine monatliche wissenschaftlich-literarische Zeitschrift „Haboker- Or", die von 1880—86 nach Warschau verlegt wurde. Er arbeitete auch eifrig an verschiedenen Werken. Hervorragend und von colossalem Interesse für die Culturgeschichte der Juden Russlands sind, seine in drei Bänden erschienenen und leider nicht zu Ende geführten Memoiren". — Im Jahre 1890 erschien eine vollständige Ausgabe feiner Gedichte. Seine in Zeit- und Monatsschriften veröffentlichten Aussätze sind einfach unzählbar. In den in den Achtziger-Jahren erschienenen Sammelbüchern ist eine Unsumme von Beiträgen Gottlobers veröffentlicht' Gottlober bediente sich auch des Jargons. Er wusste, was der Masse noththut. Dostojewsky. dessen Liebe zu der russischen Volksmasse ins Mystische übergieng, sagt an einem Orte: „Wenn die Masse sich von der Liebe seiner Wohlthäter überzeugen will, so sagt sie: Lieben Sie nicht mich, sondern das Meinige" : auch die jüdische Volksmasse will ihr Leid und Schmerz, ihr stilles Aechzen und Jammern in ihrer Sprache kurz und wahr ausgedrückt haben. Und Gottlober schrieb Gedichte, die in die Masse Übergiengen, sich einer beispiellosen Popularität erfreuen, und zu Volksliedern, in des Wortes vollster Bedeutung wurden. (Sv z. B. die überall gesungenen Gedichte „Kain", „Der biedne Jsrolik".) Und am 12. April 1890 starb Gottlober. Das ist alles, was wir äußerlich von ihm erzählen können. Gottlober wird in der hebräischen Presse, in einem Athem, mit dem unlängst verschiedenen Schriftsteller Schulmannn genannt. Aber mit Unrecht. Schulmann hat nie etwas einen Tag Ueberdauerndes hinterlassen. Gottlober dagegen war wissenschaftlicher, talentvoller, scharfsinniger und hat auch viel Wertvolleres hinterlassen. Leider hatten unsere Schriftsteller dieses Jahrhunderts mit einigen Ausnahmen keine Beziehungen zum Universellen, zu dem All. Auch ans ihrem engen Gebiete verstanden sie nicht, Unsterbliches zu leisten. Hat denn Jemand von den Schriftstellern des „Bildungs-Zeitalters" ein tiefeinschlagendes, mächtiges Wort über die Geschichte unseres Volkes gesagt? Das kommt wohl daher, weil sie noch halbe Theologen waren und mit den Don Quixotischen Windmühlen sich herumschlugen. Sie haben — ich wiederhole nochmals: mit einigen Ausnahmen — wenig den Menschen im Juden berücksichtigt. Das Ghettoleben rieß sie von der großen Welt. Von den großen Weltereignissen,, chie , sich zu ihrer Zeit abspielten, so. .dass sie den Faden des Allgemeinen verloren und Pulver nur aus den Büchern rochen. Jedenfalls waren sie, talentvoll, nüd auch „ganze Kerle", die Literatur hatte noch einen idealen Wert in ihren Augen, sie setzten für die Sache, für die sie kämpften, all' ihr Bestes und Möglichstes ein. Sie > haben auch eine Sprache, einen Styl geschaffen. Sie hatten viel für ihre Ideen zu leiden und zu kämpfen, schracken aber vor nichts zurück. In der Persönlichkeit Gottlobers begleiteten wir einen dieser Invaliden, der sich zwar überlebt hatte, aber ein verdienstoller und arbeitssamer Culturmissionär bei seinem Volke war. Und bei welchen Lebensnmständen? Ich will das auch nicht weiter berühren, denn es würde zu weit führen... Gottlober verkörperte in sich eine Epoche. Oft hatte ich Gelegenheit, mit ihm über „längst verschollene Zeiten" zu