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Jüdisches Volksblatt · 1899-03-24 · 6 (24.3.1899) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
6 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der Plan war gelungen. Das Liebespaar saß ruhig auf dem Korbe, plauderte, lachte, machte sich gegenseitig Complimente. — Berl schlief und wusste nicht, was über seinem Kopfe vorgeht. „Du hast wirklich gute Einfälle, Jacob", sagte Rosa, als es dunkel wurde und Diamandstein sich schon entfernen wollte, „vielleicht weißt Du auch, meinem Vater zu gefallen. . ." „Ich möchte es gern . . „Mein Vater ist eigentlich kein schlechter Mensch, nur unzufrieden und mürrisch ist er. Er ist auch gar nicht fanatisch, nur unwissend. Er hasst darum einen Aufgeklärten." Plötzlich entstand unter dem Korbe eine Bewegung. Rosa sprang schnell vom Korbe und gieng zum Fenster. Auch Diamandstein erhob sich und stellte sich auf die Seite. Der Korb begann sich zu bewegen. Diamandstein nahm ihn rasch weg. Berl reckte sich, gähnte, rieb sich die Augen durch und erblickte Diamandstein. „Hast D u den Korb auf mich hirrgelegt?" frug er ihn, halb verschlafen. „Ja, ich gieng da durch und sah Euch auf der Gaff liegen, Kinder 'herumlaufen und Steine werfen. Ich fürchtete, dass Euch nicht was passieren könnte und deckte Euch zu, stellte mich dann hin, damit die Kinder keinen Lärm machen..." Berl hörte zu und war ihm dankbar. Für Schlafenlasser war er immer dankbar. Das war auch die größte Wohlthat, die man ihm erweisen konnte. „Sieh' nur, „a Datsch" und soviel Jojscher" murmelte er. „Die Kleider machen nicht den Menschen aus." sagte Diamandstein, „die Hauptsache ist das gute Herz, das jüdische Herz. . . Man kann auch kurz gekleidet sein, nur dass man ein Mensch ist, ein Jude. . ." „Es sei also," dachte sich Berl, fuhr sich mit der Hand durch den Kopf. „Kommt ins Zimmer, trinkt ein Glas Wein, das habt Ihr verdient." „Ich danke! Ich habe es nie für Wein gethan, nur weil es meine Pflicht war." Rosa winkte ihm zu, und er gieng hinein. Es war jetzt die richtige Zeit, Berl zu gewinnen. Am Schabbes hagudaul war Berl in guter Stimmung. Er gieng dem Peßach entgegen. Endlich konnte er sich einmal gut ausschlafen. Für ihn war jetzt der „große Sabbath" gekommen. Der große, lange Ruhetag. Im Zimmer gab es keinen Tisch, keine Bank. Sie tranken stehend. Jacob Diamandstein erzählte ihm auch die Geschichte von „Jeziat Mizrajim". In seine Erzählung streute er auch ein hebräisches Wort ein. „Ein Lamden seid Ihr auch. Kommt Jom-tow zu mir. Seht, wie verlassen ich bin". Am Jom-tow kam er wieder. Berl empsieng ihn freundlich, gutmüthig. Diamandstein gefiel ihm immer mehr. Am Chol-hamoed gab es bei Berl ein Fest. Seine Rosa wurde mit Jacob Diamandstein verlobt. Majerl Lustig. Von I. Bergmann. Ich wollte, dacht sich, wollen jetzt beten meine Lpre, Sie soll etwas lachen — es geht ober nit. 1 Jo, Brüderlach, is denn nicht just bei uns Sfire, Und dann eppes, sogt mir, wie lacht es a Jüd? (Aus Morris Rosenfelds: Um songs of Ghetto.) „ Brüder, schon unsere heiligen Chachumim haben gesagt: Die Parnusu von a Jid so schwer, tote Krias jam fitf*) Nu, nu, solche Nissim beweist mir Gott, bvruch hu, an jedem Tage." So pflegte Majerl zu antworten, wenn man ihn um sein Wohlergehen fragte. Dabei lächelte er selbstzufrieden und seine gutmüthig klugen Augen strahlten vor Freude. Seine Antwort war auch buchstäblich wahr. Dass Majerl nicht reich war, wusste in Petrowo ein jeder. In der „Gasse" erzählte man sich von Mund zu Mund, dass sich in Majerls Wohnstube nachts einmal ein Dieb geschlichen und dort Schrank und Koffer einer Untersuchung unterzog. Zufällig erwachte Majerl und als er ihn erblickte, meinte er gutmüthig: „Mein Lieber, hör' doch, ich Hab' bei Tageslicht dort gesucht, aber