Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 5 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ganzjährig.fl. 4.— > Ganzjährig.fl. {.50 Halbjährig.fl. 2.~; Halbjährig ....... fl. 2.25 Vierteljährig.fl. 1! Vierteljährig.fl. k 15 Ur. S. Miimitiilen-Schutz. Verflossenen Samstag überraschte Herr Dr. L n e g e r die {(eine Welt, die sein Leben bedeutet, mit dem Entwürfe einer neuen Wahlordnung für den Wiener Gemeinderath, deren Grundbestimmung die Einführung be§1 allgemeinen Wahlrechtes, beschränkt durch die fünfjährige Sesshaftigkeit, ist. Mit jener merkwürdigen Hast, die wir in letzter Zeit bereits gewohnt sind, erfolgt die Antwort der Parteien auf die Vorlage, wird diese selbst durchgepeitscht, zuerst im Club der christlich-socialen Majorität, sodann im Gemeinderathe. Die unveränderte Annahme ist zweifellos, und so bleibt kaum den bestgerüstetsten Parteien Zeit genug, den Kampf anders als durch ihre Publicistik zu führen, so ist es aber auch erklärlich, dass dieser Kampf nur kleinlich, nicht weitausblickend, größere Gesichtspunkte zeigend ist, sondern lediglich die directcste, allseitige Partei-Jilteressenvertretung darslellt. Das betrübende Wort von diesem Lande, das immer um einen Gedanken zurück ist, hat in dieser Woche gehasteten Widerstreites wieder einmal seine nachdrückliche Bestätigung gefunden. Die Politik der kurzen Hand, die nur von gestern auf heute sieht und kaum für morgen sorgt, zeigt sich dem besseren Beobachter festthronend, alleinherrschend im Heime aller Partien. Die liberale Partei erklärte sich gegen die gesammte Vorlage, vor allem gegen die plötzliche Einführung des allgemeinen Wahlrechtes. Das mag vielleicht ihren „volksfreundlichen, ewig wahren Principien" entsprechen, ist aber zweifelsohne kläglich, kurzsichtig und verschroben. Denn: Entweder hat Dr. Lueger die Sanctionierung derWahlresorm im vorhinein sich gesichert, dann ist dieser Widerstand zwecklos und die liberale Partei ladet unnützerweise neuerdings das Odium derVolksfeindlichkeit durch ihre Stellung gegen das politische Recht der Besitzlosen auf sich. Oder dieser Antrag ist — wie man auf liberaler Seite glaubt — nur leere Spiegelfechterei, dann hätte die liberale Partei schon gar keinen Grund gehabt, irgendeinen Kampf zu eröffnen, sie hätte im Gegentheil sich für die Vorlage einsetzen und so den letzten Rest der Sympathien, die sie vielleicht noch im Volke besitzt, erhalten können. Nun! Man kann von diesen Parteimännern ohne Partei und ohne Anhang nicht verlangen, dass sie im Alter lernten, was Realpolitik sei. Es ist ihr Geschick, zu sterben; das Grab, das sie mit jeder neuen Dummheit sich selbst graben, ist wohlverdient, nur frivoles Spiel könnte völlig unberufen diesen Process anshalten. Sie sind zu alt für diese neue Erde. Die s o c i a l d e m 0 k r a t i s ch e Partei acceptiert das allgemeine Wahlrecht, wendet sich jedoch mit aller .~ Weil, 17. März 1899. Schärfe gegen die Bestimmung der fünfjährigen Sesshaftigkeit. Diese'Stellung ist vom Standpunkte der ausschließlichen Interessenvertretung der Arbeiterschaft begreiflich, doch ihr Gesichtspunkt ist ungewohnt kleinlich nur für Wien berechnet und — nicht einmal im weiteren Parteiinteresse gelegen. Wenn die socialdemokratische Parteileitung meint, dass unter „Volk" lediglich die industriellen Lohnarbeiter zu verstehen feien, wenn sie glaubt, dass jede Stimme, jeder Mann, jede Volksschichte