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Jüdisches Volksblatt · 1899-04-14 · 9 (14.4.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
9 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Kt'imciiim: 11/8, Untere AugartLiistrastc 10. Sprechstunden: Sl» Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von in bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jiidifches Bolksblatt, Wie», II.V Beschwerden wegen verkitteter oder gar nicht erfolgter ZusteNnng erbitten wir nns dringend. — Mnnnserlpte werden nicht znriikkstcstellt. Postsparcasscn-Conto 8t7N87. In das Abonnement kann man täglich cintrcten. mrtrr Milwirlmng der vom jüdischen Vvlüsverein erwählten Presscomrnisston. Inserate übernehmen die Finnen: I. Tanncberg, M. DnkeS, Haasenstein & Vogler, Rudolf Mo sie, A. Lppelik, M. Pozsonhi, A. Schalet in Wien, ferner olle Annoiiccii-Expeditioneil im Auslände. Erirzel-Nmniner in Wien 8 kr. Rtnninistrakwn: II., Untere Uugarlenstrahe 10. Abonnementspreis: Für Wien n. Oesterreich-Nnstnrn sammt Fran/oznstelluiig. .fl- 1- Kauziähri'g Halbjälirig Vierteljäbrig 1. Für daS gefnn'.mte stlnSland sammt Francoziistellung. Nan^iährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 2.Ü5 Vierteljährig.fl. 1.15 |lr. 9. Wien. 14 April 1899. . Jahrgang. Nachod and Wien. Noch stehen wir unter dem Eindrücke der Ereignisse in N a ch o d und eine Verkündigung für die Zukunft durchbohrt unser Ohr. Die grausamen Thaten in Nachod leben noch frisch in unserem Gedächtnis, Zeitungen bringen noch Detailberichte, Militär muss noch die Ordnung aufrecht erhalten, die Polizei ist noch bemüht, die Rädelsführer zu suchen und zu verhaften, und vom Saale des Wiener Gemeiuderathes kommt eine Verkündigung. Nicht eine Eütrüstungskundgebung gegen die zu Thieren gewordenen Menschen, nicht ein Protest gegen die, die Ordnung und Gesetze mit Füßen treten, nicht einmal ein Bedaüerungsruf, nein, vom Saale des Wiener Gemeinderathes werden für Wien dieselben Excesse verkündigt. Bei einer öffentlichen Gemeinderathssitzuug vom 7. d. M. wagte es der von Wiener Bürgern gewählte Gemeinderath Leopold Steiner, laut und offen zu sagen: „Ich rathe den Gemeinderätheu jüdischer Confession, nicht so viel über die katholische Kirche zu sprechen, es konnte ihnen s o n st passieren? dass die N a ch o d e r G e b r ä u ch e a u ch n a chW i e n k o m m e n." Das hörte der Vice-Bürgermeister und ertheilte nicht einmal eine Rüge. Das hören die Gemeinderäthe, ja auch die „Gemeinderäthe jüdischer Confession", und niemand antwortet. Das Hort ganz Oesterreich, und niemand erhob seine Stimme. Das hört ganz Europa und denkt: Ja, Oesterreich ist das Land der Unwahrscheinlichkeiten. Unwahrscheinlich ist es, dass so etwas öffentlich verkündigt werden kann, noch unwahrscheinlicher ist es, dass weder Sicherheitsbehörden noch Justizträger den Mann auf der Stelle zur Verantwortung ziehen, der offen in einer Stadt vom Gemeindehause aus zu Raub und Plünderung auffordert! Doch — das wurde ja nur gegen Juden gesagt. Dem jüdischen Mitbürger kann man alles thun, und selbst die „Arbeiter-Zeitung" wird Worte finden, die Plünderer zu entschuldigen. Die jüdischen Mitbürger zahlen zwar auch ihre Steuer an Gut und Blut, sind zwar auch eine vom Gesetze gleichberechtigte Bürgeischaft im Lande, erfüllen zwar auch alle menschlichen und bürgerlichen Pflichten, aber Juden sind sie doch, Juden, mit denen man nur freundlich verkehrt, wenn man ihr Geld oder ihre Stimmen braucht. Und die Juden selbst? Wo ist die jüdische Bevölkerung, wo