sprechen. Da war er in seinem Elemente. Für Chassidismus, Bildung, für die Bildungsschriftsteller der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, für Geschichtchen über die Cultur- und Jdeenentwicklung in Israel war er buchstäblich ein „Sack von Gedächtnis." So verschwinden die Alten-— Wird neues Leben blühen aus den Ruinen? . . J. Melnik Der junge zwölfjährige Violinvirtuose Josef Achron aus Warschau producierte sich vorher am Hofe in Gegenwart der Großfürsten und der Großfürstinnen. Am 26. März (9. April) gab er im großen Concertsaale des kaiserlichen Winterpalais in Gegenwart des Czaren, dessen Familie und der Ambaffadeure ein Concert und erntete großen Beifall. Der junge Virtuose stammt aus einer strenggläubigen jüdischen Familie. Eingesendet. Die Berichtigungen Herrn Dr. Uordnns. Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr Dr. Nordau geruhte alles, was ich Ihrem Correspondenteu über mein Interview mit ihm mitgetheilt habe, rundwegs zu verneinen. Nun war bei unserer Unterredung kein Dritter zugegen. Ich muss mich nun auf Jndicien berufen. Schon die beleidigende Form, in die Herr Dr. Nordau seine Berichtigung kleidet, ist charakteristisch. Die Wahrheit spricht immer mit E r n st und Ruhe. Sodann registriere ich die Thatsache, dass Herrn Dr. Nordaus Berichtigungen sprichwörtlich geworden sind. Er hat sich selbst schon mehreremale berichtigt. Sein Interviewer, der hebräische Schriftsteller Herr Rüben Brainin, wie der Correspondent des „Jewish chrcmi.cle.“ in London, sind unlängst diesem Lose, verfallen. Ich kann mit noch mehr Beispielen dienen^ Sodann sind die Aeußerungen, die Herr Dr. Nordau mir gegenüber gemacht hat: gar nicht neu.' V In der dem Herrn Dr. Nordau sehr nahestehendett Zeitschrift „Die Welt" war noch vor Monaten die Rede von „zweien gekrönten Häuptern" und die „eingeweihten Jünger^ der Observanz des Herrn Dr. Nordau erzählen in Wien schon seit Monaten einem jeden, der es wissen will, die Geschichte „von den drei gekrönten Häuptern". Auch ist cs mir unverständlich, warum meine weiteren Mittheilungen Herrn Dr. Nordau so in Harnisch gebracht haben. Seine Theorie „über die letzte Anstrengung", die das dem Untergange nahe Israel jetzt mit dem politischen Zionismus macht, ist doch auch festgenagelt in der hebräischen Zeitschrift „Haschiloach", wo er gegen die Einwürfe des Herrn Lubecky polemisierte. Es ist doch nun ganz und gar lächerlich zu behaupten, dass ich mir ein ganzes Gespräch erfunden habe. Herr Dr. Nordau bestreitet nicht manche Wendungen des Gespräches, oder manche ihm zugeschriebenen Worte, sondern alles in Bausch und Bogen. Ich überlasse nun ruhig „dem kritischen Verstände und sittlichen Bewusstsein" der geehrten Leser die Entscheidung, wer nach den hier angeführten Judicienbeweisen die volle Wahrheit mitgetheilt hat, ich oder Herr Dr. Nordau. Dr. Abraham Salz. MittheUungeu aus dem PulrUrurrr. Der, wegen seines humanen Wirkens und seiner Menschenfreundlichkeit bekannte, langjährige Secundarius im Spitale der israelitischen Cultusgemeinde Wien, Dr. Bela R o s e n t h a l, hat sich etabliert und ordiniert ab 16. Mai Wien, 2. Bez., Kleine Schiffgasse Nr. 4. Aus den Organisationen. (Allgemeiner hebräischer Sprachverein.) Der Vorstand des