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Jüdisches Volksblatt · 1899-04-07 · 8 (7.4.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
8 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Miltlitt Msblatt Heb ad ton: II/8, Untere Nugnrtenftrasre 19. Sprechstunde»: An Mochmtn^n von 4 bis 8 Ubr nocOmittnnS; an Soun tonen von 10 bis 12 lltjr oormittuflä. pofl.i&ieffe: Jüdisches Volksblatt, Wien, ll;3. Ves'chioerden wenen verspäteter oder qnr nicht erfolgter Ziistellnnq erbitte» wir »„■3 dringend. — Manuskripte werden nicht znrürknestellt. Postsparrassen-Conto 8l7o:>7. In das vlbonneinent kann man täglich eintreten. Erschmt jede« Freitag unter Mittvirlrung der vom jüdischen Volüsverein rrtnähllen Prefocnmmisjivn. Inserate übernehmen die Finnen: I. Tanneberg, M. Lukes, Haasenstei» Sc Vogler, Rudolf Aiosse, Sl. Lpvelik. M. Pozsonhi, Sl. Schalet in Wien, ferner alle Slnnoncen-Expeditionen im Anstande. EinzeL-Nmnmer irr Wien 8 kr. Jl'Oininii'ivnlhm: I!., Xlufm' l'iup.u-U’uilvaftt' 19. Alunmementspreiö: Für 'I'öifit tt. Oesterreich-ttnaarn , Für daS gesammte Ausland iamnit Frau, vgnsiellnna. sanimt Franeoznstellnng. Ganzjährig Halbjährig Virrieljährig 4.— : Ganzjährig . k!.— Halbjährig . Vierteljährig 4. 50 2 25 1.15 Ur. 8« Wien, 7. April 189«. 1, Jahrgang. „Jüdische Volkspartei und Minoritatenschntz." Pom Neichsrathsabgeordreten Tr. Ferdinand Kronawctter. Die mir gestellte Aufgabe, eine Meinungsäußerung über die zwei Artikel des „Jüdischen Volksblatt": „Die Jüdische Volkspartei" und „Minoritätenschutz" abzugeben, fällt mir schwer, da mir die Gedanken, welche in beiden Artikeln, namentlich aber im ersten, zum Ausdrucke gebracht werden sollen, nicht recht klar sind. Verstehe ich gut, so soll die Nothwendigkeit der Bildung einer großen Partei demonstriert werden, welche alle Juden Oesterreichs (bloß des cisleithanischen Oesterreichs oder auch Ungarns?) zusammenfasst, den Juden auf Grundlage der „nationalen Autonomie" eine eigene politische Vertretung (in Gemeinde, Bezirk, Land, Reich?) verschafft, die Juden als eine eigene Nationalität neben den anderen Nationalitäten orgallisiert, sie wirtschaftlich und politisch selbständig macht, sie der productiven, bürgerlichen Arbeit, insbesonders dem Ackerbau und dem Gewerbe zusührt und die gemeinschaftliche Abwehr der gegen das Judenthum gerichteten Angriffe ermöglicht. Ueber dieser „großen jüdischen Partei" soll eine zweite „große Volkspartei aus allen Völkern des Landes" (also mit Einschluss der Juden) geschaffen werden, deren Zweck „Sorge für das Wohl der arbeitenden Classen", (also aller, sei es nun als selbständige Unternehmer, sei es gegen Lohn oder Gehalt arbeitender Menschen), möglichste „Erfüllung. ihrer Forderungen, süßend auf dem Boden nationaler Autonomie", Betreiben einer „gesunden Mittelstandspolitik". Die Schaffung dieser Partei darf aber n i ch t von den Juden ausgehen, diese sollen der zweiten neuzuschasfenden Partei nur den Weg zeigen, der eingeschlagen werden muss, nämlich „Organisation und Disciplin". Im zweiten Artikel wird, damit die Juden „eine ihnen berechtigtermaßen zukommende Vertretung" im Wiener Gemeinderathe erlangen, eine „Minoritäts-Wahlordnung", d. i. die „Einführung des allgemeinen Wahlrechtes nach dem Listen-Scrutiuium", verlangt. Was nun die erste der neuzubildenden Parteien betrifft, die, welche alle Juden Oesterreichs zusammenfassen soll, so entsteht vor allem die Frage: „Wer ist ein Jude? Sind es alle Menschen, welche sich zur mosaischen C o n f e s s i 0 n bekennen, also z. B. wäre ich es, wenn ich zu diesem Glauben übertrate? sind es jene Nichtjuden,- die dieser Confession