Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 1 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Redarlion: ll/2, Untere Augartrnstratze 19. Sprechstunde«: An W-chentaaen von 4 bl» 8 Uhr nachmittag»; an Sonntagen von 10 bi» 12 Uhr vormittag», postadrrjf,: Jüdisch«» »olksblatt, Wien, II!-. Vrsrkiwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir un» dringend. — Manuskripte werden nicht zurülkgestellt. Postspar casfen-Lonto. In das Abonnement kann man täglich cinttcten. Erschtillt jede« Santatng unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsrommisfion. Inserate übernehmen die Firmen: I. Dauneberg, M. Duke», Haasenstein Sc Bögler, Rudolf Masse, A. Opvelit. M. Pozsonyi, A. Schalet in Wien, ferner alle Annoncrn-Exreditionen im Au»lande. Einzel-Nummer in Wien 6 kr. Administrativ»: II., Untere Augartenstrahr 19. AbonnemeutSpreiS: Für «Vien n. Oesterreich-Ungarn Für da» gesammte Ausland sammr Franeozustellung. sammt Francozustellung. Ganzjährig.fl. 4. - Ganzjälrig.fl. 450 HalbMrig.fl. halbjährig.fl. Bierleliävrig.fl. I.— , Vierteljährig.fl. J..45 Ur. 1. Wir«, 18. Februar 1899. 1. Jahrgang. Die Wsche ««ltsfertei. Inmitten der allgemeinen Erhebung der Völker, die unser scheidendes Jahrhundert mitnimmt ins neue und die ihm mit vollstem Rechte den Namen des nationalen gab, vollzieht sich langsam ein bemerkenswertes Ereignis: Das Erwachendes jüdischen Volkes. Halb unbewusst noch schöpft es die Kraft aus seiner mehr denn 5000 Jahre alten Geschichte, aus seiner Geschichte voll des furchtbarsten Leidens, voll des tiefsten Jammers, doch nicht minder reich des höchsten Opfermuthes, der höchsten Entsagung. Halb unbewusst noch fühlt der einzelne Jude die Größe der Cultur, die seine Ahnen ihm hinterlassen, fast unbewusst noch fühlt er die Größe seines eigenen Geschickes. Und in dem mächtigen Aufbaumen seines befreiten Sclaventhums tritt er wieder ein in die Weltgeschichte und verlangt die Sanktionierung seines Rechtes, Mensch zu sein, nicht mehr als unliebsam Geduldeter einer fremden Nation, sondern lediglich als Jude, als JuD^ und immer wieder nur als I u d e. Die Kürze der Zeit seit dem Erwachen des nationalen Gefühles unseres Volkes, sowie die einzigen Verhältnisse, in denen wir Juden leben, hat eine bestimmte Form und ein bestimmtes Ziel unserer Bewegung noch nicht ausreifen lassen. Doch möge diese sich wohin immer auch richten, des einen können wir sicher sein: Sie werden durch die Macht der uns überlieferten Tradition niemals ins Fahrgeleise jenes hässlichen, nationalen Chauvinismus gerathen, dem in völliger Misskennung des nationalen Gedankens die Existenz des einen Volkes nur gleichbedeutend ist mit der Vernichtung eines anderen. Nicht herrschen wollen wir, doch auch nicht beherrscht werden. Nur Gleichberechtigung verlangen wir, aber nur als Juden. Und wir verlangen diese Gleichberechtigung nicht etwa als Gnade, sondern als unser gutes Recht. Wir haben redlich mitgekämpft, mitgeblutet und mitgezahlt für das Neugefüge dieses Landes. So lange wir auf diesem Boden leben, auf dem so manche Stelle ein blutgetränkter Zeuge der furchtbaren Geschichte unseres Volkes ist, indem soviele unserer Vorfahren zur seligen Ruhe bestattet wurden, so lange haben wir die Pflicht, hier auszuharren und zu kämpfen für das, was unser Recht ist. ' Doch eine neue Form soll dieser Kampf haben. In den natürlichen Grenzen unserer, durch Geschichte, Cultur und