allgemeinenhebräischen Sprachvereines hat am 9. und 10. d. M. seine constituierende Sitzung abgehalten, es wurden hierbei Herr Lector M. F r i e d m a n n zum Vorsitzenden, Herr Dr. M. Ehrenpreis, Rabbiner in Durkotvar zum Vorsitzenden-Stellvertreter, Herr Dr. Leopold K a h n, Hof- und Gerichtsadvocat zum Cassier, die beiden Herren M. P u p o, Chacham der sephardischen Gemeinde und Prof. Leon Kelln er zu Beiräthen und Cassa-Revisoren gewählt. Der Vorstand constatiert mit Vergnügen, dass der Aufruf in allen Gesellschaftskreisen ungetheilte Sympathien gefunden und sieht sich dadurch — 00 — eigentliches Liebesgedicht, aber es war mehr als ein solches, unendlich weit mehr; es waren nur wenige Zeilen, aber sie umspannen die ganze Welt und alles Dasein. Und der Zimmerherr, sagen Sie, hat es gemacht? — fragte Samuel. So sagte Rosa, die es vorgelesen — antwortete Aron. Samuel schwieg; er schien nachzudenken. Sie sehen, lieber Freund — sagte Aron nach kurzer Pause — wie schwach die Anhaltspunkte sind, die sich aus diesen Thaten gewinnen lassen. Ich finde — sagte Samuel — die Sache nicht so aussichtslos. Wirklich? — fragte Aron — was ist Ihre Meinung? Zunächst — sagte Samuel — glaube ich, werden sich die beiden Frauenzimmer nicht unter einen Glaskasten stellen, und wenn sie sich einmal haben sehen lassen, wird es nicht unmöglich sein, sie wieder zu sehen. Das ist eine schwache Hoffnung —> sagte Aron. Eine Garantie — erwiderte Samuel — hat man freilich nicht; allein man muss das Seinige thun und sich auf die Suche begeben. Meinen Sie? — fragte Aron. Natürlich — antwortete Samuel — ferner liegt es auch nicht im Bereich der Unmöglichkeit, den Zimmerherrn zu finden, der das Gedicht gemacht hat. Wie soll man den finden? — fragte Aron. — Dazu ist ja gar keine Aussicht. Die Sache ist so unmöglich nicht. Ich will über die Sache Nachdenken, und wenn wir morgen zusammenkommen, habe ich vielleicht schon einen Plan fertig, wie wir die Sache in Angriff nehmen sollen. Vielleicht aber haben Sie die Güte, damit wir die Sache ganz ungestört besprechen können, mich in meiner Wohnung aufzusuchen. Da haben Sie meine Kärte. Meine Adresse ist oaraus angegeben. Ich erwarte Sie abends zur Zeit, da Sie aus dem Geschäfte gehen. Ich gebe noch nicht alle Hoffnung für Sie auf, und vielleicht sind Sie früher, als Sie vermutheu, am Ziel Ihrer Wünsche. Xi. In einem der verlorensten Gassen am linken Ufer der Donau lebte in den Fünfziger-Jahren eine Witive namens Esterl Drahtzieher mit ihrer Tochter Mali. Sie war eine Hausiererin, die Tochter eine Weißnäherin, eine wahre Künstlerin in ihrem Fache. Die Mutter hatte in einigen großen Häusern, wie Schnapper, Pvrges und anderen Eingang gefunden; sie durfte Ware zum Verkaufe hinbringen, was aber weit rvichtiger, die Tochter bekam wegen ihrer außerordentlichen Geschicktheit im Weißnähen aus diesen Häusern reichliche Arbeit, die nach und nach so stark anwuchs, dass Mali nicht mehr imstande tvar, allein und ohne alle Beihilfe allen an sie herantreteudeu Forderungen uachzukommeu. Sie nahm zwei tüchtige Weißnäherinnen auf, die sie in der Arbeit unterstützten. Die eine hieß Fanny Waldknecht, die andere Rosa Gelbsuß. Die Wohnung der Witwe, die fast den ganzen Tag außer Haus war, bestand aus