beitreten, z. B., um Ein nquhebrätschrs Dichtrrleben. (Gewidmet W. G.) Die moderne hebräische Literatur — es gibt eine solche — hat ihren Namen nur in den Sechziger- und Siebzigerjahren verdient. Die Schriftsteller und Dichter, die damals nuftraten, waren Männer, die ihrem Volke etwas zu sagen hatten, und, dank ihrem edlen Streben, dem hebräischen Schriftthume etwas geben konnten und auch gaben. Im Grunde genommen hat vielleicht diese Literatur für eine andere Culturnation wenig Interesse, aber derjenige, der sich mit der Entwicklung Israels im letzten Jahrhunderte beschäftigt und die inneren psychologischen Gründe der verschiedenen Durchwandlungen imb Strömungen, die sich im jüdischen Volke geltend machten, erfahren will, muss unbedingt auf diese Literatur zurückgreifen und sich eiue genaue Kenntnis derselben aneignen. In ihr spiegelten sich die Ideale xtnb Wünsche ganzer Generatio,reu ab. Die Schriftsteller jener Zeit waren keine Phrasenhelden, sondern Männer der That, und was sie thaten und schufen, ist von großer Bedeutung auch für die neuhebräifche Literatur unserer Tage. Ai, dieser Stelle mächten wir aber bloß das Leben und Wirken eines hebräischell Dichters jener Zeit, Jehudah Leib Gordou, in kurzen Umviffen darstellen. Der größte neuhebräische Dichter unseres Jahrhunderts, Jehudah Leib Gordou, wurde am 21. Kislew 55!) I nach der jüdischen Zeitrechnung in Wilna, das lithauische Jerusalem genannt, geboren. Für seine Erziehung sorgte der Vater, eine Erziehung, die jeden, Juden zu jener Zeit zutheil wurde, eiue Erziehung, die sich bloß auf einen Lehrgegenstand, auf deu Talmud, beschränkte. Mit seinem siebzehnten Lebensjahre war er ein bedeutender Talluudkeuner tmö sämmtlicher Eommentarieu. Der Dichter eine bestimmte Ehe eingehen zu können, oder die es wirklich aus Ueberzeugung thun?" Beantworten Sie diese Frage mit „Ja", so frage ich, verlieren diese Convertiten etwa ihre bisherige Nationalität? Wenn nicht, wie steht es dann bei diesem Theile der Juden „mit dem nationalen Gefühle unseres Volkes", von dem Sie in, ersten Artikel sprechen? Es gibt aber doch auch andererseits wieder sehr viele, schon von ihrer Geburt an der mosaischen Confession angehörige Personen, welche mit allen Fasern ihres Herzens sich als Angehörige jener Nation fühlen und geben, unter der sie geboren wurden. Sie selbst führen ja Dr. Friedjung an, den intelleetuellen Schöpfer des Linzer Programmes Schöuerers; Friedjung fühlt sich als deutscher, nicht als nationaler Jude, sehr viele andere Juden als Czechen, Polen, Magyaren, Franzosen u. s. w. Die wollen von einem nationalen Judenthume nichts wissen; sie verstehen diesen Begriff nicht, Können diese Leute Mitglieder jener Partei sein, welche alle Juden Oesterreichs umfassen soll? Die Parteimitgliedschaft kann also nicht alle Juden umfassen' sie muss auf jene Juden eingeschränkt werden, welche Sie als „Nationaljuden" bezeichnen. Gibt es aber heutzutage noch solche? Ist eine Nation denkbar ohne ein, sei es nun großes oder kleines Territorium, in welchem sie, und zwar als Nation, sesshaft ist? Zweck dieser neuen großen Judenpartei soll die Erkämpsung der G l e i ch b e r e ch t i g u n g für die Juden sein, aber nur als Juden. Sie irren. Die Gleichberechtigung hat ihren Grund in der gleichen Wesenheit und Bestimmung aller Menschen; sie ist weder von der Confession, noch von der Größe des Besitzes abhängig; sie ist ein Attribut des M-nschen als Menschen und Staatsbürgers, aber nicht des Menschen als Juden, Christen oder Feueranbeters. Der stampf der neuen großen Judenpartei soll sich in den „n a t ü r l i ch e n G r e n z e n uns e rer E n tw i ck l