Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 4 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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St'ile - Wien. Freitag’ Jüdisches V»dksL>laft 10. Mürz 1899 Nr. 4 M.', :ofen unfähig umreit. Von fast siiimiitlichen Völker» der c‘ : ificvteu Welt wurden nur unterdrückt und bedrückt, weil wir gering an Zahl, elend und olnnnächtig waren und auch bei dcu: (besetze keinen Schuh fanden. In den letzten Derennien, in welchen die StaatSgrnudg'Ü'^e der meisten civilisierten Ländern, die Gleichheit aller i’.'! itfclicM vor dem Gesetze proelamierte, wähnten wir d-.' Zeit gekommen, >vo auch der Jude seine Kräfte dem Wähle tu\ Staates und seiner Meuschenbrnder frei und nugescheut w.r) weihen können. Da plötzlich hallte durch ganz Europa der U' -ae Ruf der Antisemitenhorde: Die Inden streben die W ltherrschait an. Das Gros, die Intelligenz, die Journalistik sei verjudet, der Jude leite die Geschicke aller Länder und dstnche, Staat und Regierung vollziehen nur den Willen der F oen: liegt das Kleingewerbe darnieder, sind die jüdischen Aurifonten und Großhändler schuld daran, sind die Finanzen irgend eines Staates nicht in Ordnung, wen trifft die Schuld? T!e jüdischen Börsianer. Tie Socialdemokratie wird mit jüdischem G.lde unterstützt und lebensfähig erhalten: der Anarchismus wird von Juden besoldet. In Ungarn sind Juden die Leiter b. v Regierung: in Frankreich streben sie die Unterdrückung der Militärmacht an. um das Reich an Deutschland ausznliefern, kurz die Juden beherrschen bereits fin de siede die Welt, sie sind allmächtig, indcssem tverden dem Baron Rothschild, einem Revräsentanten dieser Weltherrscher, die Fenster zersdmettert. Wenn wir all diese Jammer- und Weherufe hören, drängt sich uns die Frage auf die Lippen: „Wo nehmen wir die Kräfte her?" Wohl ist nicht zu leugnen, dass nur die Kräfte besitzen. T as Geld ist eine Macht, die größten Börsenmatadore sind Ändert, auch die Presse ist eine Macht und liegt größtentheils in Händen der Juden, doch eS find nicht jüdische Mächte. Das Geld ist eonfessionslos und international. Die Herren Börseaner verschmähen eine Specnlation, ein Geschäftchen selbst dann nicht, wenn sie auch mtferen größten Feinden damit ans der Klemme helfen, hier wie dort, im In- und Anslande, nnd die Herren von der Journalistik erwärmen sich für jede bedrückte Ration, jedes unterdrückte Natiünchen, nur wenn es gilt, für die unterdrückten und schutzlosen Juden einzutreten, hüllen sie sich in vornehmes Schweigen. Alles sind sie nur nicht jüdisch. Ist da nicht unser Entrüstungsruf gerechtfertigt: „Wo nehmen wir die Kräfte her?" Ja, wir besaßen einst die Kräfte! Die Juden im Ghetto waren einst gut organisiert. Alle Kräfte wurden damals zu unserem Wohle verwendet. Jeder Jude fühlte sich für seinen Glaubensbruder verantwortlich, überall manifestierten sie ihre Zusammengehörigkeit. Sie lebten, liebten, litten und kämpften vereint, einer für alle, alle für einen, ihre Waffen, sowohl sinanzielle als intellectuelle, wurden nur im Kampfe für jüdisches Gemeinwohl verwendet. Die ganze lange Zeit der Diaspora, die düsteren, sonnenlosen Tage des Mittelalters geben Zeugnis hiervon. Und jetzt? Unsere Großen, unsere Finanzbarone, unsere Literaten, streben nur die Assimilation an, der jüdische Geist hat sie emporgebracht, einmal oben, wollen sie mit dem jüdischen Volke keine fernere Gemeinschaft: den Antisemiten liegt nun die Pflicht ob, unsere Großen zum Judenthume