Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 13 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt wir Juden uns doch wohl auch über das Verhältnis klar werden, das wir zur Socialdemokratie einzunehmen haben. Es. wag ja Augenblicke geben, in denen es die momentane politische Constettation als angemessen erscheinen lässt, dass wir Juden für die Socialdemokratie eintreten. Sich derselben aber mit Leib uttb Seele zu verschreiben, davor kann die Judenschaft nicht oft genug gewarnt werden. Denn durch einen innigen und unlöslichen Anschluss an die Socialdemvkratie compropromittiert sich das Jndcnthnm selbst und compromittiert es auch die socialdemokratische Partei. Es compromittiert sich selbst, weil sich die Juden in den Augen der anderen, der Nichtsocialisten mit den revolutionären Tendenzen identificieren, die der Marxismus vertritt. Und das kann man denn doch dem Inden bei all seiner Begeisterung für Freiheit und Fortschritt nicht nachsagen, dass er ein Revolutionär sei. Aber auch die Partei wird durch das Judenthnm compromittiert. Schon auf dem vor zwei Jahren abgehaltenen Parteitage der österreichischen Socialdemokratie wurden Stimmen laut, welche es ganz entschieden ablehnten, dass die Partei für eine „Judenschutztruppe" angesehen werde. Und das kann man ihnen auch nicht verargen. Die Inden haben noch keiner Partei, der sie sich unbedingt und rückhaltslos angeschlossen haben, Segen gebracht. Heute freilich noch lässt man in den Reihen der Socialdemokraten wenigstens keine offene Gegnerschaft gegen die Juden anfkommen. Doch hat diese reservierte Haltung der Arbeiterschaft mit der Humanität oder gar mit der Anerkennung der vollkommenen Gleichwertigkeit des jüdischen Elementes blutwenig zu thnn. Es ist einfach das eminente Interesse, das die Arbeiter daran haben, dass sich die Juden mit ihrer Begabung, mit ihren Mitteln für sie in die Bresche stellen, dass sie ihnen — die Kastanien ans dem Feuer holen. Warten wir nicht ab, bis die Zeit kommen wird, da wir Juden wie ausgepresste Citronen werden verächtlich zur Seite gestoßen werden, weil man uns nicht mehr brauchen wird. Es liegt uns ja vollständig .ferne, unseren Glaubensgenossen die Sympathie für eine Bewegung und für eine politische Partei, welche Freiheit und Fortschritt auf ihre Fahne geschrieben hat, zum Vorwurfe zu machen. Nein, im Gegeutheile, wir fordern die Socialdemokratie, wo es nur angelst, aber exponieren wir uns nicht derart für sie, dass wir in ihr aufgehen oder gar—was für beide noch schlinuner wäre — sie in uns aufgeht. Denn — täuschen wir uns darüber nicht — die Juden werden in jeder Bewegung, der sie sich rückhaltslos an schließen, durch ihre über das durchschnittliche Mittelmaß hiuausreichenden geistigen Fähigkeiten eine hervorragende Nolle spieleu. Es ist dies eine Naturuothwendigkeit wie die, dass Oel auf dem Wasser schwimmt. Und bas wird für die Gegner stets der willkommene Anlass sein, eben tvegen dieser Präpotenz des jüdischen Elementes die betreffende Partei als Judenknechte und tvie dergleichen liebenswürdige Ausdrücke noch lauten, §u bezeichnen. Darum erhitzen wir uns nicht zu sehr für die Lehren des Marx, die ja ohnehin, wir toir gesehen haben, von seinen eigenen Schülern als eine Utopie erkannt werden, lernen wir aus der Geschichte und aus