Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 6 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432770--0057-2433561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
OSTER-BEILAGE zum Jüdischen Volksblatt. Die Pgffahnacht. Von Adolph Donath. Das ist die sternenhellste Nacht! Die Kinder sehen, was gewesen, Warum die Nacht so auserlesen. Vor jeder andern stillen Nacht. Die Kinder träumen mit den Sternen, Sie seh'n den Baum im Sturm sich biegen Und seh'n die Zukunft vor sich liegen Und sehnen sich nach ihren Fernen. Indes die Eltern ruh'los wandern — Als Juden sind sie nur geknechtet, Wie das Verbrecherthum geächtet. Vom Hass und blinden Neid der Andern. . . Ein Glühen geht durch diese Nacht. Die Jugend will zur Kraft sich heben, Will ihrem Volk die Freiheit geben. Die Zukunft einer Passahnacht. Gehörst Du zu uns? „Selaven waren wir dem Pharao in Mizrajim. Und der Ewige befreite uns von dort mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm. Und hätte der Allheilige unsere Borfahren nicht aus Mizrajim erlöst, da wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder Leibeigene dem Pharao in Mizrajim geblieben." Wahrlich, wären wir nicht das erste Volk in der Geschichte der Menschheit, welches der nationalen Freiheit ein Fest eingesetzt, wir müssten verzweifeln angesichts des demoralisierenden Sclavengeistes, von dem die Factoren unseres öffentlichen Lebens beherrscht sind. Schlaff und muthlos würden wir vor dem Versuche znrückbeben, die nationale Befreiung unseres Volkes als politisches Bekenntnis zu procla mieren, wenn uns nicht die freiheitsglühende Sonne unserer großen Geschichte unser aufrichtig und ehrlich eingestandenes Ziel beleuchtete und verbürgte. Nein, unsere Kinder und unsere Kindeskinder können und dürfen nicht Leibeigene fremder Nationen bleiben, nachdem der Allheilige unsere Vorfahren aus Mizrajim erlöst und unsere Geschichte mit einem Freiheitsfeste anfängt. Und nicht erst nach der Befreiung, sondern noch in Mizrajim, mitten unter seinen Bedrückern und Ausbeutern setzt Israel das Freiheitsfest ein: er ist die Sehnsucht nach Freiheit und nationaler Selbständigkeit, die einem Volke zu seiner Befreiung verhilft! Und so oft Israel sich selbst und seiner nationalen Cultur untren ward, sich dem Cnltus fremder Völker ergab und feine Kinder fremdem Volksthum zuführte, da sehen wir auch das Passah-Fest verfallen und fast in Vergessenheit gerathen. So aber wieder ein Freiheitswind durch das Herz des jüdischen Volkes weht, da sehen wir die nationale Renaissance mit dem Passah-Feste beginnen. „Seit den Tagen des Propheten Samuel", bemerkt der Chroniker, „ist ein solches Passah nicht gefeiert worden."' „Erst am 18. Regierungsjahre des Königs Joschijahn wurde dieses Passah gefeiert!" Und wir, die wir uns die nationale Befreiung unseres Volkes und die Renaissance unserer Cultur zum leuchtenden Ziele gesteckt, sollen wir das Passahfest nicht dazu benützen, das jüdische Volk zu ermahnen und ihm vor Augen zn führen, wie sehr es in Sclaverei versunken ist, während es unser großes Freiheitsfest begeht? Kann unser Freiheitsfest mehr, als die Bethätigung einer stumpfen Gewohnheit sein, wenn wir nicht zugleich den Willen haben, uns von unserer freiwilligen Sclaverei zn befreien? Jawohl, schlimmer und unwürdiger ist unsere heutige Sclaverei denn die ägyptische, dieweil unsere Sclaverei