zurückzurufen. Das Klingen der zertrümmerten Glasscheiben am Rothschild'schen Palais ist eine solche Mahnung zur Rückkehr. O, diese Glasscherben führen eine gar eindringliche und beredte Sprache, sie predigen den großen und den kleinen Rothschilds, was alles sie zum Heile und Wohle des Judenthums leisten könnten, wenn sie mit ihrem Volke für ihr Volk leben und wirken wollten. Bei allen anderen Nationen ist es der höchste Ehrgeiz, für die Nation zu leben und zu streben. Der jüngst verstorbene griechische Krösus hatte nur ein Ziel vor Augen, für seine Nation Reichthümer anznhäufen, sein ganzes Sinnen und Trachten, sein Ringen und Streben galt seinen griechischen Brüdern. Unsere Krösusse sind reich für sich, manchmal auch für andere, mtr nicht für uns Juden, unsere Journalisten sind Allerwelt-Politiker, nur die Inden stehen außerhalb dieser Welt. Ja, bei Wahlen, da )vv sie uns benöthigen, appellieren sie an die jüdische Brüderlichkeit, nm dem einen oder anderen zu einer Ehrenstelle rc. zu verhelfen, hinterdrein jedoch heißt es: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethau, der Mohr kann gehen", und wollen sich nicht ferner als Juden, als Brüder zu erkennen geben. Das ist unser großes Werk, der Fluch, der den ewigen Inden auf Schritt und Tritt folgt; während unsere Gegner, obschon in verschiedenen, sich gegenseitig anfeindenden Lagern stehend, sofort vereinigt sind, lvenn es gilt, den Judenhass zu bethätigen, sind wir zur Ohnmacht verdammt, weil wir niemals eine vereinte, große, jüdische Mackst bilden können, bilden wollen. „Ach, wo nehmen wir diese Kräfte her." B. Vom Tage. Die „Prager israelitische (Aemeindezeitmig", das Organ der sogenannten Casinoten-Partei der Prager Juden, hat sich in einem langathmigen Leitartikel, dessen Logik die schillernde Phrase ist, mit der Gründung unseres Blattes beschäftigt. Befangen in dem Abhängigkeitsverhältnis zum Pariser deutschen „Casino", perhorresciert das Blatt die Organisation einer „Jüdischen Volksvartei". Es erwartet alles von der liberalen deutschen Partei und nichts von dem Zusammenschlüsse der Juden. Das Blatt predigt den Rückfall in die Leibeigenschaft, in die Gefolgschaft der Gottseidank in Trümmer gesunkenen liberalen Partei und bekundet damit eine wahrscheinlich inspirierte Rückständigkeit der Anschauungen, über die die fadenscheinige Beweiskraft des Artikels nicht hinwegtäuschen kann. Wir sollen uns weiter als Heloten der deutschen Liberalen dem czechischen Fanatismus entgegenwerfen, um für unsere Dienste uns von den Männern, denen wir mit Einsatz unserer ganzen Existenz zum Siege verhalfen, mit Fußtritten regalieren zu lassen. Wir sollen uns wieder von den Czechen wirtschaftlich zugrunde richten, an unserem Eigenthum und Leben bedrohen lassen, damit der Abgeordnete Schneider bei seinen wahnwitzigen Tiraden einige verständnisinnig lächelnde Zuhörer mehr hat. Wir sollen uns wieder der Wnth des Prager Mob ausliefern, damit wir die Genngthnung haben, dass zum Danke dafür von der Wahl eines Inden in den Vorstand des Prager Casino principiell Umgang genommen wird. Stets waren die Juden die Wahlmacher bei dem liberalen Wahlen in Böhmen, die meisten Candidaten der Liberalen verdanken den Juden ihre Wahl. Womit haben sie dies dem jüdischen Volke gedankt? Damit, dass einer nach dem anderen die Herrschaft der weißen Nelke anerkannt und heimlich unterstützt hat. Ein Blatt, das daher heute noch verlangt, dass das Judenthnm sich an den Wagen des Liberalismus spannen