Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 11 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kctmclunt: UUntere AugarterrNeasre 10. Sprechst«nden: An Wochcntciqc» von 4 bis 8 Uhr nachinittasis; an Smuttaßcit uuu io bis 12 Uhr öonnitfaflg. Postadresse: JiidifcheA Volksblntt, Wien» ll z. DrsUxUirrbrn westen versvsttcter oder nur nicht crfolsttcr Zilstellniiq erbitten wir nnS dringend. — Maimscrtpte werden nicht znriitkgrstellt. Postsparcassen-Conto 847087. In das Abonnement kan» inan tätlich cintrctrn. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung -er vom jüdischen Vvlüsverein erwählten Pressrnnunisswn. Inserate übernclnnen die Finnen: I. Danncberst, M. TukcS, Haaienstein L Bögler, Rudolf Moste, A. Oppelik, M. Pvzsonhi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditioncn im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Ädminislrniivn: il.. Untere Uugartenjtrnjje 19. Abvnnementspreis: Für Wien n. Lcstcrrcich-Nttgarn saminl Frnn ozustellunst. Ganzjährist.fl. 1 Halb'.iibrist.fl. Bicrte!fli!>rig.sl. 1 Fiir daS gcsammtc Ansland samnit Franeozuslellnnst. Ganzjährist . Halbjälirist . Picrteljährist fl. 1 »N fl. 2,!Z8 fl. 1.18 Nr. 11. Wien, 28. April 1899. I. Jahrgang. Beiher und Boryslaw. Die Mauern der Festung sind zerstört, einzelne Steine, Stücke von Wänden, zerbrochene Massen liegen zerstreut zwischen den gefallenen Kriegern. Hier sieht man eilten Menschen im Blute schwimmen, dort steckt noch ein gistiger Pfeil im Körper eines Kämpfers, da ein zerfetzter Leib und weiter ein erschlagener Held, dessen Hand lloch im Tod sein Schwert umklammert. Römische Krieger bewachen die Gefallenen, die als Siegeszeichen unbeerdigt am Kampfplatze liegen sollen. Das ist das überlieferte Bild des Kriegsschauplatzes von Bether, die letzte Festung Judas, die nach langem Kampfe in die Hände der Römer fiel. Circa achtzehnhundert Jahre sind vergangen, und ein anderes Bild steht uns jetzt vor Augen. Die Gassen des kleinen Ort es sind voll Staub und Schmutz. Die Menschen, die darinnen stehen und gehen, gleichen lebenden Schatten. Ihre Augen sind matt und trübe, ihre Lippen bleich und blutleer, sie tragen auf ihrer Stirne das Kainszeichen der Noth und des Hungers. Und siehe! Da fährt eine Carosse durch diese elende Menge. Alles wirft sich zur Erde in d«n Staub und erhebt ein Jammergeschrei, ein bitteres Krächzen, ein lveinelides Lärmen: „Brot, Arbeit, Rettung". Das ist ein Bild der letzten Tage in Boryslaw. Heute feiern wir den luj? boaumer, den Tag der Erinnerung an die letzten jüdischen Freiheitskämpfe, an den letzten jüdischen Helden Bar Kochba und den gelehrten Rabbi Akiba, die den Versuch machten, zürn letztenmale die Juden zu organisieren, mit Waffengewalt die römische Macht zu brechen u.id die jüdische Selbständigkeil wieder herzustellen. Wie Löwen haben sie mit vereinten Kräften gekämpft und im Anfänge nur gesiegt, viele Festungen erobert, Jerusalem hergestellt und ein neues jüdisches Königreich begründet, bis Rom all seine Macht concentrierte, die kampfesgewohnten Legionen aus Britannien nach Palästina sandte: Dann erst siel Juda und mit dem Sturze Bethers hauchte unser Volk den Athemzug politischer Selbständigkeit aus. Und nur die Sfire-Tage, diese Zeit desKampfes, sind uns als Trauertage geblieben. Und heute stehen wir unter dem Eindrücke der hungersterbendeu jüdischen Arbeiter in Boryslaw, der wieder einmal zu einer Organisation herausfordert. Nicht auf dem Kriegsschauplätze sich zu organisieren, nicht von Waffen Gebrauch zu machen, sondern zu helfen, die Noth zu lindern, Arbeit