Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 13 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432777--0116-2433627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kednrlivn: H/3, Untere Ungartenstrahr 19. Sprechstunden; A» Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; a» Lonntagcii von t«> bis 18 Uhr vormittags. Postadresse: Jiidisches Bottsblatt, Wien, lpz.' Vrschwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir »ns dringend. — Manuskripte werden nicht znriiefgestellt. Postsparcasscn-Conto 817087. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freiing nrtter MiMürlrung der vom jüdischen Vvllrsvrrein rrivätzNen Prefsronnnisslon. Inserate übernehmen die Firmen: I. Tannebcrg, M. Dukes, Haasenstcin & Vogler, Rudolf Mvssc, Sl. Oppclik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Aniioiiccn'C'xpeditioncn im Anslande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. A-minisirniwn: il.^ Untere Ungorkenstrahe 19. AbonnemctttSprcis: Für Wien ». l^cs-errcich-Nnstar» Für das gesummte Slnskand samint Fraii.oznsteltiiiig. I sainmt Francoznstellnng. Ganzjährig.fl. t —! Ganzjährig . Halbjährig.st. 2 — j Halbjährig . Vierteljährig.fl. I.— > Vierteljährig fl. -1.80 fl. 225 fl. 1.15 Nr. 13 Wien, 12. Mai 1899. I. Jahrgang. Was Du nicht willst, dass man Dir thn'... Lebhaft wird einem der tiefe Sinn des Sprichwortes vor Augen geführt, wenn man das „Vaterland" vom Dienstag 9. Mai in die Hand bekommt. Da wird in einem sehr ausführlichen Artikel, mit der an die Jahrmarktsinordgeschichten kleiner Städte erinnernden Aufschrift: „Das Verbrechen von Lille und die Vogelfreiheit der Kathoüken in Frankreich", der bekannte Fall von Lille besprochen und ein langer Aufruf reproduciert. der den Fall klarzulegen bemühtest. Der Aufruf spricht in einzelnen Zeilen ganze Bände und über die Thatsache, dass dieser Aufruf vom „Vaterland" mit voller Zustimmung abgedruckt wird, könnte man noch einen Band schreiben. Da wendet sich z. B. schon der Aufruf an alle Franzosen: „Bürger, wer Du auch seiest, Jude, Katholik, Elsaß-Lothringer, Belgier oder Bonapcntist, vergiss einen Augenblick Deiue Ansichten und folge aufmerksam meiner Geschichte." Man sieht daraus, dass sich der Aufruf an alle „M e n s ch e n" wendet, auch an die Juden, und man wird beim Lesen des „Vaterland" lebhaft an die Periode der letzten zehn Jahre erinnert, in der das fromme „Vaterland" eifrig bemüht war, die Juden zur höheren Ehre Gottes und der römisch-katholischen Kirche aus der Reihe der menschlichen Gesellschaft auszustreichen und sie auf dem moralischen Scheiterhaufen der antisemitischen Autodafes zu verbrennen. Man erzählt heute auch den Inden den Fall von Lille, in deni ein katholischer Priester wegen angeblicher Schändung eines Knaben in den Kerker kam. Für wie menschlich muss man doch diese Juden halten, die nach der athemlosen Hetzjagd der Dreyfus- Affaire noch Ohren für menschliches und klerikales Leid haben sollen. In beweglichen Worten wird den Bürgern, ob sie Juden oder sonst was sind, die Unschuld des Angeklagten geschildert, nachzuweisen, zu beweisen gesucht. Es liegt ja alles so klar auf der Hand. Man hat den Unglücklichen gefoltert, gepeinigt, gehetzt, er hat nicht gestanden, so hört es doch, es kann ja nur blindwüthiger Hass sein. Und doch hat das „Vaterland" zur Zeit des Tisza Eszlarer Proeesses keine Beweisführung von Inden gelten lassen, hat die „verjndete Presse" verhöhnt, die an das Blutmärchen nicht glaubte, hat noch in den letzten Tagen ruhig mit angesehen, wie