u n g" und nach zwei Fronten bewegen, a) nach außen, also gegen die Nichtjuden, um die verbrieften Rechte den Juden thatsüchlich zu verschaffen, d) nach innen, gegen jene Juden, welche nach Ihrer Meinung ihre eigene Cultur zersetzen, „unter den, Mantel einer niemals vorhandenen kosmopolitischen oder einer niemals verstandenen fremden Volkscultur", also gegen die sogenannten Reformjuden. Ich gestehe offen, ich halte es mir den letzteren, ich glaube an keine nationale Wissenschaft, Kunst oder Cultur; mir erscheint jeder Fortschritt der Menschen, auf was immer für einem Gebiete, als kosmopolitisch, die nationalen Besonderheiten immer mehr, als für die Errichtung des Endzieles der gesummten In 8pe war Meister der Haarspalterei, geistiger Turner sondergleichen. Er machte dann auch die Bekanntschaft des bekannten jüdischen Schriftstellers und Dichters Abraham Beer Lebenssohn und dank seiner Anregung begann er europäische Sprachen zu studieren, so dass nach Verlauf einer kurzen Zeit er die russische, polnische und deutsche Sprache, sogar schriftstellerisch, handhabte. Er wurde zum Lehrer ernannt, und als solcher an einer Schule in einem kleinen Städtchen angestellt. Er debütierte in, Jahre 5617 (,,. j. Z.) mit einen, biblischen Poem: „Die Liebe Davids und Michals", das ihn mit einem Schlage in der europäischen Literatur bekannt machte. Darauf folgten seine anderen Gedichte, in die er Stoffe aus dem damaligen traurigen jüdischen Leben mit weinenden, Humor einwebte. Zur selben ZW wurde er eifriger Mitarbeiter russischer und deutscher Zeitschriften. Die Juden Russlands befanden sich damals auf einem niedrigen Culturniveau und da wurde in ihn, der Gedanke rege, dass die allernächste Aufgabe sei, das Volk zu bilden, aufzuklären. Der Dichter, der noch an sich arbeiten sollte, war genöthigt, einen Kampf mit den verbrannten, lichtscheuen Fanatikern zu beginnen. Aber er verstand auch die Geißel der Polemik und Satire zu schwingen. Natürlich musste er sich in Zeitungsartikel, in Polemiken einlassen und unaufhörlich zanken und .hadern. Die russische Judeuheit verdau,mte ihn ohne weiteres, er wurde zun, Ketzer (Apikores) gesteinpelt. Mit Entrüstung und Empörung fieng er an Trotz zu leisten Er gab das Signal, gegen die jüdischen Rabbiner, die für das Judenthum — und auch in ihren, Sinne —- und nicht für die Juden sorgten, Stellung zu nehmen. Es galt etwas Wichtiges durchzusetzen. „Aufklärung!" wurde die Parole der Literatur. Die heiße Sehnsucht Gordons nach „Aufklärung" hat auch einen romantischen Schinnner. Die Aufklärung ,var auch die „blaue Blume", die Laura des jüdischen Dichters. . . Die heutige Urrmmer ist 10 Seiten stark. Menschheit wertlos, nach und nach ab streifend. Der^M^^ tionale und orthodoxe Jude, der das ConnubiuiEW^A Nichtjuden verabscheut, statt es anzustreben, der den Centralfriedhof aus einen, interconfessionellen . confessionellen gemacht hat, verschärft selbst die sätze unter den Staatsbürgern, statt sie abzuschleifen.^^M^K^ Wie denken Sie sich das Verhältnis der großen nationalen Judenpartei zur „neuen" großen Volkspartei aus allen Völkern des Landes, welche nicht von den Juden ausgehen darf? Wie soll sie zustande kommen? Sie sprechen von dem „Schaffen" einer solchen Partei. „Schaffen" in dem Sinne, wie Gott nach der Bibel die Welt geschaffen, das heißt aus dem dt i ch t s Hervorbringen, kann man eine Partei nicht, die Elemente für jede Partei müssen durch die jeweiligen Lebensverhältnisse der Menschen gegeben sein. Die seudal-clericale Partei hat zu ihrer Basis den großen Grundbesitz; die liberale den großen beweglichen Besitz; die antisemitische, al-§ sogenannte