nichts, gar nichts gefunden, wie willst Du jetzt in diesem Dunkel etwas finden?" Aber die großen Hungerkämpfe, die schwerdrückendeu Lebenssorgen blieben Geheimnis seines Herzens. Davon erzählte er keinem. Außer seiner lieben Frommet konnte höchstens die Blässe seines Gesichtes etwas aus dem Hanse schwatzen. Er war in Petrowo Männerschneider, aber das trug sehr wenig ein. Ein Jude trug seinen schwarzen Ripskaftan, bis er grün wurde und stückweise von ihm herabsiel. Durch seine „Manieren" wusste Majerl sich sogar bei den Christen einznschmeicheln. Sie lobten alle seine gute Arbeit und machten manchmal bei ihm Bestellungen. Wegen seines Humors und seiner Lustigkeit hatten sie ihn gerne, ihn, den „ehrlichen Inden". Bor Peßach konnte Majerl etwas bei ihnen verdienen, und das war ihm sehr erwünscht. Wenn er sich schon einmal dilrch den Hunger und die Kälte des Winters hindnrchgeplagt halte, wenigstens konnte er sich dann einen guten Jvmtvw machen. Biel aber konnte Majerl aus seinem Handwerk nicht herausschlagen. So sah er sich denn sehr oft genöthigt, mit dem Hunger den Kampf anfzuuehmen. Und zwar auf Tod und Leben. *) Spaltung des rothen Meeres. Er führte ihn auch heldenmüthig. Siegreiche Kämpfer gegen Hunger, Noth, hat bisnun noch kein Staat, keine Gesellschaft irgendwie ausgezeichnet. Sonst wäre Majerl einer Auszeichnung theilhaftig geworden. Er hatte sie verdient. Er kämpfte siegreich, ausdauernd. —■ Er kämpfte auch lustig, unverwüstlich lustig. Sein blasses Gesicht lächelte seit Menschengedeuken gutmüthig. Er kam lächelnd zur Welt und so blieb er. Wenigstens sah man ihn nie anders, als gutmüthig lächelnd. Wenn er keine Arbeit hatte, wanderte er lustig durch die „Gasse". Um ihn sammelten sich dann gewöhnlich eine kleine Schar von den immer traurigen Ghettobewohnern, und er unterhielt sie alle mit klugen „Wortel" und lustigen „Maaßes". Er wußte jedem seinen Schmerz „auszureden", er machte allerlei Scherze. „Brüder, nur lustig und lebendig." Das war seine stehende Redeweise. Sie nannten ihn alle Majerl Lustig. Alle fühlten sie, wie er ihnen wohlthat mit seinem Frohsinn, seiner Lebensfreude. Sie lechzten auch alle nach seiner Unterhaltung. Wie dahinwelkende Pflanzen nach erfrischenden Thautropfen. Majerl aber war überglücklich, wenn er die traurigen Gesichter um sich herum sich erheitern sah. Im Ghetto kouute man nur selten ein frisches, fröhliches Lachen hören. Das Gesetz hatte es verboten, ein Jude durfte sich nicht durch Lachen entweihen. Und dann, war denn das Gesetz nöthig? Die Armen trugen ja in sich den alten Schmerz ihrer Väter. Ein Erbe, das im Laufe von Jahrhunderten immer zunahm. Sie selbst waren ausgesvndert, sie waren gestempelt. Das unverdiente Kainszeichen drang ihnen tief ins Herz. Wie konnten sie sich freuen, wie lachen? Sie wurden ernst, sie wurden traurig. Mit der Harfe in der Hand gieng mein Volk in die Verbannung. Die Melodien der Harfe waren einst voll Hoffnung, voll Lebensfreude, voll Liebe. Wie Amphiou durch sein Spiel Felsblöcke zu einer Stadt zusammenfügte, so wollte mein Volk durch sein Harfenspiel alle Völker zu einer großen Brüderfamilie vereinigen. In der Verbannung, da kainen harte Schläge, in denen Jahrhunderte miteinander weiteiferten, und zerschellten die Harfe. Sie schluchzte noch eine Zeit fort, wie jede zerschellte Harfe, dann verstummte sie. Vor Leiden, vor Schmerz . . . Diese Harfe, mein armes Volk, das ist Deine Seele. — Im Ghetto verstummte sie — fast wie der Tod. Majerl war „lustig" und „lebendig". Die Sprache des Ghettos verband ahnungsvoll diese beiden Worte miteinander. Den Traurigen, die wie Schatten in der „Gasse" herumwandelten, konnte Majerl Freude, Leben einhauchen. Er war ihnen einfach, wie das Mauna in der Wüste, vom Himmel gefallen. Die Welt war für sie