Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1966-09-01 · Heft 130 (September 1966) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1966
Issue
Heft 130 (September 1966)
Date
1966-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2431292-2431401-2431402--1087-2432756
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

SEITE 8 DIE STIMME NUMMER ISO Kulturleistung im Rückblick Die ״Allgemeine" (Düsseldorf) bringt einen noch unveröffentlichten Brief des Dichters an den Dramaturgen des Wiener Volkstheaters, Prof. H. Giücksmann. hl die (!(‘Mliidil(11|<>r1l<;lu? VON STEFAN ZWEIG ״Wer da hat, dem wird gegeben werden, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird genommen, auch was er hatte.“ Dieses Wort, obzwar 2000 Jahre alt, gilt unvermindert auch in der Gegenwart. Wo Erfolg, da strömt Erfolg zu, wo Reichtum, da neues, frisches, quellendes Gold und überdies noch die Anbetung vor dem Golde, der freiwillige Enthusiasmus der Mitläufer und matten Seelen, denn Macht ist die geheimnisvollste Materie der Welt. Magnetisch zieht sie den Einzelnen, suggestiv die Masse an, die selten fragt, wo diese Macht gewonnen und wem sie weggenommen ist, sondern nur ihr Dasein als eine Steigerung ihrer eigenen Existenz blindhingegeben empfindet. Immer war es die gefährlichste Eigenschaft der Völker, sich selbst freiwillig unter das Joch zu stellen, sich begeistert in die Knechtschaft zu stürzen. Und am liebsten unter eine des Erfolges. Jeder Gegenwart gilt dies grausame Wort, daß dem, der da hat, noch gegeben wird. Aber sonderbarer als dies: auch die Geschichte, auch sie, die leidenschaftslos sein sollte, klarsinnig und gerecht, auch sie hat die Neigung, nachträglich dem Recht zu geben, der im wirklichen Leben äußer״ lieh Recht behalten hat; auch sie neigt sich,! wie die meisten Menschen, zur Seite des Erfolges, auch sie vergrößert noch nachträglich die Großen, die Sieger, und verkleinert oder verschweigt die Besiegten. Auf die Berühmten häuft sie zu ihrem tatsächlichen Ruhm noch die Legende, und ,jeder Große erscheint in der Optik der Geschichte fast immer noch größer, als er; wirklich gewesen — den unzähligen Kleij nen wird genommen, was dem Großen zu-! getan wird. Von den Heldentaten eines , Schiffes bleibt der Name des Kapitäns, und ins Dunkle sinken jene, die an seiner; Seite gestorben und vielleicht mehr als er die wahre Leistung gefördert und getan haben. Auf die Monarchen wird der Fleiß j und der Heroismus ihrer Untertanen gei häuft, immer nimmt die Geschichte aus der i Notwendigkeit der Verkürzung auf wenige Namen und Gestalten Unzähligen ihre Tat lind schiebt sie dem Stärkeren zu, denn: ״Wer nicht hat, dem wird genommen, was er hatte.“ | Darum tut es not, die Geschichte nicht ׳ gläubig zu lesen, sondern neugierig-mißi trauisch, denn sie dient, die scheinbar un-! bestechliche, doch der tiefen Neigung der! Menschheit zur Legende, zum Mythos — | sie heroisiert bewußt oder unbewußt einige wenige Helden des Alltags, die heroischen Naturen des zweiten und dritten Ranges, ins Dunkel fallen. Legende aber ist immer, gerade durch das Verführerische, durch den Abglanz von Vollkommenheit, der ge fährliehste Feind der Wahrheit, und darum ist es unsere Pflicht, sie ständig zu überprüfen und die eigentliche Leistung auf ihr historisches Maß zurückzuführen. Eine solche Entgöttlichung mindert nicht die Wesenheit, nicht den Weltwert eines Menschen, sie steigert nur unser Zeit.gefühl, unser Zeiterkennen, sie macht durch Erkenntnis der Vergangenheit uns der Gegenwart mehr gerecht. Nichts ist gefährlicher als die Pietät vor der einmal anerkannten Größe, nichts verhängnisvoller als die Kniebeuge vor der offiziell geheiligten Macht! Wo Legende ihre Ranken gewoben hat, um eine Gestalt psychologisch unsichtbar zu machen, dürfen wir sie, ohne damit blasphemisch zu werden, beruhigt wieder ab lösen; immer müssen