Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 10 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432774--0089-2433597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erscheint jeden Freitag ▲----—< Kedactivn: 11/8, Untere Angartrnstraste 10. Sprechstunden: 5ln Wochentagen von 4 bis ft Uhr nachmittags: an Sonntagen von 1(1 bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches VolkSblatt, Wien, ll>3/ Vrfchwrrdrii wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte» wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht znrükkgestellt. Postsparcasscn-Conto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintrcten. 4---—-< nnUv Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrsscommisston. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danncberg, M. DnkeS, Haasenstein <fc Bögler, Rudolf Masse, 51. Oppclik, M. Pozsonyi, 5l. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expcditionen im 5luslande. , Ginzel-Nnmirier in Wien 8 kr. , >—- Kdmmislralivn: II., Unt Abonnenn Für Wien u. Oesterreich-llngarn sammt Framoznstellung. Ganzjährig.fl. •!.— Halbjährig.fl. 2.— Vierteljährig.fl. 1.— >- -4 ere Augartenstrahe 19. rntspreis: Für das gefannnte Ansland sammt Francoznstcllung. Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 2.25 Vierteljährig.fl. 1.15 -♦ Mr. io. Wien, 81. April 1899. I. Jahrgang.! Asiatisches Oesterreich. Vor wenigen Tagen erregte eine kleine Notiz in der Rubrik „Gerichtssaal" die Aufmerksamkeit aller Leser. Der Fall ist bekannt. Das Bezirksgericht von Nadworna hatte den Ortsbarbier Wolf Blau wegen Beleidigung des Nadwornaer Bezirkshauptmannes Halecki zu einer Arreststrafe von zwei Monaten verurtheilt. Das Stanislauer Kreisgericht sprach den Barbier von der Anklage frei. Bon dem Angeklagten sei dem genannten Bezirkshauptmanne vorgeworfen worden, dass derselbe ihm fünf Jahre hindurch für Frisieren und Rasieren nichts gezahlt habe. Als der Barbier schließlich auf Entlohnung drang und sich weigerte, den Bezirkshauptmann weiterhin unentgeltlich zu frisieren und zu rasieren, habe ihm der Bezirkshauptmann gedroht, er werde ihn durch Steuerdruck und andere Mittel zugrunde richten. Er habe die Steuerreferenten und die Mitglieder der Steuercommission veranlasst, dem Wolf Blau eine zehnmal höhere Erwerbsteuer als die gebürende zu bemessen. Wiewohl dieses unrechtmäßige Steuermaß von der Finanz-Landesbehörde rectificiert wurde, habe der Bezirkshauptmann den betreffenden Bescheid monatelang zurückgehalten, um inzwischen die Einhebung der von ihm durchgesetzten übermäßig hohen Steuer durch widerrechtliche Pfändung der unentbehrlichsten Hausgeräthe und Betten des Barbiers zu verfügen, und er habe sich, wie es zum Schlüsse heißt, überhaupt aus unlauteren Motiven einen Missbrauch der Amtsgewalt zuschulden kommen lassen. Die Geschichte des Ortsbarbiers W o l f B l a n ist typisch, sie steht nicht vereinzelt da, sie reiht sich würdig an die Affaire des Tischlermeisters K lei n b e r g e r, an die des Schankwirtes I s a a k G i m p e l, an die wahrheitsgetreuen Schilderungen des AbgeordnetenDaszynski, des katholisch-ruthenischenPriesters Taniaczkiewicz, an die Berichte, die uns Tag für Tag aus B o r y s l a w zukommen. Eine lange Kette von Ungeheuerlichkeiten, die zur Genüge beweisen, dass in der Provinz Galizien zur Regel gehört, was in dem angrenzenden M ähre n schon zur unerhörtesten Ausnahme gezählt werden würde. Wie eine ununterbrochene Reihe von schweren Verbrechen, die zur Genüge zeigen, dass in einem Staate, der den Anspruch erhebt, zu den Culturstaaten der Welt gezählt zu werden, Zustände