freiwillig ist, an uns und nur an uns liegt es, ob wir freie, politisch und cnltnrell selbständige Bürger dieses Staates sein oder in schmachvoller, selbstgewählter Sclaverei verharren wollen. Und wieder erheben wir unsere Augen zu einem leuchtenden Sternbilde unserer Geschichte: Israel hatte den Jordan überschritten und gieng daran, seine nationale Selbstständigkeit 51t begründen. „Und die Söhne Israels waren gelagert in Gilgal und feierten das Passah am vierzehnten Tage des Monats, abends in der Ebene Jerichos . . . Und es geschah, als I 0 s u a bei Jericho war, erhob er seine Augen und sah; und siehe! Ein Mann stand vor ihm, der hatte ein gezücktes Schwert in seiner Hand; und I 0 s u a gieng zu ihm, und sprach zu ihm: G e h ö r e st Dn zu uns oder zn unseren Feinden?" Auch wir sehen eine ganze Schar von Männern mit gezücktem Schwerte, zur A b we h r bereit, vor uns stehen; alle geben vor, dieses Schwert znm Heile mtb zur Ehre des Jndenthunls führen zn wollen. Wir aber, die wir diese Männer aus ihren Thaten kennen, welche schwach- und verhängnisvolle Erfolge für uns gezeitigt, mir richten an jeden von ihnen die Frage unseres großen Führers:? - DK nnK ubn Gehörst Dil zil uns oder zu unseren Feinden? — Du verkündest das Wort Gottes, Du bist berufen, mit der Waffe des Wortes für die Ehre und das Heil des Judenthnnis zu kämpfen. Gehörst Du zn uns oder zu unseren Feinden? Gehörst Dil zu it n s, wenn Du das Wort Gottes entstellt und aus der heiligen Schrift in erbärmlicher Spitzfindigkeit zn beweisen suchst, dass wir unsere Rolle als geschichtliches Volk mit eigenen nationalen und cnltnrellen Bedürfnissen, mit eigenen Hoffnungen uitb Idealen, schon längst ausgespielt haben? Gehörst Dn zu uns, wenn Du uns räthst, unsere Kinder zn ewigen Heuchlern einer fremden, uns tausendmal fremden Nationalität zu erziehen? Wenn Dn die Früchte dieser Deiner Lehre Dir ansiehst, wenn Dn den schnöden Abfall und Verrats) gerade unter Denjelligen siehst, unter denen Du Dich doch am meisten bewegst, die sohin Deiner heilvotten > Wirksamkeit am nächsten ausgesetzt sind, gehörst D n zn uns? —■ Du, jüdischer Volksvertreter, Du hast Dich an deil elendgebeugten Schultern Deiner Brüder in die Höhe gearbeitet, Deine Aufgabe ist es, Dein Volk in beit gesetzgebenden Körperschaften zn vertreten, seine politischen und cnltnrellen Rechte wahrzun-hmen und zu vertheidigen; gehört Du zu nns? Gehörst Du zu uns. kann st Dn zu uns gehören, wenn Du im Lager unserer versteckten und offenen Feinde zu finden bist?! Kannst Du unsere Interessen vertreten, wenn Du nur dasjenige sprechen darfst, was unsere Gegiler Dir gnädiglich in den Mund gethan? Sieh Dir doch einmal Deine jüdischen Collegen an, kannst Du mit ihnen, zu denen Dn nach Abstammung, Glauben und politischem Interesse gehörst, zusammengehen? Jene schleppeir doch am anderen Ende des Karrens, weil sie von ihren Herren dort vorgespannt sind, ebenso wie Du von Deinen Herren am entgegengesetzteil Ende vorgespannt bist! Gehört diese klägliche, indolente Sclaverei, gehörst Du zu uns? — Und Du, Gewaltigster aller Gewaltigen, Du bist berufen, die jüdische Gemeinde zu leiten, unsere cultuellen und culturellenJnstitutioucn zn verwalten; Gehörst Du zn uns? Sieh Dir doch mal an, was Dn aus dem jüdischen Gemeindehanse gemacht hast: Eine Brutstätte schamlos e r H e n ch e l e i und r tt ck g r a t l 0 s e r