sind die jüdischen Gemeinderäthe, Landtags¬ Typen aus dem Ghetto. „Der heilige R abbi." Von I. Weist. Es ist eine blasse, seltsame Erinnerung, ein Gedanke an etwas Glanzvolles, Ueberirdisches, Großes, wie die Wolke, auf die im Abenddümmerscheine der versinkende .Sonnenball transparent seine letzten Flammen und Tinten malt. Wenn sein Name im Ghetto genannt wurde, so huschte eiri Schein von Verklärung, ein Aufleuchten über die schlaffen, lebensmüden Mienen; wie bei dem Zanberklange einer fernrauschenden Musik, die wie ein Funke ans das Gefühl überspringt. So wirkt sein Name noch heute fort, selbst bei der nachgeborenen Generation, die der Hauch seiner Heiligkeit nicht mehr berührt hat, die sich sein Bild nur malt aus der Verehrung der anderen. — Auch das Ghetto hat seine „Heiligen", keine Wunderthäter, keine Wohlthäter, nur Menschen von erhrfurchtgebietendem Lebenswandel, die abseits von der Heerstraße ihren Pfad wandern, der sie zur Hohe emporführt, von der aus sie aus das Getriebe der kleinen Menschen sinnend herabschauen, wie auf einen Ameisenhaufen, und die auf ihrer hohen Warte oben das Staubgeborene, den Erdgeruch verlieren. Es fließt in ihren Adern etwas von bem Blute der alten Propheten; ihre Gedanken sind nicht auf den Tag gerichtet, ihr Fühlen und Denken hat die Schwinge des Erhabenen und Edlen. So durchschwebt heute noch sein Geist das Ghetto. Als er starb, war die „Gasse" verwaist, wie wenn einer Familie der Vater abstirbt, der ihr das tägliche Brot gegeben hat. Die Leute gierigen herum, rathlos, muthlos, verzweifelt, als ob über Nacht die Häuser zusammengestürzt wären; als liege das Ghetto in Schutt und Trümmern, und sie Hütten das schützende Obdach verloren. Ein stummer Schmerz lag auf den Steinen, kein Zeichen der Trauer war zu sehen, und dennoch fühlte jeder, der das Ghetto betrat, den dumpfen, schweres Jammer, der die und Neichsrathsabgeordnele? lind wo ftub endlich die jüdischen Cnltusvorsteher der Stadt Wien? Die Phantasie ist zu schwach, sich auszumalen, was geschehen würde, wenn so etwas auch nur gegen das kleinste Natiönchen in Oesterreich gesagt würde! Alles wäre in höchste Aufregung gerathen, Reden mit Zeter und Donnergeschrei hätte man gehalten, Alarm wäre geschlagen, Versammlungen, Petitionen, Maffenaudienzen wären veranstaltet worden, und ganz Oesterreich wäre in regsame Aufmerksamkeit versetzt. Und wir? Wir hören und schweigen, hören diese Botschaft und schlafen und träumen, träumen von Freisinn, von allgemeinen Menschenrechten, von Negierungsschutz. „Nachoder Gebräuche", sagte Steiner, als wenn es ein Gebrauch, eine Gewohnheit wäre, Juden zu plündern. Als ob die jüdischen Häuser und Läden zu zerstören, die Waren zu plündern, das Leben der Eigenthümer zu bedrohen, und am hellichten Tage Ueberfälle zu machen, kein Verbrechen, kein Vergehen, keine strafbare That, sondern ein Gebrauch wäre. Und das wird öffentlich gesagt, dagegen erhebt sich auch nicht eine einzige Stimme. Die Zeiten sind lange vorbei, da wir glaubten, unsere Interessen den Händen der Liberalen überlassen zu sollen. Wir haben genügende Beweise, dass wir auch auf andere Parteien uns nicht verlassen dürfen. Es bleibt nur eines uns übrig: Selbsthilfe. Und wir müssen uns selbst helfen, solange das Gesetz wenigstens uns noch Mittel an die Hand gibt. Selbsthilfe muss das Losungswort unseres Volkes sein, die Parole für die Zukunft. Fort mit der Hoffnung auf Fremde, fort mit der Erwartung, Hilfe von anderen zu erhalten. Wir selbst müssen für uns selbst sorgen, das Volk selbst für das