herrschen, die an die dunkelsten Zeiten des entschwundenen Mittelalters erinnern, dass in diesem Oesterreich eine Provinz sich befindet, in der Gesetz und Gerechtigkeit keine Geltung haben, die gleichsam abgeschnitten von aller Civilisation, der barbarischen Beutegier und Raublust einer kleinen Minderheit schutzlos preisgegeben ist. Frühlingsgedauken. Von R. A. Brandes. Schon wieder ist der Frühling ins Land eingekehrt. Wie herzerquickend, wie fröhlich, wie angenehm, Du, mein süßer Frühling! Wie schön, wie prächtig, wie herrlich. Du mein lieber Frühling! Die Erde hüllt sich in ein grünes Kleid, sie will mit dem tiefblauen Himmel in der Schönheit der Farbe wetteifern. Die schönen Blüten und Blumen vergrößern ihre Pracht. Ein lieblich warmer Wind umweht uns, die Sonne brennt jetzt nicht, sie gibt uns Wärme — wie eine junge Mutter ihrem Kinde. Im grünenden Walde singen die Vögel von neuem ihre hoffnungsvollen Lieder. Wellenartig kräuselt sich die Wasserfläche de§ Teiches, er lächelt zufrieden und freut sich des Frühlings. „Wie schön, wie herrlich ist der Frühling!" pflegte ich in meiner Jugend begeistert auszurufen. Großmütterchen pflegte dabei die Stirne zu falten und mit dem Kopfe zu nicken: „Du bist noch jung, mein Kind, hast noch keine Lebenssorgen, kannst Dich noch freuen, kannst hoffen! Mir gefüllt der Herbst viel schöner. Der Markt ist voll reichlichen Ertrages, voll guter Früchte. Alles spottbillig." Ich pflegte sie damals verwundert anzusehen. „Du wirst älter werden, mein Kind, und mich dann erst verstehen, begreifen." Und Großnu'itterchen hatte recht. Als ich älter wurde begriff ich es: Der Frühling ist doch nur eine unsichere Phantasie, der Herbst sichere Wirklichkeit. Der Frühling ist der Idealismus in unserem Leben, der Herbst der Realismus. Der Frühling bedeutet die Hoffnung, der Herbst bringt ihre Erfüllung, oft Enttäuschung. Schön ist gewiss der Frühling, wenn nur dann der Herbstmarkt ein satter, ein wohlgerathener, ein reichlicher ist. Wozu aber der Frühling, wenn er uns eine Missernte bringt, Hunger und Theuerung, wozu die großen Hoff- W o l f Blau ist Jude. Sein Schicksal ist zugleich auch typisch für das des jüdischen Volkes in Galizien. Durch die gesammte civilisierte Welt geht heute jene mächtige Bewegung, die in dem Namen „A n t i s e m i t i s m u s" den schwächsten und unzulänglichsten Ausdruck gefunden hat. Doch in keinem Culturstaate hat dieser schreckliche Kampf so furchtbare Formen angenommen, wie in der asiatischen Provinz Oesterreichs, in Galizien. Dort ist der Jude wahrhaft vogelfrei, und umso schrecklicher ist dieser Kampf, als er zum Theile auch von jener Seite geführt wird, die, selbst unterdrückt und im tiefsten Elende lebend, gleichfalls unter dem Drucke der eigenmächtigsten Herrschaft Weniger stöhnt. Zweifach haben die Inden zu leiden: Sie leiden, wie die beiden auderen Völker Galiziens, unter der grausamen, unerbittlichen Fuchtel der polnischen Schlachta, sie leiden unter dem Antisemitismus des armen polnischen und ruthenischen Volkes. Nur so ist es zu erklären, dass die Mehrzahl der in Galizien wohnenden Juden wahrhaft Bettler geworden sind, dass ein Theil von ihnen buchstäblich dem langsamen Hungertode preisgegeben ist. Doch nicht der Antisemitisrnus des schwergeprüften polnischen und ruthenischen Volkes ist das Wesentliche in den Zuständen Galiziens; nicht, dass Wolf Blau ein Jude ist, ist das Krasse an diesem Falle. Denn was diesmal dem Juden geschehen, ist während der Wahlen polnischen und ruthenischen Bauern, wenn auch in anderer Form, gleichfalls angethan worden. Der Antisemitismus war, ist und