Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1964
- Issue
- Heft 122 (Mai 1964)
- Date
- 1964-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE S DIE STIMME NLJMMI R IV ■ ZU KEWER ISRAEL GEBRACHT 223 jüdische Naziopfer, die in den letzten Tagen vor ihrer erhofften Befreiung noch von den Nazimördern auf einem Transport von einem Lager ins andere erschossen, mit Benzin übergossen und verbrannt worden waren — es war zweifelhaft, ob alle bei der Verbrennung schon tot waren — wurden am 26. April 1964 in St. Pölten in einem gemeinsamen Grab auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Die Gebeine der Toten waren aus dem Massengrab in Hofamt Priel, wo man ihnen nach 1945 einen einfachen Grabstein gesetzt hatte, exhumiert worden und die jetzige Beerdigung iand unter einer Massenbeteiligung in einer würdevollen Feier statt. Außer dem Oberrabbiner und dem Präsidenten der Kultusgemeinde sprach auch der Bürgermeister von St. Pölten am offenen Grab. Von den 20 jüdischen Kindern, die damals dabei waren, hatten sich fünf gerettet. In der ersten Reihe saß ein 30jähriger Mann, einer von den damals Geretteten, der jetzt in Israel lebt und eigens zu der Begräbnisfeier gekommen war. Die Beteiligung umfaßte tausende Menschen. österreichische Regierungsmitglieder waren als Ehrengäste erschienen und außer den Juden Wiens nahmen viele St. Pöltner Nichtjuden an der Ehrung der Märtyrer teil. ZECH-NENNTWICH: MORD, BETRUG UND HEIRATSSCHWINDEL Der wegen Beihilfe zum Mord an Juden zu vier Jahren Zuchthaus verurteilte ehemalige SS-Obersturmbannführer Zech- Nenntwich, der bekanntlich aus dem Gefängnis in Braunschweig entfloh und von Journalisten in Kairo gestellt wurde, bildet den Gegenstand eines vorläufigen Ersuchens um Auslieferung, welches das Auswärtige Amt in Bonn über die deutsche Botschaft in Kairo an die ägyptische Regierung gestellt hat. Ein interessantes Detail liegt darin, daß mehr Aussicht besteht, Zech-Nenntwich wegen anderer Delikte, die ihm auch zur Last gelegt werden, nämlich Betrug und Heiratsschwindel, ausgeliefert zu bekom¬ ESßDlB, SilllFli®? HERREN-, KNABEN- UND KINDERKLEIDER EN GROS WIEN II, DONAUSTRASSE 87 men, als wegen des seinerzeitigen Mordes an Juden. Mord verjährt erstens in Ägypten nach zehn Jahren und Mord, von Nazis begangen, wird mit Wonne als „politisches Delikt“ aufgefaßt. Wegen politischer Delikte wird nicht ausgeliefert. Betrug und Heiratsschwindel aber sind derzeit, auch international, keine Kavaliersdelikte. Die beiden deutschen Reporter, die ihm durch halb Europa nachgereist sind, hatten scheinbar nur journalistische Interessen, und keine Absicht, dem „braven Mann“ Schwierigkeiten zu machen. Er wird nämlich in Kairo nach wie vor gesucht!! WIZO-AVIV Die Klage: „Es gibt keinen Nachwuchs“, die überall im jüdischen und speziell im zionistischen Leben zu hören ist, wird bei eien jungen Frauen ad absurdum geführt. Es war ein guter Gedanke, außer den ..Jung-Wizo“-Gruppen, in die man die halbwüchsige Jugend hineinziehen wollte, die „Aviv“-Gruppen junger Frauen unter 30 zu gründen. „Aviv" heißt bekanntlich Frühling und wenn die Kräfte von Menschen, die, obwohl schon erwachsen, doch am Beginn ihres sozialen Lebens stehen, gesammelt und gelenkt werden, kann eine sehr wirkungsvolle und segensreiche Arbeit entstehen, wie sie auch an der in Wien bestehenden Gruppe zu sehen ist. Die Beteiligung an den Veranstaltungen ist groß und man sieht hier tatsächlich junge Menschen, die außer ihren persönlichen Interessen noch bereit sind, ihre Zeit und ihre Fähigkeiten für eine uneigennützige ideale Gemeinschaftsarbeit zum Wohle anderer