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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-05 · 12 (5.5.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
12 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sei es das oder etwas anderes — gekrönt haben sie den ersten Mai ohne Hilfe der Mächte, ohne Salbung der Priester, ohne Sang und Klang, und Jahr für Jahr wird er ernster, feierlicher, und fast heiliger. ' Der Wille des Volkes ist auch eine Macht. Und wenn eine gute Organisation dazu kommt, setzt der Volkswille seine Sache durch, mögen auch starke Hindernisse ihm im Wege stehen. Der erste Mai ist ein Feiertag von Volkswillen, von Volkes Gnaden ist er gekrönt und das Volk erhält ihn. — Das Volk? Pardon, die Arbeiter! Bilden denn die Arbeiter ei^ Volk? Das ist es eben, was wir in Betracht ziehen wollen. Wir Juden insbesondere können viel, sehr viel lernen vom ersten Maifeiertage, wir können und sollen es auch lernen. Die Arbeiter aller Culturlander sind durch eine Idee organisiert worden, sind nahezu ein einziger Körper geworden, ein vielgliederiger, aber mit einem Kopf versehener Körper. In verschiedenen Ländern und Staaten leben sie, verschiedene Sprachen sprechen sie, verschiedene Sitten und Gebräuche haben sie, unter verschiedenen gesetzlichen und socialen Verhältnissen existieren sie — die Arbeiter, und dennoch bilden sie einen Körper, eine besondere Gesellschaft, mit einem Willen in allen Welttheilen. Und das macht sie stark, gibt ihnen Macht, und das verschafft ihnen Respect. Ihr Wille wird allmählich durchgeführt, Concession nach Concession wird ihnen gemacht, Privilegium nach Privilegium wird ihnen bewilligt, der erste Mai wird gefeiert, trotz alles Widerstandes der Mächte und der Geistlichkeit. „Ohne Territorium, ohne Sprache, zerstreut in allen Welttheilen — und das will ein Volk sein, will Rechte haben", rufen unsere Feinde uns zu. Staat im Staate, klagen uns unsere Gegner an. Gut! Wir fragen aber: Sind die Arbeiter als Partei nicht dasselbe was mir als Volk'? Ist eine Partei ohne Land, ohne Sprache, ohne Herrschaft mehr berechtigt, Forderungen und Wünsche vorzubringen als ein Volk? Berechtigt? Ja, berechtigt zu verlangen ist jeder. Die Frage ist nur, ob das Verlangen berücksichtigt wird, ob die oder jene mehr respektiert werden! Und da kommt die Macht der Organisation und d i cti e rt die Antwort. Die Arbeiter sind gut organisiert, wie eine Kette schließen sie sich durch Städte und Länder, ihre Führer verstanden es, aus ihnen allen einen großen Einser zu machen, einen Einser, dessen Bruchtheile sich zwar nicht gleichen, aber wissen, dass ihre Macht in dem vereinigten Einser liegt. Und sie gehorchen und sie samnieln sich, und arbeiten zusammen, planmäßig und zielbewusst, um ihr Ziel zu erreichen und ihre Wünsche erfüllt zu sehen. Das was diese als Partei, sollen wir als Volk thun, und Riesenschritte vorwärts könnten wir machen. Trotz unserer Zerstreuung durch alle Länder und Provinzen, trotz unserer verschiedenen Stellung im politischen und socialen Leben, trotz unserer verschiedenen Zunge, die verschiedene Sprachen spricht, trotz alledem könnten wir als e i n Volk organisiert sein und könnten sehr viel wirken für die Besserung unserer Lage, wenn die jüdische Solidarität, von der unsere Feinde so viel zu erzählen wissen, wirklich wahr sein sollte. Nicht Territorium, nicht Sprache, auch nicht Concentration fehlt uns. Uns fehlt eine gute Organisation, eine Kette, welche uns alle bindet, ein Kitt, welcher uns alle zusammen hält. Ruhig gieng der erste Mai vorüber, nirgends wurde die Ordnung gestört, meldet der Telegraph aus allen Städten und Städtchen. Ruhig und still arbeitet eine organisierte Partei, ohne Allarm zu schlagen, ohne Unruhen zu erregen. Und ruhig nnd still könnten auch wir unsere Ziele erreichen, wenn wir .ine ähnliche Organisation hätten. Der erste Mai sollte uns zur Lehre dienen, die Partei uns Muster sein. Sie sollte uns die Macht der Organisation vor Augen führen, sollte uns zum Bewusstsein bringen, dass auch wir als organisierter Körper sehr viel thun könnten zunutze unserer armen Brüder, zur Hebung unseres Volksthums, zur Besserung unserer Lage, und zur Ehre aller Juden. Was die