und Brot zu schaffen, zu kämpfen, nicht gegen Heere und Krieger, sondern gegen Hunger und Hungersnoth. Und dieser Kampf ist doch viel leichter. Noch sind die Gefühle im Menschenherzen nicht tobt, noch sind die Pflichten gegen den Nebenmenschen, die moralischen Triebe und Barmherzigkeiten nicht verwischt. Man muss sie nur erwecken, man muss nur anklopfen an das Menschenherz. Man muss nur guten Willen haben für die Hungrigen die Stimme zu erheben, zur Vereinigung unserer Kräfte zu schreiten, dann ist die Hilfe leicht. An anderer Stelle geben wir den Bericht über die Verhältnisse in Boryslaw. Hier wollen wir nur daran erinnern, dass Ministerialrats) Z e ch n e r bei dem Empfange der Deputationen sowohl der Arbeiter als der Producenten sich auf das „Jüdische Volksblatt" sich berufen hat. Das will uns beweisen, dass das öffentliche Wort, wenn es nur eindringlich erschallt und auf Wahrheit beruht, seine Wirkung thut. Und es gibt uns Muth weiter zu arbeiten, weiter für eine ganze Organisation bestrebt zu sein. Der Fall von Beiher bedeutete den Fall der politischen Selbstständigkeit des jüdischen Volkes, die Asfaire Boryslaw bedeutet die Affaire Galizien, ja die Asfaire Oesterreich, sticht nur in Boryslaw, und nicht nur Juden, in ganz Galizien sterben Menschen den Hungertod. Die Armnth und das Elend welche unter den Inden und Bauern Galiziens herrschen, sind in ganz Europa in allen Welttheilen sprichwörtlich geworden. Freilich hat es Boryslaw viel weiter gebracht und ist zunr Schlagworte geworden. Solange wir nicht eine geschlossene Organisation haben, die. uns allein die Mittel bieten kann, das Elend von der Wurzel ans zu beseitigen, solange wir nicht imstande sind, stabile Hilfe durch aridere Verhältnisse zu schassen, haben wir nichts gegen den Hunger gethan. Nicht Brot, nicht Almosen, nicht Auswanderung und nicht Unterüsttzung können dem Hunger in Boryslaw und ganz Galizien Abhilfe leisten. Andere Verhältnisse lff'ffen im Lande geschaffen werden, Verhältnisse, die dern^Ärmen Arbeiter und Bauer neue Bahnen zeigen, vielleicht auch eine neue Lebensweise, um eine Stellung im Lande zu finden. Und wie leicht wäre das, wenn wir Juden ganz organisiert wären. Die Hilfe, die wir unseren Brüdern brächten, wäre rückwirkend auf das ganze Land, sie würde durch Beispiel und Macht neue Verhältnisse erzwingen. Das Volk selbst nur kann und muss sich allein helfen, die Kraft des Volkes ist viel mächtiger und stärker als wir glauben, seine Mittel reicher und größer, als wir denken. Am Volke liegt es nur, zum Bewusstsein seiner Macht und seiner Mittel zu kommen, zur Ueberzengung seiner eigenen moralischen und finanziellen Kraft zu gelangen. Und wenn eine gute Organisation all dies concentriert, eine gute Leitung all dies verwaltet, dann ist die Hilfe da. Da die Kämpfe Bar Kochbas und Rabbi Akibas fruchtlos waren, und mit ihrem Tode jede Hoffnung auf eine autonome Selbständigkeit unseres Volkes vernichtet wurde — nun könnte eine Organisation im Lande, wo wir wohnen, uns viel nützen, und neue Hoffnung bringen. Die Zeiten und Verhältnisse haben sich derg^M^^ geändert, dass gerade jetzt der Geist Bar Kochbas Rabbi Akibas in u n s e r e m Sinne uns helfen Möge dies Boryslaw uns warnend vor Augen uns eine Parole sein zur Vereinigung all unserer Kr^MZ^^AM^ zur Erinnerung an die Erfüllung unserer Pflichten geAt^^^ unser Volk. Die Affaire Boryslaw. (Erhebungen des „I n d i s ch e n V o l k s b l ci t t.") iIr. Es gibt gewisse Eindrücke, die so stark und nachhaltig wirken, dass dieselben nur persönlich vorgetragen werden können, sollen