Abstammung bedingten Entwicklungsrichtung Feuilleton. Mdischq TheatN in New-Hvrk. Eine Tulturstizze aus der Weltstadt. In keiner anderen Weltstadt wohnen die grellen Contraste so hart aneinander, wie auf dem langgestreckten Häusermeere der Manhattan-Halbinsel. Reben der quirlenden Erwerbsjagd des Geschäftsviertels an der „Chamber"- und „Canalstreet" die vornehme Ruhe der Fifth Avenue, mit den Prachtvillen der Dollarkönige, deren feudale Abgeschlossenheit nicht einmal das Geräusch der allerwärts, selbst in die schmälsten Gässchen einmündenden „Elevated“ duldet; hart am vornehm glänzenden Weltstadtleben des „Broadway“ das enge schmutzige Gaffengewirr der ..Bowry“ mit den anstoßenden Chinesen-, Italiener- und Judenvierteln, deren schier unerschöpflichen Schmutzgruben und dem Gepräge eines völlig „unmodernen", durch seine Aufdringlichkeit abstoßenden Elends. Es ist, als ob der festlich erleuchtete Kupvelbau des „ljVc>r1d"-Gebäudes hineinleuchten wollte in diese Ghettos der Weltstadt; hineinleuchten, um die bessere Besichtigung zu ermöglichen, die für die dollarliebenden Aankees blankes Gold bedeutet. Venn der Fremde, der diese Stätten eigenartiger Verkommenheit sieht, wird gebannt und gefesselt davon, für ihn wird der anyehäufte Schmutz zur pikanten Sehenswürdigkeit, für btt er willig das dafür bestimmte Geld imsgibt. Wenn das Nachtleben daS Geräusch deS Tages hereindrängt in diese Lotterviertel deS Westens, dann gleißt und glitzert daS Rauschgold der übermalten Herrlichtesten; in Nacht und Finsternis verschwindet der dahinterliegende Schmutz des nackten, grellen Elends, frohe Musik und WMeiker Jahrmarkt-kram vergolden Die ^furchtbaren WWMensesten der Riesenstadt am Hudson. Man durchsoll er sich bewegen. Und gleichmäßig muss diese Richtung* 1 eingehalten werden, nach außen und nach innen hin; gegen unsere äußeren Feinde, um unsere verbrieften Rechte thatsächlich zu. erhalten, nach innen hin, um jene Elemente unschädlich zu machen, die noch immer schwächlich ihr Judenthum verleugnen und unter dem äußerst fadenscheinigen Mantel einer niemals vorhandenen, kosmopolitischen, oder niemals verstandenen fremdvolklichen Cultur, unsere eigene bewusst oder unbewusst zersetzen. Im Vollbewusstsein aber, dass.uns vorläufig weder von Seite des Staates noch von irgend jemand Anderem mitwirkende Hilfe kommen könnte, soll dieser neue Weg mit unserer eigenen Kraft angebahnt werden. . Nicht mehr auf andere dürfen wir uns verlassen, wir sind am stärksten immer allein. Und soll der Weg sein Ziel haben, dann muss die Arbeit bei uns selbst beginnen. Was uns am dringendsten noththut, das ist die innere Arbeit. Moralisch und materiell müssen wir vorerst uns selb st helfen, in allen Zweigen des Culturlebens, doch insbesondere auf culturell-socialem, wirtschaftlichem «und politischem Gebiete. Wir wollen auf culturell-soialem Gebiete eine kräftige Wiederbelebung unserer eigenen, unserem Fühlen entsprechenden Geistescultur, ohne uns der anderer Völker verschließen zu wollen. Diese Neuaufnahme und Weiterbildung unserer Cultur ist nothwendig, um vor allem in den Heranwachsender. Generationen den Grund zu legen zu jener harmonischen Charakterausbildung und geistigen Stärke, die zu einem ^ucchlichen Wirken für Volk und Staat unerlässlich ist. Wir wünschen, um alle Reibungsflächen zu vermindern, die Zurückziehung auf unsere eigene Gesellschaft, ohne deshalb den geistigen und culturellen