soll, hat für die jüngste Geschichte des jüdischen Volkes kein Gedächtnis oder kein Verständnis. Die ganze impulsive Bewegung, die heute das jüdische Volk ergriffen hat, ist ein Niederschlag der Erfahrungen, die es mit seinen Bundesgenossenschaften gemacht hat, ist der Reflex der Erniedrigungen und Undankbarkeiten, die es erlitten; und die Juden wieder znrücktreiben in den liberalen Pferch, ist ein der Vergangenheit hohnsprechendes Attentat auf ihre politische Denkweise. Heute weiß jeder Jude, wieviel er von den Liberalen zu erwarten hat; die Elltrüstung über ihr Vorgehen ist im Judenthum eine allgemeine nnd hat sich nur bei denen nicht Bahn gebrochen, deren Urtheil im Dienste einer Clique getrübt ist. Der Magnet des Liberalismus, der die Inden einstmals angezogen, hat sich gedreht, und den negativen Pol zur Wirksamkeit gebracht, der die Juden abstößt. Heute muss die Parole lauten: „Los von den Liberalen!" Wir müssen uns durch eigene Kraft aufraffen und ans dem Schlamm heben. Wir müssen es ablegen, auf die Erfolge anderer zu blicken, die nicht unsere Erfolge sind. Ans allen den bitteren Enttäuschttttgen, die uns die Liberalen verursacht, sind wir zu der Plattform der Idee emporgestiegen, dass wir uns zusammenschließen und vereinigen müssen, wenn wir zur Geltnng kommen wollen. Die rissigen Argumente der „Prager Gemeindezeitung" können uns in unseren Bestrebungen ebensowenig beirren, als wir die Anschanungen der Prager Casinoten jemals zu den nnserigen machen tverden. Dr. Adolf Stranskys neueste Wandlung. Der getaufte Jude Dr. Stransky, Führer der czechischen Partei Mähren-, will sein Judenthnm durch einen ebenso bornierten wie lächerlichen Judenhass vergessen machen. Es war im mährischen Landtage nur dem Herrn Dr. Stransky Geschieden, diese traurige Rolle zu spielen. — Anlässlich eines vom Abgeordneten Auspitz eiugebrachten Antrages, der israelitischen Cultnsgemeinde in Olmütz ein Darlehen von 00.000 fl. ans der mährischen Landescultnrbank zu bewilligen, war es der einzige getaufte Jude Herr Dr. Stransky, der den traurigen Math fand, dagegen zu sprechen, mit der lächerlichen Motivierung. die israelitische Cultnsgemeinde in Olmütz sei nicht gut genug für den Betrag. Als gewesener Jude musste doch Dr. Stransky wissen, dass bis jetzt noch niemals eine jüdische Cultnsgemeinde ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen ist. Dafür haftet schon das Solidaritätsgefühl aller Juden! Freilich, wenn wir lauter Stranskys wären, dann — Meint Herr Dr. Stransky etwa, sich durch ein solches Verhalten die Juden Mährens, ans die er schon so lange speculiert, wirklich zu Freunden zu machen? Oder glaubt Herr Dr. Stransky, dadurch sich selbst einen Dienst erwiesen zn haben, dass er sich als Judenhasser in optima forma geberfcet? Wir erinnern ihn nur an das Schicksal des Dr. M. A. L v w, der auch nicht genug in diesem Genre arbeiten zn können glaubte und heute ein stiller Mann geworden ist. Wir geben dem Herrn Doctor Stransky die Versicherung, dass auch er längst vom Schauplatz verschwunden sein wird, und das Judenthnm fort und fort bestehen wird, trotz alledem. Ueber Beschwerde des Gern sind erath es Brunner hat der Verwaltungsgerichtshof entschieden, dass der Beschluss des Gemeinderathes, dem St. Laurentius Kirchenbau-Verein in Breitenseld eine Subvention von fl. 30.000 zn gewähren, gesetzlich nicht begründet nnd daher aufzuheben sei. Diese Entscheidung ist voll und ganz dem Gesetze entsprechend und konnte auch niemanden