Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1965
- Issue
- Heft 127 (März 1965)
- Date
- 1965-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 6 DIE STIMME NUMMER 1 27 Debatte über Dresden Im Verlag „Jugend und Volk“ erschien eine von Robert Jungk verfaßte Broschüre, deren Inhalt die Folgen eines totalen Atomkrieges zum Gegenstand hat. In der inländischen und ausländischen Presse erschienen polemische Aufsätze über die von der amerikanischen und englischen Luftwaffe im zweiten Weltkrieg auf die Stadt Dresden abgeworfenen Bomben, welche diese deutsche Stadt zerstörten und viele Todesopfer forderten. Hätte es sich hier nicht um von den Nazis provozierte Kriegshandlungen gehandelt, wäre diese Art kriegerischer Unternehmungen selbstverständlich verwerflich und im Hinblick auf unschuldige Menschenopfer beschämend gewesen, insbesondere deshalb, weil das Bombardement von Kriegführenden ausging, die die Demokratie normalerweise nicht besudelten und das Menschenleben achteten. Im Gegensatz zur humanen Haltung schrieb aber die Nazikriegführung auf ihre Fahnen Mord des Mordes wegen, Ausrottung „artfremder“ Völker und Beherrschung der Welt; „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt" war die Maxime des tausendjährigen Reiches. Die Vorbereitungen für ihre Eroberungen trafen die Nazis lange vor ihren kriegführenden Gegnern; sie begannen mit der Konstruktion der Atombombe, als die Welt noch nicht daran glauben wollte; sie vergewaltigten Norwegen um den Norwegern das Schwere Wasser zu rauben, sie besaßen Langstreckenbomben, mit denen sie englische und holländische Städte zerstörten. Lange bevor die Alliierten taugliche Defensivwaffen besaßen, drangen deutsche Heere in Polen ein und zerstörten es, sie besetzten Jugoslawien und ihre erste Untat dort verübten sie an Juden, die sie vollkommen ausrotteten. Die nazistischen Berserker besetzten die Tschechoslowakei, Holland, Dänemark, Norwegen, Luxemburg, Jugoslawien, Rumänien, Griechenland, Bulgarien, Ungarn! und drangen ohne vorherige Kriegserkläj rung in das verbündete Rußland ein. Die Besetzung Österreichs ist ein ernstes Proi blem für sich, worüber die Geschichte ein j besonderes Blatt aufschlagen wird. Die Welt weiß es, welche ungeheuren I Verbrechen die deutsche Soldateska in den; von ihr besetzten Gebieten begangen hat. | Viele Städte im kultivierten Europa fielen den nazistischen Mordbrennern zum Opfer, Millionen unschuldiger Menschen erlitten den schrecklichsten Tod durch Hitlergalgen, durch Hitlergranaten und Gewehre, durch Hitler-KZs und Hitlergasöfen, durch unfaßbare, von der SS verübte Peinigungen. Nach den von Nazideutschland verübten abscheulichen Verbrechen an den Menschen und an der Menschlichkeit versucht eine gewisse Kategorie von Menschen den Spieß umzudrehen und das Weltgewissen zu vernebeln. Mit unglaublicher Unverfroi renheit schweigt man darüber, was Nazi! an Warschau, das sie dem Erdboden gleich- | gemacht und deren Einwohner sie mit un-! faßbarer Grausamkeit ausgerottet haben, | verbrachen. Man schweigt sich darüber aus, daß der Nazismus in Holland Verwüstungen angerichtet hat, denen gegenüber Dresden nicht die Bedeutung hat, die ihm heute zugemessen wird. Kriegsverbrecher seien die Engländer, die Amerikaner und die Russen, denen der Prozeß bis heute nicht gemacht wurde. Über die Verbrechen der Deutschen heute noch zu sprechen, sei Felonie, die Prozesse, die die Gerichte gegen sadistische Nazimörder und Wegelagerer führen, seien nicht zeitgemäß und ungerecht, weil die Untaten „aufgebauscht“ werden und überdies hat kein Nazi aus eigenem Antrieb etwas verbrochen, sondern jeder hat in Jüdische Spar- und Kreditgenossenschaft Am 4. März 1965 hielt die Jüdische Spar¬ und Kreditgenossenschaft in Wien ihre 16. ordentliche Generalversammlung ab. Unter dem Vorsitz des Obmannes des Aufsichtsrates Dr. David Schapira, erstattete der Obmann des Vorstandes, Dr. Ludwig Hift, einen erschöpfenden Bericht über die Tätigkeit im abgelaufenen Geschäftsjahr. Dem Bericht zufolge wurden in 14 Sitzungen 79 Darlehensanträge genehmigt und , hiefür der Betrag von S 2,338.000.— flüssig gemacht. Die maximale Höhe eines Darle- : hens an ein Mitglied als Kreditwerber beträgt wie im Vorjahr S 50.000.—. Nach dem Bericht der Revisoren wurde der Rechnungsabschluß per 31. Dezember 1964 genehmigt, der abtretenden Leitung das Vertrauen votiert, und der Vorstand sowie der Aufsichtsrat einstimmig gewählt. soldatischer Treue auf Befehl gehandelt und ist dafür von Hitler ausgezeichnet worden. Der Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat, Machunze, tritt plötzlich als Barde der ÖVP auf und singt öffentlich das Lied von der „Bewältigung" der Vergangenheit. Wie stellt sich dies der Volksvertreter vor? Bewältigung durch Rehabilitierung der SS-Mörder auf der einen Seite und wohlwollende Billigung der Untaten, die verborgene Nazi in Österreich durch Flammenwerfer und Sprengattentate verüben, auf der andern Seite? Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauss verlangt die Aufrechnung nazistischer Verbrechen gegen Verbrechen, die an Deutschen im Krieg begangen worden sind, wobei er die nazistische Ruchlosigkeit vernebelt. Können wir es uns vorstellen, was geschehen wäre, wenn das Nazireich als erstes die Atombombe in die Hand bekommen hätte? In ihrer ganzen Furchtbarkeit hätten sie die Deutschen in den Dienst ihres Todesrausches gestellt und es wäre so ähnlich gekommen, wie Jungk ihre Wirkung in dem nachstehenden Aufsatz beschreibt; Tote und Megatote Ein weltweiter Atomkrieg würde nach Meinung vieler Fachleute voraussichtlich nur einige Tage dauern. „Wahrscheinlich würde die Katastrophe sehr plötzlich eintreten“, schreibt der amerikanische Nobelpreisträger Linus Pauling. „Der Hauptschaden würde vielleicht an einem einzigen Tag angerichtet werden. Während dieses einen Tages würde die Zerstörung der Völker durch Kernwaffen vielleicht so gründlich sein, daß der Krieg damit zu Ende wäre.“ Zwei amerikanische Wissenschafter, der Physiker William W. Kellog und der Meteorologe Charles Shafer, haben 1957 in offiziellem Auftrag zu berechnen versucht, wie groß die Opfer der Bevölkerung der USA an so einem „Tag X“ sein würden. Sie sind von der Annahme ausgegangen, daß an diesem Tag 250 Kernwaffen mit insgesamt 2500 Megatonnen Sprengkraft im Gebiete der Vereinigten Staaten explodieren würden. Ihre Berechnung hat ergeben, daß von einer Bevölkerung von 166 Millionen rund ein Viertel (41 Millionen) am ersten Tag an den Folgen der Luftdruckwirkung und der Glutstrahlung zugrunde gehen würde. Weitere 41 Millionen (ein weiteres Viertel) würden an diesem Tag so starke Strahlungsdosen erhalten, daß sie im Ver-