Verkehr mit den anderen aufgeben zu wollen. Besser ein friedliches, achtunggebietendes Nebeneinander, als ein nur hasserfülltes und Missachtung zeugendes Untereinander. Wir wollen auf wirtschaftlichem Gebiete vor allem jenen Theil des Antisemitismus, der unleugbar einen wirtschaftlichen Hintergrund hat, möglichst aus der Welt schaffen. Das kann nur geschehen durch eine größere Entlastung des Zischenhandels von unseren Volksgenossen, durch eine allmähliche Auftheilung der Juden in die verschiedensten Erwerbs- und Berufsarten. Hier wird es sich vor allem darum handeln, einen großen Theil unserer Stammesgenossen, der derzeit in den kümmerlichsten Erwerbsverhältnissen lebt, der productiven bürgerlichen Arbeit zuzuführen, insbesondere dem Ackerbau und dem Handwerk. Die unleugbar hohe Durchschnitts¬ Intelligenz unseres Volkes, seine leichte Auffassungs- Anpassungsgabe wird uns hier zühilfe kommen, um Durchführung dieser Maßnahmen jene ganz modernen Mas, -regeln zu treffen, die eine wirtschaftliche Stärkung unserer- Handwerker und Ackerbauer von allem Anbeginne ver- - bürgen. Auf dem Wege der Selbsthilfe ist dieser Plan fct * absehbarer Zeit durchführbar. Schwieriger ist die Erschließung anderer Berufsarten, wie Staatsbeamten :d., v die man uns trotz aller geschriebenen Gleichberechtigung,; noch immer vorenthält. Dieselbe wird gewiss zum größten Theile von unserer politischen Machtstellung abhängen. Und um eine solche zu erreichen, fordern wir auf politischem Gebiete den Z u s a m m e n f ch lu s s aller ehrlichen, opfergewillten Juden Oesterreichs zu einer großen jüdischen Partei. Wir sind an Seelenzahl, an Intelligenz und Steuerkrast stark genug, um unsere eigene politische Vertretung zu fordern. Wir sind in so manchen Theitök* des Reiches concentriert genug, um selbe jetzt schon zu erreichen. Allein wir werden sie unbedingt besitze», wenn jener Programmpunkt aller politisch Reisen und Eit?--' sichtigen durchgeführt wird, der die einzige politische." Zukunftsmöglichkeit Oesterreichs bildet: Die n a t i o n a U,. i Autonomie. Damit ist die Aussicht auf das Endziel unserer Bestrebungen gegeben. Was uns für die Zukunft des Reiches, in dem wir leben und leben müssen, unbedingt nothwendig erscheint, das ist die Schaffung einer großen Volkspartei, aus allen Völkern des Landes, die, besorgt um das Wohl ' der arbeitenden Classen und in möglichster Erfüllung ihrer? Forderungen, fußend auf dem Boden der nationale!» Autonomie, gleichzeitig eine gesunde Mittelstandspolitik betreibt. Doch eines muss uns Juden vor Augen schweben^ * Die tatsächliche Schaffung dieser Partei, die als- , nothwendiges Product unserer Verhältnisse sich entwickeür muss, darf nie und nimmer von uns aus-» " gehen. Das wäre der Anfang ihres Endes. Wohl aber vorbereiten können wir, den Weg zeigen und betreten, der eingeschlagen werden muss. Und der Weg ist da, kl§r ‘ liegt er vor den Augen aller Reifen und Einsichtigen. Wir alle wissen, was uns notthut. Run denn! Die moderne Zeit hat uns die Mittel auch gegeben, das Nothwendig» zu erreichen. Die Mittel sind: Organisation und Disciplin. Darum wird unser Kampfesruf sein, mit' dem mir als Volk eintreten in die politische und cu5turelle Geschichte Oesterreichs:; Juden Oesterreichs, organisiert Euch!. 1 wandelt märchenhaften Glanz. Von allen Seiten lockt der gleißende Firlefanz, aufdringliche Reclame ladet den Besucher zu vielversprechenden Genüssen. Welche