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Jüdisches Volksblatt · 1899-03-31 · 7 (31.3.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
7 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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liiilifrlipfi llnlkqhlnft Redsciivn: 11/13, Untere Angartenstrasje 19. Gprcchstttnden r An Wochentuflcn von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr vormittags, pofludrrfle: Jüdisches Bolksl'lntt, Wie«, ll;x. Vrl'ehwerbrii wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter ^»stetlniig erbitten wir »ns dringend. — Mnnnscripte werden nicht znrürkgcsiellt. Postspareasien-Coiito 817087. In das Slbvnnemcnt kan» man täglich cintrctcn. unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsronnnishon. Inserate übernehmen die Firme»: I. Tanncberg, M. Duke?, Hassenstein L- Bögler, Rudolf Müsse, A. Oppelik, M. Pogsonyi, Sl. Schalet i» Wien, ferner alle A»noncen-.Expeditioncn im Auslände. Einzel-Nummer tu Wien 8 kr. mminiflvation: II., Untere Angarlenftrahe 19. Abonnementspreis: Für Wien «. Oefterreich-Nngarn famnit Franevzustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Für das gcsauimtc 4l,Island - sammt Francoziistclliing. Ganzjährig Halbjälirig Bierteljäl rig fl. 3.8« fl. 2.25 Nr. 7. kien> fl'L plüvjf 1899. Jak-r Das Todlensest. „Kol Dichfin. jesseh w’jechol" . . . In den Straßen der alten Judenstädte herrscht eitel Festesstimmung. Leuchtender Sonnenschein liegt auf den niedrigen Dächern, auf dem holprigen Pflaster, leichtbewegte, linde Frühlingsluft, gewürzt mit harzigem Erdgeruch, dringt durch die weitgeöffneten Fenster in die festlich gerichteten Stuben. In der Gasse spielen die Kinder, Mazzos in der Hand, und wahrend des Spielens erzählen sie mit wichtiger Miene vom Seder, dem sie beigewohnt, vom Wein, den sie getrunken, von den Speisen, die sie gegessen, von den neuen Kleidern, die sie erhalten, von all den schönen Zuthaten, die unser liebes Paßachfest mit sich bringt. Allüberall herrscht in der Gasse stille Festesfreude, denn die Tage sind gekonunen, in denen das Wort des Gesetzes erfüllt wird : W e r h u n g e r t, de r komme herbei und esse mit... Da dringt aus nicht zu fernem Osten schreckensvolle Kunde in Städte und Gassen. Die sie hören, raunen sie sich mit bleichen Lippen zu und wagen kaum, sie laut zu besprechen. Und andere schütteln ungläubig die Köpfe, sie bezweifeln die Richtigkeit der Meldung, sie meinen, dergleichen sei nicht möglich in Oesterreich, nicht möglich unter den Söhnen Judas; man möge nur Ruhe halten, es werde wohl kaum so arg sein. Allein es lässt sich nichts mehr verbergen. Die Kunde verbreitet sich, sie ist kein dunkles Gerücht mehr, sie ist zur Thatsache geworden durch die Bestätigung eines völlig einwandfreien Augenzeugen ... Sie erzählt, dass arme, arbeitsame Menschen, die jahrelang von der schweren Arbeit ihrer Hände in bedürfnisloser Zufriedenheit sich ernährt, mit einemmale arbeitslos wurden; sie erzählt, dass alle Versuche, Arbeit zu erhalten, bislang vergeblich waren, dass diese tausende von Menschen seit Wochen ohne Mittet sind, sich und ihre Familien zu erhalten. Sie erzählt weiter, dass diese Menschen, Männer, Weiber und Kinder, von Tag zu Tag in größere Noth geriethen, bis sie, zu Ende mit allem, was sie besaßen, dem nackten Hunger ins Auge sahen. Und sie hungerten, hungerten, bis das Entsetzliche geschah. Eines Morgens fand man ihrer mehrere tobt... verhunge r t. Und noch eines berichtet die Kunde: Diese Leute mussten sterben nicht zum geringsten deshalb, weil sie