Arbeiter als Partei, das sollen wir als Volk sein. Jüdische Volksp artet nnd Minorilötenschutz. Eine A n t w o r t auf den Artikel des Reichsraths- A b g e o r d e t e n D r. K r o n a w e t t e r. II. Ich habe in meinem ersten Artikel über die Meinungsäußerung des Herrn Dr. Kronaw etter mich lediglich mit dem sozusagen theoretischen Theil>MMbU^^ befasst. Ich habe diese Ausführung absichtWÄM^ä^W länger gehalten, weil ich den Einwurf des HeMWWWHÄ raths-Äbgeordneten, wer denn ein Jude s den sich daraus ergebenden Folgerungen für unRMs^^ näher beleuchten wollte. Allein ich hätte diesen Einwurf, ohne wohl auf viel Widerspruch zu stoßen, ganz kurz abthun können. Ich hätte dem verehrten Herrn Reichsraths-Abgeordneten sagen können, dass seine Frage, wer ein Jude sei, eine lächerliche Spitzfindigkeit ist, eines ernsten Politikers einfach unwürdig. Dass diese Frage nach der Logik und dem Recepte jener Anekdote zugeschnitten ist, in welcher der polnische Jude mit Kaftan und Stirnlocken sich „nix zu d'erkennen" geben will. Und mit dem Hinweise auf diese Anekdote hätte ich diesen Einwurf als hohle Phrase und eitles Kinderspiel einfach beiseite schieben können. Auch die weiteren Einwürfe Herrn Dr. Kronawetters vertragen eigentlich keine gründlichere Besprechung, so Hyper - naiven Inhaltes sind sie. Herr Dr. Kronawetter fragt: Wie denken Sie sich das Verhältnis der nationalen Judenpartei zur „neuen" großen Volkspartei, welche nicht von den Juden ausgehen darf? Wie soll sie zustande kommen? . . . und belehrt uns dann, dass eine Partei nicht aus dem Nichts hervorgebracht werden könne, sondern dass die Elemente für jede Partei durch die jeweiligen Lebensverhältniffe der Menschen gegeben sein müssten, für welche Behauptung er einige Beispiele ins Treffen führt. Wir sind Herrn Dr. Kronawetter für seine Belehrung gewiss dankbar. Aber er hätte dieselbe besser unterlassen sollen; er hätte manches Kopfschütteln vermieden. Wir meinen—und das geht auchaus unserem Programmartikel mit unbestreitbarer Deutlichkeit hervor — ganz einfach Folgendes: Die derzeit herrschenden, innerpolitischen Zustände können und werden auch sich nicht mehr lange halten. Ihre fernere Entwicklung lässt sich auf Grund der treibenden, gegenwärtigen Elemente in großen Umrissen bereits erkennen. Die nächste Entwicklungsphase Oesterreichs ist die Erklimmung jener Culturstufe, welche die anderen Länder West-Europas bereits erreicht haben und mit der erweiterte politische Freiheiten und fortschreitende Demokratisierung der Verwaltung verbunden ist. Diese Elemente sind nothwendig Mr Durchsetzung der wirZ- , schaftlichen Forderungen jener Bevölkerurrgsschichten, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen am schwersten zu leiden haben. Unsere derzeitigen, lediglich von nationalchauvinistischen Momenten getriebenen, innerpolitischen Zustände schädigen aber unleugbar wirtschaftlich äußerst Typen ans dem Ghetto. Der Hengst. Von I g n a z W e i ß. Sommerausflügler, die das entlegene Städtchen V. seiner pittoresken Gebirgslandschaft und des gesunden, ruhigen Aufenthaltes wegen besuchen, müssen eine Wegstunde vor der Stadt den Zug verlassen, um eine Art Arche zu benützen, die jedermann als Omnibus angepriesen wird. Mit einer affenartigen Behendigkeit muss man sich in diesem altersschwachen Vehikel, bei dem der Zahn der Zeit sogar die Sitzpölster aufgerisfen hat, einen Platz erobern. da mansonst den Genuss hat, eine Stunde im Sonnenbrände, die mit tiefem Staube bedeckte Landstraße zu wandern. Auf dieses Gefährte wird man auf der Station von einem jungen Menschen aufmerksam gemacht, der dann neben dem Kutscher auf dem Bocke Platz nimmt. Er steht in Diensten des Spediteurs, der mit Hilfe dieses zerbrochenen Karrens sein Geschäft betreibt und hat außer der Acquisition von Passagieren das Einsammeln der Fahrgelder zu besorgen. Er hat etwas stechendes, unstät flackerndes in seinen Augen, und ein sonnverbranntes, schon stark verwüstetes Gesicht. Immer nun, wenn mich eine stille Sehnsucht heimwärts zog und mich in der Station der erste Hauch längst verklungener Erinnerungen streifte, war es hauptsächlich diese Gestalt am Wagenschlag, die mir einenZaubersaden spann zu den längst ausgeschalteten