wird sein. Und seine furchtbare Form ist nur aus den ebenso furchtbaren Zuständen dieser Provinz zu erklären, unter denen Juden, Polen und Ruthenen gleichmäßig zu leiden haben. Hier kann es sich nur um eines handeln, jene Zustände, deren wahrheitsgetreue Schilderung auf die entlegenste Provinz des asiatischen Russland passen würde, zu beseitigen und damit zugleich den Antisemitismus wenigstens auf jene Stufe zu bringen, die er in den Culturstaaten der Welt erreicht hat. Hier muss das erste Ziel sein, gegen die Herrschaft der Schlachta mit allen zugebote stehenden Mitteln zu kämpfen und nicht eher vom Kampfe zu lassen, bis diese Blüten mittelalterlichen Verbrechersinnes gestürzt, vernichtet sind. Doch eines ist klar. Der Kampf kann und wird "ur dann Erfolg haben, wenn er gemeinsam geführt wird, wenn alle trennenden Momente in Anbetracht des zu erreichenden großen Zieles vorläufig aus dem Wege geräumt werden. Die breiten Volksschichten der drei unterdrückten gemarterten Völker Galiziens müssen sich vereinigen und gemeinsam, Schulter an Schulter, dieses beschämende Ueberbleibsel feudalen Absolutismus zu beseitigen suchen. Schon hat der Kampf begonnen. Schon beginnen das polnische und ruthenische Volk sich zu organisiex^tz.... und, geführt von tüchtigen Führern, Front zu gegen die schamlosen Unterdrücker und Und auch bei den Juden rührt es sich. LangsmDM^HAO stetig bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass jene HWjffD welche die Juden bislang unter dem Zwange en weniger reicher Blutsauger eingenommen, verfehlt gewesen, dass diese Haltung nur dazu beigetragen habe, ihr eigenes Los und düs der anderen zu verschlechtern. Der Geist der Zeit macht auch vor den Juden Galiziens nicht Halt. Verhöhnt und verspottet von allen Seiten, verlassen und betrogen von allen Factoren, beginnt dieses arme gedrückte Volk endlich einzusehen, dass die Zeit des Handelns nunmehr gekommen. Auch das jüdische Volk in Galizien wird sich organisieren, um theilzuuehmen an diesem großen Culturkampfe. Erwacht aus dem langen Schlafe allzu vertrauensseligen Höffens, wird es muthig auf dem Kampfplatze erscheinen und in altbewährter Zähigkeit mitkämpfen unter der Devise: „Getrennt marschieren, vereint schlagen." Die Katastrophe von Boryslaw. Wir haben in Nummer 7. unseres Blattes vom 31. März d. I. die Schilderungen mitgetheilt, die uns ein Augenzeuge von dem furchtbaren Elend entwarf, welches die jüdische Bevölkerung des galizischen Ortes Wolanka heimgesucht hat. Wir hielten es für unsere Pflicht, der Sache nachzugehen und uns über die Vorgänge zu informieren, welche das entsetzliche Unglück verschuldeten, um Licht in diese Angelegenheit zu bringen, die aus gewissen Gründen mit einer rührenden Einmüthigkeit todtgeschwiegen wird. Noch sind die Erhebungen, die wir an Ort und Stelle pflegen lassen, nicht zu Ende. Noch schwebt über einige Punkte dieser trostlosen Jammer - Affaire, die so unglaublich klingt, dass wir ihre Richtigkeit mehrfach haben beweisen müssen, ein gewisses Dunkel. Allein dieses Dunkel muss und wird gelüftet werden, und nichts wird uns hindern, alles ans Licht zu zerren, möge der Scandal, der darob entstehen dürfte, noch so groß sein, möge er selbst noch so mächtige getaufte und ungetaufte Juden treffen. Wir bringen vorläufig eine aus amtlichem Material verarbeitete Darstellung über die Ursachen der Boryslawer Katastrophe und lassen lediglich die Thatsachen sprechen. Dieselben genügen, um ein klares Bild der Zustände zu geben, die in der asiatischen Provinz des „Culturstaates" Oesterreich, genannt Galizien, herrschen. nungen, wenn sie uns dann