Juden waren, denn die trockene Chronik erzählt: Von den, auch aus antisemitischen Gründen ausgesperrten jüdischen Arbeitern von Boryslaw sind einige des Hungertodes gestorben — in den Tagen jenes Festes, von dem es heißt: „Kol dichtin jesseli w’jechol." Es ist ganz stille in Oesterreich und in Wien — wie gewöhnlich. Der Hungerschrei der Boryslawer Juden Eine Ueberraschung. Heute war ich bei einer großen Versammlung, bei einer jüdischen Versammlung. Auf der Tagesordnung standen — wie schon die Einladungskarte besagte — die drei stereotypischen Punkte: 1. Die Lage der Juden in Oesterreich in der Gegenwart. 2. Rathschläge zur Verbesserung derselben und :i. Herbeischaffung der dazu nothwendigen Mittel. Ursprünglich war ich der Meinung, es sei eine von jenen Protestversammlungen, die von' der „Union" u. dgl. einberufen werden, um gegen die Antisemiten von außen und die Zionisten von innen, gegen den Hunger, der in Boryslaw herrscht, und die Subventionsverweigerung seitens des Wiener Gemeindenathes energisch zu protestieren. Mit schönen Reden und hochmüthigen Phrasen . . . Aber siehe! Eine Ueberraschung. Es war eine ganz besondere Versammlung, eine Versammlung, die etwas Unerwartetes gebracht. ' Schon von außen verrieth sie, dass hier etwas Ungewöhnliches Vorgehen soll. Im Saale waren alle Spitzen der jüdischen Gesellschaft versammelt: Reichsrathsabgeordnete, die Geld- und Geistes-Aristokratie, auch Führer der Soeialdemokratie; Hof- und Commereialräthe neben jüdischen Hausierern; Börsenhelden, Millionäre neben jüdischen Arbeitern in blauen Blonsen; Schriftsteller, Redacteure großer Blätter zusammen mit Kaftan- und Lockenjuden...' Ich wollte nun erfahren, was da eigentlich vorgehe, woher diese geniischte und doch vereinigte Gesellschaft komme. Mittlerweile gab der Präsident ein Glockenzeichen und die Sitzung ward eröffnet. Er begrüßte zuerst die Versammelten, einen jeden nach Titel und Rang. Ich ist stumm, mau hört ihn nicht iu Wien, der Leichengeruch der verhungerten Juden dringt nicht bis an die Donau. Die da Hungers sterben, gehen still und leise ans der Welt, ihr Scheiden macht nicht viel Lärm. . Als vor einigen Jahren in Falken au einige Arbeiter im Kampfe um ihr Recht fielen, da widerhnllte ganz Oesterreich von diesen Gewehrschüssen und es stürzten schier darüber Minister und Hofräthe. Wer mag sich doch um diese Inden kümmern, die dort oben in Kälte und Eis hungern, um diese Juden, die dort oben v e r h u n g e r n? Hungertod macht wenig Lärm. Hat nicht die Errichtung eines Bezirksgerichtes in Böhmen, eines Gymnasiums in Cilli die mächtige Presse Wiens, die mit jüdischem Gelde gegründet, von Inden geleitet, von Jude n geschrieben wird, zu flammenden Tiraden für die unverletzlichen Rechte des — deutschen Volkes begeistert? Kämpft sie nicht wacker und mannhaft weiter für Deutschthum und Liberalismus, gegen Sprachenverordnungen und Slavisierung? Doch was sind ihr, dieser humanen, menschlichen, übermenschlichen Presse, die hungernden Männer, Weiber und Kinder, die Hungers gestorbenen Juden in Boryslaw, dass sie um sie weinen sollte? Ja, wenn es keine Juden wären! .. . Und die hohe k. k. Regierung?.. Es ist alles still, in Oesterreich und in Wien. Und es ist auch alles still bei uns selbst, unter uns Juden. Man hört nichts davon, dass etwa in verschiedenen Theilen des Reiches Juden sich zusammengethan hätten, um zu berathen, wie dem Elend von Boryslaw abzuhelfen sei. Alan hört auch nicht, dass in den Städten, wo Juden wohnen, jüdische Versammlungen stattgefunden hätten, um die Negierung laut