unwissende Bosheit das Typen aus dem Ghetto. „Der Hengst." Von Ignaz Weiß. II. Mit besonderer Heftigkeit wütheten diese Kämpfe zur Zeit der Ferien. Da glich der Abhang der Waldung einem förmlichen Kriegslager. Von früh bis abends entwickelten sich die Schlachterlonnen, die ins Gefecht rückten. In dieser Zeit feierte der „Hengst" alle Triumphe eines großen Feldherrn. Er leitete aber auch die schwierigsten Operationen mit sicherem, strategischem Blick und seine Truppen giengen mit blindem Vertrauen auf seine Anordnungen ins Gefecht. Gesicht und Hände glichen in diesen Zeiten einem Ruhmesblatt seiner heroischen Thaten und furchtlosen Tapferkeit. Wenn er für alle Blessnren eine Tapferkeitsmedaille hätte erhalten sollen, hätte seine Brust kaum für so viele Orden Platz gehabt. Und jede Verwundung erzählte eine neue Geschichte seiner Kampfesfreudigkeit. Auch sonst hatte er sich in seinem Aeußeren die nothwendigen Distinctionen des Feldherrn ungeeignet. An seiner linken Seite baumelte ein rothgetünchtes Holzschwert mit einer Schärpe, die aus farbigen Bändern bestand. Um die Lenden hatte er gewöhnlick) ein rothes Band gewunden, dem man es ansah, dass es ans einem Haufen Fetzen aufgelesen war. Ein ebensolches Band schlang sich um seine Brust, die m scharfem Contraste mit seiner hohen militärischen Stellung, nur mit einem schmutzigen, offenen Hemde bedeckt war. Auf dem Kragen des abgetragenen, schäbigen Rockes prangten zwei goldene Papiersterne, die seine hohe Würde den anderen „Kriegern" deutlich illustrieren sollte. Im Einklänge mit diesen Abzeichen der souveränen Macht stand der ernste, ja strenge Ausdruck seines Gesichtes, der fest zusammengepresste Mund, die starr blickenden Augen, die herben, scharfen Linien der Mienen. Er nahm seine Würden furchtbar Märchen mitten hinein in das „civilisierte" Centrum des Reiches trug, die gemeine Verleumdung die Blutschulo eines Wahnwitzigen auf ein ganzes Volk zu übertragen suchte. Wie wohl hätte es den frommen Vätern vom „Vaterland" angestanden, solch' ein: „Bürger, wer Du auch seist" rc. ausznsprechen, zu bekunden, dass auch in den Grundsätzen der Kirche die böswillige Verleumdung der Juden verurtheilt wird. In Frankreich hat eine katholische Presse, haben die „Schand- und Laternenzeitungen" das, nennen wir es so — „Priestermärchen" gezüchtet oder doch zu deuten versucht; in Oesterreich sind es gerade die Anhänger dieser Presse, die mit dem „Blutmärchen" ihr gefährliches Spiel treiben. Welche Strafe für diese Sippschaft, wenn im „Vaterland" heute zu lesen ist: „Die Albernheit eines gewissen Publicums ist immer jung"; wenn man die eindringliche Mahnung hört: „Wenn der Brnder Ftamidien ein gewöhnlicher Bürger gewesen wäre, etwa ein Expediteur, ein Lvhnkutscher oder ein Friseur, so hätte man ihm gesagt: „Der Mord kann nicht am Sonntage, an dem der Knabe verschwunden ist, begangen worden sein, folglich sind Sie unschuldig. Verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten, die man Ihnen verursacht hat." Aber man hatte es mit einem Ordensbruder zu thun." Jawohl, das ists. Der Stand wird hier verurtheilt, nicht der Mann. Bei uns steht man nur den Juden im Verbrechen, nicht den Menschen. Ist das recht? Nein! Es ist ein Verbrechen, in der einzelnen Creatur den Repräsentanten eines ganzen Stanoes, einer Secte, eines Volkes zu erblicken. Und wenn schon der Bruder in Lille ein Verbrecher wäre, seine Unthat muss als menschliche, nicht als priest erliche gerichtet werden. Es ist sittenverderbend, vom Individuum ans den