ernst, düster. Er allein war heiter, lustig. Ihm war die Welt so schön, so gut. Sie freute ihn, er liebte sie. Alle schloss er in sein Herz, er wollte schenken, wohlthun. Im Ghetto hatte man die beflügelten Dachbewohuer gerne gesehen. Schließlich waren sie die einzigen, die sich der „Ausgestoßenen" nicht schämten, die mit ihnen in die Gefangenschaft der „Judengasse" mitzogen. Aber die Absonderung ertodtete mit der Zeit die Liebe zur Natur, den Sinn für dieselbe; die Sorgen, die Leiden waren groß, mau vergaß auf diese lustigeir Mitbewohner bald. Majerl allein nahm sich ihrer oft an. Seit alter Zeit bestand eine Tradition, die ihnen für den Sabbath Schirah*), weil sie nicht einst mit unseren ans Aegypten befreiten Vorfahren das Siegeslied mitsaugen, ein Ehrengericht zusprach. In Petrowo blieb nur Majerl der väterlichen Tradition treu. Ihn freute es, wenn er mit seinen Brüdern seine Lebensfreude, mit den Vögeln auf dem Dache sein Brot theilen konnte. Das Lnstigsein und das Lustigniachen war in Majerls Familie traditionell. Sein Vater war der Musikant von Petrowo und der ganzen Umgebrmg, sein Großvater Badchen. Schon als Kind nahm ihn der Vater auf die Hochzeiten mit. Dort horte er seinen Großvater lustige Reime vortragen. Dort sog er die Tanzmusik seines Vaters ein, der er schon mit feinen kleinen Kiuderhändchen zum Takte uachklatschte. So wurde er erzogen. Schon früh horte er auf, das Cheder zu besuchen. Die Welt außerhalb seines väterlichen Hauses kam ihm in Hochzeiten und Tänzen entgegen. — — Weltweisheit lernte er aus den Reimen und Sprüchen seines Großvaters. Die Welt erschien ihm sehr schön, sehr lustig, ein großes Hochzeitsfest, das Leben ein Tanz. Er selbst sollte auch Musikant werden. Die Tradition der Familie verlangte es. Nur seine besonnene Mutter sträubte sich dagegen. Im Vergleich mit dem Schneiderhaudwerke schien ihr das Musikanteuthum ein wahrer Hnngerberuf zu sein. Majerl wurde Schneider. Als sein Meister starb und Petrowo keinen Schneider hatte, heiratete er die verwaiste Tochter seines Meisters und bekam seine Werkstätte als Mitgift. Er musste es noch erleben, wie die Geige seines Vaters in andere Hände übergieug. Das schmerzte ihn, aber er blieb der Tradition seiner Familie treu. Er betrieb das Lustigmachen weiter, in idealer Weise. Als seine Frommet einmal krank wurde, dem Sterben schon nahe war, da traf es ihn tief. Er liebte sie sehr. Sie hatte ihn zwar nicht mit einem Kinde beglückt, aber das gemeinsam überstandeue Elend hatte sie fest aneinander gekettet. Ihr war der Abschied schwer, sie weinte. Majerl stand au ihrem Sterbebette, fasste ihre Hand und streichelte sie: „Meine Frommet, meine Liebe," besänftigte er sie, „wozu das Weinen? Der liebe Gott lässt mich hier, damit ich nach Dir noch Kaddisch sagen kann. Wir kommen ja bald zusammen. Ich verspreche es Dir." Es that ihm tveh, aber seine gute Natur überwand bald seinen Schmerz. Als sie starb, trauerte er um sie die übliche Zeit und tröstete sich. Daun gab er fein Handwerk auf und schloss die Werkstätte, die er mit seiner Frommet als Mitgift *) Der Sabbath, an dem man aus der Thora das Siegeslied am rothen Meere vorliest. bekanl. Nur »venu sich ein Armer bei ihm meldete, da griff er zur Schcere mtb zur Nadel und wurde Schneider. Wenn man ihm seine Arbeit bezahlen wollte, wies er lächelnd zurück und sagte: „Ich bin doch kein Schneider mehr." Er wurde dann Todtengräber in Petrowo. Das war freilich ein ernstes Handwerk, aber Majerl blieb der Alte. Er war eben unverwüstlich. Ein echtes Künstlergemüth, das sich nie aufgibt. Jhni verstrichen lustig die Jahre. Um die Zeit des Peßach war es. Da kam plötzlich aus dem benachbarten Petrowo ein Bote mit einer Schreckensnachricht. Vor Tagen war dort ein Bauernmädchen gestorben. Einige Hetzer sprengten