sie anschaulich zum Ausdruck kommen. Dies mag die Begründung für die von der gewöhnlichen Form abweichende Art des nachstehenden Berichtes geben. Ans die Veröffentlichung unseres ersten Artikels: „Die Katastrophe von Boryslaw waren mehrfache Berichte an die Redaction eingetaufen, darunter einer jo. unglaublichen Inhaltes, dass eine Erhebung an Ort und Stelle unerlässlich schien. Ich kam Samstag den 22. d. in Boryslaw an. Zur möglichst genauen und einwandfreien Feststellung der Thalsachen wurden drei Comites, bestehend aus je fünf Personen, gewählt: eines aus der Mitte der arbeitslosen Arbeiter, eines aus der Mitte der Aufseher, das dritte aus Klein-Unternehmern. Dazu bemerke ich: die Comitös der Arbeiter und Aufseher wurden in einer öffentlichen Versammlung der Arbeitslosen, die ohne Wissen der Unternehmer veranstaltet worden war, gewählt. Ich führe das deshalb an, um von vorneherein einem eventuellen Einwurf, dass die Arbeiter von den Unternehmern vielleicht beeinflusst worden seien, zu begegnen, und füge überdies hinzu, dass es spater während der Einvernahme zu einem offenen Gegensätze zwischen Arbeitern und Unternehmern kam, bei dem die Arbeiter trotz der Gefahr eines eventuellen Conflictes von ihrem Standpunkte nicht wichen. Diese Momente scheinen mir die Glaubwürdigkeit und Freiheit der Meinungsäußerungen seitens der Arbeiter und Aufseher, auf die es ja vor allen: ankommen musste, genügend darzuthnn. Die Einvernahme der beiden Arbeiter-Comites erfolgte Sonntag nachmittag von ‘/,3—6 Uhr, die der Unternehmer von '/.^O—6 Uhr. Die übrige Zeit wurde zu Informationen bei einzelnen Arbeitern, Aufsehern, sonstigen sachkundigen Personen und Rechtsanwälten verwandt. Die Namen der armen Arbeitslosen, aus denen die beiden ersten Comites bestanden, verschweige ich aus Gründen, die jedermann, der die Verhältnisse Galiziens kennt, nur zu begreiflich sind. Die Namen der Unternehmer werden Dir Ethik des Iudenthums. Die Religion Israels ist von dem Hauche der Un-' eudlichkeit durchweht, denn sie ist eine clnssische Offenbarung der Einheit und Gleichheit. Sie hat aus dem Dunkel der Menschennatur einen herrlichen Schatz hervorgeholt, welcher dem Dasein erst Sinn, Bedeutung und höheren Wert verleiht, es zu einem menschenwürdigen macht. Der Idealismus ist, wie aus dem ein Meer von Licht ausstrahlenden Bekenntnisse: „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, ist ein einiger, einziger Gott!" und der mit ihm in engem Zusammenhänge stehenden Lehre: „Heilig sollet Ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott!" deutlich erhellt, die ureigenste Schöpfung des Judenthums. Nicht Sokrates ist es, welcher zuerst die Philosophen vom Himmel ans die Erde gebracht hat. Dieser Ruhmestitel gebürt vielmehr dem Genius Israels. Wenig gekannt, aber dafür viel geschmäht ist die Ethik des Judenthums. Freilich hat sie bisher keine adäquate, unverfälschte, von innen heraus in Angriff genommene Bearbeitung erfahren. Vor kurzem erst ist der erste Band einer congenialen. den frischen Erdgeruch der Mutterscholle athmenden Darstellung derselben aus der Feder von Moriz Lazarus, dem berühmten Verfasser des „Lebens der Seele", erschienen*) Die vornehme, abgeklärte Schreibweise, welche ihn anszeichnet, erinnert an die seines Meisters Herbart, die er mit den Worten charakterisiert hat: „Ueberall treten seine Gedanken mit logischer Schürfe und Bestimmtheit zutage, überall mit ästhetischem Maße und mit Ordnung geschmückt, überall *) Die Ethik des Judenthums. Dargestettt von Professor Dr. M. L a z a r u s. Frankfurt a. M. I. Kauffmann, 1898. 