Stand zu schließen. Aber — was Du nicht willst, dass man Dir thu, das füg' auch keinem anderen zu; ein Passus in - dem vom „Vaterland" veröffentlichten Aufruf weist mit sprechender Geberde auf die Unthaten hin, die von übereifrigen Dienern der Kirche an der Menschheit verübt wurden. „Verlangen wir von unseren Gesetzgebern wenn nicht die Beschränkung der Freiheit der Presse, so doch wenigstens für jeden Officier und Soldaten das Recht, diejenigen verurtheilen zu lassen, >velche die Armee beschimpfen; für jeden Beamten das Recht, diejenigen zum Stillschweigen zu bringen, welche die seltenen Missgriffe des Beamtenstandes verallgemeinern; für jeden Priester das Recht, Beweise und Gerechtigkeit für die Verunglimpfungen des Clerus zu fordern; für jeden Lehrer das Recht. Achtung für den Lehrkörper zu beanspruchen, ohne ernst; er gönnte sich kaum zu essen und zu schlafen. Von früh bis abends, oft in die Nacht hinein, träumte er mit allen Fiebern seines Herzens den kühnen Traum eines großen Feldherrn. Nichts könnte ihn seiner Thätigkeit entreißen und seine Gedanken schwelgten fortwährend in einem seeligen Rausch von Kampf und Sieg. Er betrachtete es nicht als Spiel, es war ihm etwas Großes. Heiliges, Wahres. Die leicht entzündbare Knabenphantasie baute ihm eine Brücke, von der Wirklichkeit zu seinen Wünschen, zu seiner Kindersehnsucht, die er glücklichen Gemülhes überschritt, um die kleinen Beschwerlichkeiten seines Lebens weit hinter sich zu lassen. Das ist ja das Wunderbare der Kinderzeit, dass die reale Welt der Sorgen und Mühseligkeiten nur wie ein Schattenbild an uns vorüberfliegt, indes wir in einer selbstgeschaffenen Traumwelt den farbenfunkelnden Faltern unserer Wünsche nachjagen. — Er forderte den strengsten Gehorsam und erfreute sich eines ungeheueren Respeetes bei der „Truppe". Wehe dem, der sich eine Subordinationsverletzung zu schulden kommen ließ; er wurde unbarmherzig bestraft. Die Exercierübungen wurden an einem geräumigen, hierzu geeigneten Platze ausgeführt, der im Ghetto unter dem Namen „Obenant" bekannt, vielmehr berüchtigt war. Denn hier wurden alle Missethaten der Schuljugend ausheckt oder ausgeführt; das war der Versammlungsort, die Centrale für jene Sorte von Knaben, die ob ihrer Verwegenheit und Ungebundenheit eine gefürchtete Gesellschaft, ja eine Plage für die Bewohner des Ghettos waren. Man musste einen besonders frechen, waghalsigen Bubenstreich ausführen und von besonders schlechten Eltern sein, um in diese Gilde ausgenommen zu werden. Als Vereins- und Erkennungszeichen galt die Pflicht, bloßfüßig zu gehen, gewöhnlich auch keine Kopfbedeckung zu tragen, wie der Club sich überhaupt in seiner Kleidung einer großen Bedürfnislosigkeit befleißigte. Man hätte ihn den „Orden der Barfüßler" nennen können. Wieviele setzten ihren Ehrgeiz dass der Zeitnngsadvocat die lächerliche Bevollmächtigung besitze, von der Frage abzuzweigen und in meiner hernmzuwühlen, um zu erfahren, ob mein Großt^M^W Alter von zehn Jahren Aepfel gestohlen hat. Journalisten das Recht haben, ans mich zu speieMM^W es mir doch wenigstens gestattet, ihnen mit dem Blatte, ans welches sie schreiben, den Mund zu Blicken wir ihnen kühn ins Auge und jagen wir von unserer Thüre jene Elenden hinweg, die darauf sinnen, Zwietracht zn stiften." Sehr richtig, verlangen wir das. In Frankreich, in Deutschland, in Oesterreich, überall. Und wie der erste Satz dieses Aufsatzes laut auf die Affaire Dreyfus hinweist, in der mit einem Unglücklichen, dessen Schuld nichts weniger als erwiesen