Verwandlung! Am Tage lagen hier finstere, alte Gebäude mit blinden, unrathstrotzenden Fenstern, vor denen aufgehäufter Trödelkram unerquickliche Gerüche ausströmte; langbärtige, gedrückte Gestalten, in der unverständlichen Sprache ihrer Erzväter einander zurufend, bewachten die ,Schätze". Ein Bild orientalischen Jammers, gemahnend an die fluchbeladenen Stätten russischen Barbarismus. Nun glänzt und flimmert nur Lichterglanz und Lampenschein, einladend zum Genüsse. Wir treten ein in solch ein Haus des festlichen Glanzes. „Roumania Opera House“ steht in leuchtenden Schriftzeichen des alten Testamentes über dem Eingänge; ein „jüdisch-nationales Festspiel* verheißt der englisch radebrechende Ausrufer. Der Obolus von einem Dollar verschafft uns einen ersten Sitzplatz; der Theaterzettel, ebenfalls in den Runen der Heiligen Schrift gedruckt, wird uns in die Hand gedrückt. Eine widerliche Stickluft begrüßt uns hinter. dem verschoffenen Sammtvorhange, den der „Logenschließer* achtungsvoll beiseite schiebt; sie wird intensiver, je weiter wir in dem merkwürdigen Raume vorschreiten. Ein weiter Saal, etwa 100 Fuß lang, 40 breit und ausgiebig hoch. Der Zuschauerraitm ist nach der Höhe in zwei Theile getheilt; eine breite Gallerte reicht bis in die Hälfte deS Saales vor. Knapp vor dem zerfetzten Vorhänge zwei Prosceniumslogen an jeder Bühnenseite. Das Orchester ist etwas vertieft, aber kaum zur Vermehrung der Klangfülle für die zwei Geigen und drei Blasinstrumente, welche den gesammten Musikkörper des Opernhauses bilden. Das Haus ist ausoerkqtjft: ' Jnr-Parquet Männer und Frauen.mit Kindern, dstMdaen M^selbst einigen niedlichen Hündchen in friedttchpd EmtraH^Weneinander; die Gallerte Überfüllt tw&OT ßefctn i^jratnb zweier Geschlechter aus einigen Nationen; die Logen füllen sich eben mit der .vornehmen Welt": goldbeladene Frauen, die sich in dem abenteuerlichen Putz und dem Contrast der Umgebung recht eigenartig ausnehmen.! Wir studieren den Zettel: j. Meliz Jauscher i (Der gerechte Richter), » Historische Oper in 5 Acten von Goldfaden » wird angekündigt; das Personenverzeichnis würfelt historisch^ Begebenheiten und verschiedene Zeitalter bunt durcheinander Neben Aron von Arbas, dessen Tochter und Bräutigams figuriert Rabbi Joselmann als „Vorsteher der Juden in Deutschland". „König Karl der Fünfte* wird mit „Kunz Vonderrosen, ein Bürgerspott, Hofnarr bei König Karl" in eine Handlung verflochten, nebenher wandeln ein „Ritter Ullrich" und ein „Bürgermeister von Obernheim'^ in bürgerlicher Gemeinschaft mit „Pfefferkorn, ein getaufteä Jud", mit dem „Schames" (Tempeldiener) und anderen^ mehr und minder historischen Persönlichkeiten. Dabei ist als Zeit der Handlung das 16. Jahrhundert angegebene Das Auditorium wird ungeduldig. Ein Höllenlärms $ verursacht durch Stampfen, Pfeifen, Rusen und andere i, deren Zweck i^. Naturlaute von Zwei- und Vierfüßler» diesem Lärm erst ersichtlich wird, fordert den Beginn. Da Logik und geschichtlicher Genauigkeit nicht ernst und nur die Tendenz sorgfältig festhält: die Tendenz das Juden überall ein unterdrücktes Volk sind. Aus Kaiser Maximilians humorvollem Brautfahrtsgenossey wird hier ein böser Unhold und Judenverfolaer, welcheD eine jüdische Jungfrau dem Ritter Ullrich auSliefern Willi und die Juden dem Henkerbeil. Die Landltma ist worren und unklar; eS scheint, als oo die Nete«rs Worte ganz willkürlich in die Handlung einfügten.