Reminiscenzen an die Jugendzeit im Ghetto. Er war einmal mein Schulcollcge. Ich hatte mit ihm dieselbe Schulbank der „deutschen Schule" im Ghetto gewetzt. Jetzt liegen Welten zwischen uns. Er war der Schrecken der Lehrer und der Stolz der Schuljugend gewesen. Es galt von ihm der Spruch: buiia dies sine liaea. Kein Tag vergieng, an dem er nicht eine Heldenthat ausgeführt hätte, die ihn hoch erhob, über das gewöhnliche Mittelmaß anderer Knaben. Als er die Schule verließ, erhielt er zwar die schlechteste Fortgangs- und Sittennote, aber ein legendenhafter Strahlenkranz ruhmvoller Thaten umgab von nun ab sein Haupt. Einer eigenartigen Gewohnheit wegen, die der Schrecken seiner Lehrer war, erhielt er den Beinamen der „Hengst". Er pflegte nämlich oft in der Schulstunde, wenn gerade eine erwartungsvolle Pause in dem Vortrage des Lehrers oder in der Antwort eines Schülers eintrat, urplötzlich und unvermittelt, ungemein natürlich, das Wiehern eines Pferdes nachzuahmen. Er bekam mit der Zeit eine Virtuosität darin. Er hatte viele Rivalen, die es ihm gleichthun wollten, aber ihre Bemühungen verhielten sich seiner Kunst gegenüber, etwa wie ein echter Rubens zu seiner Copie. Natürlich war erst alles starr und entsetzt; Lehrer wie Schüler; bann folgte ein unbändiges Gelächter der Schüler und ein Wuthanfall des Lehrers. Er aber saß da in stoischer Ruhe, als ob gar nichts vorgefallen wäre und ihn das Ganze überhaupt nichts kümmere. Dann erhob er sich von seinem Sitze und begab sich, ohne erst die Aufforderung des Lehrers abzuwarten, zmn Katheder und hielt ernst und geinessen die Hand hin, auf die dann das spanische Rohr' des Jugenderziehers mit Wucht niedersauste. Er vergog keine Miene und begab sich stumm und gelassen wieder in seine Bank zurück. Eine Weile vergieng. Man hatte auf das Intermezzo schon vergessen. Der "Unterricht nahm wieder seinen Fortgang. Da, in einer Pause, in der man eine Fliege summen hört, wieder dieses gellende Wiehern des Pferdes. Der Lehrer schäumt vor Wuth; er ist rathlos; erweist schon nicht mehr, wie er sich helfen soll. Er springt auf und schreit: Hinaus! Der „Hengst" erhebt sich wieder majestätisch und geht langsamen Schrittes aus dem Zimmer. Vor der Thüre draußen fasst er Posto. Der Lehrer athmet nun auf, dass er diesen Quälgeist los ist. Doch nach einem kurzen Intervall wieder dieses fürchterliche Wiehern, diesmal hinter der Thüre. Der Lehrer, ein kleines Männchen von zappelndem, unruhigem Wesen, ein alter Kauz, rast und wüthet. Mit heiserer Stimme schreit er nach dem Schuldiener, der den Auftrag erhält, den Burschen aus dem Schulgebäude zu entfernen. Da erscheint das Gesicht des Wiehernden in der Thürspalte; er macht die Thüre auf, nimmt seine Mütze und das zerschlissene Lesebuch, macht vor dem Lehrer einen Bückling und geht ab. Das war es ja, was er erreichen wollte; „schwänzen" konnte er nicht, um den Schlägen zuhause zu entgehen; jetzt hatte er sein Ziel erreicht. . Er brauchte nicht in der öden, dumpfen Schulstube zu sitzen und das langweilige Geschwätz des Lehrers, das ihn doch garnichr interessierte, anzuhören. Wie viel schöner war es draußen in der freien Gottesnatur! Im Winter, wenn es draußen fror und das Schulzimmer eine wohlige Wärme durchströmte, da verstummte auch sein Wiehern. Da saß er ruhig in seiner Bank. Sobald aber die Maisonne einen verirrten Strahl in das alte, düstere Schulzimmer warf, da erscholl wie ein Kuckuckruf plötzlich sein unheimliches Wiehern. Das war sein Frühlingsruf! Er fühlte einen unwiderstehlichen Drang ins Freie zu kommen, hinauf in den Wald, zu den grünenden Buchenhecken; dort war er unbeengt und frei. So kündete er in der Schule durch sein Wiehern stets den kommenden Frühling an, es lag darin ein Stück ahnungsvollen Empfindens der knospenden Blütenpracht. Es ergriff uns auch, sobald sein Wiehern erklang, eine innere Unruhe, ein seelisches Unbehagen; wir wären gerne alle aus den Fenstern geklettert, um der Schulstube zu entrinnen und uns in zügelloser Wildheit im nahen Walde herumtollen zu können. Wenn der Hengst triumphierenden Blickes das Zimmer verließ, war er uns der beneidenswerteste Mensch. Und dann bewunderten wir

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