und energisch auf ihre Pflicht aufmerksam zu machen. Man bö^ nicht, dass etwa die Vorstände aller österreichischen Cultusgemeinden rasch entschlossen sich über eine große, gemeinsame Hilfsaction geeinigt hätten. Man hört schon gar nichts von jenen schmählichen Götzendienern, die sich jüdische Abgeordnete, Vertreter der Juden nennen lassen. Die Tempel sind alle voll von ihnen, sie essen alle Mazzos und freuen sich nach alter Weise des schönen Festes im Kreise der versammelten Familie. . . . Doch sie gedenken nicht der Judenkinder in Boryslaw, deren Nahrung halbverfaulte Gurken sind, sie denken nicht jener Armen und Elenden, die im eisigen Schneesturme barfuß, Kops an Kopf gedrängt, um das Haus stehen und in ihren Schmerzen die Worte stammeln mögen: „Koi diclilin jesseh w’jechol.“ Was muss noch alles geschehen, bis endlich die Juden Oesterreichs begreifen werden, dass sie zusammengehören, dass sie ein einzig starkes Volk bilden sollen, dass sie in der öden Anbeterei und Nachäfferei alles Fremden, und sei es des Schlechtesten, an Geist und Körper verderben, zu herzlosen Schädlingen werden? Wenn morgen abends tausend und abertausend jüdischer Familien sich staunte, Namen von Männern zu hören, die sich nie um die Juden und ihre Lage gekümmert, von Männern, die bisnun überhaupt ihr Judenthum verleugnet. In einer kurzen, markigen Rede zeichnete der Vorsitzende die Nothlage unserer Brüder und führte dann aus, wer daran schuld sei. „Wir allein — meinte der Redner — denn wir suchten nie als ein ganzer Körper, als eine Nation im Lande zu leben und für unsere Rechte g e m e i n s a m einzustehen. Daher alle Verfolgungen." Denselben Gedanken, nur in ausgedehnter Form, führte auch der Referent, Hofrath dt., aus. Seine Worte glühten förmlich von Liebe zum jüdischen Volke. Au der Hand vieler Beweise und statistischer Daten wies er nach, dass die Lage der Judeil sich nicht bessern könne, solange diese nicht als eine starke Organisation, als ein Volk, in den Kampf um ihre Rechte treten werden. „Unter uns — schloss er — können und sollen wir auch verschiedene Parteien bilden. Jeder nach seiner Ueberzeugung. Nur gegen unsere Feinde von außen müssen wir mit vereinigten Kräften kämpfen. In diesem Kampfe müssen alle Classennnd Standesuuterschiede, alle religiösen Differenzen in den Hintergrund treten und wir alle wie ein Manu für unser Volk eintreten. Zu seiner Hilfe und zu seinem Wohle. Die Rede machte aus die Versammlung einen tiefen Eindruck. Voll Liebe und Freundschaft drückten sie einander die Hände und umarmten einander. Arm und Reich, Millionär und Arbeiter, Freidenker und Glaubenstreue, Brüder eines einigen, großen Volkes . . . "Nach einer kleinen Pause setzte dann der Referent fort. Er bezeichnete es als unseren größten Fehler, dass wir um unsere Rechte nur gebettelt, vom Gnadenbrot der Völker immer gelebt. „Das muss" - meinte er — scherzend der vergangenen Peßachzeit freuen, dann möge das grausige Bild der hungernden Säuglinge, der Todten in Boryslaw vor ihren Augen aufsteigen, damit sie endlich die tiefere Bedeutung des Wortes „Kol dichtin . . .." erkennen und befolgen. Jude n, organisiert E u ch! Seid ein Volk! Die Katastrophe von Boryslaw. Die „Drohobyczer Zeitung" bringt in ihrer Nummer vom 21■. März einen kurzen Bericht über die Verhältnisse von Boryslaw-Wolanka. Wir sind gewohnt, über die Zustände, in denen, unsere Glaubensbrüder in Galizien leben, die bittersten und traurigsten "Nachrichten zu hören. In dieser Notiz aber siel uns ein Passus auf, der uns stutzig machte. Es heißt dort unter