das Gerücht aus, die Juden hätten es gemordet — für den Peßach. Und das Volk glaubte daran. Die Scheu vor den „Ausgesonderteu" und die Phantasie bestärkten es in dem Glauben. Es rottete sich zusammen und gieng auf die Juden los. Sie wurden blutig geschlagen, ihre Häuser zertrümmert, ihre Habe geplündert. Als Majerl die Schreckensknnde vernahm, wurde es ihm kalt in allen Gliedern. Wie starr blieb er stehen: „Mer, mer brauchen Blut, ihrBlut, Menschenblut," stieß er hervor. Sein Gesicht wurde ernst. Er konnte es gar nicht fassen. Die Welt war ja so schon, so gut. Er liebte alle, und doch hatten sie seine Brüder geschlagen, geplündert. Es that ihm weh, daran zu glauben. Am anderen Tage brach er nach Pawlowo auf. Pawlowa tvar bloß drei Meilen entfernt, er legte den Weg zu Fuß zurück. Als er sich dem Städtchen näherte, kehrten die Juden eben vom Friedhofe zurück, der außerhalb des Städtchens lag. Ihren Rabbi hatten sie hinausgetragen. Das aufgehetzte Volk hatte ihn geschlagen, er erlag seinen Wunden. Majerl hörte es, als er mit seinen armen Brüdern in das Städtchen hineingieng. E r hätte also gemordet? Er, der heilige Zaddik, der in seinem Leben keine Fliege erzürnt? Wenn er daran dachte, graute ihm davor. Er entweihte das Andenken dieses ehrwürdigen Mannes. Und doch hatten sie geschlagen, geplündert. Er sah die traurigen verstörten Gesichter seiner Brüder, die Trümmer, die die Plünderer znrückgelassen, und Thränen rollten auf seine Wangen. In sein Herz senkte sich die Schwerrnuth wie Blei, vor seinen Augen breitete sich eine düstere, trübe Wolke aus. Es war ihm, als ob die Welt vor ihm sich in einen dunklen Schleier gehüllt hätte. Er sah alles schwarz vor sich, er taumelte. . . Als er sich erholte und beruhigte, kebrte er nach Petrowo zurück. Seit diesein Tage war er nicht mehr lustig, er verlernte das Lachen, er vergaß die lustigen Mörtel. An diesem Tage war in Majerls Jnnereni etwas abgestorben. „Mer Jiden derfen uns nit zu freuen — nein, nein — kennen es auch nit," pflegte er manchmal wehmüthig ju klagen. „Wie lacht es a Jüd" .. . Der letzte Singvogel hörte im Bauer zu singen auf. Majerl war im Ghetto Petrowos der letzte Lustigmacher. Ju Petrowo wurde es jetzt wieder traurig, ganz so, wie es Gott und Gesetz geboten. Sprüche der Söhne. (Wie die „Sprüche der Väter" an Sommers a b b a t h e n z u r e c i t i e r e n.) Und es ergieng der Ruf an Israel: „Gehe hin und werde der Hofnarr der Volker!" Und Israel gieng hin und ward der Hofnarr der Volker. * Gutgeartete Durchschnittsarier denken also: Schade, dass die Juden Juden sind. Sie wären ja sonst ^ganz liebe Leute. Fi donc! Sind diese Juden unmanierlich! Leben von der Hand in den Mund! * So oft ein Arier einen Juden als Ausnahmsjuden erklärt, ist hundert gegen eins zu wetten, dass er sich gerade eines der dürnnlsten oder schlimmsten Exemplare ausgesucht hat. Die armen Juden schlägt man, die reichen meint man. Aber was kosen sich die Geschlagenen davor? * Drei Dinge befähigen zu jüdischen Ehrenämtern: Geld, Geld und wieder Geld. Andere sagen: Geld, Unwissenheit und Knechtsiun. * Du willst, dass die Juden etwas auf Deine Worte geben? Und bist selbst ein Jude? Nun, dann darfst Du Dich miudesteus zivanzig Jahre lang nicht um sie gekümruert haben. * Welche Menschentypen bieten den widerlichsten Anblick? Z>vei: Ein Jude, der sich mit breitem Grinsen den anderen anbiedert, — und ein Antisemit, aus dessen grünen Augen höhnische Bticke schießen. Im Wettrennen ums Dasein steht dem Inden ein Hindernis mehr im Wege als anderen: Seine lange Nase. * Der Jude hat die Gefühle eines verschmähten Freiers für die Völker. Gleichzeitig liebt und hasst, verehrt und verabscheut er sie. Null,. A. «*.f.: J - ‘ V*r . . .<r I'.' J-.„

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