ist, ein ganzes Volk gehetzt, verfolgt, misshandelt wird, so spricht der ganze Aufsatz eindringlich zu den PatresScheicher, Abel, Deckert <3 tutti quanti, die aus Vorfällen der Zeit, ans alten vermoderten Büchern die Sünden der heute Lebenden herauszusuchen sich bemühen, und ruft ihnen das mahnende Sprichwort zu, dessen wir oben erwähnen. Der Absatz schließt mit der Mahnung: Daher Freiheit und Gerechtigkeit für Jeden, der Seinesgleichen achtet. Ist es zuviel, wenn man 100 Jahre nach der französischen Revolution den Vorschlag macht, den durch den gesunden Verstand und das Grundrecht geheiligten Wahlsprnch gutznheißen: „Bor dem Gesetze ist der Katholik, selbst wenn er als Priester oder als Bruder gekleidet ist, gleichberechtigt mit dem Freimaurer, selbst wenn dieser die Schürze trägt?" Darauf gibt es nur eine Antwort: Nein, es ist nicht zuviel, es ist nur billig und gerecht! Aber was für den einen recht ist, muss dem anderen billig sein; der letzte Satz muss von der schreibenden Clerisei ergänzt wcrdcrr, indem nach dem Worte Katholik, das Wort Jude eingestellt wird. Denn wenn man sich an den Juden um sein Urtheil wendet, dann muss man auch seine Rechte anerkennen. Nicht so frommes Vaterland? Seit den Veröffentlichungen über die Vorgänge in der unglücklichen Bergstadt gelangen an uns unausgesetzt Zuschriften, in denen die ungeheuerlichsten Anklagen gegen die interessierten Unternehmer, gegen die Bergbehörde rc. erhoben werden. Es ist gar nicht möglich, all diesen Zuschriften Raum zu geben, und wir thun es . auch darum nicht, weil, wie wir erfahren, das Strafgericht in Sambo r darein und bemühten sich, durch einen kühnen Geniestreich die Aufmerksamkeit des Clubs auf sich zu lenken, um bei der Ballotage der Aufnahme für würdig. befunden zu werden. Doch jeder musste erst, falls er nicht sofort abgelehnt wurde, eine besondere Prüfung bestehen. Er musste erst beweisen, dass er imstande war, einen Baum bis zum Wipfel zu erklettern, dass er auf der Feldstraße trotz des Wächters einen Obstbaum plündern kann; er musste durch beglaubigte Zeugen Nachweisen können, dass er schon einige Hirschkäfer selbst gefangen habe, und musste sich bereit erklären, vor den Augen der Prüfungs-Commission einen Finger zwischen dessen Fänge zu stecken, ohne beim Einzwicken aufzuschreien. Er musste ferner auf dem Teiche einen platten Kiesel tanzen lassen, einen Stein über ein bestimmtes Dach hinüberschleudern können. Es durfte ihm kein Theil des waldbewachsenen Berges, an den sich das Städtchen anlehnte, unbekannt, und er musste bereit sein, auch spät am Abend allein in den finsteren Wald zu gehen. Das Oberhaupt dieser auserlesenen Schaar vor der „Hengst" und in den Kriegen bildete diese seine Leibgarde, als die Elite der „Truppe". Von den anderen Knaben wurde dieser Club der Waghalse ebenso gefürchtet als bewundert. Ein Mitglied desselben nur zum Freunde zu haben, wurde mit Stolz betont, und dieser schielte mit Gönnermiene den Protektor. Ein anderes Verhältnis war undenkbar; der eine würde sich zu viel vergeben, der andere unverdient zu einer Ehre gelangt sein, die ihm nicht gebührte. An heißen Sommertagen, wenn die Sonne wie ein Feuerball über den Gässchen des „Ghettos" brütete und die Steine des Pflasters glühend heiß den Sonnenbrand einsogen, da flüchtete alles in den kühlen, erquickenden Wald. Da lagen wir stundenlang im weichen Moos gebettet, Füße und Hände weit ausgestreckt, auf dem Rücken und schauten träumend durch die glitzernden Nadeln der Fichten in den Himmel, dem Wolkenfluge