2. Ausl. 1899. von sittlicher Reinheit und Hoheit durchweht; niemals in seinen Schriften — auch im Kampfe der Meinungen nicht — kommt die Leidenschaft zu Worte, niemals wird sie im Leser erregt." Er geht sine ira et sluclio znwerke und ist frei von aller Tendenz. Klar und fest verfolgt er sein Ziel, ohne nach rechts und links zu sehen. Apologetik ist ihm fremd; die rein objective Darstellung muss für sich allein sprechen und wirken. Vollends aber lässt er unter Berufung auf die biblischen Sätze: „Bauest Du einen Altar, so darfst Du kein Schwert darüber schwingen", „Hast Du Dein Schwert geschwungen, so ist er entweiht" (Exod. 20, 22) alle Polemik aus dem Spiele. Rur dem alle theistische Moral verwerfenden Philosophen des Unbewussten leuchtet er gründlich heim. Es ist gerade eine Riesenarbeit, welche Lazarus in seinem monumentalen Buche bewältigt hat, denn er musste Philosoph und Wurzelgräber in einer Person sein, und die Quellen sind so zahlreich und compliciert, dass einem schwindlig zumuthe werden kann. Er umspannt die Bibel, den wie. ein schier unermesslicher Ocean dahinfluthenden Talmud, die sich an die rabbinischen Schriften schließenden religiösen und philosophischen Werke und die geheimsten Falten der jüdischen Volksseele, welche füglich die Quelle der Quellen genannt werden kann, mit seinem mächtigen Geiste. Wie tief er in die weitschichtigen Schachte eingedrungen ist, wie souverän er das Wesen und die Methode der hochragenden Denkmäler des jüdischen Geistes beherrscht, geht aus der Anerkennung hervor, welche ihm nichts weniger als gesinnungsverwandte Männer zollen. Strenggläubige jüdische Theologen können nicht nnihin, ihm das Zeugnis auszustellen: „Mancher Philologe wird seinen Kopf schütteln, denn hier ist der Midrasch behandelt allein seinem Gehalte nach. Nicht als Rennbahn, auf der Sprachforscher und Geschichtsschreiber ihr Ross tummeln könnten, erscheint hier der Midrasch, sondern ein tiefblickender Psychologe rollt uns die Weltanschauung desselben auf, belehrt Unkundige darüber, dass die Formlosigkeit des Midrasch nur ein äußerer Mangel sei, da die Gedanken systembildende Kraft in sich bergen." So war Lazarus berufen, wenn ich so sagen darf, prädestimiert dazu, die freie, hohe, Himmel und Erde verbindende Ethik des Judenthums für uns neu zu entdecken. Und indem er sie entdeckte, verjüngte er sie zugleich, indem er sie, ohne ihr irgendwie Gewalt anzuthun, mit einer modernen, anmuthenden Gewandung versah. Er hat das am Schluffe des ersten, den Quellen gewidmeten Capitels vor Gott und aller Welt verpfändete Wort, „dass ich hier keinen Gedanken Vorbringen will, von dem ich nicht nach meiner innersten Ueberzengung weiß, dass er den: Gesammtgeiste des Judenthums entstammt. Was ich von Griechen und Römern und aus der philosophischen oder sonstigen Literatur der modernen Völker gelernt habe, mag in meiner Darstellung sich als formgebende Kraft geltend machen: den Inhalt habe ich nach bestem Wissen und Gewissen lediglich aus dem Judenthume und dem jüdischen Gesammtgeiste geschöpft", getreulich gehalten. Er ist eben ein unübertrefflicher Meister in der Kunst, den, Kern von der Schale zu befreien, den Gedanken aus den Fesseln des für ihn geprägten Ausdruckes zu erlösen und seinen lebendigen Inhalt uns mundgerecht zu machen. Der wie ein Prophet in unsere Zeit hineinragende Verfasser streut eine solche. Fülle von . Anregungen aus, lässt uns eine solche Fülle von Belehrungen zutheil werden, dass eine, wenn auch nur andeutungsweise erschöpfende Wiedergabe seines Werkes zu einem Bächlein