Mittelstandspartei, den kleinen gewerblichen nnd bäuerlichen Besitz, sowie das kleinere und mittlere Beamtenthum; die soeialdemokratische Partei, die industrielle, capitallose Arbeit; die landwirtschaftliche ist noch nicht organisiert. Die demokratische Partei, hinter der früher der Kleinbürger der Großstadt stand, solange er von dem Bestände und der Erweiterung der politischen Freiheit Rettung aus wirtschaftlicher Bedrängnis hoffte, ist seit dessen Flucht in das clerical-antisemitische Lager zu einerkleinen Partei von Ideologen geworden, berufen, die wenigen politischen Rechte, die wir noch haben, gegen die immer mächtiger werdende Reaction zu schützen. Wer soll also hinter der aus allen Völkern des Landes neu zu bildenden Volkspartei stehen? Wie soll sie sich gegenüber den genannten, bereits bestehenden Parteien verhaltenwodurch von denselben unterscheiden? Sie stellen sie auf den Boden „nationaler Autonomie", sie soll die Forderungen der arbeitenden Classen möglichst erfüllen; ich rede über diese in der unbestimmtesten Weise angedeutenden Aufgaben nicht weiter; sie soll aber auch eine gesunde Mittelstandspolitik betreiben. Wie? Mit welchen Mitteln? Die christlich-sociale, clericale und ultra deutschnationale Partei, also jene Parteien, die sich so recht eigentlich die Sorge für den Mittelstand arrogierenden Parteien, sind sich darüber klar; sie predigen die einfache Rückkehr zur Gesetzgebung und Verwaltung des Mittelalters, Ausschließung der Concurrenz durch Wiederactivierung der Judengesetze, der Zünfte, des Numerus dnusus für den Gewerbebetrieb und den Erwerbszweig, welche eine wissenschaftliche Vorbildung voraussetzen, Befähigungsnachweis rc. Welche Maßnahmen verstehen Sie unter einer „g e s u n d e n Er machte den Streit nicht allein mit; es waren noch Ghettosöhne, die die Mauern der Ghettocultur zu stürzen suchten. Lilienblum, Kowner, Smolenski .— besonders der letztere — machten sich muthig an diese. Aufgabe heran. Gordou, der das Judenthum gut kannte, der mit Sehnsucht auf die deutschen emaneipierten Juden hinblickte, konnte nicht mehr in der engen Ghetto-Atmosphäre verweilen. Die sogenannte jüdische Cultur versprach ihm nichts. Dieselben Bedingungen, die einen Mann, wie Abraham Geiger, aufkommen ließen, riefen auch Gordou hervor. Die Unterschiede sind bloß äußere, sociale, weil sie in verschiedenen Ländern lebten, aber der innere psychologische Grund ist derselbe — der innere Bankerott. Es sollte Neues geschaffen werden. Beiden genügte nicht das „Gewesene", beide wollten nicht auf ihren Schultern mehr eine Last von zweitausendjähriger Tradition schleppen. Sie sagten sich mit dem alten Lichtenberg: „So hat man ohne mich beschlossen, dass es sein soll, vielleicht Hütte man anders beschlossen, wenn ich dabei gewesen wäre." Gordons Dichtungen sind meistens melancholisch. Er lacht auch sehr oft, aber um nicht weinen zu müssen. Der Stand der damaligen Juden in cultureller und geistiger Beziehung war wirklich erschreckend. Aber, wenn Gordou sich ins Mittelalter versenkte, das edle, erhabene, jüdische Martyrium durchlebte, dann bauchte er seinen, den ganzen jüdischen Schmerz, ein Product von Jahrtausenden, auf seine Harfe aus. In solchen Momenten dichtete er das berühmte Gedicht „In den Meerestiefen". — Auch in den beißenden, von Groll inspirierten Gedichten, in welchen er das damalige, zähneklappernd kalte, graue, jüdische Alltagsleben beklagte, vielmehr bespottete, vernimmt man ein unterdrücktes Weinen, ein nie zum Durchbruch kommendes Schluchzen. Ein jeder spürt, dass dem Dichter heiß in den Augen war.

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