außerhalb des Bereiches der Fabrik für sie nicht in Betracht kommen, wenn sie ferners annimmt, dass. alles, was in Wien geschehe, für das ganze Reich nicht maßgebend sei —- dann ist ihr Standpunkt richtig. Doch wenn sie meint, was sie vernünftig meinen muss, dass unter „Volk" alle Schichten der Bevölkerung zu verstehen seien, wenn sie glaubt, was sie doch thatsächlich zu erreichen sucht, dass die Gewinnung der numerischen Majorität ihr agitatorisches Ziel sei, wenn sie zugibt, was sie doch am eigenen Körper oft genug verspürte, dass Wien maßgebend und vorbestimmend sei für das ganze Reich — dann ist ihr Standpunkt verfehlt, nicht übermäßig volksfreundlich und keineswegs parteipolitisch. Dann hätte die socialdemokratische Partei sich überhaupt gegen dieses Gesetz sträuben müssen, sie hätte ein Minoritätengesetz verlangen müssen — d i e Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes nach dem Listen- S c r u t i n i u in. Es sei davon ganz abgesehen, dass, wie die „Arbeiter- Zeitung" behauptet, schon jetzt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen die socialdemokratische Partei bedeutend mehr Vertreter im Gemeinderathe haben könnte, als sie voraussichtlich im Laufe der nächsten Jahre haben wird; es sei davon abgesehen, dass dieser Vorschlag eine wahrhaft gerechte Form ist, die nur der allerkleinsten, wirklich verschwindenden Minorität keine Vertretung gewährt. Es sei davon abgesehen, dass die socialdemokratische Partei mitdieserFormel die Lösungs Möglichkeit der schwerwiegendsten Reichsfragen gefunden und sich ein derzeit mangelndes, wirksames und zugkräftiges Agitationsobject geschaffen hätte. Das alles ist dem Realpolitiker klar und sofort ersichtlich. Nur die eine Seite der Sache, soweit sie uns Juden berührt, soll noch näher beleuchtet werden. Wir Juden gehen in der neuen Gemeinderaths- Wahlordnung vollständig unter. Wir können eine uns berechtigtermaßen zukommende Vertretung nur von einer Minoritäts-Wahlordnung, von der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes nach dem Listen-Scrutinium, hoffen. Die Erreichung dieses Zieles kann uns vorläufig nur von einer Partei geboten werden, die in diesem Falle I. Jahrgang. ein star ke s Interesse mit uns gemeinsam hat. 1 diese Partei ist die socialdemokratische. Nicht das schwäc^ Kampfmittel der Christlich-Socialen gegen die Socia demokraten bei den Wahlen in der fünften Curie war das Schlagwort von der „verjudeten Socialdemokratie". Seit der furchtbaren Niederlage in Wien hat sich in den Reihen der socialdemokratischen Partei rücksichtlich des „Judenpunktes" ein nicht unbemerkter Umschwung vollzogen. Man weiß, wie erprobte und führende Genossen verlegen die Achsel zucken, wenn sie ans diesen Punkt zu sprechen kommen. Es ist auch kein Geheimnis, dass die starke Opposition, die letzter Zeit in den Kohlenrevieren von Brüx und Umgebung, sowie in Niederösterreich sich geltend macht, ihren letzten Ursprung in diesem Widerstreite von Theorie und Praxis hat. Nun denn! Hier hätte die socialdemokratische Partei endlich Gelegenheit, diesem Schlagworte wuchtig und unwiderleglich zu begegnen, indem sie sich bereit erklärt, den Juden eine eigene V e rt r e t u n g zu schaffen. Sie hätte endlich Gelegenheit, frei und offen zu erklären, durch die Thatsache zu beweisen, dass die Judenfrage wesentlich nichts zu thun habe mit der Arbeiterfrage und dass sie die Consequenz dieser