einzusetzen. MÄRCHENERZÄHLER HOGGAN UND SEINE VEREHRER David L. Hoggan, ein Amerikaner, von dem eigentlich niemand ganz genau weiß, wo er seinen Professorentitel her hat und wo er seine wissenschaftliche Tätigkeit ausübt, ist auf dem besten Weg, eine kleine Berühmtheit zu werden. Nicht seiner besonderen wissenschaftlichen oder sonstigen Leistungen wegen, sondern deshalb, weil eine kleine Gruppe von Nazis in Deutschland die Gelegenheit anläßlich des 25. Jubiläumsjahres des zweiten Weltkrieges für günstig hielt, ihn herauszustellen. Hoggan hatte nämlich in seinem Buch, „Der erzwungene Krieg“, die These auf gestellt, nicht Hitler, sondern die Amerikaner und besonders der britische Außenminister von 1939, Lord Halifax, seien die Schuldigen am zweiten Weltkrieg. Daß sich diese These nur an Hand von Fälschungen, Verdrehungen, unrichtigen Zitaten und ähnlichem wahrscheinlich machen läßt, ist Hoggan schon 1962 und 1963 in einer Weise von der Wissenschaft nachgewiesen worden, die jeden anderen zum Rückzug bewogen hätte. Stattdessen kam er in diesen Tagen nach Deutschland, um zwei eigens für ihn gestiftete Preise, den mit 16.000 DM dotierten Leopold-von- Ranke-Preis und den mit 5000 DM verbundenen Ulrich-von-Hutten-Preis entgegenzunehmen. Die Tatsache, daß Hoggan darüber hinaus auch noch im Rhein-Ruhr- Klub eine Rede halten sollte und für die Preisverleihungen öffentliche Gebäude gemietet worden waren, hat in der Bundesrepublik einigen Wirbel ausgelöst. Beide Vereine, von denen die Preise gestiftet wurden, sind bisher nicht hervorgetreten. Unter den wenigen namhaft gewordenen Mitgliedern befinden sich, wie nicht anders zu erwarten, ehemalige höhere SA- und SS-Fiihrer. Es wird auch niemanden wundern, daß Hjalmar Schacht und der ehemalige Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer in den Mitgliederlisten auftauchen und damit wieder einmal dokumentieren, was von ihren Beteuerungen zu halten ist, sie wären niemals Nationalsozialisten gewesen. DEUTSCHES MUSTER In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine erschien ein Buch unter dem Titel „Judentum ohne Schminke“. Verfasser hört auf den Namen K. Kyschko, ein Nachfahre des berüchtigten „Stürmer“-Streicher, wenn | auch unter bolschewistischem Hammer und Sichel. Das Buch ist eine wüste Hetze gegen das Judentum und ist mit Karikaturen und Zeichnungen entsprechend ausgestattet. Ein Buch, das nur im finsteren Mittelalter und in Nazideutschland erscheinen konnte, während in allen Kulturstaaten der Neuzeit derartige Schandwerke verboten waren und sind. Die Sowjetunion bietet heute das Bild eines reaktionären Staates, in dem solche „Literaturerzeugnisse“ verlegt werden dürfen. Stalin war bestimmt kein reiner Engel vom Himmel, keinesfalls human, er aber hätte einen Herrn Kyschko für dieses Buch wahrscheinlich in die Verbannung geschickt, und die sowjetische Akademie der Wissenschaften, die Kyschko unter ihre Fittiche nahm, angewiesen, die Förderung von Schmutzliteratur zu unterlassen. Wir Juden werden niemals vergessen, daß viele Ukrainer sich den Nazi angeschlossen und sich uns gegenüber des Mordes und Raubes schuldig gemacht haben. Das bolschewistische Rußland läßt sich heute von seiner ukrainischen Akademie der Wissenschaften durch Kyschko besudeln, weil es einen Pogromhelden gewähren läßt. Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Zionistischer Landesverband in Österreich, Wien IX. Universitätsstraße 4/4. Chefredakteur: Bernhard Braver. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Hansi Berger. Beide Wien IX, Universitätsstraße 4/4. Druck: A. Luigard, Wien VIII, Pfeilgasse 35.