den Ereignissen unserer Tage, auf dass wir nicht wieder die bittersten Erfahrungen machen müssen, deren wir wohl schon genug zahlreiche und theuer erkaufte besitzen, sondern sltchen wir die Stütze in uns selbst, seien wir Juden und nichts anderes, selbstbewusste, geeinigte und deshalb auch starke Juden! Theater, Kunst und Literatur. Auch ein Invalide. (Abraham Ber Gottlober, geb. 10. D e c. 1810, g e st. I-T Apri l 18lw.) Am 12. April d. I. — ich war damals in Bialistok, Russland — wohnte ich einem kleinen Leichenzuge bei. Das Wetter war hässlich, regnerisch. Aus den Wolken goss es einfach gottlos. Es lag etwas Schweres, Erdrückendes in der Luft. Keine Glocken läuteten am Sterbetage des hebräischen Schriftstellers und Dichters Abraham Ber Gottlober. Wie sein Leben, so sein Tod. Eine ganze Epoche jüdischer Geschichte, jüdischer Literatur wurde zu Grabe geführt. Er tvar nämlich 89 Jahre alt. Eine seltene Erscheinung in der hebräischen Schriftstellergemeiude . . . Abraham Ber Gottlober, einer der bedeutendsten und productivsten jüdischen Schriftsteller, wurde am 10. $)ecembev 1810 zu Altkonstantinosf geboren. 1810 und Altkonstantinoff! Es mache sich einen Begriff, wer Phantasie hat, auf welchem Culturuiveau sich die russische Judeuheit zu dieser Zeit befand, hauptsächlich in dem Podoljer Gouvernement, wo der ursprünglich großgedachte und seelenveredelnde Chassidismus eine verwilderte, entartete und abstoßende Form attgenommen hatte. Der kleine Abraham Ber wurde ins „Cheder" geschickt. Sein Vater, der nach Berichten des Sohnes, von den neuer, Bilduugslüsteu und -Bestrebungen angehaucht war, gestattete dem Jungen Bibel uud Grammatik zu studieren. Er bekam auch zufällig, von einem Herrn, der in Brody — damals die Hochburg der Bildung — lebte, eine maimouidische Abhandlung über die Logik, mit einem Commentar von Moses Mendelssohn. Als später der bekannte Streit zwischen Gottlober und Smolensky über den sogenannten „Berlinismus" und die Bedeutung der Persönlichkeit Mendelssohns ausbrach, verstanderr es rächt viele, dass es ein intimes, heißes und pietätvolles Gefühl war, welches Gottlober veranlasste, Mendelssohn vor den Angriffen Smoleuskys — der übrigens recht hatte — in Schutz zu nehmen. Mendelssohn war sein erster Lehrer, Wegweiser und er konnte sich nicht von jenen jugendlichen Erinnerungen befreien, die ihm die Persönlichkeit Mendelssohns als heilig, unfehlbar und verklärt beibrachten. Smolensky war groß, schaute mehr den Dingen ans den Grund, hatte immer mehr das Universelle im Auge; auch in diesem Kampfe behauptete er sich edler, reiner echt Smolenskynisch. Doch auch Gottlober muss nicht unterschätzt werden. Mit seinem vierzehnten Lebensjahre „wurde" Gottlober verheiratet. Er setzte seine talmudischen und chassidistischen Studien eifrig fort. Die Bekanntschaft eines „Maskil" in Czitomir machend, begann er die mittelalterliche jüdische Philosophie und Poesie zu studieren. Im Jahre 1828 besuchte er in Gemeinschaft mit seinem Vater Brody, wo er Josef Perl und die übrigen Bildnngsmissionäce kennen lernte. — Den Verwandten seiner Frau gefiel cs nicht, dass Gottlober Bücher profanen Inhaltes las, und er musste sich von ihr — scheiden . . . O, du heilige Macht der Bücher! Nicht umsonst wurde das jüdische das „Volk des Buches" genannt . . . Dass bloß das Lesen lodter Buchstaben eine Scheidnng zwischen liebenden Wesen hervorzurufen verumg. In unseren Tagen, wo man.in den „modernen Leihbibliotheken" „alle neuesten Erscheinungen" bekommt, und jeder erste beste Secundaner oder „höhere" Tochter sich die „Entartung" des gehirnlosen Philosophen des Pöbels", — wie Przybyszewsky den Autor dieses Buches so treffend nannte — geben lässt, und in 5 oder 6 Tagen mit allen Größen und Genien, wie Tolstoi, Dostojewsky, Nietzsche, Wagner u. a. ins Reine kommt, ist es schwer, eine solche Machtausübnng des Buchstaben zu begreifen, unmöglich, sich eine bloße Vvrstellilng von der Hochachtung des Buchstaben zu machen, die die Söhne Israels dem Buche, dem gedruckten Buchstaben entgegenbrachten. Während ganzer Jahrhunderte löste sich das Leben mehrerer uud hervorragender jüdischer Männer in ihrem Schriftthume auf. Das Buch war auch unser Rettnngsasyl, unsere Zuflnchtsstätte. Als jener Heilige von den „zehn königlichen Märtyrern" sich in eine „Thora-Rolle" hüllen und ins Feuer schmeißen ließ, da war er ein treuer Sohn seines Volkes, ein Symbol für kommende Zeiten . . . Gottlober kehrte nach Russland zurück und war in Odessa als Hauslehrer thätig. Er kam in den Kreis der Pinsker, Stern und anderer Repräsentauten der damaligen Odessaer jüdischen Intelligenz. In Kremenetz trat er in ein freundschaftliches Verhältnis mit dem ersten und bedeutendsten Pionnier der Bildung der russischen Juden — Isaak Ber Levyusohon. Letzterer hat auch auf ihn einen starken Einfluss ausgeübt. Im Jahre 1835 veröffentlichte er ein Bändchen Gedichte, das den Namen „Pirche haabib" (Frühlingsblüten) trug. Im Jahre 1850 erschien sein zweites Bändchen Gedichte „Hanizanim" (Knospen), das eine sehr warme Aufnahme fand. Im Jahre 1860 gieng er nach dem Auslande, machte in Wien die Bekanntschaft Ludwig August Frankls uud übersetzte auf sein Verlangen sein Buch „Aus Aegypten" ins Hebräische. (Mimizraim, Wien 1862). — 52 — jüdischen Haus am „Schnbbes" arbeiten lassen? Ich Hab' so etwas bei ui einer Mutter, „eleho Hascholem", nicht vor mir gesehen, und mein' Tochter soll es bei mir auch nicht vor sich scheu. Lieber will ich essen trockenes Brot! Am Samstag also wurde nicht gearbeitet. Die beiden Mädchen benützten ihre Freiheit in mannigfacher Weise. Theils um sich zu erholen und von der Anstrengung einer ganzen Woche anszuruhen, theils in anderer Weise, wie zum' Beispiel, dass sie ins „Belvedere" giengen, die Gemälde anzuschauen, oder in die „Ambraser-Sammlung", wo es sehr interessante Sehenswürdigkeiten gab, oder in die kaiserliche Schatzkammer und dergleichen. Samstag abends machten sie gewöhnlich einen gemeinschaftlichen Spaziergang in den Prater oder in den Augarten, aufs Glacis, ins Paradiesgärtcheu. oder sie giengen auch, wenn das Wetter zu einem Spaziergange nicht einladend war, ins Theater. Das eine der Mädchen, Rosa Gelbfnß, war eine große Freundin von Lectüre, und wenn sie zufällig eines Buches habhaft werden konnte (in der Leihbibliothek zu abonnieren wäre zu kostspielig gewesen), so saßen die beiden Mädchen am Samstag wohl auch zuhause in dein Kämmerchen, das sie gemeinschaftlich beivohnten, und Rosa, die geübtere und gebildetere von beiden, las der Freundin vor und mit großer Rührung und Ergriffenheit nahmen