Erkenntnis in wahrhaft v o l k s f r e u n d l i ch e r Weise ziehe, in einer Form, die nicht nur die Juden, sondern ebenso die Czechen wie die Deutschnationalen Wiens befriedige. Die Generalversammlung des mährisch-jüdischen Luegersonds. Unser Artikel über die Vorgänge im mährisch-jüdischen Landesmassafonds hat in allen Gemeinden Mährens mächtigen Wiederhall gefunden. Alles sah gespannt der am 13. d. M. stattgehäbten Generalversammlung entgegen, deren Verlaus mir an anderer Stelle berichten. Hier soll znnächst einer ebenso bezeichnenden, als beschämenden Thatsache gedacht werden: Die Mehrzahl der Delegierten waren in voller Unkenntnis der durch uns vor die Oeffentlichkeit gebrachten Vorfälle; in ihren verdutzten Gesichtern konnte man lesen, mit welchem Eifer sie der von ihnen übernommenen Aufgabe sich unterzogen oder — besser gesagt — sich entzogen hatten. Wir erinnerten uns da unwillkürlich des Schulknaben, der, bei einer Ungehörigkeit ertappt, mit kindlich gespielter Naivetät fragt: „Bitt' schön, Herr Lehrer, was Hab' ich gemacht?" — Eben darum sind wir auch loyal genug, Herrn Julius von Gomperz in« Vergebung zu bitten: wie konnten wir auch annehmen, dass er ein so verantwortungsvolles Präsidium nur honoris causa — ihm oder dem Fonds zu Ehren? — bekleide! Herrn Gomperz liegt das Interesse des. mährischen Landesmassafonds und der Ueber Ghettogeschichten. (Schluss.) Es würde sich der Mühe lohnen und sicheren Erfolg bieten, wenn sich ein dramatischer Bühnenpraktiker fände, der den „Gabriel" in ein Drama umgestalten würde. Zeitungsnachrichten zufolge wurde vor Jahresfrist in London (East-End) ein jüdisches Theater eröffnet — vielleicht die beste Stätte um dem „Gabriel" zu einem welterobernden Erfolge im Sturmlaufe zu verhelfen. Den Hauptinhalt des „Gabriel" bei unserem Leserkreise voraussetzend, will ich mir nur auf die kraftvollsten und packendsten Stellen aufmerksam zu machen erlauben. — Der Besuch Reb Gabriels bei dem als wahnsinnig hingestellten Jakow lässt in die gepeinigte Seele eines reuigen Büßers blicken, den die Gemeinde Israels verstößt, zum Paria stempelt, weil sie sich an die todten Buchstaben des mosaischest Gesetzes kettet. Das aufgeregte Gemüth, das stürmisch bewegte Innere Gabriels manifestiert sich während der Erzählung Schöndels, der Gattin des Oberschammes Reb Schlome Sachs, in dem Ohnmachtsanfalle und seinen heftigen Ausrufen. Die Doppelanlage in dem Wesen des Bochurs, die Gottesgelahrtheit und sein strategisches Wissen lässt ihn in den Augen seiner. Umgebung als Sonderling erscheinen. Seine kriegerische Tüchtigkeit und militärische Schulung beweist er in den Kämpfen und Gefechten — den Vorboten des 30jährigen Krieges — die um und in Prag statthatten. — Gawriels Besuch bei Blume, seiner einstigen Verlobten, und die folgenden Auseinandersetzungen, sein ehebrecherisches Verlangen, seine kategorisch ausgesprochene untilgbare Rachsucht, sein den Gatten Blumes schädigender Plan, fördern psychologische Feinfühligkeiten zutage, machen den gewaltigen Riss, die unüberbrückbare Kluft in der Seele Otto Bitters offenbar. Als Gabriel in einer Lade seines Kastens Briefschaften findet, die ihm über seine Herkunft, sein bisheriges Lebensräthsel, eine ihn nur unbefriedigende Antwort bieten, erreicht sein stetig entwickelter Unglaube an Gott und die Menschen den Culminationspunkt. Die leidenschaftlichsten Apostrophen nehmen ungeahnte