wir das Dazutun, das Dazugetane innerhalb der Geschichte wieder korrigieren und dem un- Widerstehlichen Zwang der Menschheit, vor Erfolg sich zu beugen, die reine und gerechte Achtung vor der tatsächlichen Leistung entgegensetzen. Unsere Pflicht ist darum immer, nicht die Macht an sich zu bewundern, sondern nur jene seltenen Menschen, die sie red- 1 lieh und gerechterweise gewonnen haben, j Redlich und gerecht gewinnt sie eigentlich nur immer der geistige Mensch, der Wissenschaftler, der Musiker, der Dichter, denn was er gibt, das ist niemandem genommen.: Das irdische, das militärische, das polit.isehe Herrschertum eines Einzelnen ent-: steht ausnahmslos aus Gewalt, aus Brutalität, und deshalb müssen wir, statt die Sieger blindlings zu bewundern, immer die; Charakterfrage stellen; durch welches Mit-1 tel und auf wessen Kosten einer gesiegt hat. Denn wo im Materiellen, im Staat,lii chen große Macht eines Einzelnen entsteht, dort kommt sie selten aus dem Nichts: oder aus freiwilligem Gut, sondern fast immer ist sie Anderen, ist sie Schwächeren genommen, fast immer hat jeder große, Nimbus da verdächtig blutfarbenen Schein. { Sind wir aber — und ich hoffe, wir sind! es — von der Idee der Heiligkeit jedes I einzelnen Lebens durchdrungen, leugnen! wir das Recht eines Individuums über, Hunderte und Tausende seiner Leidensge-1 nossen die Stufen zur Macht emporzustei-1 gen - sollen wir die Weltgeschichte nicht einzig als eine Chronik von Siegen und Kriegen und nicht, den Eroberer schon vor weg als Helden an, dann erst machen wir jener gefährlichen Vergöttlichung des Er folges ein Ende. Zwischen Macht, und Moral ist, selten eine Bindung, meist sogar eine unüberbrückbare Kluft. Sie immer und immer wieder aufzuzeigen, bleibt un sere ernste, unsere dringendste Pflicht, und wenn dichten nach Ibsens Wort bedeutet ״Gerichtstag halten“, so dürfen wir uns nicht scheuen, auch ah und zu eine der mit serviler Ehrfurcht, gesalbten Gestalten vor unser privates Tribunal zu rufen und auch dem Vergessenen, dem Getretenen das Rocht der Zougensehuft zu gewähren. MAX BROD ÜBER FRANZ KAFKA Zu den schönsten, literaturgeschichtlich und darüber hinaus geistesgesehicht.lich bedeutungsvollsten Dokumenten mensclv licher Gesinnung zählt die Treue, mit der Max Brod Jahre um Jahre, Jahrzehnte nach Jahrzehnten, große Teile seines Schaffens der Erinnerung an seinen Freund Franz Kafka dienstbar gemacht hat, den Dich.- ter, der kaum bekannt war, als er mit 41 Jahren, im Juni 1924, vorzeitig heimging, und heute mit vollstem Recht zu den Größen zeitgenössischer Literatur und zu ihren Bahnbrechern gerechnet wird. Ohne die Hingabe, die Brod an die Sammlung (und Entzifferung) des Nachlasses Kafkas, seiner Fragmente, Tagebücher usw., an ihre Herausgabe und an die Publikation der Romane und Novellen dieses so genialen wie seltsamen Prager Juden gewandt hat, wäre Kafka möglicherweise auch jetzt nur einem kleinen, esoterischen Kreis von Kennern vertraut. über seinen Jugendfreund veröffentlichte Max Brod — unter anderem — eine Biographie, ferner die Abhandlung ״Franz Kafkas Glauben und Lehre“ und die Arbeit ״Verzweiflung und Erlösung im Werk Franz Kafkas“. Sie wurden in der Bücherei des Fischer Verlages (Frankfurt am Main), in einer broschierten Sammelschrift zusammengefaßt. * In Prag wurde eine jiddische Fassung der bisher unbekannten dramatischen Arbeit von Franz Kafka ״Der Flug um die Lampe“ aufgefunden, das das einzige direkt für die Bühne bestimmte Werk des Dichters gewesen zu sein scheint. ״Der Flug um die Lampe“ wird in die deutsche Sprache rückübersetzt. ☆ Eine Gedenktafel wurde am Geburtshaus von Franz Kafka, am Altstädter Ring in Prag, enthüllt. Der Prager Germanist Eduard Goldsticker (der vor Jahren als diplomatischer Vertreter der CSSR in Israel amtiert hat) hielt die Ansprache.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.