Volksinteresse. Auch von unseren jetzigen, officiellen Vertretern haben wir wenig zu erwarten. Äuch auf unsere jetzigen jüdischen Gemeinderäthe, Abgeordneten und Cultusvorstäude haben wir nicht zu hoffen. So wie gegen die früheren Drohungen im Landtage und im Reichsrathe seitens Schneider, G r e g o r i g und Consorten, so hat auch gegen die Verkündigung Steiners jetzt niemand seine Stimme erhoben, niemand etwas unternommen, niemand etwas gethan. Zur Selbsthilfe musst Du greifen, jüdisches Volk! Zur Erkenntnis Deiner Lage musst Du kommen und Mittel finden, sie zu bessern. Jüdisches Volk! Hilf Dir selbst! Von niemand hast Du etwas zu erwarten, selbst nicht von Deinen officiellen Vertretern! Jüdische VolWartei und MmontäLenschntz. E i n e A n t w o r t auf d e n 3C r t i f e ( ö c § e i cl) § v it t WZ- Abgeordneten D r. Ferdinand K r o n a w e t Wir erhalten folgende Zuschrift: Sie haben, sehr geehrter Herr Redacteur, iiff letzten stummer eine Meinungsäußerung des Reicht Abgeordneten Dr. .Kronawetter über die beiden A „Jüdische Volkspartei" und „Minoritätenschutz" gebracht, offenbar, um eine Discussion über diese Fragen anzuregen. Gestatten Sie mir deshalb, einiges zu den Ausführungen des Herrn Dr. Kronawetter zu bemerken. Herr Dr. Kronawetter wirft vor allem die Frage auf: „Wer ist ein Jude? Sind es alle Menschen, welche sich zur mosaischen Confession bekennen?" — — — und kommt zum Schluffe: „Ist eine Nation denkbar ohne ein, sei es großes oder kleines Territorium, in welchem sie, und zwar als Nation, sesshaft ist?" Ich muss gestehen, dass ich mich eines leisen Lächelns nicht erwehren konnte, als ich diesen Passus las. Man kann Herrn Dr. .Kronawetter gerade nicht den Vorwurf machen, dass er zu wenig mit Juden verkehre, und trotzdem weiß er so wenig vom Judeuthum. Herr Dr. Kronawetter brauchte sich nur die Mühe zu nehmen, ein einzigesmal das alte Testament gründlich durchzulesen, und er würde finden, dass sowohl der Begriff wie die Formen der mosaischeu Confession zunr Unterschiede von anderen kirchlichen Dogmen ihre Wurzel lediglich im geschichtlichen Leben des jüdischen Volkes haben, nur dass wir also eine streng nationale Religion und keine Dogmenconfession haben. Religion und Nation fallen beim Jndenthume, in eins zusammen. Weiß denn Herr Dr. Kronawetter nicht, dass nur aus diesem inneren Grunde das Judenthum bislang keine Proselyten machte und keine haben wird? Er möge sich doch an der Hand des leicht zugänglichen Materiales davon überzeugen, wie viel Andersgläubige zum Judenthume übertreten. Dass Juden zu einer anderen Confession übertreten und damit zugleich aus der Mitte ihres Volkes scheiden, ist nicht allzu selten. Das Umgekehrte ist ein Ereignis. Und wenn thatsächlich ein solcher Fall vorliegt, kann derselbe irgendwelchen Einfluss auf die Lage einer Bevölkerungsschicht nehmen, die in Oesterreich allein l'/z Millionen Seelen zählt? Der einzelne Fall macht keine Nation, auch nicht das gemeinsame Territorium, ja nicht einmal die gemeinsame Sprache. Das haben ernste Luft erfüllte. Ein düsteres Schweigen kroch in tiefem Schwarz, hohlen Auges durch die Gässchen; kein Ton kein Laut, als befände man sich auf einem Friedhofe. Nicht, als wäre einer todt, als wären mit dem einen alle gestorben. So manifestierte sich im Ghetto der Tod des heiligen Rabbi. Als sich der Leichenzug zum Friedhofe bewegte, erschütterte ein wildes Jammern und Wehklagen die Luft. Die Weiber, die nach jüdischem Gesetze nicht auf den Friedhof gehen dürfen, standen vor den Thlbcen der