Indolenz. Dn, der Du Deinem Volke unwissende geistige Führer bestellst, damit sie ein umso willfähriger Werkzeug in Deiner Hand sind; in dem unsere nationale und politische Sclaverei den sichersten Rückhalt hat; der Du vom jüdischen Gemeindehause zu jenem rath- und thatlosen Volksvertretermandat hinstrebst: Gehörst D u zn uns? Und bis in die tiefsten Schichten unseres Volkes hinein, bis an jeden einzelnen Mann wollen wir diese Frage dringen lassen: Gehörst Dn zu uns oder zu unseren Feinden? Willst Du an unseren Aufgaben, an unserem Ziele theilnehmen? Wir feiern unser nationales Freiheitsfest, wer aber wirklich frei sein will, der muss sich vorerst das Prunken mit der Sclavenkette und das Küssen der Ruthe abgewöhnen. N. Der große Sabbath. Humoreske von R. A. Brandes. Thür und Fenster sind geöffnet. Var den Häusern liegen an beiden Seiten der Gaffe verschiedene Sachen, in musterhafter Unordnung. Alles hat man aus den gereinigten Häusern hinausgetragen: Betten, Tische. Sessel, Bänke, Kochgeschirre, Töpfe, Teller. Alles rein, es funkelt und blitzt förmlich. Auch Spiegel und Bilder liegen auf den Strohsäcken und Bettgewand, das man aus den Häusern hinausgetragen hat. In der Mitte der Gaffe liegt gutes und zerriebenes Stroh in Bündeln und zerstreut. Das eine ist für die Strohsäcke bestimmt, das andere hat man aus denselben hinausgeworfen... In unser Städtchen hat der „große Sabbath" Einzug gehalten. Alles ist für Peßach gereinigt und gesäubert worden. Die Stube frisch geweißt. Für Peßach zurechtgemacht. Vieles darf noch „gekaschert" werden und vor Jom tow nicht mehr benützt werden. Es könnte mit Chomez in Berührung kommen. Man lebt jetzt so ganz auf der Gasse, so plagt man sich die wenigen Tage bis znm Peßach durch. Das gehört mit zum jüdischen Leben. Ins Land ist schon der Frühling gekommen. Er hat auch an die „Gasse" nicht vergessen, an beiden Seiten bedeckt sie sich stellenweise schon mit grünem Grase. Unter den Dächern zwitschern die Vögel, munter laufen die Kinder herum und lärmen. Die Uhr hat soeben zwei geschlagen. Vor der „Schul" beginnt jetzt ein Leben. Nasch konunen die Männer herbeigeeilt. Sie wollen heute die Derascha hören. Die Frauen setzen sich auf die Schwelle ihres Hauses, manche ans die abgewaschene Bank, und lesen aus der Hagada über „Jeziat Mizrajim". Die nicht lesen können, stehen ringsherum und hören zu. Andere wieder haben eigene „Wunder" zu erzählen, wie ihnen Gott geholfen hat, „den Peßach hereinzubringen". „Glaubt mir," seufzt eine, „das ist noch ein größeres Wunder, als Jeziat Mizrajim." I Die Kinder verstehen nichts von diesen Wundern. Es geht sie auch gar nichts an und sie spielen fleißig. Der eine jagt der Katze nach, die zwischen den Sachen herumspringt, der andere treibt mit einem Stocke den Hund weg, der auf einem Strohbündel lag, läuft ihm mit einem Riesenlärm nach, bis er vor „Choni hameagel" kommt, der dort liegt und schläft. Vor „Choni hameagel" hält er inne, denn vor ihm haben alle Kinder Furcht. Choni hameagel. So heißt eigentlich Bert, der Bäcker des Städtchens. Das ganze Jahr bäckt er Semmel und Kipfel, von Purim angefangen Mazzes. Im ganzen Städtchen kennt man Berl als einen schlechten Menschen. Die Wahrheit erfordert es p sagen, dass man ihn ungerecht verurtheilt. Berl war gut, sehr gut, er war nur mürrisch unfreundlich. Ihn hat nur d'as stete Wachen! verdorben. Etwas „mehr