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Jüdisches Volksblatt · 1899-02-24 · 2 (24.2.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
2 (24.2.1899)
Date
1899-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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-—---— . ' ■■■— --—< Rrdartion: 11/2, Untere Rugartenstraße 19. Sprechstunden: An Wochentagen von 4 bis S Uhr nachmittags: an Sonntage» von 10 bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« Bottsblatt, Wien, li;2. * ’ wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. - Manuskripte werden nicht zurücka-stellt. Postsparcasten-Eonto. In das Abonnement kann man täglich rintreten. < ---—--* Erscheint ickit Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Presscnmmissron. Inserate übernchmen die Finnen: I. Dannebcrg, A>. Dukes, Haasenstcin & Vogler, Rudolf Moste, A. Oppclik, M. Pozsonhi, A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 6 kr. < >-----— Administration: 11., Unki Abonnent, Für Wien «. Oesterreich-Ungarn samint Franeozustellnng. Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 3-- Vicrteljährig.fl. 1.— »-n- -—9 ere Ilugarterrstrahe 19. mtspreis: Für das gesummte Anstand samint Francoznstellnng. Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 3.35 Vierteljährig.. fl. 1.15 Kr. 2. Wien, 24. Februar 1899. Die Hamans und Mordchais. Wien, 24. Februar 1800. An allen Enden der Welt, wo Juden wohnen, ertönt Heute abends das hehre Lied von Mordchai und Esther, den beiden Lichtgestalten aus der ersten Diaspora unseres Volkes, und nach altem Brauche feiert heute abends jeder Jude in schmerzlich-stiller Freude den Tag der wundersamen Errettung Israels. Die wunderbare, poetische Geschichte aus i>er Vergangenheit unseres Volkes ist alt, viel älter, als die Cultur so manchen Volkes dieser Erde. Allein sie hat zu unserem Unglücke nie aufgehört, neu zu sein, sie hat zum Theile ihre Auferstehung gefunden in den allerjüngsten Tagen. 'Die Juden wohnen in den Landen Persiens und Medleys, sie leben ruhig und behaglich, assimilieren sich in Sprache und Sitte, assimilieren sich bis zur Mischehe. Mordchai hat Sitz und Stimme im königlichen Rache, die „Großen" sind geladen zur königlichen Tafel, und alle gl'üÄven mit persischem Bürgerstolz an ihre Rechte, an ihre Zukunft. Doch sieh'! Da erhebt sich der Neid, Verleumdungen werden ausgestreut und der Premier-Minister Haman I. bringt einen Gesetzentwurf ein, der da nichts weniger fordert, als alle Juden zu ermorden, zu vernichten, sie auszurotten. In der Judengasse wird geklagt, geweint, man eilt zu Mordchai, er möge die Königin Esther erinnern, dass auch sie eine Jüdin sei. Das alte Lied klingt den Jahrtausende entfernten Nachkommen bekannt. Die Juden erinnern sich ihres Judenthums nur dann, wenn die Hamans sie verfolgen, wenn von außeu her moralische und materielle Unbill sie bedrücken, wenn sie erkennen, dass sie mit all ihrer Heuchelei und Assimilation nichts ausgerichtet. Und des alten Haman Anklage: Ihre Gesetze sind verschieden, und die Gesetze des Landes befolgen sie nicht — sie liegt wörtlich im Munde der Hamans unserer Zeit. - Die Hamans unserer Zeit? ■ Als ob es in der Geschichte unseres Volkes nur eine Epoche gäbe, in der uns keine Hamans erstanden wären! „Heute ist Purim, morgen ist's aus!" singen unsere Kinder. Die Purimfreude ist aus, das Purim mahl, Speise und Trank, sind nur für heute. Allein die Verfolgungen, unsere Todfeinde, die Hamans, leben weiter, sie leben und herrschen durch alle Lande hindurch, unter allen Zonen, in allen Verhältnissen. Was immer wir auch sein mögen, was immer wir thun und lassen, welcher Partei, welcher Gesellschaft, welcher Schichte der Bevölkerung wir immer auch angehören mögen — wenn nur nicht uns selbst — unsere Feinde werden uns immer verfolgen, werden nie aufhören zu verleumden, zu denuncieren, nie aufhören zu schreien: Der Jude muss verbrannt werden! — An Hamans fehlt es nie! Doch wo sind s i e, die Mordchais und Esthers? Wie sehr doch brauchten wir jetzt einen Mordchai, der stolz seine nationale Würde zu schützen weiß und der ganzen Welt offen verkündigt: Ich bin Jude, und meine Geschichte, meine Manneswürde, mein nationales Selbstbewusstsein gestatten mir nie