überraschen. In der Erkenntnis, dass damit auch dem bekannten zwei Millionen- Anlehen ein Ende bereitet wurde, hat Dr. Lueger, die Verfügung getroffen, sämmtliche vom Gemeinde - rathe seit ' dem Jahre 1891 gewährten Subventionen für Stiftungen, welche nicht bloßen Gemeindezwecken dienen, zurückznfordern. Die Absicht, welche dieser Aendernng zugrunde liegt, ist wohl ganz klar. Der Herr Bürgermeister hetzt die Bevölkerung gegen den Obersten Gerichtshof und gegen — die Inden. Indem man Vereinen künftighin mit Bezugnahme auf das Urtheil keine Subveutiouen mehr ertheilen wird, werden die Parteigrößen der Antisemiten in Versaminlungen darauf Hinweisen, dass ein Jude die Beschwerde eiugebracht und einem Juden dem Gesetze gemäß das Recht zugesprochen wurde. Diese neueste Etappe der Agitation gegen Inden leitet das anti- Von feinem Humor und gediegener Kenntnis des jüdischen Schriftthums zeugen Bernsteins Novellen aus dem jüdischen Volksleben. (Aron Bernstein, geboren 1812 in Danzig, gestorben 1884 in Berlin, war für den rabbinischen Beruf bestimmt, widmete sich jedoch der Pflege der Naturwissenschaften. Dieser entsprossen die Werke: „Natur und Cultur", „Naturwissenschaftliche Volksbücher", „Ursprung der Sagen von Abraham, Jsak und Jakob", „Reactions- und Revolutionsgeschichte Preußens". Auch als Publicist thätig, gründete er die demokratische „Urwähler-Zeitung".) Die Erzählungen „Vöggele der Maggid" und „Mendel Gibbur" haben erotisches Milieu. In der ersteren versteht es die Tochter des Aufsehers des rituellen Bades Chaim Minkowitzer, Vöggele, durch ihre rhetorische Begabung Täubchen, die Gattin Reb Noah Bralls, des reichsten Mannes der Gemeinde F., zu bestimmen, 2 Talmudjünger (Bochurim) in die Stadt zur Erlernung eines Geschäftes zu schicken, die sie und ihre Schwester Golde nach erfolgter Rückkehr ehelichen. Tableau: Behaglich zärtliches Familienglück! — Der Wachtmeister und Leser Schlapp sind stereotype Personen in fast allen Ghettogeschichten. Der erstgenannte als der Vertreter der ausübenden Gewalt und Obrigkeit des Städtchens, dem am Sabbath ein Gläschen Brantwein zn reichen als „Tribut wahrer Religionsfreiheit und echter Gleichberechtigung aller Bekenntnisse" gilt, und Leser Schlapp, der auch als „Gawriele Stuffer" und unter anderen Namen figuriert, der Hofnarr der Judengemeinden. Er musste über alle Vorkommnisse in der „Gasse" seine satirischen Bemerkungen und Witze, „gleiche Wörtchen", auch „Lotzelech" genannt, zum Besten geben, um so die anwesenden Frauen, Kinder und Greise — die Männer waren meist auf dem Wege nach Erwerb — zu zerstreuen und zu unterhalten. Diese Sorte Menschen haben, wie unsere Kritiker, mehr Feinde als Freunde. Und besonders Reb Abele wusste durch solche Bonmots, die auch zuweilen den Anstrich jüdischer Gelehrsamkeit trugen, Mendel Gibbur zu behelligen, der ihm diese übelnahm und nie vergessen konnte. — Bernsteins Schilderungen sind reich an geistreichen Aperyus und Wortspielen. Bei Anführung mancher herkömmlicher cermonieller Gebräuche sucht er seine Stellungnahme zu diesen Nuditäten sub rosa, aber unzweideutig auszudrücken, so über das Tragen des Taschentuches am Sabbath u. a. m. Leopold Kompert verdient mit Fug und Recht der im Vorjahre verstorbene Gelehrte EduardKulke als nahezu ebenbürtig an die Seite gestellt zu werden, obwohl er sich selbst in einer Widmung an Leopold Kompert als dessen „Jünger" bezeichnet. Den Theil besagter Zueignung, der von Kulkes rührender, innerlichster Bescheidenheit beredtes