anderem, dass die Israelitische Allianz zu Wien ihren Secretär, Herrn Dr. Fried. S. Kraus, nach Boryslaw entsendet habe, damit er den Betrag von 2500 st. unter die Nothleidenden vertheile. Dr. Kraus sei nun bei Anblick des Elendes derart ergriffen worden, dass er heftig zu.schluchzen ansieng und eine Art Weinkrampf bekam, der über eine halbe Stunde anhielt. Das ist ein so auffälliges Ereignis, einen Mann, der doch seit vielen Jahren gewohnt sein m u s s, dem Elend ins Auge zu schauen, in solche Aufregung verfallen zu sehen, dass wir den Entschluss fassten, Herrn Dr. K r a u s selbst aufzusuchen, um von ihm Näheres zu erfahren. Herr Dr. Kraus hatte die Liebenswürdigkeit, uns nachstehenden Bericht zur Verfügung zu stellen: „Ich kam am 2t. Mürz nach Boryslaw und suchte sofort den Bürgermeister in seinem Amte auf. Es war noch zeitlich morgens vor 8 Uhr. Das kleine, unansehnliche Gebäude war von weinenden, ausgehungerten Weibern in allerdürftigster Kleidung und von einer großen Menge erbärmlich aussehender Männer förmlich umlagert. Von Zeit zu Zeit erscholl der Ruf: „Gebt uns Brot!" Der Bürgermeister und der Secretär nebst einigen anderen Herren, die dem Gemeinderathe angehören, suchten die Leute zu vertrösten, da im Augenblicke kein Geld vorhanden wäre. Für Peßach aber dürfte die Mehrzahl der ärmsten Familien soviel Geld erhalten können, um Mazzes dafür zu kaufen. Als ich mich mit der Mittheilung vorgestellt hatte, dass ich 2500 fl. im Aufträge der „Alliance" zu vertheilen hätte, starrten mich die Herren wie ein Wunderthier an. OhneVerzug wurden die „Würdenträger" des Ortes, selbstverständlich auch der alte Rabbi L u st - mann, sowie der erste und zweite Bürgermeister von Wotanka zu einer Berathung berufen. Ich bat die Herren, sich zu einem Hilfscomite zu constituieren, und Bürgermeister K o r n h a b e r sicherte mir zu, angesichts der schrecklichen Nvthlage und der großen Zahl der Hungern- „eimnal aufhören. Wir müssen als ein einiges Volk eine eigene politische Partei im Lande bilden, als solche für unsere Rechte kämpfen. Wir müssen uns als Nation fühlen lassen und nationale Rechte fordern. . Alle stimmten diesen Ausführungen zu. Die jüdischen Reichsrathsnbgeordneten fühlten sich ganz getroffen. Sie gaben eine Erklärung ab, dass sie es tief bereuen, bisnun fremden Clubs angehört, für alle anderen Völker gekämpft und das eigene Volk verlassen zu haben. Von nun an wollen sie die nationalen Interessen ihres eigenen Volkes nur vertreten und dementsprechend sich als „jüdischer Club" constituieren. Man wählte dann eine Commission zur Ausarbeitung eines -neuen positiven Programmes. In die Commission wurden Männer aller Parteien und Stände gewählt. Sie begrüßten einander freundlich und waren glücklich, für ihr Volk wirken zu können. Zum dritten Punkte der Tagesordnung übergehend, erklärte der Referent, zur Abschaffung der Noth sei das beste „Mittel" das Geld. „Nur" •— meinte er — „dürfe man das Geld nicht an einzelne Arme vertheilen, sondern für die ganze Station geben, zielbewusst die Noth bei der Wurzel anpacken und ihr dauernde Abhilfe schaffen." Begeistert erhob sich ein bekannter reicher Finanzmann und rief laut: „Für mein Volk gebe ich die Hälfte meines Vermögens. Keine geringe Summe! Die Hälfte der Erbschaft meiner Kinder schenke ich meinen Brüdern." (Bravo! Bravo!) „Ich spende zur gründlichen Abschaffung der Noth meiner Brüder die Hälfte meiner jährlichen Einkünfte," rief ein zweiter Millionär. Die Versammlung war in gehobener Stimmung

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