Häuser, wie eine lebende Klagemauer; die Kranken verließen das Bett, die Siechen und Greise umklammerten sich, um nicht vor Trauer und Schmerz umzusinken, und wankten hinter dem Sarge. Selbst die Christenstadt betheiligte sich zahlreich an dem Begräbnisse und weit über die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus kamen Leidtragende, zu denen der Ruf des heiligen Mannes gedrungen war. Im hohen Greisenalter stand er, als ihn plötzlich der Tod dahinraffte. Er war bereits über 90 Jahre alt. doch bei seltener Geistesfrische und Rüstigkeit; trotz des hohen Alters von übernatürlicher Erleuchtung des Geistes und treu seinem Berufe als Helfer und Berather der Gemeinde. — Schon sein Gang hatte etwas imposantes, Festes, Energisches, Abgeschlossenes; wenn man ihm auf seinem einzigen Wege, von seiner Wohnung zum Tempel oder umgekehrt, begegnete, so wusste man sich sofort einer ungewöhnlichen Persönlichkeit gegenüber. Er hinterließ einen so tiefen Eindruck, dass man die Gestalt niemals vergessen konnte. Aus einem bleichen, eingefallenen Gesichte, das von einem spärlichen, weißen Kinnbarte umrahmt war, leuchteten, hinter einer scharfen Brille versteckt, zwei stahlgraue, äußerst kluge Augen, die er, gewöhnlich in Gedanken versunken, geradeaus auf den Weg richtete; ivenn er sie aber absichtlich oder zufällig auf jemandem geheftet hatte, fühlte, man ihre Schärfe, ihren Schliff bis tief in die Seele. Es waren seine gewaltigen Augen, wie man sie oft bei klugen Leuten findet, die uns entwaffnen, denen unser geheimstes Denken so offen zutage liegt wie der Wasserspiegel dem Sonnenstrahl. Auf dem Haupte trug er gewöhnlich das kleine Käppi des Rabbiners. So stieg er meistens den hügeligen Weg hinauf zu seiner Wohnung, die er ganz allein bewohnte. Er hatte weder Weib noch Kind. Seine ganze Thätigkeit, sein ganzes Vermögen opferte er den Büchern. Was er eigentlich zuhause trieb, konnte niemand genau sagen. Keiner wusste es. Niemandem gegenüber sprach er sich in bestimmter Form darüber aus. Er besaß ein profundes, keineswegs einseitiges Wissen, welches sich von den alten Bibeltexten bis zur modernen Literatur im allgemeinen erstreckte und vor keiner Wissenschaft Halt machte. Kein Gebiet war ihm fremd, keines zu fern liegend. Wenn er auch für das Seelenheil der Gemeinde zu wirken hatte, war er niemals Eiferer oder Fanatiker, im Gegentheile, von einer weisheilsvollen Duldung, in manchem Sinne sogar modern. Oft, wenn die Frommen des Volkes, entsetzt über die Gottlosigkeit anderer, die Hände über den Kopf zusammenschlugen, hatte er das Sprüchlein: „Lasst sie, nicht immer die, die beten, sind die Frommen." Er sprach nicht viel, aber was er sagte, konnte man drucken oder prägen. Er pflegte nicht viel Verkehr, war eine ziemlich verschlossene Natur, führte das Leben eines Sonderlings, aber wo er auf der Bildflüche erschien, geschah es in den scharfen Umrissen einer ungewöhnlichen Persönlichkeit. Seine Gemeinde hatte eine unbegrenzte Liebe und Verehrung für ihn. Mit seltener Diplomatie. wusste er die im Ghetto oft hart aneinander gerathenen Gegensätze auszuglelchen und zu versöhnen; die unduldsamen Orthodoxen und die dem Glauben Abtrünnigen, die Armen und die Neichen. ■ Seine Stimme hatte ein solches Gewicht, dass sich ihm jeder unterwarf; ein Widerspruch schien undenkbar. Er wusste so die Gloriole des Gottgesandten um sein greises Haupt zu weben, .dass alles willenlos vor ihm im Staube lag. Er hatte vom Leben alles gelernt und jede Er-

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