Zimmer, Cabinet und Küche. Das Cabinet — 5 t — war an einen Zimmerherrn vermiethet, in dem Zimmer hatte Mali mit den beiden Nähmamsells die Werkstatt aufgeschlagen. Das Cabinet war, wie der Wiener Ausdruck lautet, zum „durchgehn", womit gemeint ist, dass es keinen separierten Eingang hatte, der Zimmerherr also, um in sein Cabinet zu gelangen, durch das Zimmer, worin die Mädchen arbeiteten, durchgehen musste. In diesem Cabinet wohnte als Zimmerherr Herr Samuel Feigengold, schlechtweg der Zinkwerherr genannt. Samuel Feigengold war kein Zimmerherr, der, wie dies gewöhnlich der Fall ist, früh morgens weggeht und abends nachhause kommt; da er in keinem Geschäfte bedienstet, über seine Zeit völlig frei verfügte, so war er den größten Theil des Tages zuhause. Er hatte das Cabinet mit Bedienung. Wenn er des Morgens aufstand, waren seine Stiefel und Kleider blank geputzt. Wer sie geputzt hatte, das wusste er nicht. Ein Dienstbvte wurde von der Hausiererin nicht gehalten, wie sehr Mali es auch gewünscht hätte; aber Esterl Drahtzieher verstand in solchen Dingen keinen Spaß. Ihre Maxime tvar, was man selber thun kann, dazu braucht man keinen anderen, sie citierte, wenn man ihr deshalb Vorstellungen machte, das Sprichwort: „Gebenscht" die Häud', die sich allein bedienen. Der Zimmerherr gieng des Morgens ins Kaffeehaus, wv er das Frühstück nahm, und Zeitungen las. Sein Lieblingsblatt war die „Ostdeutsche Post" von Kuranoa. Gern las er auch den „Humoristen" von Saphir, dessen Witz ihn höchlich ergötzte. Wenn er nach einer Stunde ungefähr voill Kaffeehause zurückkam, so!var sein Cabinet bereits in höchster Sauberkeit, und da um diese Zeit die Hausiererin gewöhnlich schon fortgegangen, so konnte nur entweder Mali oder eine der beiden Näherinnen es aufgeräumt haben. Kurz vor Mittag, etwa um 11 Uhr, kam die Hausiererin nachhause, um für den Mittagstisch zu sorgen. Die beiden Mädchen, die da mit Weißnähen beschäftigt lvaren, nahmen hier die Mittagskost. Wenn sehr schlechtes Wetter war, pflegte auch der Zimmerherr an dem Mittagstische theilzunehmeu; gewöhnlich aber gieng er ms Gasthaus. Nachmittags war er wieder zuhause bis zum Abend, tvo er spazieren gieng und oft sehr lange bis in die späte stacht hinein aus-, blieb, und es genierte die Hausiererin gar nicht, dass er bei Nacht durch das Zimmer gieng, während sie und ihre Tochter Mali schon im Bette lagen. Was der Zinnnerherr in seinem Cabinet den Tag über thne, darüber wussten sie nichts Gewisses; sie wussten nur, dass er eine Unmasse von Büchern besitze und beneideten ihn darum, dass er soviel Zeit habe zu lesen. Sie ihrerseits konnten es sich nicht so gut geschehen lassen; sie hatten wenig freie Zeit. Mali hatte viel zu thun und sie durfte streng sein gegen andere, weil sie es auch gegen sich selber tvar. Es wurde da die Woche sehr fleissig gearbeitet, manchmal, je nach Bedarf, in die Nacht hinein, bis kltrz vor der Thorsperre. Einen Tag in der Woche hattet! die Mädchen frei, da konnten sie thun, was sie wollten; es war dies der Satnstag. Mali hätte zwar sich nichts daraus gemacht, auch am Sabbath zu arbeiten, aber die Mutter erlaubte das um keinen Preis. „Cholileh" — sagte Esterl Drahtzieher, wenn auf diesen Punkt die Rede kam — ich werd' in meinem. 2