und nimmer, ein Schleppenträger zu werden, und mag es beim Mächtigsten im Lande sein, bei einem Haman! Wie sehr doch benöthigen wir eine Esther, ein gefühlvolles, starkes, jüdisches Weib, das trotz des äußeren Glanzes ihrer socialen Stellung mit thränenden Augen ausruft: Wie kann ich sehen die Trauer meines Volkes! Eine Esther, die in der harten Noth den Rath gibt: G e h' h i n, versa m m t e a l l e Juden. Und einen Mordchai, der diesen Rath befolgt, und ihn zur Thatsache macht! Versammle alle Juden! Zusammennehmen, zusammenrasfen, zum Selbstbewusstsein bringen, organisieren, das war der Rath Esthers und die That Mordchais zu jener Zeit. Und das ist der Rath und das sollte sein die That auch in unserer Zeit. Das ist das einzige Mittel, das uns helfen kor.^e 0u allen Zeiten, das uns ganz insbesondere helfen könnte in unseren Tagen. Haman wird immer siegen, solange wir „zerklüftet und uneinig" sind. Doch wir werden im Kampfe bestehen, wenn der Rath: Geh' hin, versammle alle Juden, zur That geworden ist. Helden werden wenige geboren. Es sollen auch nicht alle Juden Mordchais, alle Jüdinnen Esthers werden. Aber wahrlich traurig ist es, dass nicht ein Mordchai, eine Esther unter uns sich findet. Voll Siegesbewusstsein gehen die Hamans überall herum, sie stiften „Affairen" an, sie verbreiten ihre schändlichen Lügen, unheimlich wächst ihre Zahl durch die ganze Welt, denn, sie wissen, dass wir noch inaner uneinig und zerklüftet sind. Wann endlich wird die Zeit kommen, da unserem Volke ein Mordchai und eine Esther ersteht? Oder sollte es vielleicht zu spät sein?--- Man erzählt in unserem Volke eine alte Mär: I. Jahrgang In einem kleinen polnischen Städtchen saßer einem Purimabende die Familie und viele geladene Fre . beim Pnrimmahle, man aß und trank, gab sich der FreüdD hin, Masken kamen und giengen, der eine als Bauer mit ländlichem Dialecte, ein zweiter aus allen Nieren als brummender Bär, ein dritter als Gigerl, ein vierter als Dandy, ein fünfter gar als Türke verkleidet und jede dieser Masken spielt ihre Rolle fast natürlich. inuvtinfititp. fipnicrfft* mit traurigem Ernste: „Ich sehe da die Masken aus aller Herren Ländern. Macht doch auch einmal die Probe, in der Maske eines Juden zu erscheinen Zur Lage der Wiener jüdischen Lehrerschaft Die Wiener Judenschast dürfte in ihrer überwiegenden Mehrheit über die internen Schul- und Lehrangelegenheiten ganz im Unklaren sein, da es bisher in den weiteren Kreisen unserer Glaubensgenossen nicht Sitte war, sich ihrer unterdrückten Genossen in der Lehrerschaft zu erinnern. Wie der Lehrstand überhaupt, wurden die jüdischen Lehrer von jenen Wiener Blättern, die ausschließlich jüdischen Interessen dienen, Stiefkindern gleich behandelt. Nur ab und zu, wenn die Erregung die Massen zu ergreifen drohte, hörte man seitens „der maßgebenden Judenschast" Klagen und Verwahrungen, die aber nur zu bald und zum Schaden der jüdischen Lehrerschaft verstummten. Die Blätter aber wendeten sich wieder jenem Gebiete zu, auf welchem sie sämmtliche jüdische Interessen geschützt zu haben vermeinen, zu finanziellen Angelegenheiten, und vernachlässigten die ungleich. wichtigeren cultnretten. Im Verlaufe unserer Anssührnngen wollen wir noch darauf zurückkommen. Die schamlosen Gesetzesverletzungen der in der Gemeinde-- stube herrschenden Partei, die frechen Angriffe der Christlich- Socialen gegen das bestehende Gute in unserem Reichsvolksschulgesetze sind wohl allen in trauriger Erinnerung. Mit geradezu unglaublicher Frivolität werden die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen bei Besetzungen trotz bester Qnalification und höherer Dienstzeit präteriert; diese Thatsachen brauchten wohl keiner besonderen Erwähnung, sie sind zur Genüge durch wiedetholte Interpellationen in der Wiener Gemeindestube bekannt, die von Seite des Bürgermeisters stets mit dem ihm eigenen Feuilleton. Allerlei Maskeraden. Motto: Immer und überall ist's Purim. I. Wien, eine Theegesellschaft, Praterstraße. — „Sag' doch, liebe Cousine, wer ist der junge Mann dort, — der blasse mit den leuchtenden Allgen?" „Der . . . mein Bruder hat ihn eingeführt. . . . Ich habe den viamen vergessen . . . Doch weißt Du schon, wen wft heute hier haben werden?. . . Ah, da ist