Zeugnis ablegt, will ich hier wiedergeben. „So nimm dies Buch, denn es ist Dein, Du weißt am besten, wie ich's mein; Und hat es irgend einen Wert, So ist's darum, weil's Dir gehört. Nicht ford're ich für mich den Ruhm, Er ist Dein eig'nes Eigenthum, Ich geb's zurück, Dir stell' ich's zu; Denn ich bin Jünger, Meister Du." Komperts Antwort ans Kulke's Gedicht — der Brief bildet die Vorrede zu „Geschichten aus dem jüdischen Volksleben" — scheint mir von besonderer Bedeutung nnd literarischer Wichtigkeit, weil sie das kritische Urtheil des „Großmeisters" über den „Jünger" enthält. Die darauf Bezug nehmende Stelle lautet: „Sie wissen, mit welcher Genngthnung ich jedesmal in Ihnen, wenn ich so sagen darf, gleichsam den Jünger begrüßte, der das Genre, dem ich mich widmete, meinem Verständnisse und meiner Auffassung desselben zunächst kommt... Ich fühle, dass Sie dichterisch mit mir auf demselben Boden stehen ... abgesehen von einigen poetischen wie technischen Schwächen, wohin ich namentlich die noch nicht ganz erfolgte Bewältigung des Jargons, die oft unnöthige Anwendung desselben, wo episches statt dramatisches Behandeln am Platze wäre, sowie zuweilen psychologische Sprünge in der Entwicklung der Charaktere, finden sie in dem Buche eine Fülle lebenswahrer und lebensabgelauschter Gestalten vor, die an und für sich die Signatur dichterischen Schaffens an sich tragen." — So schrieb Kompert im Jahre 1867. Seitdem hatte Kulke viel Neues und Bedeutendes aus der „Gasse" auf den literarischen Markt gebracht. Auf eine Eigenthümlichkeit, die in den Schriften Komperts und Kulkes augenfällig ist, möchte ich gerne hier aufmerksam gemacht haben. Beide Autoren überlassen es ganz der eigenen schaffenden Kraft ihrer gewiss gespannten Leser, sich die Seelenzustände ihrer Ghettogestalten auszumalen. Der Phantasie des Lesers werden wohl recht günstige Coneessionen gemacht, es wird ihr freier Spielraum gewährt, jedoch mit der nothwendigen Einschränkung, die die specifische Seelenmalerei durch Fragen erfährt, die die Verfasser in buntem Nebeneinander aufrollen. Alle zielen darauf ab, das momentane Bewusstsein, die gegenwärtige Seelenstimmung der handelden Personen zu charakterisieren, aber in einfachen, dürftigen Umrissen nur. Solche katechetische Redeformen rein psychologischer Natur, dürfen für die Erhöhung der Aufmerksamkeit nicht unterschätzt werden, obwohl S. Kohns Ghettoerzählungen, trotzdem sie dieser Ausdrucksweise entbehren, ebenso anziehend und fesselnd wirken wie die erstgenannten, nur um ein Erhebliches vermehrt durch die gesteigerte Lebendigkeit, mit der Kohn uns die Vorgänge des Innen- und Außenleben seiner Figuren zu zeichnen vermag. Dies wollte ich nur zur unterscheidenden Kennzeichnung der Phasen des Ghettoschriftthums angeführt haben. Was das Lesen von Kulkes Werken so wert macht und erfreut, ist seine behagliche, familiäre Schilderungsweise, der intime Liebreiz, der auf allen Figuren, handelnden wie episodischen, ruht, und der sanfte Hauch echten, reinen Realismys. Novellen wie: „Wie Alt-Eisik wird tänzerig", „Er hat Fisch gegessen", „Der Zigeunerhannes", „Der Kunstenmacher", „Das Schnorrerkind" sind eindringliche Zeugen der kräftigen, lebensvollen Darstellungsart Kulkes. Dramatisches lustspielartige Knotenpunkte, feiner, oft satirisch gefärbter Humor, angenehme Lösung, befriedigendes Ende des behandelten, schlichten, familiären Stoffes bilden den geistigen Inhalt, machen die innere Ausstattung der Er- .st« x ■ . ' 'V* ■'