sie theil an den Vorgängen, die in dem Buche geschildert waren und rächt selten saßen sie beide da mit ausgeweinten Augu wegen des Schicksals des Helden oder der Heldin des Romans. Wenn an Rosa die Reihe kam, die beiden Mädchen wechselten hierin miteinander ab, das Cabiuet des Zimmerherrn anfzuräumen, so suchte sie wohl auch unter den vielen Büchern, die da theilweise schön geordnet im Schranke standen, theilweise auf dem Tische uud auf den Stühlen umherlageu, ob sie nicht irgend etwas fände, was sie der Freundin vvrlesen könnte. Allein sie fand nichts derartiges. Die Titel der Bücher schreckten sie ab. Da war ein Buch: „Prategvmena zu jeder künftigen Metaphysik", daneben stand die „Kritik der reinen Vernunft". Dort lag auf einem Stuhl die „Phänomenologie des Geistes", auf dem Tische wieder die „Tyradieen" und lauter so fremartig Klingendes, aber gar keine Romane und sie hätte so gerne die „Geheimnisse von Paris" gelesen oder den „Monte Christo", wovon sie schon so viel Schönes gehört hatte. Einmal fand sie auf dem Tisch im Cab inet etwas Geschriebenes. Sie nahm das Blatt zur Hand und las: „Menschenherz und Menscheuschicksal Unerforschlich, abgrundtief! Eine Sonne bringt zutage, Was seit tausend Sonnen schlief. Alles Wissen ist ein Ahnen, Alles Schauen ist ein Traum! Taste, taste fort im Dunkel, Denn das Licht verträgst Du kaum!" Gott wie schön — rief sie — als sich die Thüre öffnete und der Zimmerherr eintrat. (Fortsetzung folgt.) nscna Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Das wäre? — fragte Samuel. Denken Sie sich — erwiderte Aron — einen Menschen, der das Schönste, was seiner Vorstellung nach auf Erden existiert, gesehen hat. Ein Blick und entschwunden ist es ihm und er sucht es immer wieder. Das ist eine großartige Idee — sagte Samnel — eine echt dichterische Idee, würdig des vornehmstetl Geistes,' ein Blick ins Paradies und für ewig schließen sich die Pforten. Das Dichterische daran — fuhr Aron fort — ist ganz und gar Ihr Eigenthnm. Was ich Ihnen erzählte, ist keine Dichtung, es ist Wahrheit. Also sind Sie in diesem Fälle? — fragte Samnel. So ist es — antwortete Aron — und nun, lieber Freund, rathen Sie, helfen Sie mir, was soll ich thun? Ich kann nicht leben, wenn ich sie nicht finde, und wo soll ich sie finden? Das ist leichter gefragt, als beantwortet — sagte Samnel. Leider — seufzte Aron — die Sache ist ganz aussichtslos. Sagen wir schwierig — suchte Samnel ihn zu beschwichtigen. — Haben Sie nicht irgendeinen Anhaltspunkt? Ich will Ihnen erzählen — sagte Aron — wie es sich zngetragen hat und dann urtheilen Sie selbst darüber, welchen Anhaltspunkt ich habe. Und nun erzählte Aron die Geschichte des gestrigen Abends. Aufmerksam hörte Samnel zu und nachdem Aron den Bericht beendet hatte, sagte Samuel: Also die Seine ist blond, sagen Sie? und Fanny heißt sie? Ja — sagte Aron. Und die andere Rosa? — forschte Samuel weiter — und ist brünett. Brünett — sagte Aron. Und diese ist es, die das Gedicht vorgelesen? Ja, diese — bestätigte Aron. Das Gedicht selbst — sagte Samuel — haben Sie sich aber nicht gemerkt? Es ist an meinem Geist zu rasch und flüchtig vorübergegangen sagte Samnel — als dass ich es mir hätte merken können; ich kann Ihnen nur sagen, es hat mir einen großen Eindruck gemacht; es war kein i i * i 1 £ mm