Schlaf" und er wäre einer der besten Menschen geworden. Er hat sich nie so recht ausgeschlafen. j Im Städtchen hielt man ihn für einen Schläfer.! „Wenn er einmal einschlief," so erzählte man dort, „konnte es donnern, blitzen, konnte das Haus einstürzen, und er erwachte nicht. Man konnte ihn sogar schlafend forttragen." War das ein Wunder? Die ganze Nacht hindurch stand er beim Ofen, tagsüber verkaufte er die „Ware", trieb Schulden ein, kaufte Mehl und rechnete mit dem Mehlhändler ab. Dann kehrte er wieder zum Ofen zurück. Die ganze Woche kam er nie zum rechten Schlafen; höchstens,'dass er für einige Augenblicke beim Ofen einschlummern konnte. Kam aber dafür der heilige Sabbath, so schwelgte Berl im Schlafe. Er durchschlief ihn ganz. Er schlief in „Schul" beim Beten, er schlief am Tische beim Essen, er schlief stehend, er schlief liegend. Wenn er gieng, schlief er auch. Darum nannte man ihn Choni hameagel, man wollte damit sagen, dass er siebzig Jahre schlafen konnte, wie es die Sage von Choni hameagel erzählt. Er schläft auch jetzt knapp an der Thür. Er schläft noch tiefer als an einem gewöhnlichen Sabbath. Denn Mazzes backen, das ist viel schwerer, als Semmel backen. Da darf man auch nicht für eine Minute einschlummern... Er fühlt nicht die brennende Hitze der Sonne, er hört nicht den Lärm der Kinder, er liegt an der Thür, ohne sich nur zil rühren. Und er legte sich dorthin absichtlich, um seine Nosa hüten zu können, dass sie nicht weggeht und dass auch keiner zu ihr hineinkommt. Rosa sitzt am offenen Fenster und blickt auf die Gasse. Vater und Tochter — Herbst und Frühling. Berl war von der Hitze des Ofens gebräunt, seine Nase kurz, seine Lippen wulstig, seine Stirn niedrig, mit hartem Haare bewachsen. Seine einzige Tochter, seine Rosa, ist ein wunderschönes Mädchen. Ihr schönes Gesicht ziert ein schönes Paar schwarzer Augen und ein langes, seidenes Haar. Berl war zwar fromm, aber ein Am-ha-arez. Er hat nie etwas gelernt, er ist ungebildet und kennt auch nicht den Umgang mit Menschen. Seine Rosa hat schon die Schule beendigt. Sie hat schon viel gelesen, sie liest noch jetzt sehr viel. Sie ist auch gescheit und gebildet. Gerade darum hütet sie Berl, dass sie nicht ausgeht und dass nicht „Jemand" zu ihr kommt. Von eine m „Jemand" fürchtet er besonders. Er hat Wind bekommen, dass ein gewisser Jacob Diamandstein bei seiner Tochter „in hohen Gunsten" steht. Ein Aufgeklärter, ein Buchhalter. Und das gefällt ihm nicht. Rosa blickt durchs Fenster. Und richtig, Diamandstein ist bald angekommen. Uebers Fenster streckt sie ihm ihre Hand entgegen und begrüßt ihn freundlich. „Lieber Jacob," flüstert sie, „heute kannst Du leider nicht ins Zimmer kommen. Sieh doch! Da liegt der Vater." Diamandstein gieng zur Thüre uub sah Berl schlafen, Kopf und Füße lagen förmlich auf der Gasse, der mittlere Theil des Körpers war ins Zimmer hineingeschoben. Berl lag wie ein Kipfel. Einige Augenblicke stand Diamandstein da und überlegte. Endlich fasste er einen Plan. „Rosa, sieh' doch, was ich machen werde." Er nahm dann einen großen Mazzeskorb, der dort bei der Thüre gestanden, kehrte ihn um und stellte ihn ans Berl hin, so dass sein Körper unter dem Korbe verborgen blieb. Rosa lachte dabei, Jacob aber sprach mit einer ernsten Miene: „Jetzt setze Dich auf den Korb, auf jene Seite, ich setze mich auf diese und wir können ruhig plaudern."