vielleicht nur wehmuthsvolle Enttäuschung bringen. Großmütterchen kann doch recht haben — in allen Beziehungen. Viele Frühlinge machen wir in unserem Leben durch, wir phantasieren, wir hoffen, aber nicht jedesmal kommt eben darauf ein guter, reicher Herbstmarkt. Aus dem Elternhause tritt ein junger Schwärmerin die weite Welt. Kaum aus dem Ei gekrochen. Er hofft, er phantasiert, es lacht ihm das Herz — die Welt ist so schön. Den steilen Berg des Lebens wird er rasch emporklimmen, nein, hinauffliegen. Im Geiste sieht er sich schon am Gipfel des Berges mit den Auserwählten thronen — in der reinen, himmlischen Luft der Unsterblichen. Ich höre dann immer Großmütterchen die klugen Worte flüstern: „Der Herbst ist mir doch viel lieber." Wenn der Herbst ihm seine Hoffnungen erfüllt, dann wohl ihm. Wer weiß, vielleicht stürzt er vom steilen Berg des Lebens — in den tiefen Abgrund gar. Was dann? Was dann? Hat er recht, jetzt zu hoffen? So ist. ös ja auch mit ganzen Völkern. Auch sie haben ihre frühlinge, ihre Phantasien, ihre Hoffnungen. Aber, nicht immer erleben sie gute Herbste, in denen ihre Hoffnungen erfüllt werden.. . So war es auch mit unserem Volke. Ach, Großmütterchen hatte ja recht, so recht I Viele Frühlinge hatten wir in unserem langen Leben, aber wie wenig gute Herbste! Was für schöne Hoffnungen, berauschende Träume hatten wir schon im Laufe unserer Geschichte, aber was für eine erschütternde Enttäuschung, was für einen ernüchternden Katzenjammer! Wie schön war unser Frühling in Spanien! Wir wurden verjüngt, wir lebten wieder auf — wie im Frühling. Wir athmeten eine frische, gesunde Frtthlingsluft, sie that uns so wohl. Wir legten die SclavcnkeUen ab, und hoben unseren Kopf empor. Wir phantasierten, wir hofften, wir sangen, wir lachten. Der Frühling hielt Einzug in unsere Seele. Aber wie recht hatte damals mein Großmütterchen mit ihren klugen Worten: „Der Herbst ist mir doch lieber." streut Euch nicht mit dem Frühling, bis Ihr nicht wisset, was der Herbst bringt. Und ein trauriger Herbst kam nach diesem schönen Frühling. Inquisition, Scheiterhaufen brachte der Herbst als reichlichen Ertrag auf den Markt. Wir wurden dann zur Folterbank geschleppt, gemartert, theils verbrannt, theils dann ganz aus dem Lande gewiesen. Dann kam der große, traurige Winter für das arme, obdachlose Volk.. . Wir fanden dann Obdach im Gefangenhause, im Ghetto. Kein erquickender Sonnenstrahl, alles kalt, herzlos. Keine Spur von einem Blümlein, kein süßes Vogelgezwitscher, nicht eine Schwalbe wollte sich unter dem Dache der Gestempelten, der „Ausgezeichneten" einnisten. Plötzlich ward es bei uns wieder Heller. Man öffnete die Thür des Gefangenhauses, ein lichter Sonnenstrahl und ein frischer Luftzug drangen in dasselbe. Ins Land kam wieder der Frühling. Wir zogen ins Freie hinaus, jauchzten und sangen mit der Innigkeit eines befreiten Sclaven von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Erde bedeckte sich wieder mit dem grünen Gewände, die Bäume trieben Blüten. Wir begannen zu hoffen. Lieblich wärmte die Sonne und ihr „Schein" blendete uns, Jahrhunderte hindurch hatten wir geschmachtet, zwischen Leben und Tod, und jetzt begann für uns ein neues, sicheres Leben, ein neuer Frühling. Wir jubelten, waren wir doch frei! Wirschwärmten und phantasieren und wollten uns mit den anderen Völkern verbrüdern. Nur ein Hartherziger, ein Poesieloser schwärmt nicht und träumt nicht in der schönen Frühlingszeit. Diese Verbrüderung mar uns ein inniger, ehrlicher Wunsch. Wir waren zu den größten Opfern bereit. Jetzt muss ich mich wieder einmal der ernüchternden Worte