Form an. Gabriel ist eine Gestalt, die zwischen Trug und Wahrheit schwebt, deren Brust sich voll der drückendsten Zweifel fühlt, die zwischen Glauben und Unglauben wankt, eine fast faustische Natur im Rahmen der novellistischen Darstellung. Begründet und trefflich angebracht scheint uns das Selbstgespräch, dem im „Gabriel" ziemlich breiter Raum gewährt ist. Menschen, die allein und verlassen dastehen, suchen ihren innersten Regungen und Gefühlen, bem brandenden, tosenden Empfinden, das sie nicht zu dämmen wissen, in dem Monolog Bahn zu schaffen. In den Armen seines wiedergefundenen Vaters, des wahnsinnigen Jakows, erreicht Gabriel sein Ziel, erhält er die Lösung seines räthselhaften Daseins. Die erschütternde Tragik dieser letzten Scene, der Schlussscene aus der auf den Höhen jüdischer Literatur dahinschreitenden Novelle wird durch eine physiologische Unmöglichkeit in ihrem Eindrücke beeinträchtigt. Wir meinen das Eintreten des Todes durch die furchtbar niederschmetternde Wirkung, die die Begegnung von Vater und Sohn nach sich zieht. Wenn wir es beim alten Jacob ganz leicht erklärlich erachten, dass der Tod die Auflösung nach so langjährigem, zersetzendem Proeesse als Folge gesetzt wird, so will uns das plötzliche Ende des jungen Gabriel, und wenn ihn die Tragödie des Lebens noch so sehr zerrüttet, untergangsfähig gemacht hätte, unnatürlich, unwahr erscheinen. Aber selbst das und nichts vermag die Gesammtwirknng. den wahren inneren Wert und die verdiente doininierende Stellung des „Gabriel" zu schädigen, nuv um ein Jota herabzusetzen. Differenziert von der Großartigkeit der Darstellung, die die eben besprochene Dichtung erfüllt, treten uns die die „Prager Ghettobilder" umfassenden Erzählungen entgegen. Es sind dies: „Die Antipoden", „Durch Trauer zum Glück", „David Leb Magdeburger". „Die Antipoden" sind zwei treue, anhängliche Freunde — Reb Schachner und Reb Schmeling — die in allem Beginnen und Beenden trotzdem in gegentheiliger Meinung beharren. Sie gehen oft mit dem innerlichen Versprechen, sich nie mehr zu versöhnen, auseinander, um sich in Bälde wieder zum streitbringenden Beisammensein zu treffen. So leben sie miteinander in Unfrieden, bis Schachners Ableben demselben das Ende setzt. Schmeling überlebt ihn nur kurze Zeit und schließt sein Dasein mir dem Ausdrucke der Freude auf ein Wiedersehen. Die Geschichte bietet Männertypen aus jüdischer Ländlichkeit, wie man sie auch außerhalb be§ Ghetto noch jetzt in Dörfern antrifft. Ein friedliches Beisammensein, ein liebevolles Gezänke, das Sich-immer-gleichbleiben im Lebenswandel strömt aus der Erzählung wohlthuend auf rlns ein. — Wie beschränkter Geschäftsgeist ein blühendes Gewerbe, einen prächtigen Erwerb mit einem Schlage vernichten kann, und wie das unerschütterliche Gottvertrauen, die felsenfeste Hoffnung uns Stützpunkte finden lässt, um durch eine unmerkliche Fügung wieder langsam zur behäbigen Wohlhabenheit zurückzukehren, führt Kohn mit meisterhafter Darstellung in der Novelle „Durch Trauer zum Glück" durch. Hier wird ein tieferer Blick auf die socialen Verhältnisse der Prager Judengemeinde im dritten Viertel des vorigen Jahrhunderts geworfen, wir tverden mit den Capacitäten und ihren besonoeren Eigenheiten vertraut gemacht. Reb Hirsch, der unbeholfene, linkische, geistig schwache Geschäftsmann und sein Schwiegervater Bresnitz, ein vielgereister, erfahrener, gewiegter Kausiriami,