er schon .. . Entschuldige!" — Und fort war sie. Eine mittelgroße, schöne Erscheinung, röthlicher Vollbart, Goldkileifer ans der schmalen Nase, Stirne von Glgtzengnaden, uilruhige grüne Augen, etwas breiter Mund mit dünnen Lippen, — so sah der Eintretende aus. Geräuschvoll begrüßt, war er der Mittelpunkt des Abends. Ich hielt mich anfangs im Hintergründe. - Vor mir unterhielten sich zwei ältere Damen. „Welches Glück für Eltern, einen solchen Sohn zu haben!" ' „Das will ich glauben." „Sie wissen doch, er ist die Seele des „Morgenbvten". Wenn er heute weggeht, geht das Blatt ein!" „Wirklich'? WaL sie ihm da bezahlen müssen!" „Sie können sich denken! Aber verdient er es denn nicht'? So ein Kops! So ein Genie!..." Nun trat ich vor und stand dem Genie gegenüber. E« sprach gerade: „Haben Sie meinen letzten Artikel gelesen?" . „Gewiss, Herr Doctor!" antwortete ein beleibter Herr „Einfach famos! Genial!" . '„Den Artikel über die Nothwendigkeit einer Coalition und Coneentration aller deutschen Parteien?" v im—m iiimiafcBnaowi——ub—emi—qo—aa——aaammmm „Ja, ja, gewiss! Ich war entzückt. Mein erster Eindruck war: Nach dem wird sich das Ministerium nicht mehr lange hatten können!" „Diese Empfindung habe ich selbst." Eine Pause. Dann fuhr er fort: „Es sind ja eigentlich keine neuen Gedanken, die ich da vorbringe, aber die Art, wie ich es sage..." „Ganz recht! Und noch mehr, dass Sie es sind, der es sagt . . ." Bescheiden trat ich wieder zurück. Mein Cousin stand in der Nähe. „Du, da war früher ein junger Mann. . . jetzt sehe ich ihn nicht mehr. . . mit leuchtenden Augen. . „Ah, Du meinst wohl den Verfasser der „Gesellschafts-Probleme?" „Er w.-rr's? . . Schade, dass . . ." In diesem Augenblicke kam meine Cousine auf uns zu. „Nun, was sagst Du zu ihm? So viel Geist? Nicht wahr?" „Wen meinst Du? . Sie sah mich groß an. Dann gieng sie mit einem verächtlichen Blicke fort. , . Mein Cousin begleitete mich zur Thür. Vor uns giengen zwei Herren: „Ein Genie, sag' ich Ihnen, ein Genie!" „Er soll mit Gerhart Hauptmann sehr intim sein". „Und wie! Aber, im Vertrauen, — Gerhart Hauptmann ist ein Hund gegen ihn!" Wir sahen uns verständnisinnig an und lächelten über die ahnungslosen Engel. II. Brün n, ein, Glacis-Caf6. Ein sonniger Wintersonntag. Ich will Zeitungen lesen, trete ins Cafo. Ueberfüllt! Endlich finde ich ein Plätzchen. Ich sehe mich um: Tuchbranche und zweifarbiges Tuch... Alle Zeitungen vergriffen: Was bleibt übrig, als Beobachtungen anstellen? An meinem Tische sitzen zwei Damen. Eine blonde Aristokratin und eine schwarze — Nichtaristokratin . . eine, wenn ich nicht irre . . ., doch vielleicht irre ich . . .i. Officiers-Gattinnen sind beide, gehören zum Tische nebenan, an dem Officiere sitzen. Ich blicke dahin. . . Aha! Da sitzt er, der Gatte der Schwarzen: Ein fescher Hauptmaim mit braunen, klugen und feurigen Augen und buschigem, schwarzbraunem Schnauzbart. So würde wohl Josua auZgesehen haben, wenn er in österreichischer Uniform gesteckt hätte. Er spielt übrigens Schach und kümmert sich die ganze Zeit nicht um seine Frau. Desto mehr kümmere ich mich um sie, als stiller Beobachter. Ich lausche dem Gespräche, das sie mit der Blonden führt. Nichtssagendes Zeug! Nur die Sprechweise fällt mir auf: Oesterreichischer Dialect der höherenVolksschichten, aber doch nicht echt, etwas Erzwungenes darin. Maske. Ich scheine doch richtig gerathen zu haben. . . Doch was geht's am Ende mich an. Ich habe endlich eine Zeitnng ergattert und will nun lesen...! Plötzlich eine dürre Stimme, deren Tonfall mir auffällt, hinter mir, über mich hinweg: 1 „ Guten Tag, wie gehts?" : Und eine kurze, leise, verlegen hustende Antwort der schwarzen Dame: „Danke, gut!" Ich sehe die Dame an: Erregt, geänstigt. Ich blicke nach rückwärts: Ein kleiner, bejahrter Mann, mit einem unglaublich zufriedenen, wohgenährten Gesichte; das Kinn ist "sorgfältig rasiert, aber — die Nase stark und krumm und der Blick so händlerartig scharf. . . Ich begreife. „Wie geht's Ihrem Herrn Papa?" fragt der Schreckliche wieder. Jetzt klingt ihre Antwort schon drohend: „Er ist in Nizza." „So? .. Grüßen Sie ifju!. . . Adieu!" Und er reicht ihr die Hand über meinen Kopf hin-

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